Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Dispositionen: Frisch und Kierkegaard 6
3 Allusionen und Adaptionen Kierkegaardscher Kategorien im Stiller 12
3.1 Das Gefängnis ist nur in mir 13
3.2 Das Selbst und das Andere 17
3.3 Die Frage nach der Therapie 22
4 Resümee 24
5 Literaturverzeichnis S 25
1 Einleitung
»Geist beginnt mit Fragen: Fragen ist vorerst eine Verweigerung gegenüber dem Bestehenden, das sich für die Antwort hält« 1 , notiert Max Frisch (1911-1991), und in seinem Tagebuch findet sich der Ausspruch Hendrik Ibsens: »Zu fragen bin ich da, nicht zu ant-worten.« 2 Eine zentrale Frage, die sein Schreiben begleitet und seinen Werken innewohnt, scheint die Frage Wer bin ich? zu sein. Vor allem im Roman Stiller (1954), in dem der Bildhauer gleichen Namens aus seiner Identität auszubrechen - Ich bin nicht Stiller! - versucht, wird diese Thematik deutlich, aber auch in Frischs anderen Werken: So setzt beispielsweise Gantenbein (1964) sich, sein Leben, in den Konjunktiv, versucht sich neu zu erfinden, probiert Geschichten an wie Kleider und stellt sich vor, wie seine Geschichte anders hätte ablaufen können. In Biografie. Ein Spiel (1967) findet sich Kürmann in der Lage, sein Leben noch einmal leben zu dürfen, muß dann jedoch feststellen, daß es ihm nicht gelingt, sich anders zu wählen, sondern nur, das bereits Geschehene durch die Erinnerung zu bestätigen. Es geht dabei um »sein Verhältnis zu der Tatsache, daß man mit der Zeit unweigerlich eine Biografie hat« 3 .
Bei dieser immer wieder aufgegriffenen Identitätsproblematik handelt es sich nicht nur um ein psychologisches, sondern zugleich um ein ur-philosophisches Problem: es geht um die konkrete Welt- und Selbsterfahrung des Subjekts. Im Kontext dieses Interesses am Individuum, der Frage nach der Identität, spielt die Philosophie Søren Kierkegaards im Werke Frischs eine bedeutende Rolle - und zwar nicht nur im Sinne gedanklicher Parallelen Kierkegaards und Frischs. Vielmehr nimmt der Autor selbst explizit Bezug auf das Werk des dänischen Philosophen, vor allem im Stiller.
Forscher haben den Roman lange Zeit vor allem soziologisch und psychologisch interpretiert. In verhältnismäßig wenigen Auseinandersetzungen mit dem theologisch-philosophischen Gehalt des Werkes finden sich sehr divergierende Urteile darüber, welche und wieviel Bedeutung die Philosophie Kierkegaards für den Roman hat. In meist überschaubaren Abhandlungen ist die Rede von einer metaphorischen Umsetzung der Kierkegaard-
1Frisch, Max: Die Schweiz als Heimat? In: Evangelische Kommentare 8 (1974). S. 267.
2 Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1985. S. 125.
3 Frisch, Max: ›Anmerkungen zu Biografie‹. In: Max Frisch. Gesammelte Werke in zeitlicher Reihenfolge. Bd. V. Hrsg. von Mayer, Hans und Walter Schmitz. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1986. S. 579.
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schen Kategorien 4 im Roman, aber auch von einer Widerlegung Kierkegaards 5 durch den zweiten Teil des Stiller. Relativ einig scheint man sich nur darüber zu sein, daß die Figur Anatol Ludwig Stiller in gewissem Sinne eine Entwicklung in Anlehnung an die Kierkegaardsche Philosophie durchläuft.
