1. Einleitung
Der japanische Luftangriff auf die in Pearl Harbor liegende Pazifikflotte der USA am 7. Dezember 1941 gilt als entscheidender Wendepunkt im 2. Weltkrieg - und liefert zugleich Stoff für eine der meistdiskutierten Verschwörungstheorien des 20. Jahr-hunderts. Das japanische Flottengeschwader konnte sich bis auf etwa 440 km den hawaiianischen Inseln nähern und von dort aus seinen Überraschungsangriff starten. Da die US-Streitkräfte in Pearl Harbor nur in geringem Maße verteidigungsbereit waren, fiel die Bilanz des Luftschlags verheerend aus: Acht amerikanische Schlachtschiffe, drei Kreuzer und drei Zerstörer wurden versenkt oder schwer beschädigt, knapp 200 Kampfflugzeuge waren zerstört und 200 weitere beschädigt. Die amerikanische Seite hatte zudem über 2400 Tote zu beklagen und weitere 1100 Personen wurden während der Kampfhandlungen teilweise schwer verletzt. Ein Tag nach dem Angriff erfolgte die Kriegserklärung an Japan und damit ein aktives Eintreten in den 2. Weltkrieg seitens der USA. Daraufhin erklärten Italien und Deutschland am 11. Dezember 1941 ihrerseits den Vereinigten Staaten den Krieg. In der Rückschau betrachtet, verschob sich durch den Kriegseintritt der USA das Gewicht zugunsten der Alliierten und leitete damit langfristig die Niederlage der Achsenmächte ein.
Die vorliegende Arbeit soll aufzeigen, auf welchem Nährboden sich die Ver-schwörungstheorien bezüglich des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor entwickeln konnten. Die Theorien selbst - deren Grundtenor zumeist lautet, die US-Regierung habe von dem bevorstehenden Angriff gewusst und diesen billigend in Kauf genommen, um in den 2. Weltkrieg eintreten zu können - sollen nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Vielmehr gilt es, den historischen Kontext zu untersuchen und dabei auf die Kontroverse zwischen Isolationisten und Internationalisten innerhalb der amerikanischen Gesellschaft und Politik einzugehen, sowie die wichtigsten Konfliktlinien zwischen den USA und Japan nachzuzeichnen. Dabei sind besonders die Werke zur amerikanischen Außenpolitik von Jürgen Heideking 1 , Detlef Junker 2
1 Jürgen Heideking: Geschichte der USA, 2. Aufl., Tübingen 1999.
2 Detlef Junker: Power and Mission. Was Amerika antreibt, 2. Aufl., Freiburg 2003.
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und Klaus Schwabe 3 aufschlussreich. Darüber hinaus liefert die Monographie von Peter Herde 4 wichtige Hinweise auf den Konfliktverlauf im pazifischen Raum.
2. Isolationismus vs. Internationalismus am Vorabend des 2. Weltkriegs
Mit Isolationisten und Internationalisten standen sich in der Zwischenkriegszeit in den USA zwei Lager gegenüber, deren Vorstellungen von der amerikanischen Rolle in der Welt sich diametral unterschieden. Der Verlauf dieser Entwicklung soll im folgenden erörtert werden.
2.1 Die isolationistische Tradition der USA
Die Isolationisten propagieren seit jeher den „Rückzug in die unangreifbare ‚Festung Amerika’“ 5 m i t i h r e r strategisch einmaligen Lage zwischen zwei Ozeanen und beriefen sich damit auf eine lange Tradition der amerikanischen Außenpolitik, die mit der Monroe-Doktrin 6 von 1823 ihren Anfang gefunden hatte. Diese legte den amerikanischen Doppelkontinent als Machtsphäre der USA fest und betonte das Prinzip der Nichteinmischung. Europa wurde vor kolonialen Bestrebungen im lateinamerikanischen Raum gewarnt, gleichzeitig erklärten die USA ihren Verzicht auf eine Intervention in europäische Ange-legenheiten. Die Welt wurde somit in zwei politische Sphären aufgeteilt und der amerikanische Einfluss klar auf die westliche Hemisphäre begrenzt. 7
In den Jahren 1933 bis 1938 erreichte die isolationistische Strömung in den USA ihren Höhepunkt. Das Hauptaugenmerk lag auf der Überwindung der Weltwirtschaftskrise, so dass Alarmsignale aus den politischen Schauplätzen Asiens und Europas nicht wahrgenommen wurden. Die expansive Politik Japans und Deutschlands sahen die Vertreter dieser Denkrichtung daher nicht als eine Bedrohung an, der mit einem Kriegseintritt begegnet werden müsste. Vielmehr sei
3 Klaus Schwabe: Weltmacht und Weltordnung. Amerikanische Außenpolitik von 1898 bis zur Gegenwart. Eine Jahrhundertgeschichte, Paderborn 2006.
