Technische Universität Dresden Wintersemester 1998/99 Institut für Soziologie Lehrstuhl für Kultursoziologie
Hauptseminar: Gott ist tot - Nietzsche und die Folgen
Hausarbeit: Nietzsche und Schopenhauer - Ein Vergleich des Willensbegriffs hinsichtlich seiner unterschiedlichen Konsequenzen
Uwe Liskowsky
1
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. Seite 3
2. Der Weg zur Wahrheit. Seite 4
3. Zur Darlegung des Willensbegriffs bei Schopenhauer. Seite 6
4. Zur Darlegung des Willensbegriffs bei Nietzsche. Seite 8
5. Weiterführende Betrachtungen zur Willensproblematik. Seite 9
6. Zum Wiederkunftsgedanken bei Nietzsche. Seite 13
7. Der Gedanke der Ewigen Gerechtigkeit bei Schopenhauer. Seite 15
8. Zusammenfassende Betrachtungen. Seite 17
Literaturverzeichnis. Seite 19
2
1. Einleitung
Der Inhalt meiner Hausarbeit ist die Vorstellung und darüber hinaus die Gegenüberstellung der philosophischen Ansätze von Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer. Sicherlich kann ich innerhalb dieser Arbeit keine umfassende Darlegung beider Philosophien geben. Allerdings werde ich versuchen, über die Definition des Willens die Frage nach der Ewigen Wiederkehr bei Nietzsche sowie die der Ewigen Gerechtigkeit (Erlösung) bei Schopenhauer zusammenhängend zu erklären.
Arthur Schopenhauer wurde 1788 geboren und lebte bis 1860. Sein Vater war ein Danziger Großkaufmann. Schopenhauer kam also aus durchaus guten Verhältnissen. Zu seiner Mutter hatte er zeit seines Lebens ein schlechtes Verhältnis. Diese Streitigkeiten trugen sicher mit dazu bei, dass Schopenhauer generell nicht das beste Verhältnis zu Frauen entwickeln konnte. Überhaupt kann man festhalten, daß seine Eltern einen großen Einfluss auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit, vor allem aber auf die seiner Philosophie hatten. Ein leidenschaftlicher Wille und ein wacher Intellekt auf der einen Seite sowie ein tiefer Blick für das Schöne der Natur, aber auch für das Leiden der Kreatur andererseits bildeten die Gegensätze in seinem Charakter (vgl. Störig, S. 509).
Friedrich Nietzsche lebte von 1844 bis 1900. Auch Nietzsche wurde sehr von seiner Umgebung geprägt. Da sein Vater zeitig starb, wuchs er als einziger Mann in einem durchweg weiblichen, protestantischen Umfeld auf. Ähnlich wie Schopenhauer konnte sich Nietzsche nie entschließen, seine Zeit mit einer Frau zu teilen. „Ein verheirateter Philosoph gehört in die Komödie“ (Weischedel, S.257) nahm er kurz dazu Stellung. Die Bekanntschaft mit Richard Wagner bzw. der Bruch mit ihm, hinterließ eine große Ablehnung gegen die lebensverneinenden Ideale des Christentums. Nietzsche wurde zuweilen auch der „Philosoph mit dem Hammer“ genannt, da er rücksichtslos alte, als falsch erkannte Werte zertrümmerte, aber gleichzeitig auch neue Ideale aufrichtete.
3
2. Der Weg zur Wahrheit
In meinen Augen ist der Inhalt der Philosophie die Suche nach dem Wesen der Wahrheit. Jede Epoche ist besonderen Kennzeichen unterworfen und die Voraussetzung zur Suche dieser Wahrheit gestaltet sich unter ständig ändernden, objektiven Vorzeichen. Das Wesen der Wahrheit ist also der Prozess der Geschichte und eine menschenimmanente Art der Kraft, die ich an dieser Stelle nicht weiter erläutern kann.
