Die Rolle des Grals in der Schwanrittergeschichte in Konrads Der Schwanritter und
Wolframs Parzival: Mahr, Menschlichkeit, und die Frage nach der Genealogie.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 2
HANDLUNGSSCHEMA UND PROTAGONIST DER SCHWANRITTERSAGE:
2. 4
GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE DER BEIDEN FASSUNGEN
2.1. GEMEINSAMES HANDLUNGSSCHEMA DER SCHWANRITTERSAGE 4
2.2. UNTERSCHIEDE IN DEN EIGENSCHAFTEN DES SCHWANRITTERS 6
3. DER GRAL UND DIE MAHRTENEIGENSCHAFTEN DES SCHWANRITTERS. 13
DIE EXTERNE INSTANZ: DER GRAL UND SEINE ROLLE IN BEZIEHUNG ZU
3.1. 13
LOHERANGRIN.
DIE FUNKTION DES SCHWANRITTERS UND DES GRALS IN DER
3.2. 17
GENEALOGISCHEN LEGITIMATION.
4. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSFOLGERUNGEN. 21
5. LITERATURVERZEICHNIS. 23
1
1. Einleitung
In der faszinierenden Welt der mittelalterlichen Literatur, an der labilen Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen der Erklärbarkeit der Welt und des Magischen der Anderswelt, verirren sich die Leser schon immer gerne. Die Geschichten um Halbmenschen, Dämonen oder Feen und deren Vermählung mit Menschen, ihre Bedingungen und Tabus und vor allem das große Mysterium des Grals sprießen überall in den mittelalterlichen Epen auf internationaler Ebene. Aus ihrer literarischen Ausbreitung entstehen regelrechte Mythen, die in den Jahrhunderten bis heute mehr oder weniger variierter Gegenstand von Erzählungen, Gemälden, Musikstücken und Forschung gewesen sind. Was den Stoff rund um den Gral angeht, erstreckt sich der eigentliche Corpus über eine relativ beschränkte Zeitspanne, zwischen 1180 und 1240. In dieser Zeit fand die Verbreitung des Themas auf Deutsch, Französisch, Englisch, aber auch Norwegisch und Portugiesisch statt. Doch diese Epen waren in der zeitgenössischen Rezipientenkonstellation anders konnotiert und interpretiert als heute: sie erfüllten nicht ausschließlich eine Unterhaltungsfunktion, sondern enthielten vielmehr wichtige Verknüpfungen an die zeitgenössische Realität: an das soziale Leben in der Gesellschaft, an ihre Geschichte, an die wichtigsten Diskussionsthemen und die großen kulturellen Veränderungen der Epoche. Sie spiegelten eine Weltanschauung wider, in der sich die Rezipienten wiedererkannten, und boten Mitteilungen und indirekte Hinweise, die dem heutigen Rezipient leider größtenteils entgehen. Die vorliegende Arbeit versucht, zwei dieser Epen der Zeit in Betracht zu ziehen, nämlich den Parzival von Wolfram von Eschenbach und Der Schwanritter von Konrad von Würzburg, beide aus dem deutschen literarischen Raum des 13. Jahrhunderts (genauer gesagt, Parzival 1205/15 und Der Schwanritter 1257/58 verfasst). Trotz des enormen Suggestivpotentials der gesamten Figuren und Motive der Erzählungen, vor allem im Parzival, liegt hier der Schwerpunkt in der Figur des Schwanritters und in der damit verbundenen Rolle des mythischen Grals, dessen Präsenz aber nur im Parzival und nicht in Der Schwanritter für eine bedeutungsvolle Tatsache zu halten ist. Das von ihnen behandelte Schwanrittermotiv wird in Konrads Fassung zum Zentralthema der gesamten Erzählung und detailliert geschildert, während die Episode im Parzival nur als eine lakonische, knappe Erwähnung innerhalb des 16. Buchs kurz vor dem Schluss erscheint. Trotzdem tauchen einige offensichtlichen Aspekte auf,
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die zu interessanten Überlegungen und Hypothesen führen. Durch eine vergleichende Analyse der zwei Fassungen werden der Kern des Handlungsschemas der Schwanrittersage sowie sämtliche Unterschiede in den zwei Figuren des Schwanritters offenbar. Ferner wird der Gral in Zusammenhang mit dem Schwanritter gebracht. Außerdem werden einige Hypothesen zur möglichen Begründung der Besonderheiten von Wolframs Schwanritter und zur Verbindung der Episode mit dem Gral mit Bezug auf die Genealogie aufgestellt.
