konzentrierte er sich immer stärker auf den Puritanismus als Konfession mit sozialem Sprengpotenzial 1 und ordnete die Kämpfe des 17. Jh. in England nicht mehr verkürzt als reinen Klassenkonflikt im marxistischen Sinne ein.
Seine Kernthese verschob sich nun in die Richtung, in der uns heute fremd wirkenden Prädestinationslehre ein revolutionäres Element zu sehen. Kurz gesagt ist der Gedankengang der Folgende: ein König kann kein König von Gottes Gnaden mehr sein, wenn eine auserwählte Gruppe Protestanten mit Heiligkeits- und Erlösungsanspruch auftritt. Wer sich als Teil einer Gemeinschaft der Heiligen, der Auserwählten, begreift, ist nicht mehr in der Rolle eines Befehlsempfängers. Damit ist die Prädestination in ihrer Sprengwirkung nicht minder revolutionär als Luthers „Predigertum aller Gläubigen“. Die skizzierten politischen Wirkungen ihrer Lehren mag nicht im Sinne Calvins bzw. Luthers gewesen sein, jedoch sind deren politische Absichten unerheblich, wenn es um die mögliche Rezeption ihrer Lehren geht.
Einen Schritt weiter gedacht, ist der Arminianismus, der die Prädestinationslehre ablehnte, eine logische Antwort der Krone. In der Lithurgie tendenziell (und spätestens in der Person Karls II. mehr oder minder offen) katholisch, trachtete der Arminianismus, auf noch bestehende religiöse Prägungen und Konservatismen der englischen Bevölkerung zurückgreifen zu können und wichtige Neuerungen der Reformation zurückzunehmen. Die priesterfixierte Abendmahlszeremonie und autoritäre Kirchenverfassung der Arminianer, die eine Stärkung der Bischöfe (anstelle einer synodalen Ordnung) vorsah, war dementsprechend die logische Konsequenz der Parole, die Karls Vorgänger Jakob I. ausgegeben hatte: „No bishop, no king“. Wer den Bischof in Frage stellte, stellte damit auch den König in Frage. Jakob hatte damit lediglich den kirchenverfassungsrechtlichen Gestaltungsanspruch der Puritaner zurückgewiesen, den Kern der Machtfrage aber erkannt. Das gesellschaftliche und kirchliche Reformprogramm der Puritaner stellte nach Hill Autorität in Frage und stand in Gefahr, scheinbar naturgegebene Grundsätze in Frage zu stellen. Nicht umsonst ätzte eine arminianische Kritik an den radikalen puritanischen Neuerungen im Bürgerkrieg mit den Worten: „When women preach and cobblers pray, the fiends in hell make holiday.“ (Wenn Frauen predigen und Schuster [vor]beten, ist das der höllischen Dämonen Fete).
1 Während Weber sich auf die protestantische Arbeitsethik konzentrierte und diese als Entstehungsbedingung für den Kapitalismus als wirtschaftliche Ordnung sah, leistete Hill, wenn auch Webers Annahmen inzwischen teilrevidiert sind, den nicht minder bemerkenswerten Beitrag, den Puritanismus als politische Entstehungsgrundlage des Kapitalismus zu analysieren.
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Hinsichtliche des Klimas der religiösen Debatten zu Beginn des englischen Bürgerkrieges lässt sich also festhalten, dass fast alle Tore aufgestoßen waren, und dass die religiösen Debatten politische Implikationen hatten, die das bestehende bzw. scheiternde politische, juristische und administrative System im England des 17. Jh. in seinen Grundfesten erschütterten, was die alte Ordnung entsprechend reizte. II
Umbruchphasen lassen Gräben erkennen, die unter sonstigen Umständen nur schwer sichtbar werden. Dies gilt für den englischen Bürgerkrieg in nicht geringem Umfang. Wir können heute natürlich nur sehr eingeschränkt nachvollziehen, was den vielfach beschworenen „einfachen Mann“ (bzw. im Englischen trefflicher mit „commoner“, etwa „gewöhnlicher Mann“) 1640 bewegt hat. Über die gewöhnliche Frau wissen wir, nebenbei bemerkt, fast gar nichts. Mit den Putney Debates 1647 verfügen wir aber zumindest über eine wertvolle Quelle, die über den reinen Elitenkonflikt Parlament versus König hinaus eine Deutung der Ereignisse in sozialrevolutionärem Zusammenhang zulässt. So bemerkte im Laufe dieser Debatten zwischen Levellers und der Führung der New Model Army der Oberst Rainsborough: For really I think that the poorest he that is in England have a life to live, as the greatest he: and therefore truly, sir, I think it's clear, that every man that is to live under a government ought first by his own consent to put himself under that government.
