Einleitung
Es ist ein ironischer Zufall, dass das letzte Buch des kürzlich verstorbenen Politologen Samuel P. Huntington den Titel „Who are We?“ trägt. Der Name symbolisiert den Abschluss eines Lebenswerkes, in dem die Frage nach der Identität jener Gesellschaft, der sich Huntington zugehörig fühlt, nicht etwa erst am Ende aufkam – sie stand oft im Mittelpunkt der Erörterungen Huntingtons. So lässt sich seinem wohl bekanntesten Buch „Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“ die Feststellung entnehmen: „Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind.“ 1 Damit erscheint seine vielbesprochene These vom „Clash of Civilizations“ als Abhandlung über die Frage nach dem eigenen Selbst und den daraus ableitbaren Handlungsmustern für die amerikanische Außenpolitik. Betrachtet man den Text, seinen Publikationskontext und die ihm folgende Debatte um den Konflikt zwischen den Kulturkreisen unter dem Eindruck von Michel Foucaults Diskurstheorie, ergibt sich ein wesentlich nüchterneres Bild; Foucaults Beschreibungen der am Diskus beteiligten Institutionen und ihrer Motive liest sich wie eine literarische Dystopie, in der nicht der ergebnisoffene Dialog die Natur der Diskurse bestimmt, sondern ihr Wert an der Börse der Macht und Begierde. 2 Doch wenn wir Huntingtons These diese kalkulierte Wirk-“mächtigkeit“ unterstellen, dann gilt es zunächst aufzuzeigen, anhand welcher Mechanismen er diese konkret entfaltet. Der vorliegende Text möchte einerseits den institutionellen Kontext von „The Clash of Civilizations?“ vorstellen und andererseits zeigen, dass Huntington vor allen politischen Handlungsanweisungen zunächst um die Konstruktion eines „Ich“ bemüht ist. Dabei soll der Kerntext 3 als Teil eines Aussagemotivs betrachtet werden, das entscheidende Impulse am Ende des Kalten Krieges erhielt und bis heute im Feuilleton von Tageszeitungen überlebt hat.
Amerikanische Think Tanks und Foreign Affairs
Die Arbeit von Samuel P. Huntington erstreckte sich von der Universitätslehre über die Mitgliedschaft im Nationalen Sicherheitsrat der USA Ende der 1970er Jahre und die Leitung des John-M.-Olin-Instituts für strategische Forschung an der Harvard Universität bis zum Verfassen von Fachbüchern sowie Artikeln für Fachzeitschriften. Den Auftakt seines Schaffens als Buchautor bildete 1962 die Abhandlung „Changing Patterns of Military Politics“, gefolgt von „Political Power.
1 Huntington, Samuel P.: Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im
21. Jahrhundert. München u.a.: Europaverlag 1997, S. 21.
2 Fink-Eitel, Hinrich: Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag 2002, S. 64.
3 Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations? In: Foreign Affairs Nr. 3, 1993, S. 22-49.
2
USA/USSR“ im Jahr 1964. Seit 1968 veröffentlicht Huntington Aufsätze und Buchrezensionen in der amerikanischen Politikfachzeitschrift Foreign Affairs, mit thematischen Schwerpunkten auf dem Vietnamkrieg 4 und dem weltweiten militärischen Engagement der Vereinigten Staaten im Allgemeinen 5 . Insbesondere in den 90er Jahren traten vermehrt Artikel hinzu, die sich mit der Rolle der USA als einziger verbliebener Supermacht befassen 6 . Der Artikel „The Clash of Civilizations?“ erschien hier 1993.
Foreign Affairs ist das Hauptpublikationsorgan des Council on Foreign Relations (CFR), einem regierungsunabhängigen Institut, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Debatten über außenpolitische Entscheidungen, mit denen die USA konfrontiert sind, zu lenken. 7 Das CFR tritt unter anderem als Think Tank auf – ein Begriff, für den es keine deutsche Entsprechung gibt und der deshalb unzureichend mit „Denkfabrik“ übersetzt wird. Die Institution Think Tank reicht in den
USA bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück, weshalb es nicht verwundert, dass sie über die
Jahrzehnte einen enormen politischen Einfluss aufbauen konnten; vor allem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist prägend gewesen für die Art und Weise, wie Think Tanks operieren. 8 Der Begriff „Denkfabrik“ suggeriert, dass es sich bei einem Think Tank um eine gemeinnützige Organisation handele, deren einzige Aufgabe es sei, frische Gedanken zu produzieren. Dabei würde jedoch ignoriert, dass sich die Einrichtungen stets einer Denkschule verpflichtet fühlen und ihre Arbeit auch als die Produktion von Ideologie verstanden werden kann. 9 Insbesondere seit den 1990er Jahren ist eine verstärkte Bindung an einzelne Parteien oder Interessengruppen zu beobachten, so dass man davon ausgehen kann, dass sich ein Think Tank einer mehr oder minder spezifischen Weltanschauung verpflichtet fühlt 10 – anders ließe sich nicht erklären, weshalb Think Tanks stets auch um Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse bemüht sind. 11
Huntington selbst ist oft als eine leitende Persönlichkeit im Netzwerk konservativer Think Tanks und ihrer assoziierten Einrichtungen in Erscheinung getreten; neben der Arbeit für das CFR ist hier die Leitung des Olin-Instituts von Bedeutung, das den nach ihm benannten Huntington-Buchpreis vergibt.
