Zu Beginn des 16. Jahrhunderts, getragen von Humanismus und Reformation, entfaltete sich die literarische Hermeneutik als Lehre der Textauslegung unter Melanchthon und Luther mit dem Ziel, die biblische Wahrheit in der heiligen Schrift aufzufinden. Das Streben nach dem Verstehen von Texten vergrößerte sich in der Renaissance mit der Erfindung des Buchdrucks und wurde in der Aufklärung theoretisiert. Seit Friedrich Schleiermacher gilt der Text nicht mehr als Wahrheitsvermittler, sondern ist „Ausdruck der Psyche, des Lebens und der geschichtlichen Epoche des Verfassers“. So stellt sich in der Moderne die Frage nach den Regeln, Voraussetzungen und Zielen zur Auslegung eines Textes. 1
Im Folgenden wird gezeigt, wo die Diskussion zur literarischen Hermeneutik in den 1960er Jahren angekommen war und werden zu diesem Zweck die Ideen der Begründer der Konstanzer Schule, Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser, vorgestellt. Ihre Rezeptions- bzw. Wirkungsästhetik baut auf der Idee auf, dass ein Text für ein Publikum geschrieben ist, seien es auch Kritiker, andere Autoren oder Zuhörer bzw. Zuschauer, jedoch schreibt kein Autor für die Philologen. Damit geht einher, dass der Leser nicht mehr als jemand beschrieben wird, der die ihm vorliegenden Texte studieren und interpretieren will. Die Philologen sollten sich dementsprechend vermehrt mit der Aufnahme von Werken bei den Lesern beschäftigen. 2
A. Hans Robert Jauß
In Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, seiner Antrittsvorlesung an der Universität Konstanz im Jahr 1967, greift Hans Robert Jauß das Problem der Literaturgeschichte auf und begründet damit die Konstanzer Schule. 3
Literaturgeschichte setzt sich nach Jauß aus einer geschichtlichen Folge von Werken, die jeweils ihre eigene Rezeptionsgeschichte aufweisen, zusammen. Im Folgenden soll dies anhand seiner 7 Thesen dargestellt werden. Hervorzuheben sei davor, dass die Wirkung eines Werkes in einem dialogischen und zugleich prozesshaften Verhältnis von Werk, Publikum und neuem Werk steht. 4 1. These
Bei Literaturgeschichte im Sinne der Rezeptionsästhetik handelt es sich nicht um einen später erstellten „Zusammenhang ‚literarischer Fakten’“, sondern um die „Erfahrung des literarischen Werkes durch seine Leser.“ Wenn ein literarisches Werk aus Fakten bestehen würde, dann müsste es „jedem Betrachter zu jeder Zeit den gleichen Anblick darbieten“. Dann müsste es jedoch auch ein festes philologisches Wissen geben. Nach Jauß ist ein solches jedoch immer an Neuinterpretation gebunden und kann daher keine objektiven, historisch konstanten Standpunkte
1 Wikipedia: Hermeneutik, eingesehen am 25.10.2007.
2 Jauß: 126.
3 Wikipedia: Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, eingesehen am 25.10.2007.
4 Jauß: 127f.
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liefern. Dabei trennt er jedoch die Geschichte der Entstehung eines Werkes von der Literaturgeschichte. In ersterer gibt es sehr wohl Fakten. 5
Ausgangspunkt für die Geschichtlichkeit eines Werkes ist dessen Rezeption oder Verarbeitung durch einen Leser, womit das Werk für diesen zu einem Ereignis wird. Mehrere solcher Ereignisse verschiedener Leser zu verschiedenen Zeiten bilden schließlich die Geschichte des Werkes. Dieser Ereigniszusammenhang endet im Erwartungshorizont späterer Leser, wobei die „Objektivierbarkeit dieses Erwartungshorizont“ entscheidet, ob die Geschichtlichkeit der Literatur begriffen und dargestellt werden kann. 6 2. These
Aufgabe der Literaturgeschichte ist die „Analyse der literarischen Erfahrung des Lesers“ und damit verbunden, die Beschreibung des objektivierbaren Bezugssystems der Erwartungen in dem sich Aufnahme und Wirkung des Werkes vollziehen. Dieses Bezugssystem ist dabei zusammengesetzt „aus dem Vorverständnis der Gattung, aus der Form und Thematik zuvor bekannter Werke und aus dem Gegensatz von poetischer und praktischer Sprache.“ Damit stellt sich nach Jauß die Frage nach den Daten, mit welchen die Wirkung publikumsabhängig erfasst werden kann. 7
Solche literarischen Daten existieren bereits vor der jeweiligen Rezeption eines Werkes und können grob als Vorwissen bezeichnet werden. Ihre Existenz begründet sich darin, dass ein Werk für den Leser nie vollständig neu ist. Er kann auf vertraute Merkmale, Signale oder Hinweise stoßen, die seine Erinnerung, emotionale Einstellung und Erwartungen auf den Verlauf der Handlung wecken. Neu an einem Werk sind allenfalls die Variation und Reproduktion der Erwartungen in den Möglichkeiten der Gattung. 8
Zu den drei Faktoren, aus denen allgemein der Erwartungshorizont objektiviert werden kann, gehören die Normen der Gattung, „implizite[...] Beziehungen zu bekannten Werken der literarhistorischen Umgebung“ und der „Gegensatz von Fiktion und Wirklichkeit“. 9 Zu letzterem ist zu ergänzen, dass der Leser „ein neues Werk sowohl im engeren Horizont seiner literarischen Erwartung als auch im weiteren Horizont seiner Lebenserfahrung wahrnehmen“ kann. 10 3. These
Rezeptionsästhetisch wird der Kunstcharakter eines Textes „an der Art und dem Grad seiner Wirkung auf ein vorausgesetztes Publikum“ bestimmt. Jauß führt dazu den Begriff der ästhetischen
