Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Anteil der ausländischen Profis in den wichtigsten europäischen Ligen
(Quelle: Welt am Sonntag, 24.02.2008)
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
Abs. Absatz
AC Associazione Calcio
CAF African Football Confederation
CF Club de Futbol
DFB Deutscher Fußball-Bund
ECA European Club Association
EG Europäische Gemeinschaft
EM Europameisterschaft
EU Europäische Union
FA Football Association
FAI Football Association of Ireland
FAW Football Association of Wales
FC Fußballclub; Football Club; Futbol Club
FIFA Fédération Internationale de Football Association
GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Hrsg. Herausgeber
IFA Irish Football Association
IOC International Olympic Committee
IRA Irish Republican Army
IT Information Technology
n. Chr. nach Christus
NATO North Atlantic Treaty Organization
o.S. ohne Seite
RC Racing Club
RFU Rugby Football Union
SC Sportclub
SV Sportverein
UD Unión Deportiva
UEFA Union Européennes de Football Association
UNO United Nations Organization
US Union Sportive; Vereinigte Staaten
USA Vereinigte Staaten von Amerika
v. Chr. vor Christus
VfL Verein für Leibesübungen
Vgl./vgl. Vergleiche/vergleiche
VIP very important person
WM Weltmeisterschaft
€ Euro
% Prozent
2
1. Einleitung
Und bei all dem ist Fußball das einzige Sportspiel, das mit Fug und Recht von sich behaupten kann,
eine globale Angelegenheit zu sein. (Schulze-Marmeling 2000: 9) Als längjähriger aktiver Fußballspieler, Trainer und nicht zuletzt kritischer Fußballfan sind mir bei der Verfolgung der Fußballberichterstattung in den Medien folgende Aspekte aufgefallen, die mich zum Verfassen dieser Arbeit motiviert haben: Das Finale der Weltmeisterschaft 2006 zwischen Italien und Frankreich wird von einem weltweiten Milliardenpublikum auf allen Kontinenten verfolgt; Manchester United verkauft seit Jahren mehr Trikots außerhalb Englands als zuhause; im Champions League-Spiel zwischen Arsenal London und dem FC Liverpool am 02. April 2008 stehen nur zwei Engländer in der Startformation beider Mannschaften; der medien- und werbungswirksame David Beckham wechselt in einem spektakulären Deal in die USA, um dort den Sport aus dem Dornröschenschlaf zu wecken; der FC Bayern München unternimmt während der Saisonvorbereitung im Juli 2005 eine Reise nach Japan, die mit einer Gage von zwei Millionen € für zwei Freundschaftsspiele entlohnt wird (vgl. Finsterbusch 2005: o.S.) und der Hamburger SV verpflichtet mit Naohiro Takahara einen japanischen Stürmer, um die Medienpräsenz des Klubs in Asien zu stärken. Dies alles sind Phänomene, die im Spitzenfußball des 21. Jahrhunderts allgegenwärtig und für die meisten Menschen selbstverständlich sind – und macht unmissverständlich klar, dass es sich bei dieser Sportart um weitaus mehr handelt als nur um ein Spiel.
Als sich am 26. Oktober 1863 Vertreter von verschiedenen Klubs in der Freemasons’ Tavern in London trafen, um über einheitliche Fußballregeln zu debattieren und zusätzlich den ersten Fußballverband der Welt zu gründen, konnte wohl niemand der anwesenden Mitglieder ansatzweise ahnen, dass sich die folgenden Entscheidungen einige Jahrzehnte später auf die ganze Welt auswirken sollten. Noch lange vor solch weltbekannten Marken wie Coca-Cola und McDonald’s trat der Fußball seinen Siegeszug um den Globus an und stellte somit das allererste weltweit boomende „Produkt“ dar. Kein anderer Sport konnte bis heute nur annähernd die Popularität des Fußballs erlangen, in keiner anderen Sportart wird soviel wirtschaftliches Kapital bewegt (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 10) und es ist unwahrscheinlich, dass dies einem anderen Sport in naher Zukunft gelingen wird.
