- I -
GLIEDERUNG
A. Erster Teil 1
I. Zur Problemstellung 1
II. Das Wesen der sozialen Mobilität und dessen
begriffliche Widerspiegelung in der bürgerlichen und
marxistisch -leninistischen Soziologie. 9
III. Die zentrale Bedeutung der sozialen Position für den
Proze ß der sozialstrukturellen Eingliederung der
Individuen. 33
1. Das Wesen der sozialen Position 37
a) Die Klassenposition 50
b) Die Schichtposition 62
c) Die soziale Position als Arbeitsposition 69
B. Zweiter Teil 82
I. Die soziale Mobilität der Leiter sozialistischer
Industriebetriebe als Ausdruck der Veränderung der
Sozialstruktur des sozialistischen Industriebetriebes 82
1. Die Intergenerations-Klassenmobilität der Leiter
sozialistischer Industriebetriebe. 90
2. Die Intragenerations-Klassenmobilität der Leiter
sozialistischer Industriebetriebe. 116
II. Die Schichtmobilität der Leiter sozialistischer
Industriebetriebe. 118
1. Die Intergenerations-Schichtmobilität der Leiter
sozialistischer Industriebetriebe. 131
2. Die Intragenerations-Schichtmobilität der Leiter
sozialistischer Industriebetriebe. 146
3. Die ideelle Reflexion der Klassen- und
Schichtzugeh örigkeit bei den Leitern 153
III. Die Funktionsebenenmobilität der Leiter
sozialistischer Industriebetriebe. 158
1. Die Intergenerations-Funktionsebenenmobilität
der Leiter sozialistischer Industriebetriebe. 161
2. Die Intragenerations-Funktionsebenenmobilität
der Leiter sozialistischer Industriebetriebe. 169
a) Die Qualifikationsentwicklung der Leiter
sozialistischer Industriebetriebe. 182
b) Die Einkommensmobilität und
Einkommensentwicklung der Leiter
sozialistischer Industriebetriebe 193
- II -
IV. Die Mobilitätsmotivation und Mobilitätsbereitschaft
der Leiter sozialistischer Industriebetriebe. 205
1. Die Motivation der Leiter zur Übernahme ihrer
derzeitigen Leitungsfunktion 208
V. Ergebnisse und offene Probleme der Analyse
der sozialen Mobilität der Leiter sozialistischer
Industriebetriebe. 228
C. Anlagen. 235
Tabelle 1. 235
Tabelle 2. 236
Tabelle 3. 237
Tabelle 4. 238
Tabelle 8. 239
Tabelle 9. 240
Tabelle 10. 241
Tabelle 11. 242
Tabelle 9 a. 243
Tabelle 10 a. 244
Tabelle 11 a. 245
Tabelle 13. 246
Tabelle 14. 247
Tabelle 15. 248
Tabelle 16. 249
Tabelle 23. 250
Tabelle 24. 251
Tabelle 25. 252
Tabelle 23 a. 253
Tabelle 24 a. 254
Tabelle 25 a. 255
Tabelle 28. 256
Tabelle 29. 257
Tabelle 30. 258
Tabelle 30 a. 259
Tabelle 31. 260
Tabelle 31 a. 261
Tabelle 32. 262
Tabelle 32 a. 263
Tabelle 33 264
- III -
Tabelle 33 a. 265
Tabelle 39. 266
Tabelle 40. 267
Tabelle 41. 268
Tabelle 42. 269
Tabelle 43. 270
Tabelle 52. 271
Tabelle 53. 272
Tabelle 54. 273
Tabelle 55. 274
Tabelle 56. 275
Tabelle 60. 276
Tabelle 61. 277
Tabelle 62. 278
Tabelle 63. 279
Tabelle 66. 280
Tabelle 67. 281
Tabelle 68. 282
Tabelle 69. 283
Tabelle 70. 284
Tabelle 71. 285
Tabelle 78 286
Die nachfolgende Dissertation aus dem Jahre 1972 bietet sich zum Verständnis und zur Aufarbeitung bezüglich der Forschungsergebnisse der sozialen Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben in der DDR an.
Da sich das einzige noch erreichbare originale
Dissertationsexemplar aus dem Jahre 1972 mittlerweile in einem schwer lesbaren Zustand befindet, wurde die Dissertation im Frühjahr 2009 digitalisiert und mithin neu veröffentlicht.
Für die unermüdliche Hilfe und die konstruktive Unterstützung möchte ich an dieser Stelle sowohl Frau Dr. Angela Michaelis als auch meinen beiden Söhnen Oliver Michaelis und Christian Michaelis ganz herzlich danken.
Berlin, den 05.07.2009 Dr. Holger Michaelis
Die nachfolgende Arbeit wurde im Wintersemester 1972 von der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät des Wissenschaftlichen Rates der Humboldt-Universität zu Berlin als Dissertation angenommen und mit „magna cum laude“ bewertet.
Mein Dank geht an dieser Stelle an Herrn Prof. Dr. Georg Aßmann, Herrn Prof. Dr. Kurt Braunreuther und Herrn Prof. Dr. Horst Berger.
Berlin, den 28.09.1972 Holger Michaelis
Die verwendeten Abkürzungen entsprechen den bei Kirchner, Abkürzungsverzeichnis der Rechtssprache, 6. Auflage, Berlin 2008, angegebenen Bedeutungen. Abweichend gebrauchte sowie bei Kirchner nicht nachzulesende Kürzel sich nachfolgend aufgeführt.
Berger, Horst
Michaelis, Holger
Autorenkollektiv Marxistische Philosophie, Berlin 1967
Duncan, Otis D.
Claessens, Dieter Rolle und Macht, München 1968
Friedrich, Walter Jugend heute, Berlin 1966
Jung, Herbert
Jadow, W.A. u.a. Der Mensch und seine Arbeit, Berlin 1971
Jahn, Walter/ Die Faktoranalyse, Berlin 1970
Vahle, Hans
Klaus, Georg/ Philosophisches Wörterbuch, Leipzig 1969
Buhr, Manfred
Kon, Igor S. Der Positivismus in der Soziologie, Berlin 1969
Lenin, Wladimir I. Die große Initiative, in: Lenin, Werke, Band 29
Zetterberg, Hans
Engels, Friedrich
- XIII - Rüegg,Walter Soziologie, Frankfurt am Main u.a. 1969
Rutkewitsch, M. N./ Soziale Veränderungen, (russ.), Moskau 1970
Filippow, F. R.
Schumpeter, Josef A. Aufsätze zur Soziologie, Tübingen 1953
Stiehler, Gottfried Dialektik und Praxis, Berlin 1969
- XIV - Tumin,Melvin M. Schichtung und Mobilität, München 1968
Weber, Max Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1922
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 1 -
A.Erster Teil
I. Zur Problemstellung
Gleich allen anderen Individuen ist auch für die Leiter sozialistischer Industriebetriebe eine bestimmte soziale Mobilität feststellbar, wobei „in allgemeiner Formulierung unter Mobilität die Bewegung von Personen aus einer Position in eine andere Position innerhalb … einer Gesellschaft verstanden (wird).“ 1
In Anbetracht der Tatsache, daß „die Gesellschaft nicht aus Individuen (besteht), sondern die Summe der Beziehungen, Verhältnisse (ausdrückt), worin diese Individuen zueinander stehn“, 2 wie auch der, daß die sozialen Positionen unabhängig von dem jeweiligen Positionsinhaber existieren, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, welche theoretische und vor allem auch praktische Bedeutung der soziologischen Analyse der Bewegung der Individuen zwischen den sozialen Positionen zukommen soll, wenn durch diese Positionswechsel der Individuen jeweils nur die Positionsinhaber wechseln, aus dem soeben genannten Grund der von dem einzelnen unabhängigen Existenz der sozialen Positionen die Sozialstruktur einer Gesellschaft jedoch keinerlei Veränderung erfährt.
