1.1 Der Werdegang eines großen Regisseurs
Nachdem Peter Brook sein Studium der Theaterwissenschaft in Oxford 1944 abgeschlossen hatte, arbeitete er ab 1945 als Regisseur im Theater- und Filmbereich. Seinen besonderen Ruf hatte er durch seine eigenwilligen Shakespeare-Interpretationen und radikalen Inszenierungen zeitgenössischer Bühnenstücke. Im Jahre 1955 erregte seine Shakespeare- Inszenierung „Titus Andronicus“ großes Aufsehen. Im Jahre 1962 wurde er neben Peter Hall Kodirektor der Royal Shakespeare Company. Parallel zu diesem Ensemble gründete er eine experimentelle Gruppe, die sich das Lamda Theatre nannte. In seiner Inszenierung des „King Lear“ manifestierte sich der entscheidende Schritt zu seinem Theater des „leeren Raums.“ Er verzichtete bei dieser Inszenierung weitgehend auf ein Bühnenbild und weitere „spezial Effekte“ im Theater wie zum Beispiel besondere Lichteffekte etc. Brook hat bei über 50 Theaterproduktionen Regie geführt. In seinem Theater trat der Schauspieler in den Mittelpunkt seiner Inszenierung. In seiner Arbeit mit dem experimentellen Lamda Theatre lässt sich ein großer Einfluss von Antonin Artauds Theaterkonzeptionen erkennen. Brook setzte sich mit Artauds theatertheoretischen Schriften sehr intensiv auseinander. 1970 zog sich Brook mit seiner Inszenierung des „Sommernachtstraums“ ganz vom konventionellen Theaterbetrieb zurück und gründet zusammen mit Micheline Rozan das Centre International de Recherches Théâtrales (C. I. R. T.) in Paris. Anschließend untersuchte er drei Jahre lang mit einer international zusammengesetzten Gruppe von Schauspielern die Möglichkeiten von sprachunabhängigen Kommunikationsformen im Theater.
1.2 Der Leere Raum
Im Jahre 1968 erscheint Peter Brooks Buch „Der Leere Raum“. Dieses Buch gründet sich auf einer vierteiligen Vorlesungsreihe, die er an verschiedenen englischen Universitäten gehalten hatte. Es wurde zum Klassiker der Theaterliteratur. „Der leere Raum“ 5 ist ein Versuch von Brook eine Theaterdefinition zu finden. Er entwarf dabei die Idee von vier verschiedenen Theaterarten und beschrieb diese als: „Das tödliche“ Theater, „das heilige“ Theater, „das derbe“ Theater und „das unmittelbare“ Theater.„Manchmal sind diese vier Theaterarten tatsächlich vorhanden und nahe benachbart.“ 6 Er weist in seinem Buch außerdem darauf hin, dass diese Theaterarten manchmal in einem Akt ineinander aufgehen können, und es vorkommen kann, dass es möglich ist, dass in einem einzigen Augenblick alle vier Theaterarten ineinander verwebt sein können. 7 Somit bietet sein Buch einen wichtigen
5 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.
6 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.9
7 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.9
2
Einblick in verschiedene Theaterarten, die, so unterschiedlich sie auch sind, trotzdem miteinander vereinbar sein können.
2. Das „tödliche“ Theater
Peter Brook beschreibt das „tödliche“ Theater als ein unzulängliches und schlechtes Theater. Für ihn ist das „tödliche“ Theater hauptsächlich kommerzielles Theater. Dieses weist einen akuten Mangel an Erhebung und Belehrung auf. Durch seinen mangelnden Unterhaltungswert ist es leider so Peter Brook „tödlich“ geworden.
