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INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 2
2. Analyse des Kosovokonfliktes auf Grundlage des
„Zivilisatorischen Hexagons“ von Dieter Senghaas 6
3. Die Nationalitäten Kosovos 15
4. Der historisch begründete Anspruch Serbiens auf
Kosovo 21
5. Die Zeit des Titoismus im Kosovo 30
6. Der Zusammenbruch des multinationalen
Jugoslawien 37
7. Die Unruhen von 1981 und ihre Folgen 45
7.1 Der anwachsende serbische Nationalismus 50
7.2 Der Besuch von Milosevic auf dem Amselfeld 1987 52
8. Die Konfliktverschärfung nach Ende der Autonomie 55
8.1 Die Schattenrepublik Kosova 61
8.2 Das Entstehen der UCK 65
9. Rambouillet- der letzte internationale Versuch
einer friedlichen Konfliktlösung 68
9.1 Die Massenvertreibung der Albaner im Frühjahr´99 79
10. U-N Resolution 1244 als Wegbereiter der
Unabh ängigkeit Kosovos 81
11. Die militärische Komponente KFOR 90
11.1 Das Kosovo- Schutzkorps 93
12. Kosovo quo vadis? 95
13. Schlusswort 111
14. Literaturverzeichnis 115
15. Anhang I (Ahtisaari Doomed Proposal) 118
16. Anhang II (Ahtisaari vs. Serbien point of view) 120
17. Anhang III (UNMIK police component) 121
18. Anhang IV (UN-SR 1244 deutsch) 122
19. Anhang V (Statement serb Außenminister) 132
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1. Einleitung
Das Kosovo, das sich nach dem Scheitern der über zwei Jahre andauernden Statusverhandlungen am 17.2.2008 einseitig für unabhängig erklärt hatte, ist gegenwärtig ein beschränkt- souveräner Staat, dessen Bevölkerung mit einer äußerst tristen wirtschaftlichen und sozialen Zukunftsprognose konfrontiert wird. Dass Kosovo überhaupt 2008 die bedingte Unabhängigkeit erlangen konnte, ist auf einen jahrzehntelang andauernden, oft schmerzlich empfundenen Ablösungsprozess zurückführbar, der seine ursächliche Begründung in einem nach wie vor ungelösten ethnischen Konflikt zwischen Serben und Kosovo-Albanern findet.
Die historisch bedingten Gegensätze zwischen den im Kosovo lebenden sechs verschiedenen Nationalitäten, insbesondere zwischen der serbischen und der kosovoalbanischen Volksgruppe, unterliegen einer wachsenden Verhärtung und lassen auf die zunehmend institutionalisierte Austragung eines national und international ausgetragenen ethnischen Konfliktes, der durch die zivile und militärische Präsenz internationaler Organisationen bis auf weiteres lediglich eingefroren wurde, schließen. 1 Trotz der seitens wichtiger EU- und NATO-Staaten unterstützten Ausrufung der Unabhängigkeit besitzt das jüngste staatliche Gebilde Europas, das von derzeit 58 Staaten diplomatisch anerkannt wird, nach wie vor nur eingeschränkte Souveränität und ist bis auf weiteres ethnisch geteilt. Man kann in diesem Zusammenhang berechtigterweise von einer Art „international administriertem Protektorat mit wachsendem Eigenleben“ sprechen.
Die gegenständliche These befasst sich primär mit dem bereits angesprochenen ethnischen Konflikt zwischen Serben und Kosovoalbanern und stellt folgende Fragen zur Disposition:
• Wie ist der Konflikt historisch entstanden?
• Warum dauert er nach wie vor an?
1 Den nationalen Minderheiten des Kosovo ( Serben, Gorjanen, Bosnier, Türken, Roma,
Ashkali/Ägypter) werden ausführlich in einzelnen Teilkapitels der gegenständlichen Arbeit
behandelt)
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• Gibt es eine nachhaltige Konfliktlösungsperspektive, die positiven Frieden schafft?
Nur wenn die eigentlichen Ursachen eines Konfliktes rational analysiert worden sind, kann an das Ausarbeiten von spezifischen Lösungsansätzen gedacht werden. Beginnend mit einer theoretischen kosovospezifischen Konfliktanalyse und einem historischen Rückblick, der sich punktuell auf diejenigen Ereignisse konzentriert, die - im nachhinein betrachtet- den Ablösungsprozess Kosovos von Serbien mit eingeleitet hatten, versucht der Autor in weiterer Folge das sukzessive und immer stärker werdende Eingreifen internationaler Akteure (UN, EU, NATO, OSZE etc.) in einen ursprünglich als rein innere Angelegenheit Jugoslawiens bewerteten ethnischen Disput zu beleuchten.
Ein besonderes Augenmerk wird seitens des Autors dabei immer wieder der Problematik chronisch fehlender Koexistenzbereitschaft beider Konfliktparteien gewidmet. Die während der Zeit der jugoslawisch- serbischen Herrschaft teils massiv diskriminierte kosovoalbanische Mehrheitsbevölkerung, die sich in einer Art zivilen Widerstandes ein erfolgreich funktionierendes, auf sämtlichen Ebenen praktiziertes Parallelsystem geschaffen hatte, ist nach der Unabhängigkeitserklärung von 2008 mit einer vollkommen entgegen gesetzten Rolle konfrontiert. Nunmehr ist es nämlich die in wenigen Enklaven sowie im Norden Kosovos weiterhin ansässige serbische Minderheit, die ihrerseits ein Parallelsystem unterhält und gleichzeitig den neu entstandenen, sie umgebenden kosovarischen Staat als Ganzes negiert.