Gleichwohl verbirgt sich hinter der als sozialer Mobilität bezeichneten Bewegung der Individuen zwischen den sozialen Positionen mehr als nur ein für den einzelnen bedeutsamer Vorgang. Bekanntlich hatte „die manufakturmäßige Teilung der Arbeit die lebenslängliche Annexation des Arbeiters an eine Detailverrichtung“ 3 und damit auch eine entsprechende ‚lebenslängliche’ Annexation des einzelnen an eine soziale Position zur Folge.
1 Bolte, Sozialer Aufstieg und Abstieg, S. 8.
2 Marx, Grundriss der Kritik der politischen Ökonomie, S. 176.
3 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 377.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 2 -
„Da das Handwerksgeschick dieGrundlage der Manufaktur bleibt und der in ihr funktionierende Gesamtmechanismus kein von den Arbeitern selbst unabhängiges objektives Skelett besitzt“ 4 konnte zugleich auch „die Manufaktur die gesellschaftliche Produktion weder in ihrem ganzen Umfang ergreifen, noch in ihrer Tiefe umwälzen. … Ihre eigene enge technische Basis trat auf einem gewissen Entwicklungsgrad mit den von ihr selbst geschaffenen Produktionsbedürfnissen in Widerspruch“ 5 ; in Widerspruch allerdings auch mit den Verwertungsbedürfnissen des sich entwickelnden Kapitals. Jedoch: „Eins ihrer vollendetsten Gebilde war die Werkstatt zur Produktion der Arbeitsinstrumente selbst, und namentlich auch der bereits angewandten komplizierten mechanischen Apparate. ... Dies Produkt der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit produzierte seinerseits Maschinen“ 6 , die nun das von den Arbeitern unabhängige objektive Skelett der modernen Industrie bilden.
Aber: „Die moderne Industrie betrachtet und behandelt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses nie als definitiv. Ihre technische Basis ist daher revolutionär, während die aller früheren Produktionsweisen wesentlich konservativ war. Durch Maschinerie, chemische Prozesse und andere Methoden wälzt sie beständig mit der technischen Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftliche Kombination des Arbeitsprozesses um. Sie revolutioniert damit ebenso beständig die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig in den andren. Die Natur der großen Industrie bedingt daher Wechsel der Arbeit, Fluß der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters.“ 7
„So wird“, wie Marx weiter ausführt, „einerseits der technische Grund der lebenslangen Annexation des Arbeiters an eine Teilfunk-
4 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 389.
5 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 390.
6 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 390.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 3 -
tionweggeräumt. Andererseits fallen die Schranken, welche dasselbe Prinzip der Herrschaft des Kapitals noch auferlegte.“ 8
Die hohe soziale Mobilität, die die bürgerliche Soziologie emphatisch als „eine der grundlegenden Strukturtatsachen der entwickelten Industriegesellschaft“ 9 feiert, ist so gesehen primär und vor allem Ausdruck der Tatsache, daß „die große Industrie … selbst es zur Frage von Leben und Tod (macht), den Wechsel der Arbeiten und daher möglichste Vielseitigkeit der Arbeiter als allgemeines gesellschaftliches Produktionsgesetz anzuerkennen und seiner normalen Verwirklichung die Verhältnisse anzupassen.“ 10
Obwohl somit die soziologische Relevanz des als soziale Mobilität bezeichneten Prozesses unmittelbar erkennbar und einsichtig istzumal sich in der kapitalistischen Gesellschaft die soziale Mobilität gleich dem „Wechsel der Arbeit … nur als überwältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstörenden Wirkung eines Naturgesetzes durchsetzt, das überall auf Hindernisse stößt“ 11 , zielt die soziologische Analyse des Umfanges und der Richtung der sozialen Mobilität weniger auf eine entsprechende Analyse der durch die Industrie bereits erreichten bzw. erzwungenen „Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse“ 12 und damit auch der Ersetzung des Teilindividuums „durch das total entwickelte Individuum, für welches verschiedne gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind“ 13 , als vielmehr auf einen hiermit zwar verbundenen, jedoch hiervon spezifisch unterschiedenen sozialen Sachverhalt.
7 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 510 f.
8 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 390.
9 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 55.
10 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 512.
11 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 511.
12 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 512.
13 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 512.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 4 -
„Eine Gesellschaft,die auf die rationale, wirksame Ausbeutung und Organisation all ihrer Schätze und Mittel hin orientiert ist, muß dafür Sorge tragen, daß stets ‚der beste ‚Mann’ jede Position einnimmt, daß jeder auf ‚den richtigen Platz’ kommt. Sie muß daher in ihrer Struktur Bedingungen der prinzipiell unbeschränkten Konkurrenz (hinsichtlich des Zuganges zu den sozialen Positionen - H.M.) rein unter dem Gesichtspunkt der Fähigkeit schaffen.“ 14
Aber selbst in den Vereinigten Staaten, die ob ihrer hohen industriellen Entwicklung wie auch sozialen Mobilität von einer Vielzahl bürgerlicher Soziologen gern als ein Musterbeispiel einer ‚Leistungsgesellschaft’ zitiert und strapaziert werden, in der der Zugang der Individuen zu den sozialen Positionen primär von den Fähigkeiten und der Leistung des einzelnen abhängig wäre, „sieht“, wie Melvin M. Tumin festzustellen sich gezwungen sieht, „die tatsächliche Situation natürlich (!) wesentlich anders aus. Inzwischen ist man sich darüber einig, daß von einer vollkommenen Chancengleichheit keine Rede sein kann und daß weiße, protestantische Kinder mit wohlhabenden und gut ausgebildeten Vätern in anerkannten Berufen die besten Chancen haben. Diese Familien- oder Geburtsmerkmale verhelfen einem Kind zu größeren Erfolgschancen, als sie Kinder mit anderen Familienkonstellationen haben. Die Chancen, einen Status durch Leistung zu erwerben, werden also durch eine Reihe zugeschriebener Merkmale recht stark beeinträchtigt.“ 15
In Anbetracht der unterschiedlichen sozialökonomischen, politischen, kulturellen und konfessionellen Gegebenheiten in den verschiedenen Gesellschaften ließe sich die Reihe der den freien Zugang zu den sozialen Positionen und insbesondere den Zugang zu den Führungs- und Leitungspositionen in Wirtschaft und Gesellschaft einschränkenden Faktoren und Mechanismen nahezu belie-
14 Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW, Band 23, S. 4.
15 Tumin, Schichtung und Mobilität, S. 74.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 5 -
bigerweitern. Entscheidender jedoch als eine bloße Aufzählung der hier in Betracht kommenden Faktoren und Mechanismen ist die Tatsache, daß in allen Gesellschaften die Rekrutierung der Individuen zu den sozialen Positionen und - damit auch - der Wechsel der Individuen zwischen den verschiedenen sozialen Positionen bestimmten - primär sozialstrukturell bedingten - Mechanismen unterliegt, die durch die spezifisch soziologische Analyse des Umfangs und der Richtung der sozialen Mobilität gleichermaßen transparent wie auch empirisch faß- und meßbar werden.