„Tödliches“ Theater bleibt immer beschränkt auf die Form der Einwegkommunikation. 8 „[…] ein nachahmendes und reproduzierendes Verhältnis…, ein passives, sitzendes Publikum, ein Zuschauer-, Konsumenten-, `Genießerpublikum´…, das einem Schauspiel…, das flach ihrem voyeuristischen Blick dargeboten wird, beiwohnt.“ 9 Hier zeigt sich deutlich die Kritik, die Brook am „tödlichen“ Theater übte. Seine gesamte Theaterkonzeption wendete sich stets gegen das so genannte Genießerpublikum, das sich in den Sesseln zurücklehnt und das Ziel hatte die jeweiligen Stücke in sich „hineinzukonsumieren.“ „Auf der ganzen Welt hat sich das Theaterpublikum verringert.“ 10 Das liegt nach Brooks Auffassung hauptsächlich daran, dass es dem Theater an Unterhaltung fehlt. Er kritisiert in seinem Buch die Schwachpunkte des „tödlichen“ Theaters. Diese bezieht er auf die Autoren, die Regisseure, die Schauspieler und das Publikum. Das „tödliche“ Theater glaubt laut Brook daran, dass es festgelegte, absolute Regeln gibt. Diese äußern sich zum Beispiel dadurch, dass man Klassiker auf die Bühne bringt. Brook vertritt dabei allerdings die Auffassung, dass jede Periode ihren eigenen Stil hat. Sobald man versucht diesen Stil festzulegen, oder zu reproduzieren, ist er verloren. Brook dazu: Zitat: „Theater ist stets eine sich selbst zerstörende Kunst und immer in den Wind geschrieben“ 11 Es ist laut Brook gut und wichtig, dass sich Aufführungen wiederholen. Er weist allerdings auch darauf hin, dass an dem Tage, an dem sich eine Aufführung eingefahren hat, etwas Unsichtbares zu sterben beginnt. 12 Als Beispiel dafür verweist er auf New York, wo das tödlichste Element laut Brook wirtschaftlicher Natur ist. Dort wird im Theater aus wirtschaftlichen Gründen oft nicht länger als drei Wochen geprobt. Laut Brooks Auffassung ist ein Theater, das aus wirtschaftlichen Gründen nicht länger als drei Wochen probt, von
8 Kobald,Adele:Peter Brooks Theaterarbeit im Grenzbereich zwischen Orient und Okzident mit einem Seitenblick auf Postmoderne Aspekte.Wien:1993. S.34.
9 Derrida,Jaques: Die Schrift und die Differenz.Frankfurt/Main: 1976,S.356.
10 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.10
11 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.18
12 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.18
3
vornherein gelähmt. 13 Man muss auch im Theater mit der Zeit gehen und darf nicht stehen bleiben. Dabei ist jede Form, die im Theater geboren wurde sterblich und muss nach Brookscher Auffassung immer wieder neu konzipiert werden. 14
2.1 Die Schauspieler im „tödlichen“ Theater
Brook bezieht das „tödliche Theater“ auch auf den Schauspieler. Der Stillstand ist laut Brook der „Tod“ eines jeden Schauspielers. Wenn ein Schauspieler in seiner menschlichen und beruflichen Entwicklung stehen bleibt, anstatt an sich zu arbeiten, wirkt sich dieses „stehen bleiben“ negativ auf seine Kreativität und seine künstlerische Entfaltung aus. Aus diesem Grund wird er keine wirkliche künstlerische Größe erreichen. Er wird sich in seiner schauspielerischen Arbeit lediglich auf konventionelle Gesten und leblose Figurenimitation beschränken, und dabei, ohne es zu merken, zu einem „tödlichen“ Schauspieler werden.