Fußballspiele mit besonderer Bedeutung sind gesellschaftliche Großereignisse. Dies betrifft nicht nur die Spiele der Welt- und Kontinentalmeisterschaften, sondern vor
allem auch die geschickt vermarkteten kontinentalen Pokalwettbewerbe auf Vereinsebene, wobei hier die UEFA Champions League eine Ausnahmestellung einnimmt. Durch die Fortschritte im Bereich der Telekommunikation können Menschen auf der ganzen Welt diesen Ereignissen beiwohnen – sei es im ländlichen Brasilien oder in einem Straßencafé in Sydney. Die Welt wird somit zu einem „globalen Dorf“.
Wie die Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2006 in Deutschland deutlich gemacht hat, besitzt der Sport die Fähigkeit, die nationalstaatliche Identifikation zu beeinflussen sowie die Qualität, ein außergewöhnliches Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Besonders dokumentiert wird dies anhand des erfolgreichen Public Viewings, bei dem unzählige Menschen aus aller Welt die Spiele in Deutschland vor gigantischen Videowalls verfolgten und somit selbst Teil des Ereignisses wurden, ohne im Stadion dabei sein zu müssen. So ist gerade eine Fußballweltmeisterschaft ein „Fest der Globalisierung, einer besseren, als wir sie sonst erleben“ (Kurbjuweit 2006: 22). Die Weltmeisterschaft 2006 hat gezeigt, dass der Fußball über das Potenzial verfügt, das Auseinanderdriften der Welt, welches ein Resultat der Globalisierung ist, auf ein Minimum zu beschränken, schließlich nehmen mittlerweile Nationen aller Kontinente am Weltturnier teil. Es ist umso bemerkenswerter, dass die Hegemonie der „großen“ europäischen und südamerikanischen Fußballnationen zwar immer noch nicht durchbrochen werden konnte, aber die oftmals belächelten „kleinen“ Verbände Afrikas oder Asiens mittlerweile im „Konzert der Großen“ bestehen können. Trainer der „großen“ Fußballnationen haben daran einen nicht unerheblichen Anteil, leisten sie doch oft „Entwicklungshilfe“ in afrikanischen Staaten, indem sie das spielerische Potenzial der Spieler durch Systemfußball veredeln. Dies ist jedoch ein Resultat der Globalisierungsprozesse, die auch für den modernen Fußball charakteristisch sind. Im Jahre 1995 bewirkte das Bosman-Urteil die Öffnung der Spielermärkte und die damit verbundene Aufhebung von Ausländerbeschränkungen 1 , so dass sich gewaltige Migrationsströme von Spielern aus aller Welt herauskristallisierten. Dadurch wurden die Mannschaften der europäischen Spitzenligen seit 1995 bunter gemischt; Kritiker sahen in den steigenden Ausländeranteilen der jeweiligen Ligen jedoch eine Gefahr für den
1 Der Begriff „Ausländer“ ist in der heutigen Zeit sicher nicht mehr zeitgemäß, soll in dieser Arbeit
aber aus Platzgründen durchgängig verwendet werden. Anstelle dessen wäre „Person mit
Migrationshintergrund“ politisch korrekter.
eigenen Verband. Letztere fürchteten, dass talentierte Nachwuchsspieler aus dem eigenen Land somit in ihrer Weiterentwicklung erheblich beeinträchtigt würden. Besonders deutlich wurde dies in England 2008, als die Nationalmannschaft in der Qualifikation zur Europameisterschaft scheiterte, was die Nation in eine öffentliche Diskussion um die Qualität des englischen Fußballs versetzte.