Diese durch die soziologische Analyse der sozialen Mobilität faßbaren Mechanismen der Rekrutierung der Individuen zu den sozialen Positionen sind keine gesellschaftlich unbedeutenden Mechanismen. Soweit der Zugang zu bestimmten sozialen Positionen in einer Gesellschaft restriktiven Mechanismen unterliegt, erweisen sich diese den freien Zugang zu diesen sozialen Positionen einschränkenden Mechanismen sehr schnell als bloße Mechanismen der Durchsetzung und Aufrechterhaltung der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse und damit zugleich als die Mechanismen der Reproduktion der jeweils bestehenden Sozialstruktur dieser Gesellschaft. Ebenso aber, wie durch die soziologische Analyse der sozialen Mobilität und insbesondere der Rekrutierungsmechanismen der Individuen zu den sozialen Positionen wie auch durch die der Rekrutierungsfelder bestimmter Gruppen die Mechanismen der Durchsetzung und Aufrechterhaltung der Herrschaftsverhältnisse einer bestimmten Gesellschaft angebbar werden, so lassen sich andererseits aus einer Veränderung dieser Rekrutierungsmechanismen und -felder unmittelbar Rückschlüsse auf die Art und Richtung der Veränderung der Herrschafts- und Sozialstruktur der jeweiligen Gesellschaft ziehen. Besondere theoretische wie auch gesellschaftspolitische Bedeutung hat die soziologische Analyse der auf den Wechsel der Individuen zwischen den sozialen Positionen anhebenden sozialen Mobilität daher als vergleichende Analyse der so- zialen Mobilität in verschiedenen Gesellschaften und auch Gesell-
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 6 -
schaftsformationen,wodurch sich die Mobilitätsanalyse gleichzeitig und notwendigerweise zu einem Mittel der Analyse und des Vergleichs der Reproduktions- und Wandlungsmechanismen der Herrschafts- und Sozialstruktur verschiedener Gesellschaften und Ge-sellschaftsformationen ausweitet.
Sowohl unter dem Gesichtspunkt des Vergleichs der Reproduktions- und Wandlungsmechanismen der Sozialstruktur zweier grundlegend verschiedener Gesellschaftsformationen als auch in Anbetracht der für eine Vielzahl industriesoziologischer Probleme und Fragestellungen dringend benötigten empirischen Angaben über die Veränderung der Sozialstruktur des sozialistischen Industriebetriebes wie auch der sozialen Rekrutierungsfelder und
-mechanismen der in den Industriebetrieben tätigen Leitungskader drängt sich eine soziologische Analyse der sozialen Mobilität der in den sozialistischen Industriebetrieben tätigen Leiter geradezu auf. Besonderes Interesse gewinnt die Analyse der sozialen Mobilität sozialistischer Leiter zumal auch auf dem Hintergrund der Herausbildung und Entwicklung von zwei auf grundsätzlich verschiedenen sozialökonomischen Grundlagen beruhenden deutschen Staaten infolge der Entwicklung sozialistischer Produktions- und Gesellschaftsverhältnisse in der DDR nach 1945, durch die es zu einer weitgehenden und tiefgreifenden Veränderung in der Zusammensetzung insbesondere der politischen und ökonomischen Führungskräfte kam.
„Dieses einmalige und für alle Welt wissenschaftlich sehr bedeutsame Phänomen zu erfassen“ 16 muß, wie selbst Karl Valentin Müller in seinem Pamphlet diesen Vorgang charakterisiert, sogleich auch deshalb als eines der dringlichsten Aufgaben der marxistischleninistischen Soziologie angesehen werden, als durch die empirische Analyse der vollzogenen Veränderungen in der Struktur und Zusammensetzung der Leitungskader der sozialistischen Industrie-
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 7 -
betriebeund in Anbetracht der weitgehenden sozialstrukturellen Kontinuität der Führungsgruppen in Wirtschaft und Gesellschaft der BRD zugleich auch die gesellschaftlichen Prozesse und Veränderungen sichtbar werden, die der objektiven Abgrenzung beider deutschen Staaten ebenso zugrunde liegen, wie auch deren Richtung und Gepräge bestimmen.
Nicht zuletzt auch aus diesem Grunde bietet, wie Georg Aßmann und Horst Berger zum Ausdruck bringen, „die sozialstrukturelle Analyse der sozialistischen Leiter der Industrie in der DDR eine wichtige Orientierungshilfe für die westdeutsche Arbeiterklasse ... Deshalb ist es notwendig, den Prozeß der Herausbildung der sozialistischen Leiter, der sich nach 1945 unter Führung der Partei der Arbeiterklasse vollzogen hat, zu analysieren. Wir wissen allgemein …, daß die Leiter in der sozialistischen Industrie vornehmlich aus der Arbeiterklasse stammen und auch in der überwiegenden Mehrzahl nach 1945 neu in die Leitungsfunktionen aufgestiegen sind. Eine detailliertere Untersuchung müßte darüber hinausgehend erfassen, inwieweit es in den Jahren von 1945 bis 1968 Verschiebungen in der schichtmäßigen Herkunft der Leiter gegeben hat. Dazu gehört auch die Untersuchung der Leiter, die gegenwärtig in der sozialistischen Industrie tätig sind, hinsichtlich ihrer funktionellen Entwicklung. Das heißt, welche Funktionsebenen die gegenwärtig tätigen Leiter durchlaufen haben, um die jetzige Position zu besetzen.“ 17
Entsprechend dem fast vollständigen Fehlen derartiger Untersuchungen besteht eine der wesentlichsten Aufgaben der vorliegenden Arbeit in der Durchführung und theoretischen Verallgemeinerung der von Aßmann und Berger in ihrer Habilitationsarbeit gefor-
16 Müller, Manager in Mitteldeutschland, S. VII.
17 Aßmann/Berger, Zur soziologischen Analyse von Leitern in der sozialistischen Industrie, S. 89
f.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 8 -
dertendetaillierteren Analyse der sozialen Mobilität der in der sozialistischen Industrie tätigen Leiter.
Bedingt durch die diskontinuierliche Entwicklung der Soziologie innerhalb der marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaften wurde die - in Charakter und theoretischer wie auch praktischer Fragestellung von einer bloß sozialstatistischen Analyse der Veränderung der Sozialstruktur spezifisch unterschiedene - Analyse der sozialen Mobilität weitgehend zu einer Domäne der bürgerlichen Soziologie. Dieser Umstand hatte zur Folge, daß insbesondere der kategoriale und methodologische Apparat der soziologischen Mobilitätsanalyse ebenso wie die innerhalb der bürgerlichen Soziologie ohnehin nur ansatzweise vorhandene und überwiegend nur auf Oberflächenphänomene verengte Theorie der sozialen Mobilität überwiegend durch den in der bürgerlichen Soziologie vorherrschenden Positivismus geprägt wurden und daher in Auseinandersetzung mit diesen bürgerlichen Mobilitätsauffassungen marxistischerseits inhaltlich und damit auch theoretisch weitgehend neu zu bestimmen sind.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 9 -
II.Das Wesen der sozialen Mobilität und dessen begriffliche Widerspiegelung in der bürgerlichen und marxistisch-leninistischen Soziologie
Soziologische Analysen der Sozialstruktur und deren Veränderungen erfolgen zunehmend mehr als Untersuchungen der sozialen Mobilität. Gehört hierbei die spezifisch soziologische Erforschung der Sozialstruktur gegebener Gesellschaften und der sich in ihnen vollziehenden sozialstrukturellen Veränderungen schon seit Herausbildung der Soziologie als einer gesellschaftswissenschaftlichen Einzelwissenschaft unabhängig von deren Observanz geradezu schon zu deren Standardrepertoire, so darf die soziologische Analyse der Sozialstruktur und deren Veränderung mit Hilfe der empirischen Erforschung der sozialen Mobilität besondere theoretische Aufmerksamkeit beanspruchen.