Die Thematik wurde jedenfalls längst nicht erschöpfend behandelt, so daß eine weitere Betrachtung des Verhältnisses Stiller-Kierkegaard lohnenswert scheint. So soll im Rahmen dieser Arbeit zunächst anhand verschiedener Aufzeichnungen Max Frischs und Søren Kierkegaards Entweder - Oder gezeigt werden, daß beide Autoren ähnliche Gedanken in Bezug auf Identität und Lebensweise eines Individuums hegten, also eine gewisse Parallelität in ihrem Denken zu verzeichnen ist, die wiederum die Affinität Frischs zur Philosophie Kierkegaards verständlich macht. Diese erklärt auch die auffällige Orientierung Frischs am Werke Kierkegaards, wie anschließend gezeigt werden soll. Denn Frisch weist im Stiller gezielt auf diese Existenzphilosophie hin und adaptiert partiell deren Kategorien. Anhand einer Untersuchung der Entwicklung Stillers im Sinne Kierkegaards kann dies dargestellt werden. Dabei werden neben Frischs Roman vor allem zwei Werke Kierkegaards, Entweder - Oder und Die Krankheit zum Tode, berücksichtigt.
4 Vgl. hierzu Manger, Philip: Kierkegaard in Max Frischs Roman »Stiller«. In: Materialien zu Max Frischs ›Stiller‹, Bd. 1. Hrsg. von Walter Schmitz. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1978. S. 220-237.
5 Vgl. Mayer, Hans: Anmerkungen zu »Stiller«. In: Materialien zu Max Frischs ›Stiller‹. Bd. 1. Hrsg. von Walter Schmitz. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1978. S. 250.
5
2 Dispositionen: Frisch und Kierkegaard
Unsere Schablone vom Künstler:
[…] der Künstler als Außenseiter - und zwar nicht darum, weil er eine andere Art von menschlicher Gesellschaft erstrebt, sondern einfach darum, weil ihn die menschliche Gesellschaft nichts angeht, und zwar auf keinen Fall […] - Punktum! 6
Mit diesen Worten benennt Frisch kritisch das Problem des Künstlers, eines, das ihn höchst persönlich betrifft in seinem Dasein als Schriftsteller. Er schreibt, um »die Welt zu ertragen, um standzuhalten sich selbst, um am Leben zu bleiben.« 7 Damit verbunden ist die Angst, daß ihm das Leben über dem Schreiben verloren geht. Denn Frisch sieht »keine Kunst, die das blutige Leben gibt; das geben uns nur die Mütter. Und was die Dichter geben, ist das Gegenteil, das Spiel, das uns von dem blutigen Leben erlöst« 8 . Ihn beschäftigt die Widersprüchlichkeit von Leben und Kunst, „manche stille Not, ein Gefühl, [die] Jugend verbummelt zu haben, Angst, […] niemals an ein Ziel [zu] gelangen.« 9 Kierkegaard, Zeit seines Lebens ein schwermütiger Außenseiter, litt an ebendiesem Problem, denn er wußte, jede Dichterexistenz ist »(trotz aller Ästhetik) Sünde, und zwar die: zu dichten, anstatt zu sein, sich zum Guten und Wahren durch Phantasie zu verhalten, anstatt es zu sein, das heißt, existentiell danach zu streben.« 10 Dennoch, so scheint es, blieb das Dichten, die philosophisch-schriftstellerische Produktion, für ihn die einzige Möglichkeit, mit seiner Schwermut umzugehen. So lebte er nach der Auflösung seiner Verlobung ein einsames Leben, in »Distanz zur Wirklichkeit« 11 , und verfertigte sein umfassendes Werk in nur sieben Jahren, wenngleich ihm bewußt war, daß man »das Höchste und Schönste im Leben […] nicht lesen, nicht hören, […] nicht sehen, sondern, wenn man so will, es leben« 12 soll.
6 Frisch, M.: Tagebuch 1946-1949. S. 54.
7 Frisch, Max: Öffentlichkeit als Partner. In: Max Frisch. Gesammelte Werke in zeitlicher Reihenfolge. Bd. IV. Hrsg. von Mayer, Hans und Walter Schmitz. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1986. S. 248.