So wird sich auch die vorliegende Arbeit neben dem Einfluss der Globalisierung auf die Fußballlandschaft vor allem dem Aspekt der Probleme und Chancen, die sich durch die Globalisierung ergeben, widmen. Zwar ist Globalisierung spätestens seit den 1990er Jahren in aller Munde, jedoch wird der Fußballsport in der Globalisierungsforschung oftmals ignoriert, da er immer noch nur als „bloßes Spiel“ abgestempelt wird. Es soll geklärt werden, inwieweit der Sport unter der Globalisierung leidet oder von ihr profitiert. Hierzu ist es zunächst notwendig, mithilfe eines kurzen historischen Abrisses des Fußballs, den Rahmen für den Hauptteil der Arbeit zu bilden. Nachdem der historische Bogen gespannt wurde, erfolgt eine kurze Begriffsklärung der allgemeinen Globalisierung. Schließlich soll die Analyse der gegenwärtigen ökonomischen und soziokulturellen Globalisierungsprozesse das Fundament für die abschließende Diskussion legen, wobei als Leitfaden folgende Fragen dienen: Läuft der moderne Fußball Gefahr, durch die Kommerzialisierung sein Gesicht zu verlieren? Verlieren die Nationalmannschaften der großen Verbände an Bedeutung, da einheimische Talente als Resultat der globalisierten Spielermärkte von ausländischen Profis verdrängt werden? Inwieweit verändert sich die Identität von Vereinen? Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine zentrale Frage, die aufzeigen soll, inwieweit die zu analysierenden Phänomene Einfluss auf den Fußball ausüben: Ist der moderne Spitzenfußball eher Gewinner oder Verlierer der Globalisierung?
2. Die Entwicklung des Fußballs zu einem globalen Phänomen
Wenn ein Spiel rund um den Globus Millionen Menschen mobilisiert, dann hört es auf, nur ein Spiel zu sein. Fußball ist niemals nur Fußball. Fußball zählt zu den großen kulturellen Institutionen, die rund um den Globus nationale Identitäten formten und zementierten. Fußball besitzt die Kapazität und bietet die Bühne, um die kulturelle Identität und Mentalität eines Dorfes, einer Stadt, einer Region, eines Landes oder sogar eines Kontinents zu definieren und zu zelebrieren. (Schulze-Marmeling 2000: 9)
Der Fußballboom des jungen 21. Jahrhunderts lässt sich ohne Rückbetrachtung der historischen Entwicklung, welche der Fußball bis heute durchlaufen hat, kaum erklären. Um die heutige Bedeutung des Spiels und seine globalisierten Verflechtungen zu verstehen, ist es notwendig, diese Zeitspanne zunächst zu skizzieren. Hierbei soll ein besonderer Schwerpunkt auf die Globalität des Fußballs gesetzt werden, wobei die Entwicklung der Fußball-Weltmeisterschaften im Vordergrund stehen wird.
2.1 Die Ursprünge des modernen Spiels
Der heutige moderne Spitzenfußball besitzt eine weitreichende globale Vergangenheit. Obwohl England gemeinhin als „Mutterland des Fußballs“ bezeichnet wird, existierten fußballähnliche Spiele lange vor der eigentlichen Kodifizierung der Regeln im Oktober 1863. Es besteht immer noch Uneinigkeit darüber, welche Nation für sich behaupten kann, das Ursprungsland des Fußballs zu sein. Vieles deutet darauf hin, dass das dem Fußball ähnliche „Tsu-Chu“ bereits im dritten Jahrhundert v. Chr. im heutigen China von Soldaten gespielt wurde (vgl. Honigstein 2006: 17. Zudem nimmt man an, dass frühe Hochkulturen Mittel- und Südamerikas während der Jungsteinzeit im 15. Jahrhundert v. Chr. für die ersten fußballähnlichen Spiele verantwortlich waren (vgl. Giulianotti 1999: 1) und ein ballähnlicher Gegenstand die Sonne symbolisierte, die wiederum als Sinnbild für Fruchtbarkeit stand. Dieses Beispiel verdeutlicht nicht zuletzt den hohen kulturellen Wert des Fußballspiels. Die Verwandtschaft dieser unkontrollierten Spiele zum heutigen Fußball wird jedoch derart stark angezweifelt, so dass China den alleinigen Anspruch besitzt, die älteste Fußballnation zu sein.