Die Frage nach der Wahrheit, sozusagen die Basis meiner Hausarbeit, beantwortet Nietzsche wie Heraklit mit der Unbeständigkeit des Wirklichen (vgl. Picht, S. 247). Die Entwicklung sei der Kampf der Gegensätze - es kann kein dauerhaftes Übergewicht einer Kraft geben. „Aus dem Krieg des Entgegengesetzten entsteht alles Werden.“ (Picht, S. 247). Man kann laut Nietzsche nicht von einem beständigen Sein sprechen, denn ebendieses Sein ist nur momentan und als solches in seinem Bestand bloße Fiktion. Die beiden Triebkräfte des Prozesses der ewig fließenden Zeit (dem Wachstum) veranschaulicht Nietzsche am Beispiel der Kunst durch seine bedeutenden Prinzipien des Seins: dem Apollinischen und dem Dionysischen. Das Apollinische versteht sich als das Maß und die Ordnung, welche im ständigen Ringen mit dem Dionysischen, dem Prinzip der Zerstörung bzw. der schöpferischen Mächtigkeit ist. Sie sind beide Grundmächte der Natur, wobei Apollo die Weißheit des Scheines und Dionysos das verstreichende Kontinuum in seiner grenzenlosen Wandelbarkeit verkörpert. Nietzsche misst im Bezug auf das Dionysische dem Schein eine besondere Bedeutung bei. Er erkennt in der Erscheinung, in dem Irrtum die Lösung des Widerspruches zwischen den beiden Prinzipien. Durch die unwirkliche Welt des Irrtums entsteht im Menschen das Bewusstsein, das den Glauben an das Beharrende hervorruft. Hierbei wird das erste Mal die Verwandtschaft mit Schopenhauer deutlich. Dieser versteht, in Anlehnung an Kant, die Welt bzw. die Wirklichkeit als Wille und Vorstellung. Alle Dinge, die in unserer Welt wahrgenommen werden, sind bloße Erscheinungen. Das Bild, welches wir von bestimmten Objekten in unserer Umgebung haben, geht auf unsere Vorstellungskraft zurück. Was allerdings das „wahre“ Wesen der Objekte ist, bleibt uns verborgen und deren Erklärung kann nur aus dem Reich der Metaphysik kommen. Kant nennt dieses Wesen das „Ding an sich“. Für Schopenhauer ist es der Wille - der Wille zum Leben. Nietzsche erkennt die reale Welt der lebendigen Wesen als Irrtum, der aber
4
durch den apollinischen und dionysischen Willen, in deren Auseinandersetzung, in eine neue Daseins-Form mündet. Die hervorbringende Macht des Scheines, der realen Welt ist die ursprüngliche Kunstgewalt des Apollinischen. Dies allerdings steht im Widerspruch zum Fluss der Zeit, der Wahrheit (vgl. Picht, S. 233). Das Vergehen und das Werden ist also das Wesen der Zeit und in der Wahrheit tritt das Wesen des Seins zu Tage, die Erkenntnis. Allerdings wird der Wille zu dieser Wahrheit nie dauerhaft sein, da nur die imaginäre Gegenwelt zum absoluten Fluss als dauerhaft angesehen werden kann - dauerhaft ist also nur der Schein. Eine derart abstrakte Darstellung ist nötig, um zu verdeutlichen, dass die Geschichte ein Prozess ist, der immer neue Wahrheiten produziert. Diese Wahrheiten beruhen aber eben nicht auf „dingbaren“ Gesetzen, sondern sind immer metaphysischer Natur. Generell kann man aber festhalten, dass die gesamte Philosophie von Nietzsche, die Suche nach Wahrheit, einen Prozesscharakter aufweist. Wobei Wahrheit kein Schatz ist, der gefunden werden muss, der also schon da ist, sondern eine endlose Suche nach dem Wesen der Welt. Diese Suche ist für meine Hausarbeit von besonderer Bedeutung, da sie als eine Wiederkehr zu verstehen ist, die eine Entwicklung zum Unbekannten in sich birgt und eben keine Reproduktion bedeuten soll. Was für Schopenhauer die Suche nach der Erlösung darstellt, ist für Nietzsche die Klärung der Frage nach der Wahrheit durch die ewige Wiederkehr. Durch diese Entwicklung soll der Schein in ein Sein verwandelt werden - der Irrtum wird negiert. „Sowie man aber diesen wahrhaften Schein, ohne den kein Leben möglich ist, absolut setzt, ihn für >ewig< ausgibt und als >Sein< bezeichnet, verwandelt der wahrhafte Schein sich in den Irrtum, und der processus in infinitum, welcher das Leben ausmacht, wird negiert.“ (Picht, S. 295). Die Wahrheit versteht sich daraufhin als ein Wille der Überwältigung des Irrtums, der aber nur dann eine neue wahre Ordnung schaffen kann, wenn er eben diese Ordnung als Schein durchschaut. Somit schreitet die Entwicklung nicht nur einfach fort, sondern sie wächst über sich hinaus - sie überwindet sich selbst. Nietzsche veranschaulicht diesen Gedanken im Zarathustra „auf See“ sozusagen. „... euch den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird: - denn nicht wollt mit feiger Hand einen Faden nachtasten; und, wo ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen - euch allein erzähle ich das Räthsel, das ich sah, - das Gesicht des Einsamsten.“ (KGW, VI 1, 193). Nietzsche vergleicht hierbei Philosophen mit Schiffsleuten, die Ewig-Suchende sind. Die Wahrheit ist zu schaffen - der Entwurf
5
Arbeit zitieren:
Uwe Liskowsky, 1999, Nietzsche und Schopenhauer - Ein Vergleich des Willensbegriffs hinsichtlich seiner unterschiedlichen Konsequenzen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Catulls Carmen 4, Analyse und Interpretation im Vergleich zu Vergils C...
