soziokulturelle Kontexte dazu geführt haben, dass beide Industrienationen vor dem zweiten Weltkrieg nahezu auf gleichem Niveau an der Weltspitze der technischen Entwicklung standen.
In den USA, welche von Natur aus eine ressourcenreiche Nation gewesen ist, war aufgrund der eigenen Geschichte, durch die Erschließung des Westens oder der Unabhängigkeitserklärung, eine völlig andere Mentalität oder Ideologie in Bezug zur Technik vorhanden als beispielsweise im kaiserlichen Deutschland. Rückwirkend bis auf die beiden Präsidenten JEFFERSON und JACKSON mit ihren Idealen der Unabhängigkeit sowie der Demokratie, verband man die technische Entwicklung immer auch mit dem eigenem Selbstbildnis, dass man die „vorbildlichste Staatsform“ besitzt. Insofern sollte die Technik der christlich amerikanischen Nation zu einem steigenden Wohlstand für alle verhelfen und zur Sicherung der Demokratie sowie der individuellen Freiheit betragen. Alle technischen Erfindungen und Entwicklungen sollten zum gleichzeitigen Wohl der ganzen amerikanischen Nation beitragen. So entstand in Nordamerika ein regelrechter Enthusiasmus, eine Technikbegeisterung, die kaum quälende Fragen diesbezüglich aufwarf. Dieser technische Aufstieg Amerikas wird z.B. sehr gut in dem Werk „ Die Entstehung Amerikas“ von Thomas HUGES dargestellt.
In diesem Kontext steht auch die Erfindung und Entwicklung der Techniken und Technologien. Viele private Erfinder entdeckten entweder zufällig oder durch zahlreiche gezielte Versuche - indem sie einer fixen Idee rigoros nachgingen - neue Techniken und Verfahren, die für viele Menschen die Lebensbedingungen entscheidend verändern sollten. Somit ließ diese individuelle „man power“ die Erfinder und Ingenieure regelrecht zu nationalen Helden werden. FALTON, der Erfinder des Dampfbootes wurde beispielsweise als amerikanischer ARCHIMEDES, MORSE, der Erfinder des Telegraphen als amerikanischer LEONARDO gefeiert - ebenso wie EDDISION, der Erfinder der Glühlampe mit Kohlefaden. Die Ingenieure waren somit anhand ihrer Leistungen und ihres Erfolges für die Gesellschaft auch in dieser anerkannt. In anfangs nur kleinen Laboratorien im eigenen Schuppen entwickelten sie ihre Produkte, die dann durch die Möglichkeit der Massenfertigung, welche von Normierung, Standardisierung sowie des Prinzips der Austauschbarkeit (Baukastensystem) geprägt war, hergestellt wurden. Begünstigt wurde die Massenproduktion zudem durch die bereits erwähnte egalitäre Mentalität, die mehr auf einheitliche und preiswerte Funktionalität anstatt auf individuelle Unterscheidungsmerkmale setzt. In Deutschland hingegen, wo selbstverständlich auch einzelne Erfinder tätig waren, setzte man nicht zuletzt aufgrund der speziellen europäischen Tradition der Schulbildung (Universitäten) auf dem Bildungssektor. Deutschland, welches als Land nicht alle Ressourcen und wenn, dann meist nicht im ausreichendem Maße besaß, setzte deshalb verstärkt von Anfang an auf Bildung und Wissenschaft, um am technologischen Fortschritt der Industrialisierung teilnehmen zu können. Deutschland gilt sogar als das Musterbeispiel für die Ideologie, dass man durch Bildung und Wissenschaft technischen Fortschritt erreichen kann. Gerade hierin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen
den beiden Nationen Dt. und USA. Einen umfassenden Überblick zu dieser zweidimensionalen Entwicklung bietet Andreas SCHÜLER in den ersten Kapiteln seiner Monographie „ Erfindergeist und Technikgeschichte“.
Ebenso auf die europäische Tradition zurückgehend ist der Unterschied in den ökonomischen Strukturen. Wahrscheinlich aufgrund des Individualitätsideals der Aufklärung ließ sich in Dt. und Europa so leicht keine einheitliche Massenfertigung durchsetzten. Vielmehr war eine individuelle Einzel- oder Kleinserienfertigung vorzufinden, worin Dt. auf-grund des Bildungspotentials ein hohes Niveau der Produktqualität erreichte und sich somit bis heute auch erfolgreich auf dem globalen Exportmarkt durchsetzte. Amerika hingegen profitierte - in großen Teilen bis in die Gegenwart - vom gigantischen, saugenden Binnenmarkt.
Zwar hat diese hier dargelegte Entwicklung natürlich ihre Anfänge schon vor der Zeit der Hochindustrialisierung (1870 bis 1914), doch gerade in dieser Zeit entfalten sich auf-grund der steigenden Nachfrage nach technischen Produkten diese unterschiedlichen Innovationssysteme und gelangten zur ihrer jeweiligen Reife. Diese hohe Nachfrage wiederum lässt sich besonders an der allgemeinen Technikbegeisterung festmachen, welche mittlerweile fast die ganze Welt ergriffen hatte. So wurde beispielsweise 1869 durch den Bau des Suezkanals auf technischem Wege ein Kontinent durchquert. „Das Land geteilt, die Welt vereint!“ Der Bau des Panamakanals (1914) wiederum verband zwei Weltmeere miteinander und ließ die Welt aufgrund des Technikeinsatzes verkehrstechnisch zusammenschrumpfen. Der Gotthard-Tunnel durch die Alpen (1881) verband Mitteleuropa mit dem Mittelmeer und der Bau der Balkanbahn (Orientexpress) sollte die Möglichkeiten noch erweitern. Durch diese Leistungen und der Entwicklung von Dampfschiff und Eisenbahn waren die Voraussetzungen für die erste Welle der Globalisierung geschaffen. Der Mensch dachte damals, manchmal bis heute noch, er könne durch Wissenschaft und Technik die Natur beherrschen.
