Mit der aktuell vorliegenden Studie "Unzuverlässige Körper: Zur Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität" stellt Sabine Mehlmann die Frage nach den historischen Entstehungsbedingungen der Entkopplung des anatomisch-biologischen Geschlechts ("sex") und der Geschlechtsidentität ("gender"): "Wann [...] entsteht ein psychologisches Konzept geschlechtlicher Identität, in dem die psychischen Geschlechterdifferenzen nicht mehr (unmittelbar) auf körperliche Ursachen zurückgeführt werden?" 1 Sie versucht also nicht weniger als die wissenschaftshistorische Genese eines der zentralen Felder der in den letzten Jahrzehnten entstandenen Gender und Queer Studies zu erhellen. Dabei liegt der Fokus ihrer Arbeit zum einen auf der zentralen Bedeutung der Abweichung zur Etablierung der Norm einer binären Struktur exklusiver Zweigeschlechtlichkeit, zum anderen auf der Rekonstruktion der Versuche, diese Norm biologisch bzw. naturwissenschaftlich zu begründen. Die Entkoppelung von sex und gender, so Mehlmann in ihrer Einleitung, sei "aus der Problematisierung von Homosexualität als Modellfall einer >Verkehrung< psychischer Geschlechtscharaktere" 2 hervorgegangen
- eine These, die sie am Ende ihrer Arbeit konkretisiert haben will. Sabine Mehlmann studierte Sozialwissenschaften, Kunstpädagogik und Erziehungswissenschaften an der Universität Essen und promovierte mit dieser Studie, die zuvor als Dissertation an der Universität Paderborn im Januar 2005 angenommen wurde. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitstelle "Gender Studies" an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Momentan arbeitet und lehrt sie dort zum Forschungsfeld "Konstruktion und Wandel hegemonialer Männlichkeit"; ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der historischen
Geschlechterforschung, dekonstruktivistischen Ansätzen der Geschlechterkategorien und Konzepten der Frauenforschung.
Die Tatsache, dass es sich bei dem vorliegenden Buch um eine leicht abgewandelte Dissertation handelt, ist wohl auch der Grund für den manchmal etwas hölzern wirkenden Sprachstil und mitunter zäh zu lesenden Wiederholungen. Eine Straffung der Darstellung vor der Veröffentlichung hätte die Qualität der Studie nicht unbedingt geschmälert. Ein positiver Aspekt ist die klare chronologische Strukturierung des Textes, die wohl der angestrebten Historisierung des Themas geschuldet ist und der
1 S. 17. 2 S. 13.
2
Leserin bzw. dem Leser trotz der genannten Kritikpunkte einen roten Faden an die Hand gibt.
Es handelt sich hier also um einen Beitrag zur Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität. Aufgrund der grundsätzlichen Interdisziplinarität der Gender Studies verwundert die historiographische Herangehensweise einer Wissenschaftlerin, die nicht in der Geschichtswissenschaft "zu Hause" ist, zunächst nicht. Diese Tatsache wird aber in diesem Falle in der Bewertung der quellenreichen Studie noch eine Rolle spielen. Basis der vorliegenden Arbeit sind wissenschaftliche Texte des späten 19. und dem beginnenden 20. Jahrhunderts aus verschiedenen Disziplinen, die bei der historischen Ausformung des Topos der geschlechtlichen Identität nach Mehlmann eine gewichtige Rolle spielten. Über die Frage, warum es genau diese Texte genau dieser Autoren sind, bleiben die interessierten Leser leider im Dunkeln. Auch wenn der Blickwinkel nicht allein ein historischer, sondern unter andrem auch ein soziologischer, ein biologisch-medizinischer und ein psychologischer ist - es wäre für die Bewertung und Einordnung der Arbeit aufschlussreich zu erfahren, ob die Quellen eine exemplarische Auswahl repräsentieren, oder wenn nicht, warum die Wahl der Autorin letztendlich auf genau diese Quellen gefallen ist. Der Hinweis, dass das Material der Analyse "die weitläufigen und kontroversen Debatten über das >Rätsel< Homosexualität [jener
Zeit] bilden" 3 , erscheint als Angabe dazu ebenso unzureichend wie die hier und da auftauchenden Querverweise im Zuge ihrer Quellenrezeption. Zu Beginn ihrer Arbeit eröffnet Mehlmann zunächst den zeitgenössischen Problemhorizont. Anhand zweier Kritikpunkte in Bezug auf die Theorien von Stefan Hirschauer und Judith Butler verdeutlicht sie ihren wissenschaftlichen Ansatz: Zum einen sei eine "historische Leerstelle" 4 entstanden, weil die Trennung zwischen sex und gender zwar problematisiert, aber bisher nie in den historischen Kontext gestellt worden sei. Zum anderen bestehe die Gefahr einer "Tendenz zur Generalisierung und Vereinheitlichung von Konstruktions- und Ableitungslogiken der Kategorie Geschlecht" 5 . Dies beruhe auf einer Missachtung der historischen
Wandlungsprozesse der Konstruktion von "Natur der Geschlechtlichkeit" und ihren Rückwirkungen auf gängige Normen.