Zwei Prämissen sind meines Erachtens noch notwendig. Erstens muss man sich klar machen, von welcher analytischen Perspektive man ausgeht. Ich werde in der folgenden Arbeit von der Perspektive der Rezipienten ausgehen und daher über einen breiteren, aus der Schwanritterepisode an sich und sogar aus der Diegese hinausgehenden analytischen Überblick verfügen. In der Hinsicht ist es hilfreich, den Horizont im Parzival über die Binnenhandlung des Schwanrittermotivs hinaus zur gesamten Erzählung, also in Hinblick auf die ganze Figurenkonstellation, zu bewahren und diese Betrachtungsweise im Laufe der vorliegenden Analyse zu begründen. Zweitens ist es sehr schwierig, wenn gar unmöglich und nicht der Funktionalität der Erzählung entsprechend, von Antworten als Ziel dieser Analyse um die Schwanrittersage zu sprechen, gerade weil das Leitmotiv selbst eine Frage ist, die unbeant-wortet bleibt. Analog wird hier keine Antwort geliefert, sondern es werden eher noch mehr Fragen aus der näheren Auseinandersetzung mit dem Stoff gestellt, welche höchstens mit interpretatorischen Hypothesen beantwortet werden können. Einige der Fragen, die im Laufe der Arbeit gestellt werden, sind: Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen zwischen dem Schwanritter im Parzival und im Schwanritter von Konrad? Warum bestehen diese Unterschiede? Welche Funktion erfüllt die Schwanrittersage in der zeitgenössischen Konstellation? Und wie erklärt man Loherangrins Identifizierung als Schwanritter in Wolframs Erzählung, was bedeutet das für die gesamte Handlung? Und zuletzt: welche Rolle spielt der legendäre Gral im Zusammenhang mit dem Schwanritter und welche extradiegetischen Einbeziehungen trägt er mit sich?
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2. Handlungsschema und Protagonist der Schwanrittersage: Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Fassungen.
2.1. Gemeinsames Handlungsschema der Schwanrittersage
Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit werden die zwei Fassungen der Schwanrittersage unter die Lupe genommen und der gemeinsame Kern des Handlungsschemas sowie die Unterschiede in der Handlung und besonders in der Figur des Schwanritters werden entfaltet.
Beide Fassungen schildern den Ursprung der Dynastie der Brabanter durch eine
Legende, die aus dem französischen Literaturraum entnommen wird, 1 in denen dagegen die Rede von der Dynastie der Bouillons war. Das ist schon ein wichtiger Aspekt, der die beiden Fassungen verbindet. Wie schon in der Einleitung vorweggenommen, besteht aber schon von vornherein ein Unterschied zwischen dem Erzählmodus im Parzival von Wolfram von Eschenbach und Der Schwanritter von Konrad von Würzburg, denn der letzte ist trotz der beträchtlich geringeren Menge an konkreten Informationen über den Protagonisten ausschließlich auf die Schwanritterlegende bezogen, mit entsprechend detaillierten und vollständigen Beschreibungen der Szenen und der Handlung. Das ist umso offensichtlicher im Gegensatz zum Parzival, denn da wird die Schwanrittererzählung zu einer lakonischen, sehr schnell und grob dargestellten Binnenhandlung zum Schluss des 16. Buches, wobei der Erzähler wahrscheinlich davon ausgeht, dass die Geschichte unter den Rezipienten schon bekannt ist. Die Binnenhandlung ist auch in Hinblick auf die Figurenkonstellation Teil der äußeren Handlung, denn Loherangrin, der Sohn Parzivals, tritt als Schwanritter in der Erzählung auf. Das erfährt man allerdings erst am Ende der Erzählung, sein Name wird erst am Ende direkt vom Erzähler enthüllt.
1 Die älteste schriftliche Quelle, die den Schwanritter mit den Bouillon verbindet, ist ein aus dem XII Jahrhundert stammender Brief vom französischen Guy de Bazoche, der meint, Balduin von Bouillon (Goeffreys Bruder) sei der Neffe vom “myles cygni”. Einige Jahre nachdem auch der Bischof Guillaume de Tyr, Autor einer Chronik über den ersten Kreuzzug ins Heilige Land, die Herkunft vom Schwanritter im Zusammenhang mit Goeffrey von Boulogne erwähnt, erschien Ende des XII Jahrhundert die poetische Fassung La Chanson d’Antioche des Trobadeurs Graindor de Douai. Vgl. Sabina Marineo, Il mito dei Merovingi e del Re Perduto, 2007.
