auch noch in einer ausreichend demokratischen Menge vorhanden sein sollen und die Umweltschützer machen letztendlich auf die schleichende Vernichtung des menschlichen Lebensraumes aufmerksam, die durch rücksichtloses Wirtschaften verursacht wird. Deshalb soll nun in diesem philosophischen Essay überprüft werden, in wieweit das Konzept des homo oeconomicus überhaupt noch tragbar ist - es diesen Anforderungen gewachsen ist oder ob es vielleicht doch einer Relativierung dieses Konzeptes bedarf. Das Modell des homo oeconomicus, welches auf Adam SMITH zurückgeht, ist zwar schon ein recht altes aber nicht das erste ethische Konzept, welches sich mit der Rolle des Menschen im spannungsreichen Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft ausein-ander gesetzt hat. Bereits die christliche Sozialethik gibt erste Werte und Normen in diesem Zusammenhang vor. So war zum Beispiel die wirtschaftliche Produktion in der christlichen Sozialethik nur zur reinen Bedürfnisbefriedigung gedacht. Wirtschaften war sozusagen als „Nullsummenspiel“ zu verstehen, indem die Konsummenge gleich der Produktionsmenge zu verstehen war. Darüber hinaus war in der katholischen Sozialethik sogar der Gewinn aus Geldgeschäften sowie Gier und Habsucht sozial geächtet. Das heißt, es war ein Frevel mit Hilfe des Kredites aus der Not anderer einen Gewinn zu erzielen. Zudem bestand eine gewisse Pflicht zum gesellschaftlichen Ausgleich, wie sie schon bei ARISTOTELES nachzulesen war. Das heißt, die wirtschaftlichen Güter und der Wohlstand sollte zwischen den einzelnen Menschen der Gesellschaft besser verteilt und gerechter aufgeteilt sein. Wer materiell gut ausgestattet war, sollte zu einem gewissen Teil auch den Schwachen helfen. Somit war diese Ethik am Gemeinwohl orientiert. Zwar kannte man schon vor der Aufklärung die Personalität des Individuums, doch war die persönliche individuelle Freiheit sehr eingeschränkt und dem Gemeinwohl untergeordnet. Die Solidarität war somit also das wichtigste Bindeglied in der christlichen Gesellschaft im frühen bis späten Mittelalter. Erst die zwischenmenschlichen Beziehungen, die gegenseitige Hilfe machte die abstrakte Idee der Gerechtigkeit praktikabel und alltagstauglich. Unter Wahrung der einzelnen Kompetenzen und der Hilfestellung des Einzelnen durch die Gesellschaft sowie umgekehrt, bildete das Konzept der Solidarität eine feste gesellschaftliche Stütze. Des Weiteren war auch schon die christliche Sozialethik von der Idee der Nachhaltigkeit geprägt, die neben dem zu erhaltenden Stellenwert der Schöpfungdes Menschen selbst - auch eine intergenerationelle Verantwortung sowie einen Ausgleich zwischen Umwelt und den Folgen des menschlichen Wirtschaftens anstrebte. Dieser Zustand wurde jedoch durch den aufkommenden Liberalismus geändert, da diese Einschränkungen scheinbar kein gesundes Wirtschaften sowie technischen Fortschritt ermöglichten. Die bereits erwähnte eingeschränkte Freiheit des Einzelnen lies dieses Konzept mehr und mehr unattraktiv werden und so änderten sich in der Epoche der Neuzeit im Zuge der Aufklärung und dem aufkommenden Individualismus die Autonomiepostulate gravierend. Allein die Vernunft (Immanuel KANT, Adam SMITH), die Autonomie des Individuums (GOETHEs Prometheus) sowie die universelle Sittlichkeit (KANT) prägten jetzt maßgeblich die Gesellschaft.
In Anlehnung an das Freiheitsideal der Moderne, welches auf Locke zurückgeht, entwickelte Adam SMITH in seinem Werk Wohlstand der Nationen 1776 die Idee des ökonomischen Liberalismus, indem der einzelne freie Mensch - der homo oeconomicus - das zentrale Element der Wirtschaftsethik darstellte. Dieses Konzept der „unsichtbaren Hand“ verstand SMITH als wirtschaftliche Selbstregulierung. Die Freiheit zur vollkommenen individuellen Entfaltung der Fähigkeiten des Individuums waren für ihn die Basis für eine gesunde Wirtschaft sowie für eine Gesellschaft des Wohlstandes. Die Maximierung des eigenen Nutzen durch rationale Überlegungen sollte nicht nur den eigenen Wohlstand, sondern darüber hinaus auch den Antrieb der anderen zu Erfolg und Wohlstand fördern und somit langfristig den Wohlstand der gesamten Gesellschaft wie durch Geisterhand nach oben heben.
Eine Idee, die durchaus denkbar war, da gerade die ersten technischen Entwicklungen bis zur Hochindustrialisierung den Wohlstand demokratisierten und dessen Anstieg in der Gesellschaft beschleunigten. Die freie Entfaltung des einzelnen rational wirtschaftenden Menschen sollte das gesellschaftliche Glück bewirken. Allerdings funktioniert dies nur, wenn der Mechanismus ungestört ist. Eine solche Fehlerquelle sind die Charaktereigenschaften und Schwächen des Menschen. Unterstützt wurde diese Theorie zudem durch die Reformation Martin LUTHERs, wodurch jetzt auch das Handwerk und besonders der Handel als Einnahmequelle gesellschaftlich legitimiert worden waren. Gerade dem Calvinismus kommt hierbei eine besondere Rolle zu, da in dieser Form der protestantischen Lehre materieller Reichtum und wirtschaftlicher Erfolg als ein Zeichen für Gottes Wohlwollen interpretiert wurden.