Nicht nur sind - nach den Befunden bürgerlicher Soziologen„Entwickelte industrielle Gesellschaften - … außerordentlich mobile Gesellschaften“ 18 „ihre außerordentlich hohe Mobilitätsrate“ nicht nur „eine der grundlegenden Strukturtatsachen der entwickelten Industriegesellschaft“ 19 , sondern auch eine Tatsache, durch die „die Rede von einer offenen Schicht - oder auch ‚Klassenstruktur’ der modernen Gesellschaft (begründet)“ 20 wird.
„Die unmittelbaren Konsequenzen eines solchen Strukturarrangements liegen auf der Hand. Ist der soziale Auf- und Abstieg in einer Gesellschaft institutionalisiert, so befindet sich die Bevölkerung dieser Gesellschaft in ständigem Fluss; Gruppierungen von der Beständigkeit und ‚Geschlossenheit’ der Kasten und selbst Stände werden unmöglich.“ 21
18 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 61.
19 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 55.
20 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 55.
21 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 62.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 10 - Vonder Betonung der Unmöglichkeit der Beständigkeit und Ent-schlossenheit der Kasten und Stände infolge hoher sozialer Mobili-tät ist es nur ein kleiner Schritt bis zur entsprechenden Begründung der Unmöglichkeit der Beständigkeit wie auch Existenz sozialer Klassen in einer Gesellschaft in der „eine hohe soziale Mobilität der einzelnen … ein soziales Faktum … vielleicht auch das zentrale, der realsoziologischen Strukturveränderungen … darstellt. 22
Tatsächlich vollzogen wird denn auch dieser Schritt von Helmut Schelsky, bietet sich doch hier die, wenn auch nur scheinbare, Chance, durch den Verweis auf die hohe soziale Mobilität das leidige Problem der Existenz sozialer Klassen und Schichten in die Vergangenheit zu verbannen. So Schelsky, wenn er die Auffassung vertritt: „Die umfangreichen sozialen Aufstiegs- und Abstiegsprozesse, die wir gerade in der deutschen Gesellschaft der letzten zwei bis drei Generationen erlebt haben, zerstören eben das Klassengefüge, aus dem sie sich erheben. Das Zusammenwirken dieser sich begegnenden Richtungen der sozialen Mobilität führt … zu einer sozialen Nivellierung der Bevölkerung in einer verhältnismäßig einheitlichen Gesellschaftsschicht, die ebenso wenig proletarisch wie bürgerlich ist, d.h. durch den Verlust der Klassenspannung und sozialen Hierarchie gekennzeichnet wird“ 23
Selbst wenn andere bürgerliche Soziologen der sozialen Mobilität keine derartig weiterreichende Bedeutung für die Zerstörung des Klassengefüges der jeweils gegebenen Gesellschaft beimessen und die soziale Mobilität nur als ein Phänomen betrachten, „durch welche sich das Klassensystem erhält und ändert“ 24 , dürfte der durch einen Verweis auf die hohe soziale Mobilität vorgetragene Einwand gegen die Möglichkeit der Existenz bzw. Weiterexistenz sozialer Klassen in der „modernen“ Gesellschaft kaum als die An-
22 Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit, S. 374.
23 Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit, S. 393.
24 Blau/Duncan, Soziale Schichten und soziale Mobilität, Sonderheft 5 der KZfSS. 171.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 11 - sichteines outsiders zu betrachten sein. Gegen den nur singulären Charakter der von Schelsky vertretenen Ansicht sprechen ähnliche, ja, in gewisser Hinsicht theoretisch weiterreichende Überlegungen Ralf Dahrendorfs, der an verschiedenen Stellen seiner bereits ge-nannten Arbeit dem „Problem der sozialen Mobilität in ihrer Wirkung auf Klassenstruktur und Klassenkonflikt“ 25 nachgeht und differen-zierter zu fassen versucht.
Bevor jedoch dem insbesondere von Dahrendorf exponierten Problem der Wirkung der sozialen Mobilität auf die Klassenstruktur sowie auch der Art und Richtung seiner Argumentation nachgegangen werden kann und soll, erscheint eine begriffliche Bestimmung der sozialen Mobilität und damit jenes Phänomens, dem - wie den Ausführungen Schelskys zu entnehmen war - derartig nivellierende und egalisierende Kräfte zuerkannt werden, gleichermaßen angebracht wie notwendig.
Verglichen mit der angedeuteten Tragweite der durch die soziale Mobilität bewirkten ‚realsoziologischen Strukturveränderungen’ erscheint die soziale Mobilität auf den ersten Blick als eine nahezu unscheinbare und unbedeutende Erscheinung. Bolte zufolge wird „Unter sozialer Mobilität in den Sozialwissenschaften die Bewegung von Personen aus einer Position in eine andere Position verstanden, wobei Position den - ‚Platz’ eines Menschen in einem sozialen Gefüge bzw. in einer Gliederung innerhalb eines solchen bezeichnet.“ 26
Im Unterschied zu den - besonders in den Gesellschaftswissenschaften - nicht seltenen Kontroversen über Begriffsinhalt soziologischer Kategorien gibt es hinsichtlich der Begriffsbestimmung „der sozialen Mobilität als einem Wechsel von Personen zwischen verschiedenen sozialen Positionen“ 27 kaum gravierende Meinungsver-
25 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 181.
26 Bolte, Vertikale Mobilität, S. 1.
27 Mayntz, Soziale Schichtung und sozialer Wandel in einer Industriegesellschaft, S. 148.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 12 - schiedenheiten,was auch deutlich wird, betrachtet man die von Helmut Steiner gegebene Begriffsbestimmung der sozialen Mobili-tät, die er als „jede Bewegung von Personen aus einer Position in eine andere innerhalb jeder möglichen Gliederung der Gesell-schaft“ 28 bestimmt. Selbst von dieser allgemein verbreiteten Be-griffsbestimmung abweichende Bestimmungen der sozialen Mobili-tät unterscheiden sich weniger prinzipiell als vielmehr durch einen unterschiedlichen Abstraktionsgrad bzw. durch eine unterschiedli-che Akzentuierung der jeweiligen sozialen Gefüge, zwischen denen der Positionswechsel der Individuen erfolgt. So, wenn im „Wörter-buch der marxistisch-leninistischen Soziologie“ die soziale Mobilität als „Bewegung der Gesellschaftsmitglieder zwischen den und in-nerhalb der Klassen und Schichten der Gesellschaft gefaßt wird.“ 29
Wenn aber, um nach dieser vorerst hinreichenden Charakterisierung der sozialen Mobilität sogleich wieder auf die sich aus dieser Erscheinung für Dahrendorf ergebenden theoretischen Folgerungen zurückzukommen,
„Wenn der Einzelne seine Klasse beliebig wechseln kann bzw. wenn er sogar regelmäßig wechseln muß, wenn z.B. der Arbeiter, so er nur will (!), Unternehmer werden kann bzw. jedes Mitglied des Gemeindekollektivs einmal Bürgermeister werden muß, dann liegt eine Form und ein Maß der Intra-Generations-Mobilität vor, die Klassenbildung unmöglich machen. Die Zugehörigkeit zu Klassen wird dann zur bloß zufällig bzw. prinzipiell vorübergehenden Erscheinung. Obwohl es noch eine Quasi-Gruppenstruktur der Autoritätsrollen gibt, macht der ständige Wechsel ihrer Träger die Organisation von Interessengruppen zur Verteidigung oder Anfechtung der Legitimität bestehender Herrschaftsstrukturen unmöglich. Es gibt keinen Klassenkonflikt und in diesem Sinne auch keine Klassen“
