1. Einleitung
Für Marx ist die Arbeit der sinnliche Umgang mit der Natur. Es ist eine Bedingung jeglicher geistiger Tätigkeit des Menschen. In der Arbeit erzeugt der Mensch sich selbst und in der Natur erzeugt er das Objekt seines Tätigseins. Arbeit ist für Marx eine primäre Kategorie in der Charakterisierung des Menschen, gleichzeitig ist sie auch aktiver Kontakt mit der Natur. Er sieht den Menschen als Teil der Natur, mit der er in einer gegenseitigen Wechselwirkung steht. In der Arbeit, wie in der Natur erscheint erstmals die Theorie der Entfremdung. Der Begriff der Entfremdung, der von Hegel geprägt ist, hat Marx in der Geschichte an der Entwicklung des Privateigentums und der Arbeitsteilung festgemacht. In der vorliegenden Arbeit soll geklärt werden, in wie fern der Entfremdungscharakter bei Marx in den Bereichen Natur und Arbeit zu sehen ist. Zunächst beginne ich mit einer Begriffsdefinition, die den Zusammenhang in den darauf folgenden Kapiteln erklären soll.
2. Begriff der Entfremdung
Nach Karl Marx tritt Entfremdung immer dann auf, wenn die Produzenten sich und ihre eigenen Zwecke nicht mehr in ihrem Produkt wieder entdecken können. Zum einen trat Entfremdung dann auf, sobald die Produzenten nicht mehr für ihren Eigenbedarf, sondern für den anonymen Markt produzierten. Dies ist eine Form der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Zum anderen trat Entfremdung auf, sobald die Produzenten nur noch Teilarbeiten an einem Gesamtprodukt erledigten, in dem ein einzelner Teilarbeiter seine eigene Arbeit kaum wieder entdecken kann. Hierbei spricht man von einer betrieblichen Arbeitsteilung. Zu dem tritt Entfremdung im Kapitalismus auf, bei dem die Lohnarbeiter nicht mehr selbstbestimmte, sondern fremd-bestimmte Produzenten sind. Hierbei entscheiden die Kapitalisten, was die Lohnarbeiter zu produzieren haben und unter welchen Bedingungen sie zu arbeiten haben. Allerdings gehört das Arbeitsprodukt den Arbeitsherrn und nicht den Arbeitenden. Da sich das Kapital auf immer weniger Kapitalisten konzentriert werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Kaufkraft sinkt und deshalb kann sich der Lohnarbeiter, das von ihm hergestellte Produkt oft nicht leisten.
3. Das Verhältnis Mensch zur Arbeit
Mit dem Beginn der Produktion von Lebensmitteln beginnt der Mensch indirekt sein materielles Leben selbst zu produzieren. Die Produktion ist abhängig von den vorgefundenen und reproduzierten Lebensmitteln und deren Beschaffenheit. Auch die Reproduktion der physischen Existenz der Individuen ist eine Art der Tätigkeit und Lebensäußerung
2
beziehungsweise Lebensweise. Die Produktion tritt erst mit der Vermehrung der Bevölkerung ein, sie setzt daher einen Verkehr der Individuen untereinander voraus. Die Form dieses Verkehrs ist widerrum durch die Produktion bedingt. 1 Eine bestimmte Produktionsweise oder industrielle Stufe ist stets mit einer bestimmten Weise des Zusammenwirkens oder gesellschaftlichen Stufe vereinigt. Diese Weise ist selbst eine Produktivkraft. Die Geschichte der Menschheit steht im Zusammenhang mit der Geschichte der Industrie und des Austauschs. 2 Es zeigt sich ein materialistischer Zusammenhang der Menschen untereinander, der durch die Bedürfnisse und die Weise der Produktion bedingt ist. Der Zusammenhang der eigenen Geschichte hat sich also stets verändert.
