Inhalt
Phil Jutzis „Berlin Alexanderplatz“(D. 1931): Ein Blick ins Herz von Berlin 3
Angaben zum Film. 6
Literatur 7
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Phil Jutzis „Berlin Alexanderplatz“(D. 1931): Ein Blick ins Herz von Berlin
„Gezeigt werden soll, dass und wie Alt und Neu, Kleinbürgerglück und Mädchenmörder, Hinterhaus und Wolkenkratzer in der Welt des Alexanderplatzes beisammen leben. Gezeigt werden soll ein kleiner Teil dieses Planeten, der aufgewühlt und umgebuddelt wird. Baugruben, Gerüste, Auf- und Umbau und dazwischen der Mensch Franz Biberkopf, der versucht, auf anständige Art sein Brot zu verdienen, und dem das Schicksal immer wieder einen Rammklotz auf den Schädel schickt. (…)“. 1
Der Film eröffnet sich dem Zuseher mit einer Panoramaeinstellung auf den geschäftigen Berliner Alexanderplatz. Kurz darauf beginnt die Geschichte: Langsam schwenkt die Kamera über massive Mauern und vergitterte Fenster zum Tor der Strafanstalt Tegel. Das Tor öffnet sich und gibt die unverwechselbare Statur Heinrich Georges - alias Franz Biberkopfs - frei. Dennoch erscheint die Szenerie von Tristesse überschattet: Die schwere Gefängnistür mahnt in großen Lettern zur „Vorsicht“ - auch Franz Biberkopf kann sich kaum von der geregelten Enge des Zuchthauses lösen. Er hat Angst vorm Überlebenskampf da „draußen“. Mit einem furiosen Auftakt startet er per Straßenbahnfahrt in seine neue Existenz: Akustisch untermalt von einer Großstadtsymphonie aus Straßenbahnenklingeln, nervösem Autohupen und dem Stimmengewirr der Passanten taucht er mit zunehmender Geschwindigkeit in den Großstadtmoloch ein. Parallel hierzu erforscht das Auge der Kamera detailreich die hektische Umgebung, um immer wieder zum ängstlich-überforderten Blick Biberkopfs zurückzukehren. Seine persönliche Reise endet am Alexanderplatz, dem pulsierenden Herz einer ständig wachsenden Metropole, die den Menschen ihren Rhythmus aufzwingt.
Die Aura des Films lebt von der epischen Melange aus dem persönlichen Ringen um eine menschenwürdige Existenz, unglücklicher Liebe und der Dokumentation eines trotz Wirtschaftskrise modernen, aufstrebenden Berlins. Obwohl viele Teile des Films unter der Leitung des Filmarchitekten Julius von Borsody im Atelier mit der „Patina der Realität“ nachgedreht werden, entstehen einige Szenen - nicht zuletzt aus
1 Filmktitik „Berlin Alexanderplatz“. In: O. A. Plaitzsch, Vossische Zeitung, Nr. 477, 9.10.1931, Abend-Ausgabe. Zitiert nach: Ebd.
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finanziellen Gründen - improvisiert auf den Straßen Berlins und am Alexanderplatz. 2 Die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm, zwischen „echt und unecht“, sind fließend wie man Beispiel des Alexanderplatzes sieht, der zusätzlich zum Original im Studio nachgebaut wurde. 3 Nichtsdestotrotz spielen die „spektakulär unspektakulären Einstellungen“ 4 des hintergründigen Straßenlebens unter dem Protektorat des Alexanderplatzes die eigentliche Hauptrolle, in die auch die Lebensgeschichte Franz Biberkopfs - als einer unter vielen - einfließt. Die voyeuristische Kamera beschränkt sich nicht auf eine Existenz, sondern bricht immer wieder aus, um aus halbnaher und naher Perspektive den Blick ebenso auf das Leben und das soziale Milieu anderer - wie fleißiger Bauarbeiter, Zulieferer mit ihren Pferdefuhrwerken, einem Schuhputzer, einem Mann mit Beinprothese, spielenden Kindern , Passanten oder in die Hinterhöfe der Stadt - zu lenken. Angesichts Alfred Döblins bekannter literarischen Vorlage taucht bei manchem Kritiker bereits während der Dreharbeiten der Wunsch auf, der neue Film möge die „Stationen der sozialen Verelendung, des vergeblichen, redlichen Existenzkampfes aufzeigen“ und dabei keine Angst vor dem „Realen“ demonstrieren, um mit den Waffen der Kunst für soziale Veränderungen zu kämpfen. 5 Auch der Regisseur gibt Anlass zur Hoffnung: Phil Jutzi gilt in der Weimarer Republik als einer der führenden Vertreter des proletarisch-realistischen Films. 6 Das Fingerspitzengefühl für Dokumentarfilme im Dienste der linken Propaganda erarbeitet sich Jutzi als Kameramann der kommunistischen Weltfilm. Danach wird er Mitarbeiter der Prometheus Filmverleih und Vertriebs GmbH, wo er deutsche Verleihfassungen sowjetischer Filme - darunter auch Panzerkreuzer Potemkin - herstellt. 7 Während dieser Zeit begeistert er sich nicht nur für die russische Montage, sondern auch für deren raffinierte halb-dokumentarische Filmkunst, die mit scheinbar neutralen, realistischen Bildern politisch emotionalisiert. Phil Jutzi bedient sich solcher eindringlicher Aufnahmen u.a. im Rahmen der Darstellung des bedrückenden Überlebenskampfes im schlesischen Kohlerevier in „Um’s tägliche Brot“ (1926) oder
2 Der Döblin-Film im Werden. In: Lichtbildbühne. Nr. 122 vom 22.5.1931. Zitiert nach: Guntram Vogt, Die Stadt im Film. Deutsche
Spielfilme 1900-2000 (Marburg 2001) 252. Siehe auch: Tom Guning, Frühe non-fiction-Filme und die Ästhetik der Ansicht. In: KINtop 4,
ed. Frank Kessler, Sabine Lenk, Martin Loiperdinger (Frankfurt am Main 1995) 114.
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Rudi Löwenthal, Der Alexanderplatz als Filmkulisse. In: Filmwoche, Nr. 27 1931 848-850. Zitiert nach: Vogt, Die Stadt im Film. 252.
4 Siegfried Kracauer, Caligari 509.
5 Film-Kurier, Sondernummer, 16.8.1930. Zitiert nach: Vogt, Die Stadt im Film. 252.
6 Siehe auch: Ulrich Döge, Seiltänzer zwischen Kommunismus und Nationalsozialis. In: filmarchiv Nr. 30, 02/06, ed. Filmarchiv Austria
(Wien 2006) 7.
7 Phil Jutzi. In: Cingraph B 1-3, Lg. 23 Filmbeschreibung: F7.
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Arbeit zitieren:
MMag. Silvia Kornberger, 2007, Zu Phil Jutzis „Berlin Alexanderplatz“(D. 1931): Ein Blick ins Herz von Berlin, München, GRIN Verlag GmbH
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