1. Einleitung
Die meisten Zuschauer die sich heute einen Film von Alexander Kluge anschauen, sind beim Betrachten nach einiger Zeit verwirrt oder schnell gelangweilt, da sie keinen Sinn in seinen Filmen erkennen. Das liegt vor allem, an der Erzählweise von Kluge, und daran, dass seine Filme nicht den Konventionen typischer Hollywoodnarrationen und Mainstream Filmen entsprechen. Ich werde in dieser Arbeit versuchen, die Besonderheiten von Alexander Kluges Filmtheorie herauszustellen. Hinter seinen Filmen steht ein ganz besonderes Prinzip und eine Haltung, wie sie in der heutigen Filmbranche kaum noch zu finden ist. Kluges Filme stehen der klassischen Spielfilmdramaturgie konträr gegenüber. Der Zuschauer wird in den Filmen ständig aus dem Erzählfluss herausgerissen und dazu gezwungen, die Handlungskontinuität selbst zu assoziieren. 1 Völlig unvorbereitete Zuschauer fühlen sich dabei überfordert, besonders, wenn das von Kluge vorausgesetzte historische und politische Wissen nicht vorhanden ist. Kluges Filme zeichnen sich besonders durch die Vermischung von verschiedenen Materialien aus. Sie sind daher nicht einzuordnen in die üblichen Kategorien wie Spielfilm oder Dokumentation, sondern sind Mischformen, die sich aus der Zusammenstellung der unterschiedlichsten Materialien aus verschiedenen Medien ergeben. Ich werde in dieser Arbeit versuchen einen Überblick über die Besonderheiten seiner Filmtheorie zu geben. Dabei werde ich kurz auf Alexander Kluge als Person und späteren Autorenfilmer eingehen. Ich werde versuchen die Besonderheiten seiner Montagearbeit und analytischen Kamera herauszuarbeiten. Kluge montierte häufig eine Abfolge von Photos, Zeichnungen, dokumentarischen Aufnahmen und gestellten spielfilmartigen Sequenzen hintereinander. Jacobsen nannte es so: „Die Filme wirken wie ein patchwork, bei dem alles an der Oberfläche bleibt und der Sinn durch die Spannung dazwischen, durch die Diktion des Zusammengenähten entsteht". 2 Diese Beschreibung trifft sehr gut den Kern seiner Filmarbeit. Er benutzt in seinen Filmen oft eine sehr bildhafte Sprache, die sich durch eine assoziative oder kontrastierende Montage aufgebaut. Dabei erzeugt er stets starke visuelle Metaphern, deren Untersuchung und Entschlüsselung für das Allgemeinverständnis seiner Filme von großer Bedeutung sind. Er legt außerdem sehr großen Wert darauf, dass jeder Zuschauer den Film auf seine Weise wahrnimmt und für sich deutet. Seine Filme lassen sich am besten greifen, wenn man seine Besonderheiten analysiert. Beim betrachten seiner Filme fällt sehr schnell auf, dass diese im Vergleich mit den traditionellen Rezeptionserwartungen, zerrissen, und zerstückelt, wirken. Aus diesem Grund tritt beim Zuschauer eine gewisse Ratlosigkeit
1 Barg 1996, S.101
2 Jacobsen 1993, S.230
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auf. Diese ist nicht zufällig, sondern bildet nach strengem Kalkül eine Gegenstrategie zur bestehenden Kinostruktur. Der Schwerpunkt dieser Arbeit konzentriert sich genau auf diese von Kluge entwickelte Gegenstrategie. Ich werde versuchen aufzuzeigen, wie diese sich in Kluges Filmtheorie darstellt, und in seiner Filmarbeit sichtbar wird. Heutzutage ist die Wirkung seiner Filme noch extremer als zu seiner Hauptwirkungszeit als Filmemacher in den 70er Jahren. Er wendet sich mit seiner Strategie gegen das Einfühlungskino, den Illusions-und den Kommerzfilm. Ich werde in dieser Arbeit versuchen herauszuarbeiten, warum Kluge diesen Filmen konträr gegenübersteht, und dabei seine Methode herausarbeiten.
1.1 Alexander Kluge
Alexander Kluges Werk lässt sich in zwei Hälften unterteilen. Auf der einen Seite ist er ein ganz besonderer Film- und Fernsehautor, der aktiv Produkte für einen Markt hergestellt und auf der anderen Seite ist er einer der bedeutendsten Filmpolitiker. Er hat sich dabei selbst einen Markt erarbeitet hat und diesen dann später mit seinen Produkten beliefert was schon sehr beeindruckend ist. Dabei beinhaltet der Name Alexander Kluge sehr viele Positionen in einer Person.
Wenn man seinen Lebenslauf genau betrachtet so lässt sich feststellen, dass er
- Schriftsteller, -Gesellschaftskritiker, - Medienkritiker, -Medienpolitiker, Interviewer, -Jurist, -Filmemacher und seit den späten 80er Jahren Fernsehautor ist.