4. Die Entfremdung von der Arbeit
In den ökonomisch-philosophischen Manuskripten ist der entscheidende Kernteil der entfremdeten Arbeit zu finden.„Aus der Nationalökonomie selbst, mit ihren eigenen Worten, haben gezeigt, daß der Arbeiter zur Ware und zur elendsten Ware herabsinkt, dass das Elend des Arbeiters im umgekehrten Verhältnis zur Macht und zur Größe seiner Produktion steht.“ 3 Der Arbeiter wird umso ärmer, je mehr Reichtum er produziert. Er selbst kann sich das Produkt, was er herstellt nicht leisten. Er produziert für den Kapitalisten, der damit umso reicher wird, je mehr der Arbeiter produziert. Der Arbeiter wird um seine Arbeitskraft gebracht und er wird an sich zu einer beliebteren Ware, je mehr Waren er produziert. „Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu.“ 4 Hierbei wird nicht nur die Ware von der eigentlichen Arbeit geschaffen, sondern sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware. Dabei wird die Entfremdung des Produktes deutlich. Die Arbeit wird zum Gegenstand. Der Gegenstand, der produziert wird als fremdes Wesen bezeichnet. Es ist eine vom Produzenten unabhängige Macht. Also ist das Produkt der Arbeit die Arbeit selbst, die sich in diesem Gegenstand befindet. Marx nennt es die Vergegenständlichung der Arbeit. Durch die Verwirklichung der Arbeit kommt es zu einer Vergegenständlichung der Arbeit und gleichzeitig zur Entwirklichung des Arbeiters. Also wird die Vergegenständlichung als ein Verlust des Gegenstandes und die Aneignung als Entfremdung angesehen. Der Arbeiter wird nicht nur der notwendigen Gegenstände beraubt, wie das Leben, sondern auch der Arbeitsgegenstände beraubt. Je mehr Gegenstände der Arbeiter produziert, umso weniger kann er besitzen und umso mehr gerät er dabei unter die Herrschaft seines Produktes, dem Kapital. Der Arbeiter verhält sich gegenüber dem Produkt
1 Vgl. Marx 1971 S.30
2 Vgl. Marx 1971 S. 31
3 Zitat: Marx 1971 S.559
4 Vgl. Marx 1971 S .561
3
bzw. gegenüber dem Gegenstand fremd. Er steckt sein gesamtes Leben in den Gegenstand. dabei verliert der Arbeiter seine innere Welt und der Gegenstand gewinnt an Leben hinzu. Je größer die Tätigkeit des Arbeiters ist, desto gegenstandsloser ist der Arbeiter. Das Produkt existiert auch ohne den Arbeiter und wird ihm gegenüber umso mächtiger und gleichzeitig auch fremd und feindlich. Die Entfremdung als solche tritt nun nicht mehr nur im Resultat, sondern im Akt der Produktion, also innerhalb der produzierenden Tätigkeit selbst auf, da das Produkt nur ein Resümee der Tätigkeit ist. Der Arbeiter fühlt sich nicht nur vom Produkt entfremdet, sondern auch von seiner eigenen Arbeit, da diese nicht mehr auf Freiwilligkeit basiert, sondern auf Zwang. Aus dem Zwang zur Arbeit entlassen, geraten sie in ihrer Freizeit unter den Zwang, die Arbeit zu vergessen, bei Laune und fit zu bleiben für den nächsten Tag. Allerdings sind ihre Vergnügungen von jener Industrie gesteuert, der sie ihr Unbehagen verdanken. Ihre eigenen Bedürfnisse in der Freizeit sind nicht mehr individuell, sondern kommerzialisiert. Die Arbeit an sich ist nicht die Befriedigung seiner Bedürfnisse, es ist nur ein Mittel um seine Bedürfnisse außerhalb der Arbeit zu befriedigen. Der Mensch fühlt sich nicht mehr frei. Er kehrt zu den tierischen Funktionen zurück. Essen, trinken und zeugen sind die Funktionen, die ihn in seiner selbst frei machen. Ohne Arbeit fühlt er sich zum Urzustand zurückgesetzt. 