In England datieren die Ursprünge des Spiels bis ins 10. Jahrhundert n. Chr. zurück, wo verschiedenste Arten des „Folk Football“ vor allem an Feiertagen gespielt wurden. Es existierten hierbei noch keine einheitlichen Regeln und als Spielort diente oftmals die Fläche zwischen zwei Dörfern oder Städten (vgl. Giulianotti 1999: 3). Es
gab auch keine Mannschaften nach dem heutigen Verständnis; das „Spiel“ wurde vielmehr zwischen zwei benachbarten Dörfern ausgetragen. Ziel war es, das Spielgerät auf dem Marktplatz des gegnerischen Dorfes abzulegen. Die Anzahl der teilnehmenden Personen war demnach unbegrenzt, teilweise waren auf beiden Seiten bis zu 1000 Akteure beteiligt (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 12). Verglichen mit dem modernen Spiel des Fußballs war diese Frühform außerordentlich unzivilisiert; Schlägereien und Todesfälle waren keine Seltenheit (vgl. Giulianotti 1999: 2-3). Bereits damals stand der heute so bedeutsame „Derby-Charakter“ im Vordergrund, „der sich allein schon aus den beschränkten Reisemöglichkeiten der damaligen Zeit ergab“ (Schulze-Marmeling 2000: 12).
Die eintretende Industrialisierung in England Mitte des 18. Jahrhunderts bewirkte eine Veränderung der Freizeitaktivitäten der Bevölkerung (vgl. Harvey 2005: 2). Der „Folk Football“ sah sich, vorangetrieben durch die beginnende Urbanisierung, einem massiven Druck ausgesetzt, was schließlich seinen Niedergang bedeuten sollte (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 13), war dieses „Unterklassevergnügen“ (Schulze-Marmeling 2000: 13) doch eine eher dörfliche Angelegenheit. Darüber hinaus war der „Folk Football“ den herrschenden Klassen ein Dorn im Auge, da nicht selten „politischer Radikalismus die Massen ergriff“ (Schulze-Marmeling 2000: 14). Mitte des 19. Jahrhunderts war das „wilde Spiel“ nahezu komplett verschwunden; gepflegt wurde es in organisierter Form fast nur noch von den Pubilc Schools (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 16), wo es „keine Bedrohung sozialer Ordnungsprivilegien“ darstellte (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 17). So glitt der Sport schließlich in elitäre Hände bzw. Füße. Es waren diese Einrichtungen, die den entscheidenden Schritt in Richtung institutionalisiertem Fußball gingen (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 17) 2 .
2.2 Die Rolle der Public Schools
In den charakteristisch britischen Public Schools wurde der Fußball „seiner gewalttätigsten Momente entledigt“ (Schulze-Marmeling 2000: 17) und besonders namhafte Einrichtungen wie Rugby, Harrow und Eton sollten „bei der Entwicklung zum modernen Sportspiel Fußball eine wichtige Rolle spielen“ (Schulze-Marmeling 2000: 17). Anfang des 19. Jahrhunderts herrschten in den Public Schools
2 Interessant ist hierbei anzumerken, dass es die herrschenden Klassen waren, die sich Jahrhunderte lang gegen das Praktizieren von „Folk Football“ gewehrt haben. Es wurde sogar von mehreren Königen wiederholt verboten. Schließlich setzten sich Mitglieder der Oberschicht in den Public Schools für den Fortbestand des Sports ein.
