Inhalt:
1. Das Erdbeben in Lissabon und die darauffolgende Diskussion 3
2. Das Theodizee-Motiv in Kleists „Erdbeben in Chili 4
2.1. Die verschiedenen Deutungen des Erdbebens 4
2.1.1. Die Errettung der Liebenden 4
2.1.2. Das Strafgericht Gottes. 6
2.2. Die ironische Verkehrung religiöser Motive. 7
2.3. Die Uninterpretierbarkeit Gottes und der Welt. 8
3. Ausblick: Der Zufall als alternatives Handlungsmodell 10
4. Literaturverzeichnis: 11
Primärliteratur: 11
Sekundärliteratur: 11
2
1. Das Erdbeben in Lissabon und die darauffolgende Diskussion
Das Erdbeben, das Kleist zum Gegenstand seiner Erzählung „Das Erdbeben in Chili” macht, fand im Jahr 1647 tatsächlich statt. Allerdings weicht Kleist in seiner Darstellung in einigen Punkten von den historischen Ereignissen in Santiago ab. Beispielsweise verlegt er das Beben von der Nacht auf den Tag. 1
Zudem bleibt Kleist in der Beschreibung der Stadt eher vage, so dass der Schauplatz der Katastrophe beinahe austauschbar wirkt.
Dies legt die Vermutung nahe, Kleist beziehe sich weniger auf die Katastrophe in Chile als vielmehr auf jenes Erdbeben in Lissabon, das 1755 nicht nur die Erde, sondern auch das Welt-und Gottesbild des 18. Jahrhunderts erschütterte. Der Glaube an einen guten Schöpfer und eine sinnvolle Weltordnung wurde dadurch massiv in Frage gestellt:
Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen mußte, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen. Vergebens suchte das junge Gemüt sich gegen diese Eindrücke herzustellen, welches überhaupt um so weniger möglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich über die Art, wie man ein solches Phänomen anzusehen habe, nicht
2 vereinigen konnten, schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit.”
So wurde das vor allem von Leibniz vertretene Konzept der prästabilierten Harmonie, dem zu Folge unsere von Gott geschaffene Welt die beste aller möglichen Welten sei unter anderem von Voltaire in seinem „Poème sur le désastre de Lisbonne“ in Frage gestellt. Kant hingegen betont die Ambivalenz des Erdbebens, während Rousseau die Zivilisation für die Katastrophe verantwortlich macht, womit nur einige Thesen des philosophischen Diskurses angedeutet werden sollen. 3
Auch Kleists Erzählung kann unter anderem als Reaktion auf den Theodizeediskurs des 18. Jahrhunderts betrachtet werden.
Im Folgenden soll das Motiv der Theodizee in der Erzählung näher untersucht werden. Dabei soll zunächst auf die unterschiedliche Sichtweise der Figuren, auf die Verwendung religiöser Motive und schließlich die Uninterpretierbarkeit Gottes und der Welt eingegangen werden. Am Ende wird dem Modell der göttlichen Vorsehung das Prinzip des Zufalls entgegengestellt.
1 Vgl.: Hartmut Kircher: Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili, Die Marquise von O... Interpretation. München 1992. S. 9.
2 Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Herausgegeben von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Band 1. Berlin 1970. S. 29.
3 Vgl.: Kircher 1992: S. 11-19.
3
2. Das Theodizee-Motiv in Kleists „Erdbeben in Chili”
2.1. Die verschiedenen Deutungen des Erdbebens
2.1.1. Die Errettung der Liebenden
Das Erdbeben, jene doch so erschreckende Katastrophe, scheint für die beiden Hauptfiguren der Erzählung zunächst einmal nur positive Folgen zu haben. Beispielsweise wird Jeronimo durch das Beben nicht nur vom Selbstmord abgehalten:
Und gleich als ob sein ganzes Bewußtsein zerschmettert worden wäre, hielt er sich jetzt an dem Pfeiler, an welchem er hatte sterben wollen, um nicht umzufallen. 4 Er kann auch durch eine „Öffnung [...], die der Zusammenschlag beider Häuser in die vordere Wand des Gefängnisses eingerissen” (S. 53) hat, aus seiner Zelle entfliehen. Nachdem er aus der Stadt entkommt, schickt er sich an, „Gott für seine wunderbare Errettung zu danken” (S. 54), bereut allerdings dieses Gebet gleich darauf, als er an Josephe und deren vermeintliches Schicksal denkt. „Fürchterlich” (S. 54) erscheint ihm nun „das Wesen, das über den Wolken waltet”. (S. 54) Wenig später jedoch findet er die Geliebte wieder. Sein Ausruf „O Mutter Gottes, du Heilige!” (S. 55) legt nun eine Rückkehr zur vorigen Dankbarkeit nahe.
Jeronimos Gottesbild schwankt je nach Situation zwischen dem eines grausamen Rächers und dem eines fürsorglichen Helfers. 5
Dass das Erdbeben von diesem Gott persönlich gesandt wurde, zweifelt er jedoch nicht an. 6 Auch Josephe scheint von göttlichen Mächten beschützt, denn als sie ihr Kind aus dem zusammenbrechenden Kloster rettet, bleibt sie unversehrt, „als ob alle Engel des Himmels sie umschirmten”. (S. 56) Zwar zeigt das „als ob” bereits an dieser Stelle, wie zweifelhaft der Eindruck der göttlichen Rettung in Wirklichkeit ist, doch der folgende Abschnitt scheint das göttliche Eingreifen noch zu bestätigen. Josephe sieht nun alle Instanzen, die zu ihrem Unglück beigetragen haben, vernichtet. So wird die „Leiche des Erzbischofs” (S. 56) „zerschmettert aus dem Schutt der Kathedrale hervorgezogen” (S. 56), der „Palast des Vizekönigs” (S. 56) und das „väterliche[...] Haus” (S. 56) werden zerstört und „der Gerichtshof, in welchem ihr das Urteil gesprochen worden war” (S. 56) steht „in Flammen”. (S. 56)
Obwohl im Text selbst an dieser Stelle keine Interpretation von Seiten des Erzählers zu finden ist, legt die antithetische Anordnung von Josephes Rettung und der unmittelbar darauffolgenden Vernichtung der Strafinstanzen doch zumindest die Vermutung nahe, dass es sich bei Letzterer wohl um ein Gottesurteil handelt. 7
4 Heinrich von Kleist: Die Marquise von O..., Das Erdbeben in Chili. Stuttgart 1997. S. 53. Es wird nach dieser Ausgabe zitiert, die Seitenangaben im Text beziehen sich auf die obengenannte Ausgabe.
5 Vgl.: Suzan Bacher: Lektürehilfen Heinrich von Kleist: "Die Marquise von O...", "Das Erdbeben in Chili". Stuttgart 1990. S. 89.
6 Ebd.
7 Ebd.
4
Arbeit zitieren:
2001, Das Theodizee-Motiv in Kleists Erzählung "Das Erdbeben in Chili", München, GRIN Verlag GmbH
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