MEHRENS - DER BÖSE VERDACHT, DASS ES OHNE GOTT NICHT GEHT SEITE 2 Materie, Atom, Kraft, Masse, Molekül wie Sie, und dass mir meine Existenz das Recht gibt, zu tun, was ich will. [...] Die Freiheit ist der Mut zum Verbrechen, weil sie selbst ein Verbrechen ist." Der Mensch, glaubt Emmenberger, sei gemessen an den Weiten des Universums nur Augenblick und Zufall, heilig sei nur die Materie. Alles sei austauschbar und gleichgültig, ob etwas existiere oder etwas anderes an seiner Stelle. Freiheiten würden nicht gegeben, man müsse sie sich nehmen. Denn es sei Unsinn an etwas anderes zu glauben als an das Ich als Teil der Materie. Der intensivste Augenblick, der einem Menschen in solcher Freiheit möglich sei, "gleich ungeheuer wie die Materie", sei es, zu foltern und zu töten, denn "wenn ich mich außerhalb jeder Menschenordnung stelle", laut Emmenberger eine Ordnung, die nur durch Schwäche errichtet worden ist, "werde ich frei, werde ich nichts als ein Augenblick, aber was für ein Augenblick!" (Zitat aus dem Kapitel "Die Uhr"). Exemplarisch will Emmenberger diese triumphale Freiheit an einem weiteren Opfer demonstrieren: an Bärlach. Als Deus ex Machina erscheint der Hüne Gulliver, ein exzentrischer KZ-Überlebender ohne festen Wohnsitz. Er befreit Bärlach aus seiner Notlage und teilt eher beiläufig mit, dass er Emmenberger gezwungen habe, eine Giftkapsel zu nehmen.
Wie in den meisten seiner Theaterstücke geht es Dürrenmatt auch in diesem Pseudo-Kriminalroman nicht um psychologischen Realismus. Bärlachs dilettantische Einschleusaktion ohne Rückversicherung wirkt ebenso wenig schlüssig und durchdacht wie der Mord an dem Journalisten Fortschig durch einen Zwerg, der übrigens erst in Emmenbergers Diensten steht und sich am Ende urplötzlich als Gullivers bester Gefährte aus gemeinsamen KZ-Zeiten erweist (eine Konstruktion, die eher in eine der Dürrenmatt-Komödien gepasst hätte). Die Krimihandlung ist eher Vehikel für philosophisch-moralische Betrachtungen wie die oben kurz umrissenen als Garant für Spannung. Die kommt hier lediglich am Schluss auf, als Bärlach in einer langen Nacht der Operation ohne Narkose entgegenblickt, die ihm der verbrecherische Arzt am
MEHRENS - DER BÖSE VERDACHT, DASS ES OHNE GOTT NICHT GEHT SEITE 3 Vorabend perfide in Aussicht gestellt hat.