keineswegs entspannte Verhältnisse: „[The public schools] had generated into hotbeds of anarchy and incipient revolt with outbreaks of rioting regularly enlivening the curriculum“ (Giulianotti 1999: 3). Um dieser schlechten Stimmung unter den Schülern und Lehrkräften entgegenzuwirken, ließ der 1828 zum Direktor ernannte Dr. Thomas Arnold in Rugby „eine Art von Fußball spielen“ (Honigstein 2006: 19) und revolutionierte somit die Erziehung der wohlhabenden Jugendlichen. Arnold vertrat die Meinung, dass sich sportliche Betätigung positiv auf die Charaktere seiner Schüler auswirke und ihnen somit Werte wie Führungskraft, Loyalität und Disziplin vermittelt würden (vgl. Giulianotti 1999: 3). 3 Mitte des 19. Jahrhunderts wurden an allen wichtigen Public Schools Englands fußballähnliche Spiele ausgetragen, die zwar schon nach eigenem Regelwerk durchgeführt wurden, welches jedoch nicht in jeder Institution identisch war. Während in Rugby das Spielen mit Händen und Füßen erlaubt war, verboten beispielsweise Harrow, Eton 4 und Cambridge das Aufnehmen des Spielgeräts mit den Händen (vgl. Giulianotti 1999: 4). Diese Abweichungen brachten ein erhebliches Konfliktpotenzial mit sich, wenn es um Spielansetzungen zweier rivalisierender Schulen mit unterschiedlicher Regelauffassung ging. Die konservative und engstirnige Einstellung der einzelnen Public Schools, sich nicht auf eine der zwei sich herauskristallisierenden Grundströmungen – dem „handling game“ auf der einen sowie dem „kicking game“ auf der anderen Seite – zu einigen, erschwerte die Herausbildung eines von vielen Schülern geforderten Kompromisses (vgl. Harvey 2005: 133). Letzterer wurde unter anderem deswegen verlangt, da unterschiedliche Regelwerke den direkten Vergleich zwischen zwei Schulen unmöglich erscheinen ließen. Die oben erwähnten Schulen blickten oftmals despektierlich aufeinander herab, so dass derartige sportliche Vergleiche unter anderem aus Prestigegründen erstrebenswert waren – schließlich wollte man der „anderen“ Schule beweisen, dass die eigenen Schüler ihr überlegen waren (vgl. Harvey 2005: 133). Schulze-Marmeling
3 Arnold verfolgte durch die Einführung der die Persönlichkeit stärkenden Spiele ein weiteres Ziel. Die frühimperialistische Denkweise der zu Beginn des 19. Jahrhunderts Herrschenden sah es vor, mit Hilfe des disziplinierten, physisch leistungsfähigen Nachwuchses den Grundstein für eine spätere Expansion des Britischen Empire zu legen (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 21). 4 Es gibt unterschiedliche Positionen in der Literatur, ob in Eton der Ball mit der Hand gespielt werden durfte. Schulze-Marmeling geht davon aus, dass Eton 1849 ein Regelwerk veröffentlichte, welches den Verbot des Handspiels vorsah (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 23), während Giulianotti das Gegenteil behauptet (vgl. Giulianotti 1999: 4). Harvey hingegen stellt heraus, dass Eton 1849 eigene Regeln aufstellte, um sich von Schulen wie Rugby zu distanzieren, unter anderem durch das Verbot des Handspiels (vgl. Harvey 2005: 25).
argumentiert darüber hinaus, dass nicht nur die eigentlichen Schüler unter der Verschiedenheit der Regelwerke leiden mussten:
Am stärksten bekamen dieses Problem aber die „Ehemaligen“ zu spüren, wenn sie nach Beendigung ihrer Schullaufbahn mit dem Spiel fortfahren wollten. Sie mussten hierzu Gleichgesinnte finden, die dem gleichen Regelwerk frönten. (Schulze-Marmeling 2000: 23) Die Entwicklung eines universell gültigen Regelwerks schien folglich nur noch eine Frage der Zeit zu sein, um sowohl Spiele zwischen Schulen als auch den seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufkeimenden Vereinen 5 zu ermöglichen.