Erfolgreiche und vor allem konfliktentschärfende Minderheitenpolitik bedeutet auch eine besondere Herausforderung für alle an einer fairen Konfliktlösung interessierten Stakeholder. Gerade unter der EU- Prämisse eines langfristig friedlichen Zusammenlebens aller Völker innerhalb Europas stellt das „ethnische Biotop“ Kosovo ein europapolitisch besonders bemerkenswertes Labor dar, in dem therapeutische Experimente aller Art trotz widrigster Umstände schlussendlich eine Erfolgsgarantie aufweisen sollten. Wenn der Verfasser hier von widrigsten Umständen spricht, sind damit diejenigen Kapitel dieser Arbeit angesprochen, die sich explizit mit den historisch belegbaren
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Konfliktursachen befassen und dadurch den Leser zu einem erweiterten Verständnis für die gegenwärtige Situation im Kosovo führen sollen.
Die im Kosovo derzeit aktiven internationalen Organisationen, denen ein weiterer Hauptaugenmerk in dieser Arbeit gewidmet ist, sind in ihrer Funktion als „Protektor wider Willen“ 2 neben der Überwachung und Kontrolle des sich entwickelnden kosovarischen Staates auch für die Einhaltung und Förderung der Rechte der im Kosovo lebenden nichtalbanischen Volksgruppen mit verantwortlich. Von ihnen wird es schlussendlich auch abhängen, ob eine nachhaltige Versöhnung von Serben und Albanern durch die konsequente Anwendung europäisch- demokratisch definierter Lösungsansätze überhaupt möglich ist.
Das letzte Kapitel der Arbeit unter dem Titel „Kosovo quo vadis“ befasst sich daher auch primär mit diesen im Kosovo stationierten internationalen Organisationen, ihrem aktuellen Aufgabenprofil sowie angedachten Ansätzen zur Konfliktlösung. Auch wenn es über diese Zukunft und organisatorische Form internationaler Präsenz noch keine wirkliche Klarheit gibt und absehbar geben wird, ist davon auszugehen, dass die internationale Gemeinschaft in den nächsten Jahren ihr durchaus ambitioniertes und überdies äußerst kostenreiches Engagement im Kosovo fortsetzen wird. Die Europäische Union und die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) werden dabei eine immer wichtigere Rolle innerhalb dieses Prozesses einnehmen, um langfristige, nachhaltige und dem europäischen Standard des 21. Jahrhunderts angepasste europakonforme Lösungen anbieten zu können.
Die gegenständliche These stellt aufgrund der limitierten Seitenzahl nur einen kleinen Beitrag zum notwendigen Verständnis eines der gegenwärtig aktuellsten innereuropäischen Konflikte, der jederzeit wieder hervorbrechen kann, dar. Der Verfasser hofft, dass dieses Elaborat als kleiner Baustein in ein stetig expandierendes größeres Dokumentationsinstrument einfließen wird, anhand dessen eine (hoffentlich) größer werdende Anzahl interessierter
2 Vedran Dzihic, Helmut Kramer: Der Kosovo nach der Unabhängigkeit, Friedrich Ebert Stiftung
Berlin 2008, S.1
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Personen mit denjenigen Informationen versorgt werden kann, die zu mehr
Verständnis und Bewusstseinsbildung führen sollen
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2. Analyse des Kosovokonflikts auf Grundlage des
„Zivilisatorischen Hexagons“ von Dieter Senghaas
Der Kosovokonflikt per se als deutlich erkennbarer Nationalitätendisput um ein von beiden Konfliktparteien beanspruchtes Territorium existiert nicht erst seit 1999, als die militärische, durch den UN- Sicherheitsrat nicht sanktionierte Intervention der NATO Jugoslawien/ Serbien zur praktischen Aufgabe seiner Südprovinz Kosovo zwang. Er existiert bereits wesentlich länger und kann bis in das Mittelalter und die von Serbien 1389 gegen die Osmanen geschlagene Schlacht auf dem Amselfeld zurückverfolgt werden.
Die endgültige Lösung dieses Konfliktes zum Wohle aller beteiligten Konfliktparteien steht nach wie vor in weiter Ferne- auch wenn die Schaffung eines von Serbien formell unabhängigen Staates Kosovo 2008 zu einem besonders intensiven Friedens- und Aufbauengagement der Internationalen Gemeinschaft geführt hat. Klar erscheint in diesem Zusammenhang auch, dass jede nachhaltige Konfliktlösung sowie das durchgreifende Verständnis für Konfliktursachen nur in einer eingehenden Konfliktanalyse liegen kann. Um einen Konflikt wissenschaftlich analysieren und in weiterer Folge mögliche Lösungsvarianten aufzeigen zu können, bedarf es vorhandener wissenschaftlicher Theorien oder wissenschaftlicher Instrumente, mit deren Hilfe ein spezielles, auf den jeweiligen Konflikt zugeschnittenes Lösungsmodell erarbeitet werden kann.
Ein aus Sicht des Autors gelungenes theoretisches Analyseinstrument stellt in diesem Zusammenhang das von Dieter Senghaas 3 entwickelte „Zivilisatorische Hexagon“ dar, das auch auf den Kosovokonflikt angewendet werden kann.
