Wie sich die Staaten im Bezug auf Tugend und Glücksseligkeit untereinander verhalten, so verhalten sich auch die Menschen untereinander. Das tyrannisch gesinnte Individuum entspricht also durch dieses Ähnlichkeitsverhältnis dem tyrannischen regierten Staat. Ebenso auch in umgekehrter Reihenfolge. Wenn die Gesamtheit im tyrannisch regierten Staat durch Ungerechtigkeit, Begierden und Heuchelei geknechtet wird, dann ist auch die im Bann der Tyrannei befindliche Seele des Individuums geknechtet, da sie voller Unruhe, Reue und Furcht ist und das am wenigsten tut, welches sie im tiefsten Grunde will. Daraus schlussfolgert PLATON, dass ein tyrannisch gesinntes Individuum unglücklich ist. Durch das Ähnlichkeitsverhältnis zwischen Staat und Individuum, welches er voraussetzt, ist auch die staatliche Gesellschaft demzufolge unglücklich. Für PLATON steht das Glück des Einzelnen in Wechselwirkung mit der Gesellschaft. Eine glückliche Gesellschaft ist Voraussetzung und gleichzeitig Wirkung.
Doch PLATON geht in seiner Argumentation noch weiter. Da die Tyrannei eine unrechtmäßige Herrschaft über eine große Menge darstellt, welche den Tyrann nicht in vollem Maße unterstützt, ist der Tyrann durch Furcht genötigt unmoralisch zu handeln und sich permanent selbst zu behaupten. Daraus schlussfolgert PLATON letztendlich, dass der Tyrann der unglücklichste Mensch ist, da er aus diesem Grunde heraus kein gutes, tugendhaftes Leben führen kann. Stattdessen ist er gezwungen ungerecht, freudlos sowie unweise zu handeln, um seine Gewaltherrschaft zu sichern und kann somit nicht dem Willen seiner Seele folgen. Für PLATON ist also der Königliche der sittlich beste und somit auch am glückseligsten während für ihn der Tyrann am unglückseligsten ist.
Im Großen und Ganzen kann man PLATON in seiner Argumentation zustimmen und man kann auch seine Auffassung, dass der Einzelne und die Gesellschaft in einem tyrannisch regierten Staat unglücklich sind, durchaus vertreten. Jedoch ist man als angehender Philosoph gezwungen seine Argumentation nochmals kritisch zu überprüfen und zu hinterfragen. PLATON schlussfolgert auf dem Ähnlichkeitsverhältnis basierend, wonach sich die Menschen untereinander in Bezug auf Tugend und Glücksseligkeit untereinander ebenso verhalten wie sich Staaten in Bezug auf Tugend und Glückseligkeit verhalten. Demzufolge ist das tyrannisch gesinnte Individuum zum selben Schicksal der Unglücksseligkeit verdammt wie ein tyrannischer Staat. Und so ist nach der Auffassung PLATONs auch das tyrannisch gesinnte Indivi- duum ebenso wie der tyrannische Staat geknechtet.
Arbeit zitieren:
André Schmidt, 2004, Vom Unglück des Einzelnen und der Gesellschaft in einem tyrannisch regierten Staat , München, GRIN Verlag GmbH
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