Alexander Kluge wurde am 14. Febr. 1932 in Halberstadt geboren. Man kann ihn heute als literarischen Autor und Filmemacher bezeichnen. Darüber hinaus zeichnet er sich für die unabhängigen TV-Kulturmagazine "10 vor 11", "News & Stories" und "Prime-Time/Spätausgabe" in RTL und SAT.1 verantwortlich. Nach dem Abitur in Berlin studierte Kluge Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik. Mit der Dissertation "Die Universitätsselbstverwaltung" promovierte er 1956 zum Dr. Jur.. Zeitweise lehrte Kluge als Professor an der Hochschule für Gestaltung in Ulm (Abteilung für Filmgestaltung), später als Honorarprofessor an der Universität Frankfurt/Main. Kluge kam 1958 als Assistent von Fritz Lang zum Film. Seit 1960 drehte er als Regisseur und Produzent Kurzfilme. 1962 war Kluge Mitinitiator des „Oberhausener Manifestes.“ Das „Oberhausener Manifest war eine Erklärung, die am 28.Februar 1962 anlässlich der „8. Westdeutschen Kurzfilmtage“ in Oberhausen in einer Pressekonferenz von 26 Filmemachern abgegeben wurde. Das damalige Schlagwort lautete: „ Opas Kino ist tot.“ Einer von den damaligen 26 Filmemachern war Alexander Kluge. Das Ziel der Erneuerung bestand darin, den damals desolaten westdeutschen
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Filmproduktionen einen neuen deutschen Film zu schaffen. 3 Im Jahre 1963 gründete Kluge seine eigene Produktionsfirma, "Kairos-Film". Nach seinem ersten, auch international erfolgreichen und ausgezeichneten Spielfilm, "Abschied von gestern" (1966), galt Kluge als Vordenker des Neuen Deutschen Films und dem mit ihm verbundenen Autorenkino. Kluge dazu: „Ich habe ja nicht alleine Filme gemacht, sondern das ist ja gleich eine Gruppe von 40 Leuten gewesen, und die hat zusammen dann mit Fassbinder, Schlöndorff, Herzog, Reitz, 20 Jahre lang eigentlich in Deutschland Filme gemacht. Und ich mache heute im Fernsehen ja etwas ganz Ähnliches. Wir haben früher Kino der Autoren gemacht, und jetzt mache ich zum Beispiel Fernsehen der Autoren.“ 4
1.2 Kluge als Filmpolitiker
Alexander Kluge ist nicht nur Filmemacher, sondern war seit jeher in der Filmpolitik aktiv. Sein filmischer Ursprung lässt sich im „Oberhausener Manifest“ finden und wurde von dort an immer weiterentwickelt, so dass es niemals zu einer Stagnation kam. Rainer Stollmann 5 beschreibt Kluges großes Talent folgendermaßen:
„Was die praktische, politische, institutionelle, rechtliche Seite der Geschichte des Neuen Deutschen Films betrifft, so war Kluge zweifellos die Lokomotive, an die sich viele Wagen der filmischen Bewegung anhängen konnten.“ Das Kluge Jura studiert hatte kam ihm immer wieder zu Gute. Durch sein besonderes filmpolitisches Geschick, konnte die junge Bewegung der Autorenfilmer ihr Anliegen erfolgreich vorbringen. Nachdem das Neue Deutsche Kino Erfolg hatte, begann Kluge auf dem sich gerade umstrukturierenden Fernsehmarkt zu wirken. „Zu Kluges wichtigsten medienpolitischen Erfolgen zählen weiterhin das Film/Fernseh-Rahmenabkommen (1974) sowie die Durchsetzung einer Sendelizenz für unabhängige Kulturprogramme bei den privaten Anbietern RTL und SAT1 (1987), die ihm seit 1988 die wöchentlichen Ausstrahlungen der Kulturmagazine 10 vor 1, Prime Time und News & Stories ermöglicht.“ 6 Vorher war Alexander Kluge in der Abteilung für Filmgestaltung an der Hochschule für Gestaltung in Ulm tätig.
Man könnte im bisherigen Leben von Alexander Kluge drei filmpolitische Themen finden. Anfangs war es die Etablierung des Neuen Deutschen Films. Darauf folgend finden sich seine Einrichtung des eigenen Instituts zur Forschung und Lehre und schließlich das Eintauchen in die Fernsehlandschaft in der er bis heute wirkt sowie seine Tätigkeit als Schriftsteller.
3 de.wikipedia.org/wiki/Oberhausener_Manifest Zugriff: 20.12.2006.
4 http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/595173. Zugriff: 26.02.2007.
5 Rainer, Stollmann: Alexander Kluge zur Einführung, Hamburg 1998, S.65.
6 Der Autor als Ensemble seiner Eigenschaften, in: Alexander Kluge: In Gefahr und größter Not bringt der
Mittelweg nur den Tod: Texte zu Kino, Film, Politik; Vorwerk 8, Berlin 1999.
