Wissenschaftliche Hausarbeit im Fach Heilpädagogische Kolloquia Andreas Liebeg,
Über den Lernprozeß
Eine Grundlegung zur Diskussion um die
Lernbehinderung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
Das Fundament oder Mein Standpunkt 4
Was ist nun Lernen 5
Funktion des Lernens 6
Wie Verhalten geändert wird 7
Gene und Umwelt oder Kann Lernen von außen kommen 7
Emotion und Aufmerksamkeit oder Auswählen und Entscheiden 10
Lernen muß einen Sinn machen oder Über den Unsinn des Lernzwangs 12
Über das Glauben und die Sinne 15
Das institutionalisierte Lernen oder Die Schule 16
Die Aufgabe der Schule 16
Die Rolle des Gedächtnisses oder Wie der Schüler prüfbar wird 17
Res ümee 18
Literaturverzeichnis 19
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Vorwort
Das Thema des Lernens erschloß sich mir, wie der Untertitel bereits andeutet, über den Begriff der Lernbehinderung. Da dies auch zuerst das Dach meines Hauses bildete, besorgte ich mir einige Bücher dazu. Nach einiger Zeit der Lektüre wurde mir allerdings immer klarer, daß diesem Dach ein Fundament vorgehen muß. Und dieses Fundament besteht nun im Begriff des „Lernprozesses“. Denn was nun hier behindert wird und ist, sah ich kaum oder nur ansatzweise behandelt. Nun will ich also den Prozeß des Lernens betrachten, um darauf aufbauend dann mich der Behinderung eben dieses zuzuwenden. Diese Zuwendung wird allerdings nur einen geringen Teil dieser Hausarbeit ausmachen, da mir ein gutes Fundament, ohne natürlich das Haus und das Dach aus den Gedanken zu verbannen, wichtig erscheint und ich das Dach auch gut gesichert wissen will.
Nun, weg von diesen schönen Worten und Idealen und hin zum Ausblick und zur Systematik. Ich will in dieser Hausarbeit das Lernen als Phänomen betrachten und nicht weiter darauf eingehen, wie man dieses nun verbessern, verschlechtern, manipulieren ohne jedoch darauf zu vergessen, wie man dies behindern kann. Doch hoffe ich, daß diese Hausarbeit eigene Schlüsse zuläßt und eben nach dieser Maxime will ich sie denn auch verfassen. Hierbei wird vor allem der Bereich der Neurobiologie und -psychologie von mir behandelt. Das bedeutet (für mich) auch, daß ich den Lernprozeß unter den Gesichtspunkten des Konstruktivismus betrachten will.
Allerdings verwende ich auch psychologisches und sogar philosophisches Material, um mich dem Thema zu nähern.
Der Lernprozeß wird von mir allerdings umfassend gesehen, sodaß diese Hausarbeit nur ein kleiner Einblick in das Thema darstellen und nicht ausreichen kann. Jedoch erhebe ich den Anspruch diejenigen Bereiche ausgewählt zu haben, die mir im Kontext der Heilpädagogik und der Lernbehinderung wichtig scheinen.
Sehr inspiriert wurde ich von Heschls (1998) evolutionsbiologischen, von Holzkamps (1995) kritisch-psychologischen, von Damasios (1997) neurologischen und wie immer von Roths (1996) konstruktivistischen Ansatz. Nicht zu vergessen sind die beiden Philosophen Kant (1998) und Hume (1989), deren Weltbild mein eigenes bereicherte.
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Nun will ich zu Beginn dieser Arbeit eine Grundlage schaffen. Mit dieser soll der Leser vorbereitet und vor allem, etliche Zweifel und Fragen, die sich ihm während der Lektüre aufdrängen mögen, schon von vornherein abgeschwächt oder sogar beantwortet werden. So scheint es mir wichtig zu erklären, daß ich grundsätzlich ein naturwissenschaftliches 1 Paradigma vertrete und mit dessen Mitteln auch den Begriff des Lernens fassen will. Dies bedeutet nicht, daß ich nicht auch andere Betrachtungsweisen schätze und auch für mich zu verwenden suche, sondern, daß mein Grundverständnis der Welt materialistisch ist. Da dieser Begriff allerdings allzu vorbelastet ist, will ich meinen Standpunkt eher als vom Ursache-Wirkungsprinzip ausgehend bezeichnen.