2.3 Die Gründung der Football Association
Animiert durch den Impuls mehrerer Public Schools, ein einheitliches Regelwerk zu schaffen, kam es am 26. Oktober 1863 zu einer Versammlung in der Londoner Freemasons’ Tavern. Delegierte elf Londoner Klubs gründeten an diesem Tag die Football Association (FA), den weltweit ersten nationalen Fußballverband 6 (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 25). Dieses Ereignis wird gemeinhin als Geburtsstunde des modernen Fußballs bezeichnet, da nun die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Institutionalisierung und gleichzeitig Reproduzierung des Sports geschaffen waren. Auf einer weiteren Versammlung des neugegründeten Verbandes am 8. Dezember 1863 wurde schließlich ein einheitliches Regelwerk verabschiedet, welches „das ‚handling’ auf ein Minimum begrenzte und das ‚hacking’ [...] und ‚tripping’ [...] verbot“ (Schulze-Marmeling 2000: 25). Fortan wurde das neu konstituierte Reglement Association Game, kurz Soccer 7 , genannt. Die Vertreter der Rugby-Variante, die sowohl das Laufen mit dem Ball sowie das Treten gegen die Beine der Gegenspieler erlaubte, verließen den Verband empört und strebten die Gründung einer eigenen, unabhängigen Organisation an, die nach langen Auseinandersetzungen 8 am 26. Januar 1871 in Form der Rugby Football Union (RFU) ins Leben gerufen wurde (vgl. Harvey 2005: 171). Es war jedoch zunächst die härtere Rugby-Variante, die in England dominierte, während Soccer sich erst im ausklingenden 19. Jahrhundert durchsetzte (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 27). Positiv beeinflusst wurde dies unter anderem durch die attraktiven 5 Die ersten Fußballvereine entstanden zunächst im Raum Sheffield, sowie etwas später in London und dessen Peripherie.
6 Bis heute verzichtet die FA als einziger Landesverband auf eine Landesbezeichnung in ihrem Namen.
7 Der Begriff Soccer ist eine umgangssprachliche Kurzform des offiziellen Begriffs Association Game, die seinerzeit von Studenten geprägt worden ist (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 24). 8 Aufgrund der oftmals brutalen Spielweise einigte man sich schließlich darauf, das „hacking“ und das „tripping“ zu verbieten (vgl. Harvey 2005: 170-171).
Pokalwettbewerbe, wie den FA-Cup 9 , woran es der Rugby-Variante mangelte. Darüber hinaus stellt Schulze-Marmeling heraus, dass die Überlegenheit des Soccer auf das relativ schlichte Regelwerk zurückzuführen ist:
Kannte Rugby anfangs nicht weniger als 59 Regeln, so begnügte sich Soccer mit 14. Ein Soccer-Spiel war variantenreicher, offener und flüssiger als Rugby, für viele Spieler und Zuschauer somit attraktiver. (Schulze-Marmeling 2000: 27) Im Zuge der fortschreitenden Urbanisierung und begünstigt durch die industrielle Revolution wurde der Fußball zur hauptsächlichen Freizeitbeschäftigung unter den Arbeitern (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 30) und breitete sich epidemieartig auf die gesamte Fläche Englands aus 10 . Mehrere Faktoren trugen zu dieser Ausbreitung bei, was schlussendlich den Fußball zu einem „Global Player“ machte:
• Der einfache Spielgedanke, Tore zu erzielen und zu verhindern
• Das einfache Regelwerk (Regeln wie Abseits kamen erst später hinzu)
• Jeder ist in der Lage, das Spiel zu spielen
• Material wird kaum benötigt (Ball und beispielsweise Kleidung als Tore genügen)
• Man kann es fast überall spielen, da nur eine freie Fläche zum Spielen benötigt wird Im Folgenden soll nun beschrieben werden, wie sich der englische Fußball zunächst auf das europäische Festland und schließlich auf den Rest der Welt ausbreitete.