4 Peter Herde: Pearl Harbor, 7. Dezember 1941. Der Ausbruch des Krieges zwischen Japan und den Vereinigten Staaten und die Ausweitung des europäischen Krieges zum Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 1980.
5 Heideking: Geschichte der USA, S. 319.
6 Als Monroe-Doktrin wird derjenige Teil der Rede zur Lage der Nation vom 2. Dezember 1823 bezeichnet, in dem James Monroe (US-Präsident von 1817 bis 1825) die Grundzüge einer langfristigen Außenpolitik der USA entwarf.
7 Siehe Dirk Bavendamm: Roosevelts Krieg 1937-45 und das Rätsel von Pearl Harbor, Berlin 1993, S. 111-117.
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eine neutrale Haltung geboten. Eine Gallup-Umfrage 8 im März 1937 bestätigte die isolationistische Grundstimmung: Dabei waren 94% der Befragten der Meinung, dass amerikanische Politik darauf abzielen sollte, die USA aus jedem potentiellen Krieg herauszuhalten. 9 Diese gesellschaftliche Strömung schlug sich bis in den Kongress durch, welcher in dieser Zeit verschiedene Neutralitätsgesetze verabschiedete und den Handlungsspielraum der US-Regierung um Franklin Delano Roosevelt 10 stark einschränkte. So kam es zu einem Verbot von Waffen- und Munitionslieferungen sowie der Kreditvergabe an kriegsführende Staaten, egal ob die betreffende Nation als Aggressor oder Opfer in die Feindseligkeiten involviert war. Nichtmilitärische Güter konnten zwar weiterhin verkauft werden, jedoch nur auf der so genannten ‚Cash and Carry’-Basis. Dabei mussten die kriegsteilnehmenden Länder „aus Amerika importierte Waren [...] an Ort und Stelle bezahlen sowie auf nichtamerikanischen Schiffen abtransportieren“. 11 Durch die Gründung des ‚America First Comittee’ 1940 geriet die Regierung Roosevelt schließlich auch von zivilgesellschaftlicher Seite unter erheblichen Druck, die USA aus dem 2. Weltkrieg herauszuhalten. 12
2.2 Franklin D. Roosevelt - Ein Internationalist allein auf weiter Flur
Im Gegensatz zur isolationistischen Auffassung interpretierten die Vertreter des Internationalismus die Interessen der USA - sowohl wirtschaftlich, militärisch als auch ideell - auf globale Weise. Daher traten sie für eine nachdrückliche Unterstützung der Demokratien gegen totalitäre Bedrohungen ein, was in letzter Konsequenz auch einen Kriegseintritt der USA nicht ausschloss. 13 Mit Franklin Delano Roosevelt stand in der Zwischenkriegszeit nun einer jener Internationalisten an der Staatsspitze. Sein Eintreten für eine aktive Rolle der USA im Weltgeschehen entsprach jedoch keineswegs der Stimmung im eigenen Land. Als er im Oktober 1937 im Zuge einer viel beachteten Rede vorschlug, Staaten mit expansiver Außenpolitik unter ‚Quarantäne’ zu stellen um sie so einzudämmen, löste dies „mehr isolationistischen Widerstand als Kampfbegeisterung aus“. 14 Selbst nach
8 Die ‚Gallup Organization’ ist eines der führenden Markt- und Meinungsforschungsinstitute der USA.
9 Siehe Heideking: Geschichte der USA, S. 316-317.
10 US-Präsident von 1933 bis zu seinem Tod 1945.
11 Schwabe: Weltmacht und Weltordnung, S. 100.
12 Siehe ebd., S. 113-114.
13 Siehe Junker: Power and Mission, S. 65-66.
14 Willi Paul Adams: Die USA im 20. Jahrhundert, München 2000, S. 69.
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Arbeit zitieren:
Florian Rühmann, 2009, Der Angriff auf Pearl Harbor - Der historische Kontext als Nährboden einer Verschwörungstheorie?, München, GRIN Verlag GmbH
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