- und, um den Bogen noch weiter zu spannen -
„Die klassenlose Gesellschaft ist als (intra-
28 Steiner, Aspekte der sozialen Mobilität in der Deutschen Demokratischen Republik, S. 44.
29 Stichwort ‚soziale Mobilität’, in: Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, S. 294.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 13 - generations-)mobileGesellschaft also eine soziologische Kategorie von realer Bedeutung.“ 30 :
Erinnert man sich der Charakterisierung der ‚entwickelten industriellen Gesellschaft’ als außerordentlich mobiler Gesellschaft, so kann das doch wohl nur so zu verstehen sein, als daß die so charakterisierten Gesellschaften bereits jetzt weitgehendst den Zustand der klassenlosen Gesellschaft erreicht haben. Eine immerhin bemerkenswerte Anpassung der bürgerlichen Soziologie und Ideologie an die neuen Gegebenheiten des Klassenkampfes infolge der weitgehenden Überwindung der antagonistischen Klassenwidersprüche in den sozialistischen Gesellschaften, galt doch der Hinweis auf die vielfältigen Möglichkeiten sozialen Aufstiegs bisher als ausreichendes Argument gegen die Rigidität der bestehenden Klassenstrukturen. Aber Dahrendorfs These der Möglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft infolge hoher sozialer Mobilität steht auf tönernen Füßen. Wohl nicht zuletzt auch angesichts der nicht allzu hohen Mobilitätsraten mache sich zugleich „eine Einschränkung erforderlich, … scheint doch empirisch die Hypothese sinnvoll, das der angedeutete Zustand der Quasi-Klassenlosigkeit stets nur als Begleiterscheinung vorübergehender Prozesse revolutionärer Wandlungen auftritt und jeweils nach relativ kurzer Zeit einem Mittelmaß an Stabilität Raum gibt, mit dem auch Klassen wieder möglich werden. Klassenlosigkeit kraft (Intra-Generations-)Mobilität ist gewissermaßen ein Grenzwert … der stets zu seiner eigenen Aufhebung tendiert und insofern vernachlässigt werden darf“ 31 , womit es nun dem Leser überlassen bleibt, sich - je nach Bedarf - sein eigenes Urteil über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft zu bilden.
Da für Dahrendorf die Beantwortung dieser Frage und damit auch die Erörterung der Faktoren, die „als empirische Bedingungen der
30 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 184/3.
31 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 184.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 14 - Organisationvon Klassen fungieren, vor allem aber deren Bestand, …, beeinflussen … nicht ein Problem der theoretischen Konstrukti-on, sondern der empirischen Verallgemeinerung“ 32 ist, liegt es zu-nächst nahe, Dahrendorfs Annahme der prinzipiellen Möglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft bzw. ‚Klassenlosigkeit kraft (Intra-Generations-)Mobilität’ dadurch als unrealistische Annahme abzu-tun, berechtigen doch selbst die empirischen Verallgemeinerungen bürgerlicher Soziologen keineswegs zu der Feststellung, daß der Arbeiter, wo er nur will, Unternehmer werden kann’. Völlig überse-hen würde bei einer derartigen Replik nur, daß Dahrendorfs These der ‚Klassenlosigkeit kraft (Intra-Generations-)Mobilität’ weniger ein Problem der empirischen Verallgemeinerung, sondern - primär und vor allem - eine Frage der theoretischen Konstruktion ist. Denn: wenn die Klassenlosigkeit gewissermaßen nur einen Grenzwert hoher Mobilität darstellt, dann ist zwar die Frage des Grades der Klassenlosigkeit eine Frage der empirischen Analyse und Verall-gemeinerung, nicht jedoch aber die Klassenlosigkeit als solche, die sich - Dahrendorf zufolge - vielmehr über die soziale Mobilität ver-wirklicht. Damit aber wird die Frage nach einer prinzipiellen Mög-lichkeit der Klassenlosigkeit der ‚entwickelten industriellen Gesell-schaft’ zu einem Problem der prinzipiellen Möglichkeit der sozialen Mobilität, das sich - der Natur der Sache nach - sofort auf die Frage verdünnt, ob „die Klassenzugehörigkeit … ein unentrinnbares, er-erbtes und sich forterbendes Schicksal ist“ 33 .
Prinzipielle Fragen verlangen prinzipielle Antworten, weshalb denn auch die Annahme einer unentrinnbaren und sich forterbenden Klassenzugehörigkeit ebenso prinzipiell verneint, wie die Möglichkeit des ‚Aufstiegs eines Arbeiters zum Unternehmer bzw. die des Abstiegs eines Kapitalisten zum Arbeiter ebenso prinzipiell bejaht werden muß - und dies nicht erst für die ‚moderne’ Gesellschaft. Beide Formen der sozialen Mobilität, d.h. sowohl den sozialen Auf-
32 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 180 f.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 15 - stiegdes Arbeiters zum Kapitalisten als auch den sozialen Abstieg des Kapitalisten zum Angehörigen der Arbeiterklasse sah bekannt-lich bereits auch Marx so, wenn er ausdrücklich darauf hinweist, daß, wenn beispielsweise ein Kapitalist infolge des Kokurrenz-kampfes sein „Kapital verliert, er die Eigenschaft (verliert), Kapitalist zu sein. … So kann auch der einzelne Arbeiter aufhören, das Für-sichsein der Arbeit zu sein; er kann Geld erben, stehlen etc. Aber dann hört er auf, Arbeiter zu sein.“ 34
Oder, mehr auf die eigene Leistung als Mittel des sozialen Aufstiegs und dessen gesellschaftliche Bedeutung abstellend: „… dieser Um-stand der so sehr bewundert wird von den ökonomischen Apologeten, daß ein Mann ohne Vermögen, aber mit Energie, Solidarität, Fähigkeit und Geschäftskenntnis sich in dieser Weise in einen Kapitalisten verwandeln kann …, befestigt die Herrschaft des Kapitals selbst, erweitert ihre Basis und erlaubt ihr, sich mit stets neuen Kräften aus der gesellschaftlichen Unterlage zu rekrutieren.“ 35
Wenn selbst Marx - wie soeben angedeutet - die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse nicht als ein unentrinnbares Schicksal des einzelnen ansah, mithin Klassenmobilität als prinzipiell möglich betrachtete, zudem noch deren „Einfluß auf die Intensität des Klassenkonfliktes“ 36 andeutete, dann dürfte auch das Dah-rendorf beschäftigende Problem, ob die soziale Mobilität “als konstitutionelles Hindernis der Klassenbildung“ 37 fungiere, näher zu betrachten sein. Ganz offensichtlich berühren wir damit zugleich auch das Kardinalproblem jeglicher Mobilitätssoziologie, impliziert doch die Beantwortung des Einflusses der sozialen Mobilität auf die Existenz sozialer Klassen wesentlich schon die theoretische und auch ideologische Reichweite der Mobilitätstheorie.