3 Dieter Senghaas (geb. 1940), ist ein renommierter deutscher Sozialwissenschaftler und
Friedensforscher, der sich insbesondere mit Internationalen Beziehungen und hier
insbesondere mit der Friedensforschungsthematik befasst. Ein bleibendes Interesse von
Senghaas war und ist seit den frühen 1970er Jahren auf die Analyse der Makrostruktur der Welt
gerichtet („internationales System“, „internationale Gesellschaft“, „Weltgesellschaft“), somit auf
eine Welt-Analyse, die sämtliche Teilwelten wie Industriegesellschaften, Schwellenländer und
Entwicklungsländer unterschiedlicher Ausprägung umfasst. In diesem Zusammenhang sind
auch seine Auseinandersetzung mit Samuel Huntingtons These vom Kampf der Kulturen
(„clash of civilizations“) zu sehen, der Senghaas die empirisch plausiblere Beobachtung eines
„clash within civilizations“ entgegensetzte (siehe dazu auch sein Buch„Zivilisierung wider
Willen“, 1998).
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4 Dieter Senghaas: Wohin driftet die Welt ?- Über die Zukunft friedlicher Koexistenz;
Frankfurt/Main 1994,S.10f
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7 Ab Herbst 1998- nach Abschluss des Holbrooke- Milosevic- Abkommens und dem dadurch
begonnenen Rückzug der jugoslawisch- serbischen Armee- besaß auch die UCK in manchen
„befreiten“ Gebieten des Kosovo das uneingeschränkte Machtmonopol
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8 Zu den Begriffen „direkte, kulturelle und strukturelle Gewalt“, die vom bekannten
norwegischen Friedensforscher Johan Galtung, einem „Lehrer“ von Dieter Senghaas,
geschaffen wurden darf auf folgendes Werk verwiesen werden: Johan Galtung: Der Preis der
Modernisierung, Wien 1997, S.171- Galtung versteht unter direkter Gewalt die sichtbare,
physisch spürbare oder verbale Gewalt. Strukturelle und kulturelle Gewalt entsteht laut Galtung
erst durch direkte Gewaltausübung
9 Miranda Vickers: Between Serb and Albanian- a History of Kosovo, London 1998, S. 274
11
10 Johan Galtung: Die andere Globalisierung, Münster 1998, S.142
11 Hartmut Beck: Kosovo, Köln 1992, S. 28
12 Miranda Vickers: Between Serb and Albanian- a History of Kosovo, London 1998, S.280
13 Catherine Samary: Die Zerstörung Jugoslawiens- ein europäischer Krieg, Köln 1995, S. 49
12
14 Dieter Senghaas, Wohin driftet die Welt ?, 1994, S. 27
15 Jens Reuter: Die Albaner in Jugoslawien, München 1982, S.634
16 Thomas Schmid (Hrg.), Krieg im Kosovo, Reinbek 1999, S. 49
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17 Senghaas, Wohin driftet die Welt ?, 1994, S. 30
18 Miranda Vickers, Between Serb and Albanian, 1998, S.275
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3. Die Nationalitäten Kosovos
Neben der albanischen Mehrheitsbevölkerung, die aufgrund belegbarer Angaben aus dem Jahr 2004 (Statistical Office of Kosovo) mittlerweile rund 91 Prozent ausmacht, leben im Kosovo auch weiterhin Serben (derzeit rund sechs Prozent), Türken (ein Prozent), Bosniaken (1,9 Prozent), Kroaten (die sogenannten Janjevci 19 ), slawisch sprechende muslimische Torbeschen und
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Goranen 20 , Roma (1,7 Prozent) sowie die den Roma zugerechneten Aschkali, die auch als Kosovo-Ägypter bezeichnet werden. Wenn auch die Gruppe der Roma, Ashkali und Ägypter formal als eine einzige Minderheit betrachtet wird, existieren innerhalb dieser Gruppe trotzdem einige signifikante Unterschiede. So sprechen die eigentlichen Roma mit einigen Ausnahmen in der Regel Serbisch. Die Ashkali hingegen sprechen Albanisch und befürworten ihre Anerkennung innerhalb der albanischen Mehrheitsbevölkerung, die ihrerseits jedoch die Ashkali als Teil der Roma- Minderheit ansieht. Die Ägypter als dritte Gruppe mit Roma- Ursprung (manche Wissenschaftler behaupten, dass es sich bei den Ägyptern ursprünglich um Nachkommen von während der Ptolemäerzeit im 4. Jhdt. v. Chr. angesiedelten ägyptischen Veteranen handelt) verwenden als Umgangssprache zumeist Serbisch. 21 Die während der vergangenen zwanzig Jahre stark angewachsene albanische Bevölkerung rekrutiert sich aus einem mehrheitlich jüngeren Personenanteil, was auf eine im Vergleich z.B. zu der serbischen Minderheit wesentlich höhere Geburtenanzahl zurückzuführen ist. Der Streit um die demographische und ethnische Struktur der kosovarischen Bevölkerung ist im Prinzip fast identisch mit den Auseinandersetzungen um dessen Geschichte überhaupt. 22
Die untenstehende Tabelle dokumentiert das ungemein rasche Anwachsen der albanischen Bevölkerung im Vergleich zu den Serben und anderen Minderheiten. Von Seiten Serbiens wird das starke Anwachsen des albanischen Bevölkerungsanteils gerne als „demographische Aggression“ 23 bezeichnet, hinter der großalbanische 24 , auf eine gewaltsame Abtrennung des Kosovo von Serbien zielende langfristige Strategien stünden.