5 Jauß: 128. Zitierte Anführungszeichen finden sich auch in der Quelle wieder.
6 ebd.: 129f. Zitat aus ebd.: 130.
7 ebd.: 130.
8 ebd.: 131.
9 ebd.: 132. Die Analyse solcher Erwartungshorizonte ist an jenen Werken am Einfachsten, „die den [...] Erwartungshorizont ihrer Leser erst eigens“ hervorrufen, um ihn dann zu zerstören.
10 ebd.: 132f.
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Distanz ein, welche den Abstand zwischen dem bereits erwähnten Erwartungshorizont und dem durch das Werk ausgelösten Horizontwandel darstellt. Je geringer diese ästhetische Distanz, desto mehr handelt es sich bei einem Werk um Unterhaltungskunst, werden also die Erwartungen des Publikums vollständig erfüllt. 11
Literaturgeschichtlich von Bedeutung ist, dass der Kunstcharakter für ein späteres Publikum sowohl verschwinden, als auch erst entstehen kann. Die erste Erscheinung zeigt sich im rezeptionsästhetischen Problem der sogenannten Meisterwerke, bei denen es einer besonderen Anstrengung bedarf, den Kunstcharakter wieder herauszulesen. Ebenfalls gibt es Werke die zu ihrer Entstehung kein spezifisches Publikum haben, sich ein solches erst später entwickelt und auch wieder verschwinden kann. 12 These 4
Aus der Geschichte der Rezeption eines Werkes ergibt sich eine „Differenz zwischen dem einstigen und dem heutige Verständnis“. 13 Vom heutigen Verständnis kann die damalige Publikumsreaktion nicht abgeleitet werden, da sich in der Zwischenzeit u.a. die Deutungsmuster verändert haben. Daher folgt Jauß Gadamer darin, dass „man einen Text nur verstehen kann, wenn man die Frage verstanden hat, auf die er eine Antwort ist“. 14
Bedeutender, als Frage und Antwort um einen Text herum zu verstehen, ist an dieser Stelle der rezeptionsästhetische „Entwurf einer Literaturgeschichte“. Ein solcher „muß die Geschichtlichkeit der Literatur in dreifacher Hinsicht berücksichtigen: diachronisch im Rezeptionszusammenhang der literarischen Werke [...], synchronisch im Bezugssystem der gleichzeitigen Literatur wie in der Abfolge solcher Systeme [...] und einschließlich im Verhältnis der immanenten literarischen Entwicklung zum allgemeinen Prozeß der Geschichte[...].“ 15 Diese drei Betrachtungen der Geschichtlichkeit erläutert Jauß in seinen letzten drei Thesen. These 5
Mit seiner fünften These führt Jauß den Begriff der literarischen Reihe ein. In ihr wird das einzelne Werk zum Ereignis in einer Reihe, die von der passiven Rezeption des Lesers ausgeht und schließlich zur Neuproduktion des Autors, bzw. Reproduktion durch andere führt. Das Werk selbst beantwortet Fragen vorheriger Werke und wirft Probleme auf, die erst später zu lösen sind. Dadurch entsteht nicht nur eine chronologische Reihe, sondern auch ein Folgeverhältnis zwischen Werken. Von der formalistischen Schule übernimmt Jauß damit das Prinzip der literarischen Evolution, welches sich wie folgt darstellt: Entstehung des Werkes (Innovation) - erreicht Höhepunkt der
11 Jauß: 133.
12 ebd.: 134f.
13 ebd.: 136.
14 ebd. : 137. zitiert hier: H.G. Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1960, pp.284-285.
15 ebd.: 140f.
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Arbeit zitieren:
BA Thomas Maier, 2007, Rezeptionsästhetik, München, GRIN Verlag GmbH
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