33 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 183.
34 Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, S. 211.
35 Marx, Das Kapital, Band III, in: MEW, Band 25, S. 614.
36 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 184.
37 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 184.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 16 - SchelskysThese der Zerstörung des Klassengefüges wie auch Dahrendorfs Konstruktion einer klassenlosen Gesellschaft kraft so-zialer Mobilität zeugen davon, daß die mögliche - theoretische wie ideologische - Reichweite der soziologischen Mobilitätstheorie kaum als nur unbedeutend angesehen werden darf.
Gemäß herrschender Ansicht bezeichnet, wie bereits angedeutet, soziale Mobilität den Wechsel von Individuen aus einer sozialen Position in eine andere bzw. einen Wechsel der sozialen Position zwischen den und innerhalb der Klassen und Schichten einer gegebenen Gesellschaft. Auswirkungen der sozialen Mobilität auf die Existenz der jeweils existierenden Klassen sind, wenn überhaupt, nur im Falle einer sozialen Mobilität zwischen den Klassen zu erwarten, denn wie auch Dahrendorf feststellen muß, ist „Mobilität innerhalb von Klassen … in unserem Zusammenhang prinzipiell gleichgültig. Auf- und Abstiegsbewegungen zwischen gelernten, angelernten und ungelernten Arbeitsberufen etwa beeinträchtigen als solche die Stabilität der Klasse der industriellen Arbeiter nicht“ 38 - eine Feststellung, die genau genommen nicht ganz exakt ist, denn, wenn auch Auswirkungen der Intra-Klassenmobilität auf die Stabilität der jeweiligen Klasse keineswegs a priori ausgeschlossen und auch tatsächlich nachweisbar sind, Intra-Klassenmobilität ihrem Wesen nach nur Auf- und Abstiegsbewegungen von Individuen innerhalb einer Klasse beinhaltet, dann kann nur in einer Gleichgültigkeit der Auswirkungen der Intra-Klassenmobilität im Hinblick auf die Existenz der Klasse gesprochen werden. Insofern im Falle der Intra-Klassenmobilität nur Veränderungen der sozialen Position der Individuen innerhalb dieser oder jener Klasse in Betracht kommen, wird durch diese Form der sozialen Mobilität weiterhin nicht einmal der zahlenmäßige Bestand einer Klasse tangiert. Angesichts der Spezifik der sich in der Form der Intra-Klassenmobilität ausdrückenden Art und Richtung der Positionswechsel der Indivi-
38 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 143.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 17 - duenbleibt diese Form sozialer Mobilität einsichtigerweise ohne jegliche Folgen für die Existenz gegebener Klassen und damit auch für die Klassenstruktur.
Anders hingegen seien die Wirkungen der Inter-Klassenmobilität, denn - wie bereits erwähnt -: wenn z.B. der Arbeiter, so er nur will, Unternehmer werden kann, dann liegt eine Form … der Intra-Generations-Mobilität vor, die Klassenbildung unmöglich mache. Nun, was zunächst die von Dahrendorf vorgenommene Einengung des Gültigkeitsanspruchs dieser Aussage auf die Intra-Generations-Mobilität betrifft, so ist die Frage des durch die Generationen gegebenen Bezugsrahmens nicht nur für das zu erörternde Problem, sondern auch für Dahrendorfs theoretische Konstruktion ohne jegliche Bedeutung, begründet doch Dahrendorf allein seine These durch den ständigen Wechsel der Individuen zwischen den verschiedenen Klassen, der „die Organisation von Interessengruppen zur Verteidigung oder Anfechtung der Legitimität bestehender Herrschaftsstrukturen unmöglich (macht)“ 39 - eine, für einen Theoretiker, der prononciert die Meinung vertritt, „daß ein Individuum im Prinzip dadurch zum Angehörigen einer Klasse wird, daß es eine unter dem Aspekt der Autorität relevante soziale Rolle einnimmt“ 40 , - auch rollentheoretisch betrachtet - ganz sicher ungewöhnliche Begründung.
Unter dem Gesichtspunkt der uns hier interessierenden Inter-Klassenmobilität gleichen jedoch soziale Klassen „einem Hotel oder einem Omnibus“, um hier Schumpeters anschaulichen und durchaus zutreffenden Vergleich zu benutzen, „die zwar immer besetzt sind, aber von immer anderen Leuten“ 41 .
Insofern die Bewegung der Individuen zwischen den Klassen zunächst nur mit einem Wechsel der Klassenzugehörigkeit verbunden
39 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 184.
40 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 153.
41 Schumpeter, Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu, S. 171.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 18 - ist,beispielsweise der dem Klassenkampf zum Opfer gefallene Ka-pitalist seine Klassenzugehörigkeit zur Klasse der Kapitalisten ver-liert und nun mit seiner neuerworbenen Zugehörigkeit zu einer an-deren Klasse vorliebnehmen muß, ergeben sich im Falle einer Inter-Klassenmobilität ebenfalls Auswirkungen auf die Größe des ‚Per-sonalbestandes’ einer Klasse, nicht jedoch aber auch für die Exis-tenz dieser oder jener Klasse, die von einem derartigen Wechsel der Natur der Sache nach überhaupt nicht berührt wird. Dahren-dorfs Konstruktion einer Klassenlosigkeit kraft sozialer Mobilität er-weist sich somit als bloße Fiktion. Und doch, wenn auch unter völlig anderen theoretischen und empirischen Voraussetzungen ist die Möglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft kraft sozialer Mobilität, genauer kraft Inter-Klassenmobilität mehr als nur eine Fiktion. Sie wäre dann keine, wenn sich die Angehörigen aller anderen Klassen - aus welchen Gründen auch immer - sukzessive in eine einzige Klasse bewegen würden, so daß die anderen Klassen - unter der Voraussetzung nicht stattfindender Rück- oder Ausgleichsbewe-gungen - schließlich durch Schrumpfung verschwinden würden. Selbst wenn sich entsprechende Tendenzen in den sozialistischen Gesellschaften auch empirisch nachweisen lassen, wäre Klassen-losigkeit infolge Inter-Klassenmobilität nur der äußerste Grenzfall einer Inter-Klassenmobilität - allerdings auch nur dieser -; gleichzei-tig aber auch jener Punkt, an dem die Inter-Klassenmobilität sich selbst aufheben bzw. unmöglich machen würde, wäre doch im Falle der Existenz nur noch einer Klasse Inter-Klassenmobilität, d.h. die Bewegung von Individuen zwischen verschiedenen Klassen eo ipso nicht mehr möglich - ganz abgesehen davon, daß im Falle der Existenz nur noch von einer Klasse gesprochen werden kann. Das aber bedeutet zugleich auch, daß Klassenlosigkeit kraft Inter-Klassenmobilität solange unmöglich ist, solange Inter-Klassenmobilität möglich bleibt. Anders ausgedrückt: Klassenlosig-keit und Klassenmobilität sind und bleiben einander ausschließende Sachverhalte. In Anbetracht dieses Umstandes ist daher eine klas-
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 19 - senloseGesellschaft auch nicht durch eine noch so bedeutende Steigerung der Inter-Klassenmobilität, sondern primär nur durch eine Veränderung der die Klassen hervorbringenden Eigentums-verhältnisse zu erreichen.