21 Aasmund Andersen: Transforming Ethnic Nationalism: the politics of ethno- nationalistic
sentiments among the elite in Kosovo, Dissertation an der Uni Oslo 2002, S 70
22 Konrad Clewing: Mythen und Fakten zur Ethnostruktur in Kosovo- ein geschichtlicher
Überblick, S. 17- 63; in: Jens Reuter/ Konrad Clewing(Hg): Der Kosovo-Konflikt. Ursachen,
Verlauf, Perspektiven; Klagenfurt 2000
23 Konrad Clewing, Der Kosovo- Konflikt, 2000, S. 53- 63
24 Großalbanisch: Vereinigung des Kosovo mit Albanien und allen anderen albanischsprachigen
Gebieten der Nachbarstaaten Albaniens
Tatsächlich ist der serbische Bevölkerungsanteil von noch 18,4 Prozent im Jahr 1971 innerhalb von nur 35 Jahren um gut 13 Prozentpunkte gesunken. Ein besonders starker Schwund ist zwischen 2000 und 2006 feststellbar, was auf das Ende serbischer Direktherrschaft und damit verbundener freiwilliger, oft jedoch auch erzwungener Abwanderungen von Serben in Richtung Zentralserbien zurückzuführen ist. In diesem Zusammenhang scheint es auch Fakt zu sein, dass diese kontinuierliche Abwanderung slawischer Bevölkerungsteile des Kosovo von nationalistischen serbischen Politikern,
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serbischen Medien und serbischen Wissenschaftlern propagandistisch dazu genutzt wurde, um speziell antialbanische Ressentiments zu schüren. 25
Eine mögliche Rückgängigmachung dieser für Serbien bedrohlichen ethnischen Entwicklung wurde ab etwa 1988 in der serbischen Öffentlichkeit damit argumentiert, dass nicht weniger als 300.000, vielleicht auch 400.000 Albaner erst seit Beginn des 2. Weltkrieges (während dieser Zeit war Kosovo integraler Bestandteil eines unter italienischer Oberhoheit stehenden großalbanischen Vasallenstaates) aus Albanien eingewandert bzw. die Nachfahren dieser Einwanderer seien. Die Zahlen waren eindeutig frei erfunden, wurden jedoch gerne von der breiten serbischen Öffentlichkeit geglaubt und im Sinne einer möglicherweise rechtmäßigen Ausbürgerung der nichtslawischen Albaner Kosovos interpretiert. Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt, die Verdrängung der Albaner aus allen politischen und gesellschaftlichen Positionen zu forcieren und in weiterer Folge ihre Vertreibung aus dem Kosovo als ein Ziel serbischer nationalistischer Politik zu definieren. 26
Eine ähnliche Argumentation wurde und wird seit 1999- nach Ende der serbischen Direktherrschaft- von den Kosovoalbanern öffentlich kolportiert: Es wird behauptet, dass es vor 1912- dem Jahr, in dem Kosovo nach dem Ende der osmanischen Herrschaft Teil des neuzeitlichen Serbiens wurde- wesentlich weniger Serben in der Region gegeben habe und dass ein Großteil der Serben erst nach 1912 eingewandert sei. Seit 1912 verlief die Geschichte der Albaner in Albanien und derjenigen im Kosovo in sehr unterschiedlichen Bahnen: Schon bei der militärischen Besetzung des Gebietes durch serbische Truppen wurde eine Vielzahl von Grausamkeiten an Albanern verübt, die gut 10.000 Zivilisten das Leben kostete und von Beginn an das Verhältnis zu den- nach vielen Jahrhunderten zurückgekehrten Serben- trübte. Die strikte Einführung der serbischen Sprache als einzig legitimierte Form der öffentlichen Kommunikation bei Ämtern und in Schulen sowie das dadurch verursachte allgemein repressive Klima führte bereits Anfang 1915 zu ersten Auswanderungsschüben von Türken, Albanern und slawischen Muslimen in Richtung Türkei. Deren
25 Wolgang Petritsch (et alii): Kosovo- Kosova. Mythen, Daten, Fakten;Klagenfurt 1999, S. 147
26 Bernhard Chiari / Agilolf Kesselring: Wegweiser zur Geschichte Kosovo; Paderborn,
München, Wien, Zürich 2006; S.16
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zurückgelassener Besitz wurde während der zwanziger Jahre an aus Serbien und Montenegro nachwandernde slawische Siedler überschrieben. Das erklärte Ziel Serbiens zu Beginn des 1. Weltkriegs war ganz eindeutig die rasche und totale Serbisierung der neu gewonnenen Provinz im Süden. Die im Laufe des Jahres 1915 in das Kosovo einmarschierenden österreichischungarischen Truppen, die das Gebiet bis zum Herbst 1918 besetzt hielten, wurden daher von der albanischen Bevölkerung als Befreier begrüßt. Erneute serbische Racheakte nach Ende des 1. Weltkrieges führte bereits Anfang 1919 zur Bildung einer albanischen Widerstandsbewegung, die vergeblich versuchte, bei den Pariser Friedensverhandlungen einen Anschluss des Kosovo an Albanien zu erwirken. Dieser kurze Ausflug an den Beginn des 20. Jahrhunderts soll das überaus ambivalente Verhältnis zwischen der albanischen Mehrheitsbevölkerung den weiterhin existierenden Minderheitenallen voran den durch den SHS- Staat 27 in jeder Weise privilegierten Serbenaufzeigen. Das Ziel dieser massiven Serbisierung war der Versuch einer Wiederherstellung der ethnischen Struktur des späten 14. Jahrhunderts, also der Zeit vor der schicksalhaften Amselfeld- Schlacht, auf die noch näher eingegangen wird. Trotz eines dadurch temporär rasch ansteigenden Anteils der serbischen Volksgruppe im Kosovo konnte die massiv geförderte Zuwanderung wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation des SHS-Staates nicht auf Dauer aufrechterhalten werden. Bereits zu Beginn der dreißiger Jahre war die Zahl der aus Kosovo auswandernden Serben höher als diejenige der neu Eingewanderten.