Klassische Philologie - Latinistik - Literatur
Hausarbeit, 23 Seiten
Textsortenanalyse: Kommentar. Eine Analyse eines Kommentars aus der BI...
Hausarbeit, 20 Seiten
Die Lehren Gurnemanz und die Folgen für Parzivals weiteren Weg
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Aspekte der Autorschaft in der Kurzprosa Thomas Manns und in Benns Red...
Seminararbeit, 29 Seiten
Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann - Eine Charakterstudie der Pro...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Das IV. Buch der "Metaphysik" des Aristoteles: Der Satz vom ...
Philosophie - Philosophie der Antike
Hausarbeit, 13 Seiten
„Von den drei Verwandlungen“ des Zarathrustra und "Der kleine Her...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 18 Seiten
Die Wirkung des Ästhetischen bei Nietzsche und Schopenhauer im Verglei...
Die Geburt der Tragödie aus de...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit, 13 Seiten
Figurendarstellung und Figurenentwicklung im "Kleinen Herr Friede...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 17 Seiten
Rechtliche Aspekte in der "Medea" des Euripides, Ovid und Se...
Interpretation der Verse 430–5...
Klassische Philologie - Latinistik - Literatur
Seminararbeit, 30 Seiten
Einflüsse Nietzsches und Wagners auf Thomas Manns "Tod in Venedig...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 33 Seiten
Der Kunstbegriff in Nietzsches "Die Geburt der Tragödie aus dem ...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hausarbeit, 18 Seiten
Der Pessimismus und die Möglichkeiten seiner Überwindung in Friedrich ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 22 Seiten
Die Philosophie Friedrich Nietzsches
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Zwischenprüfungsarbeit, 21 Seiten
Ovids 10. Heroidenbrief im Spiegel der Gattung
Klassische Philologie - Latinistik - Literatur
Seminararbeit, 22 Seiten
Aeneadum genetrix - Der Venus-Hymnus des Lukrez
Interpretation von Lukrez, De ...
Klassische Philologie - Latinistik - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Uwe Liskowsky's Text Nietzsche und Schopenhauer - Ein Vergleich des Willensbegriffs hinsichtlich seiner unterschiedlichen Konsequenzen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Uwe Liskowsky hat den Text Nietzsche und Schopenhauer - Ein Vergleich des Willensbegriffs hinsichtlich seiner unterschiedlichen Konsequenzen veröffentlicht
Uwe Liskowsky hat einen neuen Text hochgeladen
Vergleichende Untersuchungen zum Feuchte- und Wärmeverhalten in unters...
Matus Joscak, Walter Sonderegger, Peter Niemz
Gott hat uns seine Welt geschenkt
Mit Kindern die Wunder der Sch...
Ilse Jüntschke, Dorothea Layer-Stahl, Marianne Deußen
Das Gesetz und seine visuellen Folgen / La loi et ses conséquences vis...
Ein interdisziplinäres Forschu...
Ruedi Baur
German Philosophers: Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche
Roger Scruton, Peter Singer, Christopher Janaway
0 Kommentare