Aber diese soziologische Widerlegung der Dahrendorfschen These der Klassenlosigkeit kraft sozialer Mobilität läßt zunächst noch deren spezifisch soziologische Begründung unwiderlegt, weshalb denn auch die von Dahrendorf vorgebrachte Begründung der klassenzerstörenden Bedeutung des ‚ständigen Wechsels’ des ‚Personals’ der Klassen angesichts der vor allem ideologischen Funktion der angeblich klassenzerstörenden Wirkung sozialer Mobilität einer auch immanenten Kritik unterzogen werden soll.
Wie erinnerlich, mache der ständige Wechsel der Individuen zwischen den Klassen ‚die Organisation von Interessengruppen zur Verteidigung oder Anfechtung der Legitimität bestehender Herrschaftsstrukturen’ und damit auch die Bildung von Klassen unmöglich, womit denn Dahrendorf, den wir hier nur exemplarisch anführen, die Individuen als den eigentlichen Bestimmungsgrund der Klassen betrachtet und in einem offensichtlichen Widerspruch zu früher gemachten Aussagen gerät und wo er - völlig zutreffendäußerte: Der „Bestimmungsgrund der Klassen ist im Grunde nicht der Einzelne, sondern die sozialen Beziehungen, in denen er und andere sich finden“ 42 .
Kurz, der Bestimmungsgrund der Klassen und damit auch deren Existenzgrundlage liegt in „außerindividuellen Strukturverhältnissen“ 43 , die sich für den einzelnen in der Form sozialer Rollen artikulieren. Übernimmt der einzelne eine derartige aus außerindividuellen Strukturverhältnissen hervorgehende und insbesondere durch die jeweiligen Klassenverhältnisse bestimmte soziale Rolle, dann wird der einzelne durch die Übernahme dieser Klassenrolle auch
42 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 151.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 20 - zumAngehörigen der Klasse, zu deren ‚Strukturarrangement’ diese Rolle gehört, d.h. - anders ausgedrückt - „die Klassenzugehörigkeit ist abgeleitet von der Trägerschaft sozialer Rollen, die Rekrutierung in sozialen Klassen geht hervor aus der Rekrutierung zu diesen Rollen.“ 44
Da die Frage der Richtigkeit all dieser rollentheoretischen Annahmen für den hier beabsichtigten Zweck einer auch immanenten Kritik der Dahrendorfschen These der Zerstörung der Klassenstruktur bzw. der Unmöglichkeit der Klassenbildung infolge ständigen Wechsels der Träger sozialer Rollen prinzipiell gleichgültig ist, soll daher auch nur der Frage nachgegangen werden, ob sich Dahren-dorfs These in irgendeiner Form überhaupt auch rollentheoretisch begründen läßt.
Unter diesem Gesichtspunkt wäre Dahrendorf zunächst daran zu erinnern, daß - rollentheoretisch formuliert - „Klassen in irgendeiner Form auf einem Strukturarrangement sozialer Rollen (beruhen)“ 45 .
Wenn daher die Träger dieser sozialen Rolle einem ständigen Wechsel unterliegen, die soziale Rolle jedoch die Klassenzugehörigkeit des Trägers der jeweiligen sozialen Rolle bestimmt und vermittelt, die soziale Rolle selbst dagegen in außerindividuellen Strukturverhältnissen begründet liegt, dann kann ein derartiger ständiger Wechsel der Rollenträger doch wohl nur einem Wechsel der Klassenzugehörigkeit der einzelnen, nicht jedoch aber auch eine Veränderung des Strukturarrangements sozialer Rollen und, insofern die Klassen auf diesem beruhen sollen, auch eine Veränderung der Klassenstruktur zur Folge haben. Also auch ein ‚ständiger’ Wechsel der Träger sozialer Rollen beeinträchtigt die Existenz der je beste- 43 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 151.
44 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 154.
45 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 153.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 21 - hendenKlassen wie auch deren Struktur in keiner Weise, sind doch „auch Rollen prinzipiell unabhängig vom Einzelnen“ 46 .
Zudem: „In Prozessen des Strukturwandels - um die es ja bei dieser Theorie geht - ist es gewissermaßen die Funktion dieser Rollen, die Geltung des Bestehenden, den status quo aufrechtzuerhalten.“ 47
Dahrendorfs Versuch einer rollentheoretischen Begründung einer klassenzerstörenden Wirkung ständigen Rollenwechsels scheitert somit auch rollentheoretisch, gilt doch die den status quo stabilisierende Funktion sozialer Rollen auch und vor allem im Hinblick auf Prozesse des Strukturwandels der Träger sozialer Rollen, also gerade im Fall eines ständigen Wechsels des ‚Rollenpersonals’.
Nicht zuletzt gilt diese den status quo, also auch die bestehenden Klassenverhältnisse aufrechterhaltende und stabilisierende Funktion sozialer Rollen auch für die Organisation von Interessengruppen zur Verteidigung oder Anfechtung der Legitimität bestehender Herrschaftsstrukturen oder - allgemeiner formuliert - für die Problematik der Vertretung überindividueller Interessen.
„Das Verhältnis der positionsbedingten, ‚objektiven’ Interessen zu den Trägern der in Frage stehenden Positionen läßt sich ohne den Regreß auf zweifelhafte psychologische Gesetze klären. … Soziale Positionen, mit denen wir es hier zunächst zu tun haben, sind im Rahmen der Integrationstheorie der Sozialstruktur vor allem als soziale Rollen von Bedeutung. Soziale Rollen aber sind bestimmt durch gewisse Rollen-Erwartungen, ‚Erwartungsnormen’, die das angemessene Verhalten von Personen, die bestimmte Rollen spielen, definieren’ (Parsons). … Es wird hier also eine Verhaltensorien-
46 Dahrendorf, Homo Sociologicus - ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der
Kategorie der sozialen Rolle, S. 33.
47 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 162.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 22 - tierungals Postulat sozialer Positionen oder Rollen zugeschrie-ben.“ 48
Das aber meint: „ Die erörterten objektiven Interessen sind Rolleninteressen“ 49 , d.h. an soziale Rollen geknüpfte erwartete Verhaltens-orientierungen.
„Der Einzelne, der eine Position … einnimmt, findet diese Rolleninteressen ebenso vor“ 50 wie der, der erst neu in diese soziale Position wechselt. Auch auf dem Hintergrund positionsbedingter Interessen, die von dem Wechsel der Positionsinhaber nicht affiziert werden, lassen sich also keinerlei plausible Gründe angeben, warum soziale Mobilität mit der Bildung von Klassen - genauer: - mit der Reproduktion der jeweils bestehenden Klassenstruktur unvereinbar sein, deren Existenz unmöglich machen soll.
Aber lassen wir zu diesem Problem abschließend Dahrendorf selbst sprechen: „Bei der Analyse sozialer Strukturen, sei es ganzer Gesellschaften oder einzelner, ihrer Institutionen, Assoziationen und Gruppen, ist stets scharf zu trennen zwischen sozialen Positionen, oder Rollen und ihren Agglomeraten einerseits und dem Personal, den Menschen, die diese Positionen besetzen, andererseits. Soziale Mobilität bezeichnet zunächst nur eine Weise der Rekrutierung des Personals für gegebene Rollen. Soziale Klassen dagegen sind Phänomene, die … unabhängig von der Rekrutierungsweise und Fluktuationsrate ihrer Mitglieder bestehen - genau wie ein Industriebetrieb auch dann nicht zu bestehen aufhört, wenn die jährliche Fluktuationsrate der Arbeiter 100 % oder 200 % oder mehr beträgt. In diesem Sinn ist der Grad der sozialen Mobilität zumindest zunächst irrelevant für die Frage der Existenz von Klassen. … Die
48 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 168.