8 Frisch, Max: Vom Umgang mit dem Einfall. In: Max Frisch. Gesammelte Werke in zeitlicher Reihenfolge. Bd. III. Hrsg. von Mayer, Hans und Walter Schmitz. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1986. S. 357.
9 Frisch, M.: Tagebuch 1946-1949. S. 245.
10 Kierkegaard, Søren: Die Krankheit zum Tode. Übers. von Gisela Perlet. Nachwort von Uta Eichler. Stuttgart: Reclam 1997. S. 87.
11 Wesche, Tilo: Kierkegaard. Eine philosophische Einführung. Stuttgart: Reclam 2003. S. 14.
12 Kierkegaard, Søren: Entweder - Oder. Teil I und II. Übers. von Heinrich Fauteck. Kommentar von Niels Thulstrup. Hrsg. von Diem, Hermann und Walter Rest. 9. Auflage. München: DTV 2005. S. 685.
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Doch nicht allein in dieser Künstlerproblematik, dem Widerspruch von Leben und Reproduktion, den beide Autoren erfahren haben, besteht eine ›Verwandtschaft im Geiste‹; auch in verschiedenen gedanklichen Kategorien sind Ähnlichkeiten zu erkennen. Dies wird an den Grundlagen der Philosophie Kierkegaards deutlich, die nun dargestellt werden sollen, da sie natürlich auch für die darauffolgende Betrachtung des philosophischen Gehalts des Stiller grundlegend sind.
Zunächst einmal muß das Denken des Dänen als Reaktion auf den Idealismus, insbesondere auf die Hegelsche Dialektik, verstanden werden. Denn ein solcher Denker errichtet ein ungeheures Gebäude, ein System, welches das ganze Dasein und die Weltgeschichte usw. umfasst - und wenn man sein persönliches Leben betrachtet, dann entdeckt man mit Erstaunen das Entsetzliche und Lächerliche, dass er selbst diesen ungeheuren, hochgewölbten Palast nicht persönlich bewohnt, sondern ein Wirtschaftsgebäude daneben oder eine Hundehütte oder höchstens die Pförtnerwohnung. 13
Kierkegaard wirft Systematikern wie Hegel vor, daß sie bei ihrer Suche nach objektiven Wahrheiten das Individuum vergessen, und diesem darüber hinaus die Verantwortung für das eigene - persönliche - Leben abgenommen hätten. Denn dem Einzelnen sei nicht mit objektiven Wahrheiten geholfen, vielmehr benötige er subjektive Wahrheiten, Wahrheiten für sich, um für das eigene Leben Entscheidungen treffen zu können, die notwendig getroffen werden müssen.
Mit Entweder - Oder (1843) reagiert Kierkegaard auf ebendiese Vernachlässigung des Individuums durch die Systematiker, indem er aufzeigt, daß gerade im Leben des Einzelnen das einzig wirklich Lebendige zu finden ist. Er analysiert den Existenzbegriff, jedoch ohne dabei ein Resultat zu liefern, um den Leser »zu einer Selbstbeurteilung des Dargestellten anzuregen, die ihm ein eigenes Lebensverständnis eröffnen soll.« 14 So stellt Kierkegaard in diesem Werk den Aufzeichnungen des Ästhetikers A die des Ethikers B gegenüber und vermittelt dergestalt seine Lehre der drei Stadien der Existenz, von denen uns zunächst zwei Stadien, das ästhetische und das ethische, interessieren.
Der Mensch im ästhetischen Stadium kann sich an nichts und niemanden binden, auch nicht an seine eigene Vergangenheit oder an Entscheidungen, die er vormals getroffen hat.
13 Kierkegaard, S.: Die Krankheit zum Tode. S. 49.
14 Wesche, T.: Kierkegaard. S. 183.
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Arbeit zitieren:
Melanie Zimmermann, 2009, Zum prägenden Eindruck Kierkegaardscher Philosophie auf Max Frisch. Allusionen und Adaptionen im Roman »Stiller«, München, GRIN Verlag GmbH
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