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2. Das Ulmer Institut
Im Ulmer Institut wirkte Kluge als Lehrer für kommende Generationen von Filmemachern, da er die Notwendigkeit erkannte, dass gezielt Nachwuchs für Film und Fernsehen gefördert werden musste. „Ohne die Frage nach neuen filmischen Inhalten, nach neuen filmischen Methoden, bleibt eine Filmausbildung steril. Neue Inhalte und neue Ausdrucksformen aber brauchen ihre Inkubationszeit in formellen oder informellen Bildungseinrichtungen.“ 7 Im Ulmer Institut sollte die Lehre vom Film mit der Entwicklung neuer filmischer Modelle institutionell miteinander verbunden werden. In der folgenden Tabelle sieht man das Ulmer Institut und die Einteilung der Institutsarbeit in 5 Phasen mit unterschiedlichen Schwerpunkten:
Der Hauptansatz des Ulmer Instituts war insbesondere:
1. Die Dramaturgie der Kürze
2. Die Dramaturgie des Zusammenhangs 3. Die Mischform 4. Fiktion, Dokumentation 5. Einfachheit
Die Abteilung Film wurde erst 1961 an der HfG eingerichtet. Sie galt als eine der frühesten Institutionen für Filmtheorie und Filmausbildung in der Bundesrepublik. Inhaltlich ging es zunächst um die Einlösung des Oberhausener Manifests, doch bald schon entwickelte sich hier ein geistiges Zentrum des Neuen Deutschen Films. Alexander Kluge und Edgar Reitz prägten die Ausbildung. Mit der Schließung der HfG konnte die Abteilung als Institut für
7 Vgl.: Das Nichtverfilmte kritisiert das Verfilmte. Die Utopie Film (1964), in: Alexander Kluge, In Gefahr und
größter Not bringt der Mittelweg nur den Tod: Texte zu Kino, Film, Politik; Vorwerk 8, Berlin 1999.
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Filmgestaltung weitergeführt werden. Der Schwerpunkt wurde jedoch später von der Ausbildung zu film- und fernsehrechtlichen Themen verlagert. Seit 1995 widmet sich die Institution Entwicklungen auf dem Gebiet der "Neuen Medien".
2.1 Alexander Kluges Theoriegebäude
Kluge lehnt für sich selbst den Autorenbegriff ab. Er sagt über sich selbst: Nicht er ist kreativ, sondern „die Situation ist kreativ“. 8
Es gibt in der Filmlandschaft, wenn man sich an die traditionellen Ansichten hält grundlegende Unterscheidungen verschiedener Filmwerke. Man unterscheidet zwischen Fiktion und Dokumentation und zwischen dem kommerziellen Film und dem Autorenfilm. Alexander Kluge hat in seinen Werken verschiedene Stilmittel und Voraussetzungen verfasst, die ein Filmemacher mitbringen sollte.
Es gibt zentrale Punkte in Kluges Filmprogrammatik die darauf hinweisen, dass man ihn auf jeden Fall zu den Autorenfilmern zählen sollte. Kluges wichtigstes technisches Instrument war nicht die Kamera, sondern sein der Schneidetisch. Dort konnte er das umsetzen, was er unter Film verstand: „Komparatistik“. Dabei schneidet Kluge verschiedene Bilder
zusammen. An den Schnittstellen entsteht für ihn das wesentliche. Der Zuschauer wird gezwungen aktiv zu werden und den Film mit zu konstruieren. Es lässt sich also sagen, dass es für Kluge von großer Wichtigkeit war, den Zuschauer selbst zum Autor zu machen. Er sollte aktiv an seinen Filmen beteiligt sein.
2.2. Alexander Kluges Gegenproduktion:
Zusammen mit seiner Produktionsfirma DCTP (Development Company for Television Programm) hat Kluge ein Fernsehkonzept der Gegenproduktion entwickelt. Ihm ist es dabei besonders wichtig, dass das Fernsehen nicht einfach zum Abschalten des Zuschauers produziert wird. Aus diesem Grund zeigt er seine kleinen, oft irritierenden Formate. Kluges "Gegenproduktion", ist ein Alternativentwurf zum mainstream Fernsehen. Durch seine Kulturmagazine versucht Kluge, das kulturindustrielle Medium als Medium seiner
Aufklärung zu nutzen. Formal verweigern sich seine Kulturmagazine in einer bestimmten Weise der „üblichen“ Fernsehkommunikation. Die Zuschauenden werden dabei nicht direkt angesprochen. Alexander Kluge produziert seit 1988 im Privatfernsehen die Kulturmagazine:
8 Lewandowski, Rainer: Die Filme von Alexander Kluge, Hildesheim 1980.
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Arbeit zitieren:
Mag. Caroline Wloka, 2007, Abrüstung des Dramatischen bei Alexander Kluge, München, GRIN Verlag GmbH
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