5 Jedoch benötigt er die aufopfernde Arbeit, um nach seinen menschlichen Bedürfnissen zu streben. Der Mensch merkt, dass seine Arbeit, die er verrichtet nur noch als Verlust zu sehen ist. Die Tätigkeit des Arbeiters gehört nicht mehr nur ihm, sondern einem anderen. Er entfremdet sich von seiner selbst. Für Marx ist erst die gesellschaftliche Umwälzung nötig, um die menschliche Selbstentfremdung zu beseitigen. Erst dann könnte die Arbeit ihren Charakter als Selbstverwirklichung des Menschen, als freie schöpferische Tätigkeit zurückgewinnen. Arbeit wird dann wieder zum Bedürfnis, der Mensch findet sich wieder in ihr bestätigt und entwickelt die Vielfalt seiner Sinne und seiner Fähigkeiten. Der Kontakt zu seiner Umwelt wird demnach auch immer reicher. Die entfremdete Arbeit leistet nicht nur die Entfremdung von sich selbst, also von seiner Lebenstätigkeit und der Entfremdung von der Gattung, sondern auch die Entfremdung von der Natur, worauf ich später noch eingehen werde. Der Akt der Entfremdung der praktischen menschlichen Tätigkeit, die Arbeit ist nach zwei Seiten hin zu betrachten. Zum einen das Verhältnis des Arbeiters zum Produkt der Arbeit. Es ist eine fremde ihm feindlich gegenüberstehende Welt, die gleichzusetzen ist mit dem Verhältnis zur sinnlichen Außenwelt. Und zum anderen das Verhältnis der Arbeit zum Akt der Produktion innerhalb der Arbeit, also das Verhältnis vom Arbeiter zur eigenen Tätigkeit. Es ist eine von ihm unabhängige, ihm nicht gehörige
5 Vgl. Marx 1971 S. 565
4
Arbeit zitieren:
Magister Anika Geldner, 2009, Karl Marx und der Entfremdungscharakter in Arbeit und Natur, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Politik - Internationale Politik - Thema: Völkerrecht und Menschenrechte
Seminararbeit, 17 Seiten
Die Vereinbarkeit von Islam und Menschenrecht
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 21 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Referat / Aufsatz (Schule), 5 Seiten
Die Zukunft der Arbeit - Diskussion kontroverser Szenarien
BWL - Personal und Organisation
Diplomarbeit, 57 Seiten
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Hausarbeit, 11 Seiten
Vergleich sozialpolitischer Grundlinien in DDR und BRD
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Referat / Aufsatz (Schule), 4 Seiten
Die Friedliche Revolution 1989 in der DDR - Rahmenbedingungen, Grundzü...
Hauptstrukturen des Untergangs...
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Essay, 12 Seiten
Die Gerechtigkeit und der Utilitarismus
Nicolas Reschers, Bernward Ges...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit, 23 Seiten
Utilitarismus - Über die Theorien von Jeremy Bentham und John Stuart M...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Seminararbeit, 19 Seiten
Weltwirtschaftskrise (1929-33)
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik
Referat / Aufsatz (Schule), 3 Seiten
Kundenzufriedenheit - Bedeutung und Messung
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Studienarbeit, 14 Seiten
Martin Heidegger - Die Frage nach der Technik
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Ausarbeitung, 14 Seiten
Der Utilitarismus als angewandte Ethik
Erweiternde Konzepte des klass...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Seminararbeit, 31 Seiten
Ist die Arbeitsgesellschaft am Ende?
Oder: Erwerbs-Arbeitslosigkeit...
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Die Päpstliche Enzyklika 'Rerum novarum' und ihre Bedeutung fü...
BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik
Wissenschaftlicher Aufsatz, 14 Seiten
Die Frage nach der Technik bei Martin Heidegger
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit, 17 Seiten
Aspekte konzeptioneller Mündlichkeit in der Chat-Kommunikation
Hausarbeit, 30 Seiten
Anika Geldner's Text Karl Marx und der Entfremdungscharakter in Arbeit und Natur ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anika Geldner hat den Text Karl Marx und der Entfremdungscharakter in Arbeit und Natur veröffentlicht
Anika Geldner hat einen neuen Text hochgeladen
Karl Marx on Society and Social Change: With Selections by Friedrich E...
Karl Marx, Neil J. Smelser
German Socialist Philosophy: Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Friedrich En...
Wolfgang Schirmacher, Karl Marx, Ludwig Fuerbach
Dispatches for the New York Tribune: Selected Journalism of Karl Marx
Karl Marx, Francis Wheen, James Ledbetter
0 Kommentare