2.4 Der Sport verlässt England
Bevor der Fußball seinen Siegeszug um die Welt antreten konnte, dehnte sich der Sport zunächst innerhalb des Vereinigten Königreichs 11 aus, wobei Schottland den Engländern als erster Verband nachfolgte (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 44). So kam es 1872 auch zum ersten offiziellen Länderspiel der Fußballgeschichte, als sich in Glasgow Schottland und England gegenüberstanden 12 . Die Football Association of
9 Der älteste Fußballpokalwettbewerb der Welt wurde erstmals in der Saison 1871/72 ausgespielt.
10 Die englischen Arbeiter besaßen einen weitaus höheren Lebensstandard als ihre Kollegen auf dem europäischen Festland und konnten unter anderem einen freien Samstagnachmittag durchsetzen, was es ihnen ermöglichte, Fußballspiele zu besuchen (vgl. Brüggemeier 2006: 8). 11 England, Schottland, Wales und Nordirland stellen die vier ältesten nationalen Fußballverbände der Welt und noch heute besitzt das Vereinigte Königreich die Sonderstellung, dass es im Weltfußball von vier Verbänden repräsentiert wird (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 44). 12 Dieser Vergleich sollte bis 1990 jährlich stattfinden und zählte für viele Bewohner Großbritanniens zu den Höhepunkten des Fußballkalenders.
Wales (FAW) wurde 1876, die Irish Football Association (IFA) 13 vier Jahre später gegründet.
Der Export des Fußballs in den Rest der Welt wird bei Schulze-Marmeling als Begleiterscheinung des britischen Imperialismus betrachtet. Er begründet dies anhand der Größe des Kolonialreichs, welches ein Drittel des gesamten Weltterritoriums einnahm (vgl. Schulze-Marmeling/Dahlkamp 2004: 12). Giulianotti stimmt diesem zwar zu, betrachtet den Sachverhalt aber etwas differenzierter: „Trade connections, rather than imperial links, were the most propitous outlets“ (Giulianotti 1999: 6). Das heißt jedoch nicht, dass der Fußball in den Außenposten des britischen Empires ignoriert wurde: „It became a staple of the curriculum of colonial schools and a common pastime for occupying troops“ (Giulianotti 1999: 6). So wurde Fußball im kolonisierten Afrika zunächst hauptsächlich von der einheimischen Bevölkerung gespielt, während sich die Besatzer eher dem Cricket hingaben (vgl. Giulianotti 1999: 7). Dies ist ein Beleg für den Fußball als Unterschichtensport, was er auch in Europa jahrzehntelang war. Umso interessanter ist hierbei, wie es der Sport geschafft hat, eine „Weltmarke“ zu werden.
Die von Giulianotti erwähnten Handelsbeziehungen Englands zu anderen europäischen Staaten brachten den Fußball anfangs in die Hafenstädte Europas, wo der Einfluss der Briten besonders groß war; besonders im Mittelmeerraum wurden zahlreiche Vereinsgründungen von dort lebenden Engländern vorgenommen. Kontinentaleuropäer brachten außerdem Fußbälle und Regelbücher von ihren Englandbesuchen mit, fasziniert von dem ihnen zunächst fremd erscheinenden Sport. Noch vor der Gründung der FA wurde das Spiel in den 1860er Jahren an Schweizer Privatschulen, die von englischen Schülern besucht wurden, betrieben (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 48). Hier wurden auch die ersten kontinentaleuropäischen Vereine gegründet (vgl. Giulianotti 1999: 8). Vereinsnamen wie „Grasshoppers Zürich“ weisen noch heute auf die damalige Verbundenheit der Schweizer mit dem englischen Sport hin 14 . Die berühmtesten Vereine mit Schweizer Wurzeln sind der FC Internazionale Milan sowie der FC Barcelona – beide Klubs 13 Irland gehörte damals noch vollständig zum Vereinigten Königreich, nach der Teilung des Landes 1921 sollte nur noch der Norden unter der heutigen Bezeichnung IFA bekannt sein. Der Fußballverband der Republik Irland, die Football Association of Ireland (FAI), gründete sich ein Jahr nach der Teilung (vgl. Connolly 2004 [1998]: 545).
