Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1 Die Mabādi’ ārā’ ahl al-madīna al-fādila von al-Fārābī 4
2 Der Einfluss Platons auf die Mabādi’ ārā’ ahl al-madīna al-fādila von al-Fārābī 8
3 Der Einfluss Aristoteles auf die Mabādi’ ārā’ ahl al-madīna al-fādila von al-Fārābī. 11
Schlusswort 13
Bibliographie. 15
2
Einleitung
Abu Nasr Muhammad al-Fārābī (arabisch الفارابي محمد نصر أبو ) war einer der bedeutendsten arabischen Philosophen des 10. Jahrhunderts, der sich um die Vereinbarung des Islams mit der altgriechischen Philosophie besondere Verdienste erwarb. Nach den wenigen sicheren Notizen über sein Leben wissen wir, dass er um 870 in Wasīj im Bezirk Fārāb in Turkestan geboren wurde. Sein Vater war wahrscheinlich ein türkischer Söldner im Dienste der Kalifen. Über seine Kindheit wissen wir nur, dass er nach Bagdad kam, wo er Logik bei den Gelehrten Yuḥanna ben Ḥaylān und Abū Bišr Mattā ben Yūnus studierte. In Bagdad verbrachte al-Fārābī den grössten Teil seines Lebens, bevor er 943 nach Aleppo am Hof des Emirs Sayf al- Dawla Hamdani umzog. Er starb in Damaskus um 950, nachdem er Ägypten und andere arabische Länder bereist hatte. 1 Zur Zeit al-Fārābīs war Bagdad, das im Jahre 762 vom Kalifen al-Mansur gegründet und als Stadt des Friedens - madīnat al-salam - bekannt war, die Hauptstadt des abbasidischen Reichs. Aufgrund ihrer günstigen Lage entwickelte sich die Stadt zu einem aktiven wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zentrum: Das Haus der Weisheit - Bayt al-hikma - beherbergte eine der reichsten Weltbibliotheken, wo man die Werke zahlreicher Ärzte, Mathematiker, Geographen und Astronomen, wie etwa Ibn-Sīnā, Abu Kāmil, Ibn Hawqal, al-Kindī, um nur einige zu nennen, konsultieren bzw. studieren konnte. Besonders geschätzt waren in der Philosophie die Logik von Yahya Ibn Adī und die Ethik von Abū Hassan al-Āmirī. 2 Als die Abbasiden zur Macht kamen, wurde Bagdad eine befestigte Residenz, wo der Kalif seinen Hof, sein Harem, seine Garde und seine Verwaltung abseits vom Volk behielt. In dieser Residenz führte er ein prächtiges Leben im Zeichen des Luxus und des Genusses, was die Empörung und die Erbitterung der niederen Gesellschaftsschichten nährte. Seine politische Autorität wurde deswegen von vermehrten bäuerlichen Revolten in Frage gestellt, die in der Regel von den Kalifen im Blut erstickt wurden. Im Gegensatz zur Zeit der Umaiyaden sorgten die Abbasiden auch für eine zunehmende Bürokratisierung des Reiches, was die öffentliche Verwaltung in die Hand einiger hoher gut bezahlter Beamten, die so genannten Wesire, stellte. 3 Das Werk und die Gedanken al-Fārābīs können in Wirklichkeit umso besser verstanden werden, je mehr wir diesen historischen Kontext unter die Lupe nehmen.
1 Vgl. Ian Richard Netton, Al-Fārābī and his School, London, Routledge, 1992, S. 4-7.
2 Vgl. Ali Benmakhlouf, Al-Fārābī. Philosopher à Bagdad au X e siècle, Paris, Seuil, 2007, S.15-20.
3 Vgl. Claude Cahen, Der Islam I, Fischer Weltgeschichte, Band 14, Frankfurt am Main, 1968, S. 98-99 und S. 137-138.
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1 Die Mabādi’ ārā’ ahl al-madīna al-fādila von al-Fārābī
Die Mabādi’ ārā’ ahl al-madīna al-fādila bzw. Traktat über die Prinzipien der Einwohner der idealen Stadt sind laut Richard Walzer eine der letzten Schriften des muslimischen Philosophen al-Fārābī. Von diesem Autor bewahren wir heute keine Autographen, obwohl manche Forscher der Ansicht sind, dass Manuskripte dieser Schrift noch im 11. Jahrhundert in Bagdad in Umlauf waren. 4 Der fragliche Text wurde 1895 von F. Dieterici erstmals aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt. Die erste französische Übersetzung erschien im Jahre 1949 5 und 1985 wurde der Text für das erste Mal von Richard Walzer in englischer Sprache wiedergegeben. Eine französische Übersetzung dessen so genannte Beiruter Ausgabe von 1959 wurde 1990 von dem Pariser Verleger Vrin aufgelegt. 6 Die Beiruter Ausgabe besteht aus 37 Kapiteln: Die Kapitel 1 bis 9 handeln von der Perfektion, Weisheit, Seligkeit und Erhabenheit des ersten Wesens. Die Kapitel 10 bis 13 berichten über die Rangordnung der ihm untergeordneten Wesen. Die Kapitel 14 bis 19 beschreiben die Bewegungen der Himmelskörper. Die Kapitel 20 bis 25 betrachten die Merkmale der menschlichen Seele und die Kapitel 26 bis 37 sind schliesslich der menschlichen Gesellschaft gewidmet. In dieser Abhandlung möchte ich vor allem diese letzten Kapitel untersuchen, um zu sehen, welche politische Gedanken al-Fārābī von Platon und Aristoteles übernommen, verarbeitet und weitergeleitet hat.