Die Saat für die während des Jahres 1999 kurzfristig von serbischen Sicherheitskräften initiierte gewaltsame Vertreibung hunderttausender Albaner aus dem Kosovo war bereits 1937 durch den serbisch- nationalistischen Historiker Vaso Cubrilovic gesät worden. In einer damals verfassten Denkschrift mit dem Titel „Die Vertreibung der Albaner“ 28 vertrat Cubrilovic die Überzeugung, dass das Albanerproblem nur mit Gewalt im Sinne Serbiens gelöst werden könne. Er plädierte für eine vollkommene Aussiedlung der
27 SHS- Staat: Abkürzung für das nach dem 1. Weltkrieg entstandene Königreich der Serben,
Kroaten und Slowenen, das sich später in Königreich Jugoslawien umbenannte und im
wesentlichen die Grenzen der späteren Bundesrepublik Jugoslawien umfasste
28 Text siehe: http://forum.politik.de/forum/archive/index.php/t-57873.html (Zugriff 24.4.09)
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mehrheitlich muslimischen Albaner in die Türkei sowie nach Albanien. Außenpolitische Probleme sah Cubrilovic 29 1937 aufgrund des damals europaweit aufgeheizten nationalistischen Klimas keine und fürchtete deshalb auch keinen dadurch unmittelbar ausgelösten internationalen Konflikt. Wörtlich meinte er in seiner Denkschrift: „Wenn Deutschland Zehntausende von Juden vertreibt und Russland Millionen von Menschen von einem Teil des Kontinents zum anderen verlegen konnte, so wird die Vertreibung von einigen Hunderttausend Albanern schon nicht zum Ausbruch eines Weltkrieges führen……Bei der Vertreibung sollte man sich folgende Dinge vor Augen halten: Zunächst wäre es angebracht, sich der Vertreibung der Bauern zuzuwenden, danach erst sind die Stadtbewohner an der Reihe. Die Dorfbewohner sind zusammenhängender; deshalb sind sie auch gefährlicher. Danach sollte man nicht in den Fehler verfallen, nur die Armen zu vertreiben: das Rückgrat eines jeden Volkes sind die mittleren und reichen Schichten“. 30
Vaso Cubrilovic, der während der dreißiger Jahre explizit den NS-Reichsarbeitsdienst als Vorbildmodell für eine erfolgreiche serbische Neokolonisierung Kosovos bezeichnete, wurde nach Ende des 2. Weltkrieges im dann kommunistischen Jugoslawien Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Seine Vertreibungsideen wurden erneut während der fünfziger Jahre durch Josip Broz Tito aufgegriffen, als rund 250.000 Türken und Albaner nahezu unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit dazu gedrängt wurden, in die Türkei auszuwandern 31 sowie zuletzt von Slobodan Milosevic, als er im Frühjahr 1999 hunderttausende Albaner innerhalb nur weniger Tage zum Verlassen ihrer Dörfer zwang.
29 Vasa ýubriloviü (* 14. Januar 1897 in Bosanska Gradiška, Bosnien; † 11. Juni 1990 in
Belgrad, Jugoslawien) war ein jugoslawischer Historiker und Politiker. ýubriloviü war 1914 an
dem Attentat auf den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand beteiligt. Während
Titos Sozialistischer Föderativer Republik Jugoslawien war er Universitätsprofessor und
Minister für Land- und Forstwirtschaft.