Dies ist eine interessante Vorwegnahme John Lockes, denn der vertragstheoretische Gedanke ist ebenso präsent wie die Notwendigkeit zu dessen Zustimmung durch den Einzelnen (und damit geht Rainsborough über Hobbes hinaus), impliziert die Notwendigkeit zur generationsmäßigen Erneuerung desselben (first by his own consent), geht damit über Locke hinaus, und bringt schließlich die Egalitätstendenz: „the poorest he (...) have a life to live, as the greatest he.“
Nun kann und soll keine Historiographie die „Clubmen“ ignorieren, eine Art regionaler Bürger- und Bauernmilizen, die versuchten, Royalisten wie Parlamentarier von ihren Ortschaften mit Hilfe von Knüppeln fernzuhalten, und dies teilweise durchaus mit Erfolg. Dies verweist den Bürgerkrieg in die Kategorie des Elitenkonfliktes, da gewöhnliche Menschen offensichtlich rein den zerstörerischen Charakter der Auseinandersetzung wahrnahmen und darin keine sich auftuende Gelegenheit für die Teilhabe an einer zu erstreitenden Ordnung sahen. Nichtsdestotrotz sollten wir die Haltung Rainsboroughs, der nicht zu den Deprivierten gehörte, nicht völlig abtun. Es ist nicht jenseits des Vorstellbaren,
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dass er mit seiner These für viele sprach. Wie viele, lässt sich quantitativ nicht erheben, höchstens qualitativ begründen.
In der Ablehnung beider Parteien durch die Clubmen könnte auch eine Form politischer Fundamentalopposition bzw. Verweigerungshaltung erkennbar sein, die sich auf den Elitenkonflikt bezog. Weder die Forderung Rainsboroughs noch das noch zu beleuchtende Programm der Diggers stehen dazu im Widerspruch. Die Diskurse folgten vielmehr unterschiedlichen Parametern und beruhten auf anderen Erfahrungen als derjenigen der Protagonisten im Bürgerkrieg. Daher erscheint es als eine Möglichkeit, die in den Putney Debates vorgetragenen Forderungen sowie die Diggers als in einer dialektisch zum Elitenkonflikt stehenden Beziehung betrachten, denn - so weit klingt Hills These durchaus überzeugend - der Bürgerkrieg schuf überhaupt erst den Rahmen, in dem solche Debatten geführt und sozialradikale Programme geäußert werden konnten. III
Wenden wir uns nun der partizipativen Möglichkeiten und Strömungen zu, die sich während des englischen Bürgerkrieges ergaben. Der Kontrollverlust über weite Teile Englands ermöglichte das Aufkommen von Gedankengut, das unter den Bedingungen der elisabethanischen Epoche und der frühen Stuarts kaum möglich gewesen wäre, denn zunächst konnten unter dem neuen Regime, mit Ausnahme der Katholiken freilich, alle Menschen politische und religiöse Toleranz erfahren. Es ist vor diesem Hintergrund, dass wir radikale Sekten wie die Ranters verstehen müssen. Ranters, von (to) rant = fluchen, schimpfen, waren eine radikale Sekte, die die erfolgreiche Erlösung des Menschen unterstrichen, die er allein durch inneren Glauben erhalte. Äußerliche Zeichen der Sünde existierten hinfort nicht mehr, und um ihre Freiheit deutlich zu machen, waren sie für anhaltendes Fluchen bekannt, was in den Augen der Ranters aber nur ihre seelische Erlösung unterstrich, da sie durch Äußerlichkeiten keinen Schaden mehr nehmen konnte. Die Ranters weigerten sich daher auch, sozial Höhergestellten Respekt zu zollen, namen ihre Hüte für niemanden ab und duzten 2 sich untereinander gleichermaßen wie Vertreter der Gentry oder noch höher gestellte Mitglieder der englischen Gesellschaft. Entsprechend waren sie zunehmend der Verfolgung
2 Heute kennt das Englische zwar nur noch die Anrede mit „you“, im frühneuzeitlichen Englisch war dies jedoch die markierte Höflichkeitsform. Thou (Nom), thy (Gen), thee (Dat+Akk) waren Formen, die Nähe und Intimität (unter sozial Gleichgestellten oder auch in der Anrede Gottes im Gebet) oder Hierarchie und herablassende Anrede konstituierten, wie es etwa Edward Coke als Ankläger im Prozess gegen Sir Walter Raleigh tat, indem er ihn folgerndermaßen beschimpfte: All that he did was at thy instigation, thou Viper; for I 'thou' thee, thou traitor.
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Nicholas Williams, 2009, Poor English Israelites: Politischer Radikalismus im England des 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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