49 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 169.
50 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 169.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 23 - Hypotheseder Unvereinbarkeit sozialer Klassen und sozialer Mobi-lität ist also falsch.“ 51
Wenn aber, wie somit selbst Dahrendorf zugeben muß, die Existenz sozialer Klassen und sozialer Mobilität durchaus vereinbar ist oder - und nun positiv formuliert - Klassenmobilität nur deshalb und solange möglich ist, weil und solange Klassen existieren, andererseits jedoch die Existenz sozialer Klassen durch das Vorhandensein sozialer Mobilität und - spezieller - Klassenmobilität in keinerlei Weise tangiert wird, dann sind soziologische Analysen der sozialen Mobilität zur Begründung einer klassenlosen Gesellschaft nicht nur grundsätzlich überfordert, sondern es erhebt sich dann auch die Frage nach den sozialstrukturellen Prozessen, die sich in den Mobi-litätsvorgängen ausdrücken bzw. durch diese transparent werden.
Nicht wenige Soziologen betrachten die soziale Mobilität als einen Vorgang, der eine Veränderung der Sozialstruktur einer gegebenen Gesellschaft bewirkt, so beispielsweise O.I. Schkaratan, der meint, daß sich „gerade durch die verschiedenen Formen der Mobilität der Bevölkerung der Umbau der Sozialstruktur der Gesellschaft (verwirklicht)“ 52 .
Auf die von einer Vielzahl von Soziologen gesehene enge Verflechtung von sozialer Mobilität und Veränderung der Sozialstruktur macht auch Kurt Braunreuther aufmerksam, wenn er schreibt: „‚Mobilität’ bezeichnet in der soziologischen Literatur jene Vorgänge, die zu Veränderungen der Sozialstruktur als einem System sozialer Funktionen und Positionen führen“ 53 .
Ja, Rutkewitsch und Filippow sprechen gar von einer „Mobilität der Sozialstruktur“ 54 , womit nun der Begriff der sozialen Mobilität selbst
51 Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, S. 111 f.
52 Schkaratan, Probleme der Sozialstruktur der Arbeiterklasse, (russ.), S. 307.
53 Braunreuther, Theoretische Probleme der Fluktuation unter soziologischem Aspekt, S. 28.
54 Rutkewitsch/Filippow, Soziale Veränderungen, (russ.), S. 6.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 24 - alsbloßes Synonym für die Veränderung der Sozialstruktur begrif-fen und benutzt wird.
Aber selbst wenn mit dem Wort ‚Mobilität’ fast zwangsläufig Vorstellungen von gesellschaftlicher Dynamik und auch Veränderung der Sozialstruktur assoziiert werden - soziale Mobilität ist weder identisch mit einer Veränderung der Sozialstruktur, noch bewirkt soziale Mobilität als solche irgendeine Veränderung der Sozialstruktur. Wie ist dieser scheinbar paradoxe Sachverhalt zu erklären?
Auf der Grundlage der durch die Tatsache der in außerindividuellen Strukturverhältnissen begründeten Existenz sozialer Klassen gewonnenen Einsichten in die Auswirkungen sozialer Mobilität zeigte sich bereits, daß durch die soziale Mobilität die Existenz dieser Klassen nicht berührt wird und auch nicht berührt werden kann. Ohne Zweifel gilt dieser Sachverhalt auch für die Veränderung der Sozialstruktur. Wie Armélin richtig feststellt, können „die Gesellschaftsmitglieder nur diejenigen Positionen einnehmen“ bzw. - was im Prinzip dasselbe - immer nur zwischen den sozialen Positionen wechseln, „die im System verfügbar sind“ 55 . Insofern also soziale Positionen als die konkreten Elemente der Sozialstruktur in außerindividuellen Strukturverhältnissen begründet und daher von den einzelnen Individuen prinzipiell unabhängig sind, die Sozialstrukturen hingegen - zumindest auf dieser Ebene der Betrachtungdurch das Beziehungsgefüge zwischen diesen sozialen Positionen gebildet wird, sind Veränderungen der Sozialstruktur durch noch so hohe soziale Mobilität, d.h. durch einen bloßen Wechsel der Positionsinhaber schlechterdings unmöglich. Das aber bedeutet zugleich auch, daß soziale Mobilität und Veränderung der Sozialstruktur nicht nur zwei spezifisch verschiedene, sondern zwei grundsätzlich verschiedene und zudem voneinander zunächst prinzipiell unabhängige soziale Prozesse sind.
55 Armélin, Einige Fragen des Zusammenhangs von sozialer Struktur und sozialer Mobilität, S.
431.
Michaelis - Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben - 25 - Daßsoziale Mobilität und soziale Strukturveränderungen bzw. spe-zieller - Veränderung der Sozialstruktur zwei grundsätzlich ver-schiedene und voneinander zunächst völlig unabhängige Prozesse sind, wird sofort deutlich, fragt man nach der Möglichkeit sozialer Mobilität selbst unter der Voraussetzung einer absolut statischen Sozialstruktur. Ganz sicher bedarf es keines besonderen Scharf-sinns, um zu erkennen, daß auch im Falle einer absolut statischen Sozialstruktur soziale Mobilität, also die Bewegung der Individuen zwischen den verschiedenen sozialen Positionen, Schichten und Klassen und auch innerhalb dieser nicht nur möglich, sondern, ins-besondere unter dem Gesichtspunkt der Reproduktion dieser Sozi-alstruktur - auch unumgänglich ist. Wichtiger aber als die Feststel-lung, daß jede Form von „Mobilität in einem Sozialsystem, die nicht auf Veränderung im Angebot von Positionen zurückzuführen ist, notwendig auf einem Austausch beruhen (muß)“ 56 , ist zweifellos die sich aus diesem Umstand ergebende Feststellung, daß die soziale Mobilität daher auch nicht als ein Vorgang begriffen werden kann, der zu einer Veränderung der Sozialstruktur führt.
Für den soeben betrachteten Fall der ‚Austauschmobilität’ dürfte diese Feststellung kaum zu bezweifeln sein. Nicht anders, wenn auch weit diffiziler, liegen die Dinge im Falle einer dynamischen Sozialstruktur. Betrachtet man die Sozialstruktur einer Gesellschaft als ein durch die sozialen Klassen und Schichten konstituiertes soziales Beziehungsgefüge, deren innere Struktur wiederum mit dem zwischen den sozialen Positionen bestehenden Beziehungsgefüge gegeben ist bzw. - allgemein - die Sozialstruktur als das zwischen den sozialen Positionen existierende Beziehungsgefüge, dürfte of-fenkundig sein, daß eine Veränderung der Sozialstruktur nur eine Veränderung der Art und Menge der zwischen den sozialen Positionen bestehenden Beziehungen meinen und auch nur durch eine Veränderung der Art und Menge dieser Beziehungen bewirkt wer-
56 Lipset/Zetterberg, Eine Theorie der sozialen Mobilität, S. 369.
Arbeit zitieren:
Dr. Holger Michaelis, 2009, Die soziale Mobilität von Leitern in sozialistischen Industriebetrieben, München, GRIN Verlag GmbH
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