In Anlehnung an Aristoteles behauptet zwar al-Fārābī, dass der Mensch ein πολιτικόν ζώον, d. h. ein politisches Lebewesen sei. 7 Wenn aber Aristoteles bei dieser Feststellung von der Beobachtung der Natur ausgeht, begründet al-Fārābī, viel näher an Platons Politeia, die Neigung der Menschen zum politischen Zusammenleben mit ihrem Bedürfnis nach Selbsterhaltung und mit ihrem Streben nach Perfektion:
«In order to preserve himself and to attain his highest perfections every human being is by his very nature in need of many things which he cannot provide all by himself; […] Therefore man cannot attain the perfection, for the sake of which his inborn nature has been given to him, unless many (societies of) people who co-operate come together […] so that as a result of the contribution of the
4 Vgl. Richard Walzer, Al-Farabi on the perfect State, Oxford University Press, 1985, S. 20.
5 Vgl. R. P. Jaussen, Youssef Karam et J. Chlala, Al-Fārābī. Idées des habitants de la cité vertueuse, Le Caire, Institut
français d’archéologie orientale, 1949.
6 Vgl. Tafani Sabri, Al-Farabi. Traité des opinions des habitants de la cité idéal, Paris, J. Vrin, 1990.
7 In der Politik schreibt Aristeteles: «Daraus geht nun klar hervor, dass der Staat zu den von Natur aus bestehenden
Dingen gehört und dass der Mensch von Natur aus ein staatsbezogenes Lebewesen ist und dass ferner der, der seiner
Natur nach und nicht dem Zufall gemäss ohne Bindung an einen Staat ist, entweder schlecht ist oder bedeutender als ein
Mensch.»: Aristoteles, Politik, 1253a, Stuttgart, Reclam, 1989, S. 78.
4
whole community all the things are brought together which everybody needs in order to preserve himself and to attain perfection.» 8
Ausserhalb einer politischen Gemeinschaft und ohne das Zusammentreffen anderer Mitbürger können sich also die Menschen weder vervollkommnen noch erhalten.
Die ideale bzw. perfekte Stadt sieht nach al-Fārābī dem Körper eines gesunden Menschen gleich, dessen Organe mitarbeiten, um ihn am Leben zu erhalten: «The excellent city resembles the perfect and healthy body, all of whose limbs co-operate to make the life of the animal perfect and to preserve it in this state.» 9 Die Organe des menschlichen Körpers wie auch die Bürger der idealen bzw. perfekten Stadt sind aber nicht alle gleich: Manche Organe des Körpers wie auch manche Bürger der Stadt spielen dabei eine wichtigere Rolle als andere und wie das Herz das Hauptorgan des menschlichen Körpers ist, so ist der Imām der Hauptbürger der idealen bzw. perfekten Stadt.
«Now the limbs and organs of the body are different and their natural endowments and faculties are unequal in excellence, there being among them one ruling organ, namely the heart, and organs which are close in rank to that ruling organ, each having been given by nature a faculty by which it performs his proper function in conformity with the natural aim of the ruling organ.» 10
Das Herz ist also das wichtigste Organ des menschlichen Körpers: Durch seine unersetzliche Wirkung hält es die übrigen Organe am Leben und heilt sie, falls diese sich im Laufe der Zeit ausarten sollten.
«The heart comes to be first and becomes then the cause of existence of the other organs and limbs of the body, and the cause of the existence of their faculties in them and of their arrangement in the ranks proper to them, and when one of its organs is out of order, it is the heart which provides the means to remove that disorder.» 11
Wie im menschlichen Körper alle Organe je nach Aufgabe dem Herzen untergeordnet sind, so stehen die Bürger der perfekten bzw. idealen Stadt je nach Funktion in einer bestimmten Rangordnung unter dem Imām.
8 Vgl. Richard Walzer, Al-Farabi on the perfect State, a.a.O., S. 229.
9 Ebda., S. 231.
10 Ebda., S. 232-233.
11 Ebda., S. 235.
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Arbeit zitieren:
Giacomo Francini, 2009, Eine Utopie in der islamischen Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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