Für Adam SMITH sollte es keine staatlichen Eingriffe und Reglementierungen geben. Vielmehr sollte sich das Wirtschaftssystem selbst durch die sogenannte „invisible hand“ regulieren. Diese Art der wirtschaftlichen Selbststeuerung basierte nur auf ein paar Regeln des gerechten Tauschens und Handelns. Damit dieses Konzept nicht ungerecht werde und negativ ausufere, begründete er mit der Eigenschaft des Menschen, dass er von Natur aus ein „vernünftiges Wesen“ sei und er würde durch Sehnsucht und Mitleid selbst dafür sorgen, dass die Güter und der Wohlstand annähernd gleich in der Gesellschaft aufgeteilt werden. Ein geringerer wirtschaftlicher Erfolg des Einzelnen wäre nicht so schlimm, solange sich dies nicht in seinem sozialen Gefüge auswirke. Das Streben nach Wohlstand treibt den Menschen zum rationalen Wirtschaften an und das Mitleid hindert ihn an ungerechten Handlungen und führt darüber hinaus zu Wohltätigkeiten gegenüber der Gesellschaft.
Effizienz und Gewinnmaximierung (TAYLOR) sind die angestrebte Höchstform von wirtschaftlicher Rationalität wie sie bis heute noch praktiziert und gelehrt wird. Kurz: Wer nicht optimal handelt, verliert. Dieses Konzept der Neoklassischen Wirtschaftsethik, das besonders durch die Einführung industrieller Großanlagen in der Zeit der Hochindustriali- sierung verstärkt wurde, ist bis heute das führende Wirtschaftskonzept nicht nur der
USA, sondern auch großer Teile der modernen Welt, welches sich auch in der Konzeption der OECD, IWF und der letztendlich auch der Weltbank widerspiegelt. Allerdings machen gerade die aktuellen Erfahrungen sehr deutlich, dass das Konzept des homo oeconomicus im neoklassischen Sinn in Bezug auf den qualitativen Wohlstand weltweit gescheitert ist. Zwar wurde der Wohlstand der Industrieländer zweifelsfrei quantitativ gesteigert, aber qualitativ zeigt sich bereits seit einigen Jahren, dass in den führenden Industrieländern selbst eine immer weiter auseinander triftende Schere zwischen wenigen Reichen auf der einen und vielen Armen auf der anderen Seite entsteht - ganz zu schweigen von den Verhältnissen in den Entwicklungsländern. Besonders deutlich wird diese Fehlentwicklung in den Ländern wie z.B. der USA, wo der ökonomische Liberalismus bis heute Anwendung findet.
Somit wird gegenwärtig mehr und mehr klarer, dass auch das Prinzip der Selbststeuerung gescheitert ist. Wucher, Betrug und Wirtschaftskriminalität sind praktische Beispiele dafür, dass der Ansatz, der Wille des Menschen - des homo oeconomicus -zur Selbstdisziplinierung als Grundlage für eine gerechte Wirtschaftsethik nicht mehr haltbar ist. Natürlich ist der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen, aber dies ist noch nicht gleichzusetzen mit einem immer vernünftig und sittlich handelndes Wesen. Eine Fehlannahme, die sich wie ein roter Faden schon seit der Antike bis hin zu KANT durchgezogen hat. Es bedarf also vielmehr eine auf den Menschen bezogene Ethik, die menschliche Fehler und Schwächen berücksichtigt - sich an dem Ottonormalbürger und nicht an Heiligen und Engeln orientiert. Dadurch würde sie auch praktisch anwendbar anstatt unglaubwürdig, weltfremd wirken.
Die aktuellen Beispiele haben einmal mehr gezeigt, dass aufgrund der menschlichen Eigenschaften das Minimalstaatsprinzip ebenfalls gescheitert ist. Denn das freie, staatlich kaum regulierte wirtschaftliche Entfalten und Handeln des Einzelnen führte nachweislich nicht zu einer Gesellschaft, in welcher der gesellschaftliche Wohlstand qualitativ und quantitativ anwächst und zudem auch noch gerecht verteilt ist. Vielmehr bedarf es scheinbar doch einer „visible“, einer sichtbaren, steuernden Hand im Sinne von staatliche Eingriffen. In welchem Rahmen diese jedoch zu erfolgen haben, muss ethisch diskutiert werden. Ist also eine dringliche Aufgabe der heutigen praktischen Philosophie. Darüber hinaus verfügt das Modell des homo oeconomicus nicht über eine Vorgabe zum Umgang mit der Umwelt, die zweifelsfrei seit der Industrialisierung zu den großen Verlierern dieser Entwicklung gehört. Aber auch das notwendige Leitbild der Nachhaltigkeit, wie es etwa die christliche Sozialethik kennt, kommt im Konzept des homo oeconomicus von Adam SMITH ebenfalls nicht vor.
Seit dem Auftreten des Phänomens der Massenarbeitslosigkeit in der Hochindustrialisierung macht sich eine Kapitalismus- und Liberalismuskritik bemerkbar, die genau auf diese Probleme eingeht und ihren Anfang schon bei ROUSSEAU findet. Das Konzept des Kommunitarismus von RAWLS (Die neue Gerechtigkeit) versucht durch eine stärkere Hervorhebung der Gesellschaft anstatt des einzelnen Menschen, diese Grenzen des Mo-
Arbeit zitieren:
André Schmidt, 2007, Homo oeconomicus - Grundlinien einer modernen praktischen Wirtschaftsethik, München, GRIN Verlag GmbH
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