3 S. 18. 4 S. 16. 5 S. 16.
3
Vor diesem Hintergrund gibt Mehlmann zunächst einen Überblick über die "Problematisierung des Verhältnisses von sex und gender im Kontext gegenwärtiger Debatten" 6 . Dabei macht sie deutlich, dass die "konstruktivistische Wende in der Frauen- und Geschlechterforschung" 7 der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Neubestimmung der Relation zwischen sex und gender ergab. Hierbei wurde unter andrem argumentiert, dass ein Zugang zur Natur nur über Sprache möglich, ergo Natur epistemologisch immer schon Kultur sei, weil sprachlich-symbolisch vermittelt. Vor diesem Hintergrund wurde zunehmend die ">Natur< von [...] Geschlecht und Sexualität [...] als ein entscheidendes Instrument der Fundierung und Stabilisierung sozialer Geschlechterordnungen betrachtet" 8 .
Das von Hirschauer in den 1990er Jahren präsentierte Konzept von "doing gender" sieht sex nun als Teil der Kultur. Die Geschlechterzugehörigkeit sei demnach eine Folge des Tuns, Zweigeschlechtlichkeit eine soziale Konstruktion. Hierbei sieht Hirschauer die Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit der wissenschaftlichen Theoriebildung vorausgehen - folglich legitimiere Wissenschaft im Nachhinein das Alltagswissen. Mehlmanns Kritik an Hirschauers Ansatz ist dieses von ihm postulierte "Primat des Alltagswissens" 9 . Dabei bleiben, so Mehlmann, die Rückwirkungen der Wissenschaft auf das Alltagswissen weitgehend ausgeblendet. Alltagstheorie und Zweigeschlechtlichkeit werden somit als historische Konstanten unabhängig von Wissenschaft betrachtet, die "Ebene der sozialen Reproduktion von Zweigeschlechtlichkeit [erhält dadurch] eine Hermetik, die sie von historischen Transformationen des Geschlechterwissens" 10 abschließt.
Judith Butler geht von heterosexuell dominierten Machtstrukturen aus, die jegliche geschlechtliche Identitätsbildung auf scheinbar allgemeingültige Vernunft gestützt begründen. Dabei erscheint die Geschlechterdifferenz als "unlösbar verknüpft mit der heterosexuellen Normierung des Begehrens" 11 . Im Gegensatz zu dem Konzept des 'doing gender', in dem die Zweigeschlechtlichkeit als natürliche Begebenheit angenommen wird, handelt es sich in der Betonung des performativen Charakters der Geschlechtsidentität bei Butler um ein Aufzeigen eines Norm setzenden diskursiven Horizonts. Butler begründet ihr Konzept der performativen Identität auf
6 S. 31. 7 S. 44. 8 S. 45. 9 S. 57. 10 S. 59. 11 S. 63.
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Arbeit zitieren:
2007, Unzuverlässige Körper: Zur Diskursgeschichte des Konzepts geschlechtlicher Identität, München, GRIN Verlag GmbH
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