14 Interessanterweise entwickelte sich die Schweiz um die Jahrhundertwende zu einem Exporteur von Trainern und Spielern, die es vor allem nach Italien, Frankreich und Spanien zog. Der Einfluss der Schweiz auf diese genannten Länder kann im Vergleich zu England daher als weitaus bedeutsamer betrachtet werden.
wurden von Schweizern gegründet. In Skandinavien, vor allem in Dänemark, stellte der Fußball ein Gegengewicht zur nordischen Gymnastik dar. Vorangetrieben wurde dies durch schottische Handwerker, die sich in den Hafenstädten Schwedens, Norwegens und Dänemarks niederließen. Ähnliche Entwicklungen gab es zudem in den Niederlanden, Deutschland und Russland, wo primär englische Schulen zur Popularität des Spiels beitrugen (vgl. Giulianotti 1999: 8).
Die rasante und erfolgreiche Ausbreitung des Fußballs um die Jahrhundertwende liegt nicht zuletzt an den Verbesserungen des Transportwesens. Die industrielle Revolution und das daraus hervorgegangene Dampfschiff hatten zur Folge, dass das englische Spiel zu einer globalen Angelegenheit wurde – und zwar nicht nur in den britischen Kolonien. Englische Handelsverbindungen zu südamerikanischen Städten wie Buenos Aires, Rio de Janeiro oder Montevideo sollten sich als sehr fruchtbar für die Verbreitung des Spiels herausstellen; das erste Spiel zwischen englischen Seefahrern in Sao Paulo fand bereits ein Jahr nach der Gründung der FA statt (vgl. Giulianotti 1999: 8). Insbesondere in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires verhalf die 45.000 Engländer umfassende Diaspora dem Fußball zu einem frühen Boom am Rio de la Plata (vgl. Giulianotti 1999: 8). Noch heute lässt sich der damalige Einfluss der Briten an Vereinsnamen wie „Newell’s Old Boys“ oder „River Plate“ erkennen 15 .
Das Fußballspiel verbreitete sich zwar schnell über den Erdball, jedoch mit unterschiedlichen Auswirkungen. Während sich der Sport, wie oben erwähnt, in Europa, Afrika und Lateinamerika großer Beliebtheit erfreute, „waren dem Spiel bei seiner Ausbreitung in den USA und Australien Grenzen gesetzt“ (Schulze-Marmeling/Dahlkamp 2004: 13). Die Vorraussetzungen für die weitere Expansion waren zwar geschaffen, jedoch stellt Giulianotti heraus, dass der kulturelle Druck, eine eigene Sportart und somit eine nationale Tradition zu entwickeln, die Erfolgschancen des Fußballs in Ländern wie den USA, Kanada oder Australien minderte (vgl. Giulianotti 1999: 7). Die Auswirkungen sind vor allem heute in den USA erkennbar, wo der Fußball trotz zahlreicher Versuche, das Spiel zu etablieren, immer noch ein Schattendasein neben den „uramerikanischen“ Sportarten
15 Der britische Einfluss auf den argentinischen Fußball war derart groß, dass erst 1912 die erste „Spanisierung“ des Verbandsnamens mit Asociaciòn Argentina de Football (AAF) erfolgte und weitere 22 Jahre vergehen sollten, bis die heutige, komplett spanische Bezeichnung des Fußballverbands Associación del Fútbol Argentino (AFA) in Kraft trat (vgl. Schulze-Marmeling 2000: 55-56).
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Tino Kluck, 2008, Ökonomische und soziale Globalisierungsprozesse im modernen Spitzenfußball , Munich, GRIN Publishing GmbH
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