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Jedenfalls kann man trotz der Knappheit von der Schwanritterepisode im Parzival in den zwei Erzählungen gewisse strukturelle Parallele erkennen, die paradigmatisch für das Schema der Schwanrittersage sind. Folgende Handlungspunkte sind in
beiden Fassungen zu finden: die Herzogin von Brabant, die tugenthaft 2 , vor aller valscheit bewart 3 und voller diemuot 4 ist, lebt alleine in Antwerpen und wird von vielen Freiern umworben. Sie will aber nur denjenigen heiraten, den ihr Gott sendet. Ein Ritter wird zu ihr gesandt auf einem Schiffchen, gezogen von einem Schwan, und ist bereit, die Ehe mit ihr unter der einen Bedingung zu schließen, dass sie ihn niemals nach seiner Herkunft fragen soll:
gevrâget nimmer wer ich sî:
sô mag ich iu belîben bî. bin ich zwierr vrâge erkorn, sô habt ihr minne an mir verlorn. 5
Die Herzogin willigt ein, sich an das Frageverbot zu halten, die Ehe kann erfolgen und sie bekommen auch Kinder. Nach einer gewissen Zeit stellt ihm die Frau jedoch die verbotene Frage und bricht somit den Pakt zwischen ihnen. Der Schwanritter verlässt nun die Frau und die Kinder und kehrt wieder an den Ort zurück, von dem er gekommen war.
Das ist der Teil der Geschichte, den die beiden Fassungen gemeinsam haben. Kommen wir nun zu den Unterschieden zwischen den Fassungen. Die signifikantesten Abweichungen sind folgende: erst einmal die Tatsache, dass Loherangrin beim
Verlassen seiner Frau ein swert, ein horn, ein vingerlîn 6 hinterlässt, während von ihm im Schwanritter keine Spur außer dem Zeugnis der bloßen Erinnerung bleibt. Das fügt zur Figur Loherangrins ein empirisches, aus der menschlichen materiellen Welt kommendes Merkmal hinzu. Noch eine signifikante Abweichung kommt in dem Moment zustande, als die Frage gestellt wird: während nämlich die Frage im Parzival
aus Liebe 7 und in einer ungenaueren Zeit gestellt wird, stellt die Herzogin in Konrads
2 Schwanritter, V. (20) 162.
3 Parzival, V. 824, 3.
4 Ibid., V. 824, 12.
5 Ibid., V. 825, 19-22.
6 Ibid., V. 826, 19.
7 Ibid., V. 825, 26.
5
Der Schwanritter die Frage an einem bestimmten Punkt, nämlich als die Kinder schon größer und heiratsfähig sind. So heißt es in Konrads Fassung:
sô man nu frâget unser kint
hernâch umb ir geslehte, so enkunnen si ze rehte bescheiden noch bediuten, von welher hande liuten ir quaemet her in disiu lant. 8
Der Grund für den Verstoß gegen das Frageverbot ist also ein ganz anderer: die Herzogin fragt ihn nicht direkt, auch nicht konkret aus Liebe, sondern sie antwortet
erstens auf eine direkte Frage seitens des Schwanritters, nämlich „waz wirret iu?“ 9 , und zweitens bezieht sie sich auf die Verheiratung der Kinder und auf deren Bedürfnis, über ihre eigene Herkunft zu wissen. Für die Rezipienten wird die Frage nach der Identität im Falle des Parzival beantwortet, nicht aber bei Der Schwanritter. Wie im Laufe der Analyse klar wird, spielen diese Unterschiede in der Schwanritterepisode des Parzival eine entscheidende Rolle in Bezug auf die Frage nach der Genealogie. Aber im Folgenden werden noch weitere Unterschiede in der Figurenkonstellation, vor allem mit Schwerpunkt auf dem Schwanritter, dargelegt und genauer analysiert, die im Schwanritterschema eine sehr interessante Problematik aufrufen.
2.2. Unterschiede in den Eigenschaften des Schwanritters
Zuerst einmal wird die Figur des Schwanritters in den zwei Erzählungen in Betracht gezogen. Wie schon kurz in der Einleitung erwähnt, kann die Schwanrittererzählung im Parzival von der Außenerzählung nicht getrennt werden, obwohl Bumke von der separaten Funktion der Episode überzeugt ist aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum disharmonischen Programm des 16. Kapitels, welches die Erschaffung einer
Metabedeutungsebene mit Entstehung unbeantworteter Fragen zur Folge habe. 10 Im Rahmen der hier erfolgenden Analyse wird die Episode jedoch aufgrund gemeinsa-
8 Schwanritter,V.1430-1435.
9 Ibid., V. 1408.
10 Vgl. Bumke, 1991. S. 236-263.
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Arbeit zitieren:
Dott. Manuela Gallina, 2009, Die Rolle des Grals in der Schwanrittergeschichte in Konrads 'Der Schwanritter' und Wolframs 'Parzival', München, GRIN Verlag GmbH
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