Das Thema mag im Leser bereits eine gewisse Verwunderung auslösen und doch muß es zu Beginn meiner Hausarbeit stehen, da es das Dogma ist, auf dem ich aufbaue. Dies zu erwähnen, rechtfertigt meiner Meinung nach alleine schon dieses Kapitel, doch ich will nun auch erklären, warum ich die Kausalität als Dogma also als Grundannahme und Fundament ansehe, daß akzeptiert, geglaubt und doch nicht für wahr gehalten werden muß. Hume zur Grundsätzlichkeit der Kausalität: „so ist es ein in der Philosophie allgemein angenommener Grundsatz, daß, was zu existieren anfängt, einen Grund seiner Existenz haben müsse“ und gleichsam als Begründung, warum ich dieses Thema hier anspreche: „Diese Regel pflegt in unseren Urteilen als selbstverständlich vorausgesetzt zu werden“ (Hume 1989, S. 106). Nun, auch ich will diesem Grundsatz folgen, ohne allerdings zu vergessen, daß dieser eben ein Dogma, keine Wahrheit, ist, was Hume auch kurz darauf zum Schluß kommen läßt, daß „jeder Beweis, der für die Notwendigkeit von Ursachen vorgebracht worden ist, trügerisch und sophistisch ist“ (Hume 1989, S. 107/ Hervorgehoben - A.L.). Denn die Vorstellung einer Notwendigkeit von Ursache und Wirkung kann nur als Konstruktion unseres Gehirns gesehen werden, nicht als eine Gesetzmäßigkeit der Natur, da es für uns ausgeschlossen ist, diesen Zusammenhang, oder präziser formuliert, was nun zwischen Ursache und Wirkung, also das verbindende Moment, liegt, tatsächlich wahrzunehmen. Und doch ist es unmöglich eine Diskussion auf der Basis der Unwissenheit zu führen, weshalb ich den von Roth vertretenen nicht reduktionistischen Physikalismus (vgl. Roth 1996 S.23-25, 300-303) als übereinstimmend mit meinem Dafürhalten ansehe.
1 Im nachhinein fiel mir auf, daß gerade in der Diskussion um die heilpädagogische Anthropologie (vgl. Mattner/
Gerspach 1997, S.67ff) dieser Begriff ein rotes Tuch ist. Daher verweise ich auf die nachfolgende Ergänzung
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So gehe auch ich „von dem einheitlichen Wirkungszusammenhang der verschiedenen und verschieden erlebten Bereiche der Natur aus“ (Roth 1996, S.301). Sollte trotz alledem das Kapitel als unangebracht angesehen werden, so verweise ich auf die nachfolgenden Kapitel, die ohne das Kausalitätsprinzip in sich zusammenfallen würden. Und trotzdem, es sei mir erlaubt, erneut darauf hinzuweisen, ist dies ein bloßer Glaubensakt.
Was ist nun Lernen
Um diese Hausarbeit nicht ziellos lesen zu müssen, ist es unumgänglich eine Definition im wörtlichen Sinne voranzustellen. Ich will in dieser Diskussion das Lernen allgemein als Verhaltensänderung betrachten, die einen dauerhaften Charakter besitzt und durch sowie in Interaktion mit der Umwelt entsteht (vgl. Michel/Novak 1991, S. 217ff). Nicht trennen will ich das Lernen allerdings vom Reifungsprozeß, wie dies in der Psychologie oft getan wird (vgl. Schermer 1998 S.10-11), sondern beides als funktionale Einheit sehen. Es ist mir weiters sehr wichtig zu bemerken, daß ich den Begriff des „Verhaltens“ nicht in seiner behavioristischen (behavior (engl).: Verhalten) und empirischen Tradition als von außen objektiv beobachtbaren Komplex der körperlichen Aktivitäten (vgl. Goldenberg 1997, S. 4) akzeptieren will, sondern als subjektiven Prozeß ansehe, der dazu dient eine wodurch auch immer bedingte Verschiebung der Homöostase auszugleichen.
Verhalten werde ich somit als die „Gesamtheit aller Körperbewegungen, Körperhaltungen und des Ausdrucksverhaltens“ (Humboldt-Psychologie-Lexikon 1990 S.397) , ganz gleich ob nun beobachtbar oder nicht, sehen. Allerdings schließt das nach meinem Verständnis der Körperlichkeit auch innerpsychische Prozesse mit ein. Angermeier (1984) bezeichnet dies als „eine überdauernde Veränderung (...) der kognitiven Struktur, die sich in motorischen oder verbalen Verhaltensweisen nachweisen 2 läßt“ (S.27).
In dem dargestellten Sinne wäre der Lernprozeß also die Verhaltensänderung selbst und gelernt wäre demnach das bereits existierende Verhalten oder nach Angermeiers Definition wären die bestehenden kognitiven Strukturen gelernt und die Veränderung derselben würden den Lernprozeß darstellen.
2 Nachweisen sehe ich hier im Sinne von „feststellen“ und nicht im Sinne von „beweisen“ (im Gegensatz zu
Angermeier).
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Arbeit zitieren:
Andreas Liebeg, 2001, Über den Lernprozess - Eine Grundlegung zur Diskussion um die Lernbehinderung, München, GRIN Verlag GmbH
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