30 Siehe: http://www.kosova.de/archiv/geschichte/cubrilovic.html (Zugriff 26.4.09)
31 Siehe: http://kosova.org/de/ethnic-cleansing-in-kosovo/strategie/index.asp (Zugriff 26.4.09)
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3. Der historisch begründete Anspruch Serbiens auf Kosovo
Als Einleitung zu diesem Kapitel lässt der Autor den 1953 geborenen serbischen Schriftsteller und Essayist Dragan Veliki, der einer der namhaftesten kritischen Journalisten während des Milosevic- Regimes in Serbien war und derzeit Serbiens Botschafter in Wien ist, zu Wort kommen. In einem am 29.1.2009 in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ veröffentlichten Interview äußert sich Veliki zu aktuellen kosovospezifischen Fragestellungen folgendermaßen:
„Serbien hat den Kosovo niemals gewaltsam erobert, denn der Kosovo war lange vor der osmanischen Eroberung dieses Territoriums bereits serbisches Gebiet. Davon zeugen zahlreiche Dokumente und Denkmäler, die Kosovo zur Wiege der serbischen Staatlichkeit, Geschichte, Bildung und Kultur machen……Leider hat dies nicht verhindern können, dass gerade in den letzten zehn Jahren- vor den Augen der schweigenden internationalen Truppen-150 eben dieser serbischer Kirchen, Klöster und Friedhöfe von albanischen Extremisten zerstört, niedergebrannt und geschändet wurden. Dazu sind seit Juni 1999 bis heute- wieder vor den Augen der internationalen Truppen- mehr als 300.000 Serben, Montenegriner, Roma und andere Nicht- Albaner aus ihren Häusern vertrieben worden, sodass hunderte Ortschaften im Kosovo buchstäblich ethnisch gesäubert worden sind……….Serbien hat in Kosovo und Metohija niemals Völkermord begangen. Keiner der Angehörigen der serbischen Polizei oder Armee oder auch der serbischen Regierung wurde wegen Genozids im Kosovo verdächtigt oder angeklagt. Kosovoalbanische Politiker können versuchen, Tatsachen zu verdrehen und die Wahrheit zu leugnen, aber damit können sie keine neue Wirklichkeit erschaffen. Herr Thaci wäre besser beraten, wenn er etwas unternehmen würde, um das Schicksal der in den letzten zehn Jahren getöteten, entführten und verschwundenen Serben sowie dem serbischen Staat gegenüber loyalen Albaner im Kosovo endlich zu klären……“ 32
32 Dragan Velikic in einem Exklusivinterview mit der Zeitung „Der Standard“ am 29.01.2009
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Aussagen wie jene von Botschafter Veliki, der keinesfalls als sturer und realitätsfremder serbischer Nationalist angesehen werden kann, sind für die heutige öffentliche Meinung in Serbien beispielhaft und werden von serbischen Intellektuellen immer wieder gerne im Rahmen der vielen zeitgenössischen Diskussionen um Kosovo eingesetzt. Historisch bedingt kann die Behauptung der historischen Zugehörigkeit Kosovos zu Serbien selbstverständlich nicht einfach als unrichtig klassifiziert werden. Dazu bedarf es schon einer genaueren Untersuchung der historischen Fakten, die während des Mittelalters und danach- während der jahrhundertlangen osmanisch/ türkischen Herrschaft-Geltung hatten.
Kosovo gilt für eine bedeutende Mehrheit der Serben als sprichwörtlich heiliges Land, ohne dessen Zugehörigkeit zu Serbien kein serbischer Staat als vollständig akzeptiert werden kann. Diese Ansicht hat Ihren Ursprung im späten 12. Jahrhundert, als sich der erste dauerhafte serbische Staat auf dem Gebiet des heutigen Sandschaks 33 rund um die Ansiedlung Raska etablierte. Im frühen 13.Jahrhundert bemächtigte sich der Serbenführer Stefan Nemanja 34 des kosovarischen Territoriums und machte es zum Mittelpunkt eines lebendigen serbischen Staatswesens. Die auf der nächsten Seite dargestellte Landkarte zeigt in etwa die Ausbreitung des mittelalterlichen serbischen Staates um 1184- einer Zeit, als von einem bedrohlichen islamischosmanischen Imperium noch keine Rede war.
33 Sandschak: ehemalige osmanische Verwaltungseinheit im Nordosten Montenegros und
Südwesten Serbiens; mehrheitlich mit muslimischen Slawen besiedelt
34 Stefan Nemanja, ursprünglich nur Nemanja, geboren etwa um 1113 im Gebiet des heutigen
Montenegro, war der Begründer der Dynastie der Nemanjiü bzw. Nemanjiden und regierte 1167
bis 1196. Den Namen Stefan legte er sich als Ehrennamen zu und sollte zum Ehrennamen
aller Könige aus dem Hause der Nemanjiden werden. Bereits in der Jugend zeigte sich
Nemanja ambitioniert und machtbewusst, und erregte wegen seines eigenwilligen und
eigenmächtigen Verhaltens den Zorn seiner Brüder. Nach dem Sturz seines älteren Bruders
Tihomir wurde er zum Großžupan Serbiens. Nemanja war als römisch-katholischer Christ
getauft worden; wann genau er zur Orthodoxen Kirche konvertierte, ist bis heute umstritten. Mit
Nemanja begann auch die Tradition der Nemanjiden als Klosterstifter, die bedeutendste
Klosterstiftung Nemanjas war das Kloster Studenica. Stefan Nemanja zog sich 1197 nach
einigen Waffengängen mit dem Byzantinischen Reich (auch als Verbündeter von Friedrich
Barbarossa während des III. Kreuzzuges) und der damit verbundenen Anerkennung der
serbischen Autonomie durch Byzanz als Mönch Simeon auf den Berg Athos zurück und ließ
dort 1198 bis 1199 mit seinem Sohn Sava das verlassene griechische Kloster Hilandar
erneuern, in dem er 1200 starb.
Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d8/
Ganz klar ersichtlich ist, dass Kosovo damals sehr wohl ein zentraler Bestandteil Serbiens war. Nach und nach entstanden dort eine Reihe kleinerer und größerer orthodoxer Klöster und Kirchen - viele davon auf Grundmauern älterer Gotteshäuser. Den zwei bereits bestehenden orthodoxen Bistümern Serbiens wurde ein drittes- Hvostno- hinzugefügt; der Sitz des autokephalen 35 serbischen Erzbischofs wurde sodann 1253 in das kosovarische Pec/ Peja verlegt und brachte eine nachfolgend einzigartige Bautätigkeit mit sich. Die Fünfkuppelkirche von Gracanica (größere serbische Enklave in der Nähe von Pristina,), die unter Schutz der UNESCO steht und derzeit von schwedischen
35 Autokephal = kirchenrechtlich eigenständig, nicht direkt vom griechisch- orthodoxen
Patriarchen von Konstantinopel abhängig
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KFOR- Truppen bewacht wird, ist eines der prächtigsten Baudenkmäler aus dieser Zeit. Das schönste und größte serbische Kloster des Kosovo ist hingegen Visoki Decani, das zu Ostern 2009 vom serbischen Präsidenten Boris Tadic unter großem Aufsehen besucht wurde. Zentrale Bedeutung kommt ferner den Sakralbauten der Heiligen Mutter Gottes Ljeviska in Prizren sowie Banjska bei Kosovska Mitrovica und den Kirchen der Heiligen Apostel und des Heiligen Demetrius am Sitz des Patriarchen von Pec zu. Der Name Metohija, der von den Serben für den westlichen Teil Kosovos verwendet wird, kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „Kirchenbesitz“. Er zeugt von weitläufigen Besitzungen der serbisch- orthodoxen Kirche und wird u.a. als serbisch vorgebrachter Beweis dafür angeführt, dass Kosovo schon vor der Eingliederung in den modernen serbischen Staat 1912 dicht von Serben besiedelt gewesen sein muss.
Dass es bereits im Mittelalter neben romanischsprachigen walachischen Berghirten (Aromunen) auch Albaner im Kosovo gab, wird in der serbischen Geschichtsschreibung nicht vollkommen geleugnet, ist aber aus dem Bewusstsein der heutigen Bevölkerung Serbiens nahezu vollkommen verschwunden. 36 Warum wurde eigentlich das Zentrum des mittelalterlichen serbischen Staates ausgerechnet in die neu erworbenen Gebiete des Kosovo verlagert? Die beiden Autoren Bernhard Chiari und Agilolf Kesselring bieten dafür folgende Antwort:
Üblicherweise befand sich der Sitz des jeweiligen Herrschers dort, wo dieser seine eigene Hausmacht besaß. Im Fall Serbiens ist die Erklärung einfach und steht im Einklang mit der damaligen Herrschaftspraxis südslawischer Fürsten. Diese hatten ihre Reiche meist nahe des Einflussbereiches der antiken griechisch- römischen Zivilisationen gegründet. So entstand z.B. das kroatische Territorium in Dalmatien, nahe der byzantinisch dominierten Adriaküste. Ähnlich verhielt es sich mit dem ersten serbischen Staat, der sich im Hinterland von Küstenstädten entwickelte. Rascia- die damals üblich Bezeichnung für das serbische Königreich- entstand zunächst in einem Gebiet mit niedrigem Einkommensniveau, verschob seinen Schwerpunkt jedoch schon bald in jene
36 Chiari/ Kesselring: Wegweiser zur Geschichte Kosovo; 2006, S.52
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reicheren und zivilisierteren Landesteile, die bereits von Slawen besiedelt waren. 37
Für ein serbisches Zentrum im Kosovo sprach überdies auch, dass sich dieses in der Nähe von Gebieten befand, die weiterhin unter direkter byzantinischer Herrschaft und griechischer Kultur, die großen Einfluss auf das mittelalterliche Serbien ausgeübt hatte, standen. Nicht unerwähnt sollen in diesem Zusammenhang auch die bedeutenden, abbaufähigen Gold- und Silber-vorkommen um Novo Brdo/ Novoberda) bleiben, die Kosovo damals zu einem wohlhabenden Gebiet machten. Während Belgrad damals als ungarische Festung weiterhin außerhalb der Grenzen des jungen serbischen Staatswesens lag, stellte Kosovo den reichsten und kulturell am weitesten entwickelten Teil desselben dar.
Erst das massive Auftreten osmanischer Heeresverbände auf dem europäischen Kontinent (erstmals bei Gallipoli 1354) und nachfolgende militärische Niederlagen der Serben formten aus dem südlichen Teil des serbischen Reiches, dem Kosovo, schlussendlich einen Mythos, der viele Jahrhunderte überdauern sollte. Entscheidend war in diesem Zusammenhang am 15.6.1389 die Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) 38 , eines kahlen Landstriches in der Nähe der heutigen Hauptstadt Pristina, der dem ganzen Land den Namen gab (slaw. Kos bedeutet Vogel). Die Schlacht wird als serbische Niederlage gewertet und kann gleichzeitig als Geburtsstunde des Kosovo- Mythos und aller damit verbundener Legenden angesehen werden. Obwohl viele Fragen über den tatsächlichen Hergang der Schlacht nach wie vor
37 Chiari / Kesselring; Wegweiser zur Geschichte Kosovos, 2006, S.53
38 Die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 ist das historische Ereignis, das im Wesen der
serbischen Geschichte am meisten verklärt wird. Im serbischen Selbstverständnis ist das
Amselfeld damit der schicksalshafteste Ort ihrer Geschichte, dessen Singularität der serbische
Dichter Vasko Popa beispielhaft im Gedicht Kosovo Polje zusammenfasst: Ein Feld wie kein
zweites, Himmel darüber, Himmel darunter. Fürst Lazar als Führer der christlichen Koalition,
wird schon unmittelbar nach der Schlacht der Status eines Märtyrers zugesprochen, der durch
die Heiligsprechung, literarische Behandlung und Kult des Amselfeldmythos, bis heute eine
exponierte Stellung im serbischen Nationalbewusstsein einnimmt. Zwar wird die Schlacht auf
dem Amselfeld allgemein als Sieg der Osmanen betrachtet, aus rein militärischer Sicht muss
die Schlacht jedoch eher als Unentschieden gewertet werden. Beide Anführer der Truppen
waren gefallen, beide Verbände zogen sich vom Schlachtfeld zurück und die Osmanen
besetzen das Kosovo vorerst nicht.
