keine Schwatzkunst, sondern eine Kunst des problembezogen Diskutierens ist, welche
mit Lösungsansätzen arbeitet.
ARISTOTELES wäre nicht er selbst, wenn er diese Theorie nur allgemein aufstellen
würde, denn für ihn lassen sich seine Behauptungen auch bis ins Einzelne verfolgen. So
nennt er viele Beispiele von Tugenden, wobei die Gerechtigkeit, welche einen doppelten Sinn hat, für ARISTOTELES eine größere Bedeutung besitzt. So bildet der Mut die
Mitte zwischen den beiden Affekten Furcht und Zuversicht. Tollkühnheit ist das Übermaß an Zuversicht und Feigheit der Mangel. Mäßigkeit bildet die Mitte zwischen
Zuchtlosigkeit und Unmäßigkeit, Freigiebigkeit wiederum zwischen Verschwendung
und Geiz. An dieser Stelle definiert ARISTOTELES diese Begriffe klar aus und grenzt sie
auch klar von einander ab. Durch die Operation von Begriffstripeln, die gegenseitig in
Verbindung gesetzt werden, wird der dialektische Zugang zu diesem Thema deutlich.
Für ARISTOTELES gibt es somit drei Eigenschaften. Es existieren zwei Extreme, wovon eins am Übermaß leidet und das andere am Mangel sowie die Mitte selbst. Er setzt
diese drei Eigenschaften in eine gegensätzliche Beziehung untereinander. Die Extreme
sind der Gegensatz zur Mitte wie die Mitte ein Gegensatz zu den beiden Extremen ist.
Darüber hinaus ist aber für ihn auch die jeweilige Mitte im Vergleich zum Mangel ein
Übermaß und im Vergleich zum Übermaß ein Mangel, egal ob Affekt oder Handlung.
So erscheint der Mutige gegenüber dem Feigling als tollkühn und gegenüber dem Tollkühnen als feige. Obwohl sich alle drei Eigenschaften einander entgegengesetzt sind,
stehen sich die beiden Extreme am meisten entgegen. Hinzu kommt auch, dass sich
zwischen manchen Extremen und der Mitte eine gewisse Ähnlichkeit abzeichnen kann.
Das zu der Mitte einmal der Mangel und einmal das Übermaß den größten Gegensatz
bildet wie beim Mut die Feigheit und nicht die Tollkühnheit, führt ARISTOTELES auf
zwei folgende Ursachen zurück. Die eine liegt in der Natur der Sache selbst, weil das
eine Extrem der Mitte näher und sachlich ähnlicher ist und die andere in uns Menschen,
da uns das, welchem wir von Natur aus mehr zugeneigt sind mehr der Mitte entgegengesetzt erscheint. Für ARISTOTELES neigt der Mensch von Hause aus mehr zur Lust,
weshalb er leichter den Weg der Zuchtlosigkeit als den der Wohlanständigkeit betritt,
d.h., dass die Seite, welcher wir leichter zuneigen, wir auch als stärkeren Gegensatz der
Mitte entgegensetzen.
Für ARISTOTELES ist es als Mensch schwer sittlich tugendhaft zu sein, da es ein bestimmtes Maß an Wissen bedarf, um in jeder Sache die richtige Mitte finden zu können.
Dieses jedoch macht für ihn das Gute so selten und so lobenswert. Um die richtige Mitte
finden zu können, muss man sich vor allem von dem stärkeren Gegensatz, welchen wir
innerlich eher zuneigen, lösen. Hierin liegt für ARISTOTELES eine besondere Schwierigkeit, da die Menschen in diesem Punkt sehr individuelle Neigungen haben. Jedoch besteht für ihn eine besonders ausgeprägte Neigung der Menschen zur Lust oder Unlust.
Da für ARISTOTELES Extreme immer falsch sind, rät er, sich so weit wie möglich von
den beiden Extremen zu entfernen, um auf diese Weise sich der Mitte anzunähern. Dies
ist das einfache theoretisch-dialektische Verfahren, welches ARISTOTELES anbietet, damit man nach Möglichkeit die richtige Mitte finden kann. Jedoch ist es für ihn durchaus
menschlich und verzeihlich, wenn man das rechte Maß im geringen Rahmen verfehlt,
solange man sich nur bemüht. Wer allerdings dieses rechte Maß bei Weitem verfehlt,
der hat Tadel verdient, weil dieser in der Gesellschaft auffällt.
Gerade in diesem gesellschaftlichen Schnittpunkt sieht ARISTOTELES die Möglichkeiten und Grenzen für eine Bewertung des richtigen Maßes sowie dessen akzeptablen
Abweichen davon, da für ihn in der Tugend und Tüchtigkeit des bürgerlichen Lebens
die eigentliche Bestimmung des menschlichen Glücks liegt. So nimmt er schon am Anfang seines Werks vorweg, dass der Begriff „für sich allein genügend“ nicht im Sinne
eines von allen Bindungen gelösten Ich - beschränktem Leben zu verstehen ist, sondern
als etwas, das für sich genommen das Leben begehrenswert macht und keinen Mangel
offen lässt. Nicht das Leben eines autarken Einzelgängers, sondern nur ein Mensch in
einem gesunden sozialen Umfeld mit Familie, Freunden und Mitbürgern erfüllt nach
ARISTOTELES die Voraussetzungen, um glücklich werden zu können, da der Mensch
von Natur aus für die Gemeinschaft bestimmt ist, denn bekanntlich endet zum Beispiel
die eigene Freiheit genau da, wo die des anderen anfängt.
Aus diesem Grund bedarf es in jeder Lebenslage zum Aufbau und Schutz eines sozialen Umfeldes für ARISTOTELES der Wahl der richtigen Mitte zwischen zwei Extremen, weil der Mensch diesen sozialen Umgang benötigt, damit dieser durch miteinander
Reden und einander Korrigieren seine Fähigkeiten und Eigenschaften verbessern und
somit sich auch selbst verwirklichen kann. ARISTOTELES´ Konzept der Glückseligkeit
als tätige Verwirklichung der Vernunft kann es also nur in einer politischen Gemeinschaft der Freien und Bürger, als zoon politikon in der vollen Entfaltung der Polis geben, welche von der Theorie der richtigen Mitte entscheidend mitgeprägt ist.
Durch die Wahl des rechten Maßes kann man nach ARISTOTELES im Sinne der Güte
und Menschlichkeit die Fähigkeit erreichen ein glückseliges Leben zu führen, welches
von Freigebigkeit sowie Mildtätigkeit gekennzeichnet ist. Man entgeht zum Beispiel der
Arbeit zitieren:
André Schmidt, 2004, Aristoteles' dialektische Theorie der "Mitte", München, GRIN Verlag GmbH
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