Der eher eindimensionale Plot (Verdacht - Einlieferung - Enthüllung), für den es eine 30-seitige Kurzgeschichte auch getan hätte, ist kaum der Rede wert. Wirklich mitreißend ist dagegen Emmenbergers Herausforderung an uns alle: "Zeigen Sie mir Ihren Glauben!", fordert der Schwerverbrecher den Kommissär auf und weiß, dass er damit einen wunden Punkt berührt hat: "Man liebt es heute zu schweigen, wenn man gefragt wird, wie ein Mädchen, dem man eine peinliche Frage stellt. Man weiß ja auch nicht recht, woran man eigentlich glaubt [...]." Der Verdacht, 1951 erschienen, ist also im Kern eine philosophisch-theologische Reflexion des Schweizer Autors, vielleicht kein Plädoyer für ein Festhalten am überlieferten Glauben - dafür erscheint Bärlach, der Held, als zu passiv und theologisch standpunktlos -, aber doch ein großes Zweifeln an der Angemessenheit des materialistischen Weltbildes. Dürrenmatt exemplifiziert das Dilemma der Moderne am Eingang zur Postmoderne: kein Gott, kein Ethos. Ein buchstäblich böser Verdacht, den er da äußert. Hegel, Kant, Marx, Nietzsche, Freuddie namhaften Philosophen der Aufklärung und der Moderne haben viele Modelle entworfen, haben mitunter die tradierten ethischen Normen auch auf den Kopf gestellt. (Der verbrecherische KZ-Arzt steht mit seinem Nihilismus markant in der Tradition Nietzsches.) Aber woran soll man sich halten zum rechten Verhalten? Auch an Dürrenmatts Zeitgenossen, den Existenzialisten Camus und Sartre, nagten diese Fragen. In einer Zeit, da an tragfähigen philosophischen Antworten auf die Frage eines Weltethos mit Recht gezweifelt werden konnte - Stalin hatte den Marxismus nachhaltig diskreditiert und wer noch in den Sechzigern an marxistische Welterlösungsmodelle glaubte, trägt heute eine Narrenkappe -, kam die Frage zur rechten Zeit. Der Sohn eines protestantischen Pfarrers legt den Finger in die Wunde und fragt: Schaffen wir es wirklich aus eigener Kraft oder sind Hitler und Stalin Ausgeburten einer Hölle, die wir Menschen selbst uns erschaffen, wenn wir die moralische Integrität und Autorität des
MEHRENS - DER BÖSE VERDACHT, DASS ES OHNE GOTT NICHT GEHT SEITE 4 Gottes unserer abendländischen Offenbarungsreligion auf dem Altar der eigenen Prätentionen opfern? Wer bei dieser Schlüsselfrage so schwach, so sprachlos bleibt wie Bärlach, der hat, vor allem diesen Verdacht nährt Dürrenmatts Buch, den Emmenbergers dieser Welt weiß Gott wenig entgegenzusetzen.
Auch in seinem gut zehn Jahre später (1962) erschienenen Zweiakter Die Physiker geht es um Fragen der Moral in einer zerbrechlichen Welt, der Welt der Atommächte in Ost und West. Und auch hier schaltet Dürrenmatt das Thema Religion ein. Zwei vermeintlich verrückte Physiker haben sich im Auftrag zweier rivalisierender Mächte, einer totalitären und einer, die sich der Freiheit verschrieben hat (unschwer lassen sich die beiden Antipoden des Kalten Krieges ausmachen), in eine Irrenanstalt schleusen lassen, um einen dritten Physiker, Möbius, der als Patient schon viele Jahre in der Anstalt zugebracht hat, für ihre Seite zu gewinnen. Denn Möbius, in Wahrheit das größte Genie aller Zeiten, ist der Erfinder der „Weltformel“. Damit ihre Tarnung nicht auffliegt, ermorden die beiden Physiker-Geheimagenten nacheinander je eine Krankenschwester. Der erste Akt endet mit dem Tod einer dritten Betreuerin. Diesmal ist Möbius der Mörder. Schwester Monika hat sich in Möbius verliebt und will mit ihm in ein neues Leben fliehen. Da das den Ruin der Menschheit bedeuten würde (in wüsten Visionen, die ihm angeblich König Salomo einhaucht, beschreibt der "Verrückte" im ersten Akt seiner Frau und seinen Kindern, die einem Missionar ins Ausland folgen wollen, die Zerstörung des Sonnensystems), muss Monika sterben. Im zweiten und letzten Akt enthüllen Einstein und Newton ihre Identitäten und offenbaren ihm ihre wahren Ziele. Möbius kann schließlich beide davon überzeugen, dass sie zum Schutze der Menschheit weiterhin abgeschirmt in der Anstalt leben müssen: "Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich [...]. Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit." Am Ende enthüllt sich, dass
Arbeit zitieren:
Dr. Dietmar Mehrens, 2009, Der böse Verdacht, dass es ohne Gott nicht geht - Eine Betrachtung zu Friedrich Dürrenmatts "Der Verdacht" und "Die Physiker" , München, GRIN Verlag GmbH
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