Das Prinzip der massenhaften Produktion gibt es zwar schon seit der Antike - ist also keine Erfindung der Neuzeit. Jedoch ist das entscheidend Neue an dieser Epoche das Phänomen der Rationalität der Massenfertigung, welches nirgendwo so deutlich wurde wie in den USA. Das amerikanische „system of manufactur“ ist das Musterbeispiel der rationalen Massenproduktion, das am Beispiel der Automobilproduktion Henry FORDs (Modell T) Weltgeschichte schrieb. Die Prinzipien der Austauschbarkeit, der einheitlichen Vereinfachung der Produkte, die Einsparung an Arbeit wurden durch die Einführung der Fließbandproduktion ständig rationalisiert und optimiert. Die Meßlatte war nicht die Qualität, Ästhetik oder Individualität, sondern nur die Funktionalität und Wirtschaftlichkeit mit dem Ziel der Gewinnmaximierung sowie des niedrigen Preisniveaus. Zusammen mit dem Taylorismus, der die Arbeitsprozesse einseitig auf der Seite der Arbeiter normierte und nicht auf der Seite der Technik, ergab die Summe des Taylorismus und des Fordismus den sogenannten Amerikanismus. Man kann auch sagen Kapita- lismus und Ausbeutung der Menschen als reines Mittel der Gewinnerzielung wie es Karl
MARX in seinem Kommunistischen Manifest durchaus berechtigt anprangerte. Denn es wurde mehr und mehr deutlich, dass dieses Produktionssystem nicht auf Dauer für einen Menschen geeignet war. Gerade in den Fabriken von Henry FORD, der lieber seine Produktion anstatt - wie z.B. die Deutschen - die Produkte ständig verbesserte, konnte kein Arbeiter die harten Bedingungen der Akkordarbeit über eine längere Zeitspanne aushalten. Auch wenn die Löhne höher waren als anderswo. Des Weiteren führte die flächendeckende Einführung der Rationalisierung der Produktion zu einer steigenden Arbeitslosigkeit und Verelendung, sodass die Soziale Frage letztendlich nicht mehr wegdiskutiert werden konnte. Zudem entstanden in den USA auch noch industrielle Großsysteme, die wie am Beispiel der Elektrotechnik durch komplementäre Wirtschaftsgüter wie Glühlampen, Grammophone oder andere elektrische Geräte (General Electric) ihre Marktposition und Marktführung langfristig erfolgreich behaupteten. Allerdings wurden - anders als es Adam SMITH in seinem ökonomischen Liberalismus behauptete - die negativen Effekte mehr und mehr deutlich, auch wenn zu Beginn selbst bei Henry FORD der demokratische Massenwohlstand als ideologisches Ziel bestanden hatte. Durch den wirtschaftlichen Erfolg des Einzelnen wurde letztendlich nicht der Mas-senwohlstand, der Wohlstand der gesamten Gesellschaft, wie von unsichtbarer Hand mit nach oben gehoben. Wenn überhaupt, dann nur quantitativ und nicht qualitativ. Ermöglicht wurde diese Massenproduktion aber auch durch den jetzt einhergehenden Massenkonsum, der nun nicht mehr der einfachen Bedürfnisbefriedigung, sondern auch der Bequemlichkeit, dem Vergnügen, der Kultur und des Luxus galt. Denn nicht nur die Produktion wurde rationalisiert und industrialisiert, sondern auch der Konsum selbst. An-hand von Plakaten, Katalogen, Kaufhausketten, Warenhäuser u.s.w. wurden die neuen technischen Produkte werbewirksam perfekt präsentiert und schließlich auch verkauft. Eine besondere Bedeutung wurde hierbei der aufkommenden Massenwerbung zuteil, die jetzt hier ihren Siegeszug antritt, indem das Produkt nun auch durch die Kundensicht angepriesen wird. Insofern tritt die manipulative Psychologie erstmalig im großen Stil auf die Bühne der Geschichte und ist gerade auch deshalb so erfolgreich, da sie auf Menschen trifft, die nahezu keine Erfahrung oder Umgangskompetenz in Bezug auf dieses neue Medium haben. Diese Medienkompetenz entwickelte sich erst langsam heraus. Ein gutes Beispiel ist die Radioübertragung des Stückes Krieg der Welten, welche aufgrund der mangelnden Reflexion zu einer Art Massenpanik umschlug. Die so verkauften Luxusgüter, wie Fotoapparate, Kinofilme oder das Karussell in Chicago sowie die Rolltreppen in den Warenhäusern, sorgten für weitere Technikakzeptanz und Technikbesessenheit, die sich auch durch viele Unfälle und Unglücke nicht mehr dämpfen ließ. Gerade die Romane von Jules VERNE spiegelten die Technikeuphorie jener Zeit sehr gut wieder. Einen bedeutenden Einschnitt in dieser Entwicklung hatte jedoch das Patentgesetz vom Jahre 1877. Zwar konnte man jetzt sein geistiges Eigentum schützen lassen und seine neuen Produkte auf dem Markt erproben und stärken, jedoch waren diese Patente nur auf anfangs fünf Jahre zeitlich begrenzt, sodass dadurch allmählich ein immer stär-
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André Schmidt, 2007, Technische Entwicklungspfade in den USA und Deutschland zu Zeiten der Hochindustrialisierung , München, GRIN Verlag GmbH
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