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ungeklärt erscheinen, haften die Legenden und Heldengeschichten über diese Schlacht als Beweis für die serbische Leidens- und Opferfähigkeit sowie die serbische Tapferkeit weiterhin im kollektiven Gedächtnis der serbischen Nation. 39
Der 15.6.1389, der sowohl dem serbischen Fürsten Lazar, als auch dem osmanischen Sultan Murad I. das Leben kostete und einige Monate später eine mehr als fünfhundert Jahre andauernde osmanische Fremdherrschaft über das Kosovo einleitete, bildet das Rückgrat serbisch- nationalistischen Heldentums, das aus der erlittenen Niederlage einen Sieg geformt hatte- jenen symbolischen Ehrensieg, sich stellvertretend für die gesamte Christenheit den anstürmenden Muslimen entgegengestellt und dafür geopfert zu haben. Dieser Mythos wurde im 19. Jahrhundert als Legitimationsideologie des neu erstandenen serbischen Nationalismus aufgegriffen und im Sinne der Tapferkeit, Unabhängigkeit und Opferbereitschaft des modernen Serbentums weiterentwickelt. Vollkommen unerwähnt in sämtlichen serbischen Geschichtsbüchern blieb und bleibt die Tatsache, dass neben serbischen auch bulgarische und viele albanische Soldaten gemeinsam im Kampf gegen die Osmanen standen und auch gemeinsam dabei zu Tode kamen. 40
Nach dem Zerfall Gesamtjugoslawiens, der - wie von vielen Historikern und Politikwissenschaftlern behauptet- auch durch die berühmte, am 28.6.1989 auf dem Amselfeld gehaltene Rede des Serbenführers Slobodan Milosevic eingeleitet worden war, versuchten serbische Kampfeinheiten während des darauffolgenden innerjugoslawischen Bürgerkrieges in Kroatien und Bosnien immer wieder, sich Respekt und Anerkennung durch die Berufung auf mittelalterliches Kosovo- Heldentum bei ihren Kriegsgegnern zu verschaffen.
Der Verfasser möchte in diesem Zusammenhang noch ein wenig genauer auf die oben zitierte Amselfeldrede von Milosevic eingehen, da diese bereits die Möglichkeit künftig möglicher bewaffneter Auseinandersetzungen andeutet und
39 Noel Malcolm: Kosovo, a short history, London 1998, S.20
40 Siehe: http://www.kpd-online.info/DArchiv/alb20.htm (Zugriff 30.4.09)
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die oben erwähnten Attribute mittelalterlich- klassischen Serbentums explizit aufzählt. Dazu ein kleiner Auszug dieser Rede 41 im Original:
„Die Kosovo-Schlacht enthält noch ein anderes großes Symbol. Das ist das Symbol des Heroismus. Diesem Symbol wurden Gedichte, Tänze, Literatur und Romane gewidmet. Über sechs Jahrhunderte hat der Kosovo-Heroismus unsere Kreativität inspiriert, den Stolz genährt, hat uns davor bewahrt zu vergessen, dass wir einst eine große und tapfere Armee waren und stolz gemacht, auch in der Niederlage unbesiegbar zu sein. Sechs Jahrhunderte später, heute befinden wir uns wieder in Kriegen und werden mit neuen Schlachten konfrontiert. Dies sind keine bewaffneten Schlachten, obwohl diese nicht ausgeschlossen werden können. Aber unabhängig von der Art der Schlacht, können Schlachten nicht gewonnen werden ohne Entscheidungskraft, Tapferkeit und Selbstaufopferung, ohne diese Qualitäten, die im Kosovo so lange vorher schon gegenwärtig waren. [...] Niemals in der Geschichte haben Serben allein in Serbien gelebt. Heute mehr als jemals zuvor, leben hier Bürger aller ethnischen und nationalen Gruppen. Dies ist kein Handicap für Serbien. Ich bin aufrichtig davon überzeugt, dass dies ein Vorteil ist. Die nationale Struktur ändert sich in diese Richtung in allen Ländern dieser zeitgenössischen Welt, speziell in entwickelten Ländern. Mehr und mehr, und mehr und mehr erfolgreich leben Bürger unterschiedlicher Nationalitäten, Glaubens und Rassen miteinander. Sozialismus, speziell als eine progressive und demokratische Gesellschaft, würde es nicht wagen, den Menschen zu erlauben getrennt nach Nationalität und Religion zu leben. [...] Lang lebe Serbien, Lang lebe Jugoslawien… Lang lebe der Friede und Bruderschaft unter den Nationen!“
Gerne wird von zeitgenössischen Politikwissenschaftlern die Amselfeldrede Milosevics als besonderer Beweis für serbischen Imperialismus und serbische Überheblichkeit gegenüber anderen Völkern des damaligen Jugoslawiens gewertet. In der Tat war die Rede auf die Ereignisse der Amselfeldschlacht, die erlittene Niederlage und das dadurch tragisch verlaufende Schicksal des mittelalterlichen Serbien aufgebaut.
41 Gesamter Redetext herunterladbar unter: http://www.aikor.de/Artikel/rahasibu.htm (Zugriff
3.4.2009)
Arbeit zitieren:
B.A., M.A. Martin Krämer, 2009, Das Nationalitätenproblem Kosovos, München, GRIN Verlag GmbH
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