2.2 Das „heilige“ Theater
Peter Brook definiert das „heilige“ Theater als „das sichtbar gemachte unsichtbare Theater“ 15 . In der Auffassung von Brook soll die Bühne ein Ort sein, wo das Unsichtbare in Erscheinung treten kann. Aus diesem Grund muss das „heilige“ Theater auch die Bedingung bieten, die die Wahrnehmung des Unsichtbaren erst ermöglicht. Er erklärt dabei, dass die unterschiedlichen Kunstformen „von Mustern sprechen, die wir erst dann erkennen können, wenn sie sich in Rhythmen oder Formen äußern“. 16 Brook geht darauf ein, dass das Theater in seinen Ursprüngen ein heiliges Theater gewesen ist. Mit den Jahren hat jedoch eine Art Verwässerung stattgefunden. 17 Es ist allerdings allgemein klar, dass das menschliche Bedürfnis nach wahren, heiligen Riten noch immer Bestand hat. Leider sind uns laut Brook die wichtigen Formen verloren gegangen. Aus diesem Grund verhelfen sich die Menschen mit der Imitation der äußeren Form von Riten und Zeremonien die allerdings unser Bedürfnis nach wahren Riten und Zeremonien nicht stillen können. Laut Auffassung von Brook ist auch das Theater im Laufe der Jahre zu einer Imitation der äußeren Form von Zeremonien verkommen. 18 Die Menschen haben den Sinn für Rituale verloren. Es sind lediglich die Fragmente der Wörter, die in unseren Köpfen erhalten wurden. Oft fühlt man sich, als müsse man die Riten in sich haben und dann passiert es, dass man die Künstler dafür verantwortlich
13 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.21.
14 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.19.
15 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.53.
16 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.53.
17 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.56.
18 Brook, Peter.Der leere Raum.Berlin: Alexander Verlag, 2004.S.57.
4
Arbeit zitieren:
Mag. Caroline Wloka, 2007, Peter Brooks Theaterkonzeptionen und Arbeit mit dem Schauspieler, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
"Stanislawski, Strasberg, Grotowski"
Eine Reflektion über die '...
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Mary Douglas: Die Grid-Group-Theorie - Grundzüge, Anwendung und Kritik
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Seminararbeit, 26 Seiten
Interkulturelle Unterschiede bei der Personalauswahl
BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit, 28 Seiten
Clifford Geertz: Die "Dichte Beschreibung" als Methode der I...
Seminararbeit, 15 Seiten
Auguste Comte - Gründervater des Positivismus und Namensgeber der Sozi...
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit, 18 Seiten
Erfolgsfaktoren interkulturell zusammengesetzter Teams
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Seminararbeit, 29 Seiten
Raymond Williams: ,, Culture is ordinary"
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Ausarbeitung, 5 Seiten
Cultural Diversity in Gruppen & Teams: Notwendigkeit & Aspekte...
BWL - Unternehmensforschung, Operations Research
Hausarbeit (Hauptseminar), 46 Seiten
Giambattista Vico als Wegbereiter einer hermeneutischen Theorie in den...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Der Labeling Approach: Howard S. Becker, Siegfried Lamnek und Werner R...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Referat (Handout), 6 Seiten
Zu: Dirk Baecker - Wozu Kultur? Gesellschaft als Kultur
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Rezension / Literaturbericht, 8 Seiten
Rituelle Dimensionen des Theaters. Analyse des "Armen Theaters&qu...
Seminararbeit, 25 Seiten
Der "Labeling Approach": Howard S. Becker, Siegfried Lamnek ...
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Versuch einer Anwendung Pierre Bourdieus Thesen zu Habitus und Leib au...
Referat (Ausarbeitung), 14 Seiten
Der Umgang des Individuums mit...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Qualitative Inhaltsanalyse und quantitative Auswertungsmöglichkeiten
Ein Leitfaden zur praktischen ...
Wissenschaftlicher Aufsatz, 25 Seiten
Der Einfluß von Attributionen auf das Verhalten in Ökologisch-Sozialen...
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit, 28 Seiten
Caroline Wloka's Text Peter Brooks Theaterkonzeptionen und Arbeit mit dem Schauspieler ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Caroline Wloka hat den Text Peter Brooks Theaterkonzeptionen und Arbeit mit dem Schauspieler veröffentlicht
Caroline Wloka hat einen neuen Text hochgeladen
Hamlet in Pieces: Shakespeare Revisited by Peter Brook, Robert Lepage ...
Andy Lavender, Peter Brook, Robert Wilson
Wörterbuch Arbeit, Recht, Wirtschaft. Französisch-Deutsch / Deutsch-Fr...
Dictionnaire Travail, Droit, E...
Isabelle Jue, Nicole Verger
0 Kommentare