4 Vgl. Huntington, Samuel P.: The Basis of Accomodation. In: Foreign Affairs Nr. 4, 1968, S. 642-656. 5 Vgl. Huntington, Samuel P.: Coping with the Lippmann Gap. In: Foreign Affairs Nr. 3, 1987, S. 453-477. 6 Vgl. u.a. Huntington, Samuel P.: The Lonely Superpower. In: Foreign Affairs Nr. 2, 1999, S. 33-49. 7 Auf der Webseite des CFR heißt es wörtlich: „The Council on Foreign Relations is an independent, nonpartisan membership organization, think tank, and publisher dedicated to being a resource [...] in order to help [...] better understand the world and the foreign policy choices facing the United States and other countries.“ Vgl. online unter
Bader, Tobias: Neokonservatismus, Think Tanks und New Imperialism. Köln: PappyRossa Verlag 2005, S. 45. 8 Vgl. ebd., S. 45.
9 Vgl. Bader, S. 8.
10 Vgl. ebd., S. 48.
11 Vgl. ebd., S. 85.
3
Der „Kampf der Kulturen“ und das „Ende der Geschichte“
Wenn man davon ausgeht, dass Huntingtons thematisches Profil in der Zeit des Kalten Krieges geschärft wurde, dann verwundert es nicht, dass er auch nach dessen Ende mit den gleichen Begriffen – wie etwa „Supermacht“ – operiert, ganz so, als wäre die Anwendbarkeit dieses Instrumentariums auf die veränderte Situation ganz selbstverständlich. Zwar gesteht Huntington in „The Clash of Civilizations?“ ein, dass sich das weltweit dominante Konfliktparadigma nun geändert habe: „During the Cold War, the world was divided into the First, Second and Third Worlds. Those Divisions are no longer relevant.“ 12 Was jedoch aus seiner Sicht gleich geblieben ist, ist die Konfrontation der USA, oder im weiteren Sinne des „Westens“, mit einem nicht-westlichen Gegenüber:
„[...] international politics move out of its western phase, and their centerpiece becomes the interaction between the West and non-Western civilizations and among non-Western civilizations.“ 13
Mit dieser Benennung eines Konfliktmusters antwortet der Text anderen politischen Entwürfen, die Autoren in dieser Umbruchzeit angeboten haben – allen voran Francis Fukuyamas Idee vom „Ende der Geschichte“, die davon ausgeht, die Demokratie werde sich nach westlichem Vorbild weltweit als politisches Modell durchsetzen, und zwar aus der historischen Notwendigkeit heraus, dass sich die Menschheit in eine endgültige Richtung entwickle. 14 Huntingtons Ansatz, den dominanten Konflikt des 21. Jahrhunderts an den Bruchlinien zwischen sieben bzw. acht Kulturkreisen zu verorten, zweifelt genausowenig am Ideal des westlichen Demokratiemodells, geht jedoch nicht von einer Multiplizierung desselben aus. Vielmehr müsse der Westen bemüht sein, seine Vorzüge gegenüber anderen Modellen des Zusammenlebens herauszustellen. Kurze Zeit nach dem erschienen von „The Clash of Civilisations?“ deutete Huntington an, das dies nicht allein über wirtschaftliche Überlegenheit oder den Export von Lebenskultur zu realisieren sei:
„Drinking Coca-Cola does not make Russians think like Americans any more than eating sushi makes Americans think like Japanese. [...] The argument that the spread of pop culture and consumer goods around the world represents the triumph of Western civilization depreciates the strength of other cultures while trivializing Western culture by identifying it with fatty foods, faded pants, and fizzy drinks. The essence of the Western culture is the Magna Carta, not the Magna Mac.“ 15
12 Huntington 1993, S. 23.
13 Ebd.
14 Vgl. Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München: Kindler 1992, S. 11f. 15 Huntington, Samuel P.: The West – Unique, Not Universal. In: Foreign Affairs Nr. 6, 1996, S. 28-46; hier: S. 28f.
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Quote paper:
Ludwig Andert, 2009, »... wenn wir wissen, wer wir nicht sind« – Samuel P. Huntingtons "The Clash of Civilizations?" als institutionelle Suche nach der westlichen Identität, Munich, GRIN Publishing GmbH
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