1. Einleitung
Der Bußgang Heinrich IV. und die entscheidende Rolle die Papst Gregor VII. dabei gespielt hatte, waren Brennpunkte in der katholischen Kirche und zugleich Höhepunkte im Verlauf des Investiturstreits. Nicht ohne Grund haben sich viele Historiker aus dieser Zeit und heute damit beschäftigt. Der „Zusammenprall zweier Gewalten“ 1 der weltlichen und der geistlichen Macht haben die Politik nachhaltig verändert und die Autorität des Papstes in völlig neues Licht gesetzt. Zunächst soll eine kurze Einführung in das Thema gegeben werden. Das Papsttum und die Kirche waren mit ihrer Rolle im Herrschaftsgeschehen immer mehr und mehr unzufrieden. Es wurde die Eigenständigkeit, sowie die Unabhängigkeit vom König/Kaiser gefordert. Die Idee der „Verschiedenheit von Kirche und Staat“ 2 kam auf und im Weiteren die „libertas ecclesiae“ („Die Freiheit der Kirche“). Der Primat des Papstes, den Gregor VII. 1075 im „Dictatus papae“ niederschrieb und verankerte, galt als unumstritten unter den Geistlichen und genau dort war der Kern des Konflikts verborgen. Die Investitur („Einkleidung“) der Bischöfe in ihre Ämter wurde von je her durch den König, mit Ring und Stab durchgeführt. Aufgrund dieser Laieninvestitur des Königs kam, bei den Bischöfen, jedoch der Verdacht bzw. die Angst vor der Simonie auf, was den Papst dazu veranlasste dem König die Investitur absprechen zu wollen. Die alleinige Entscheidung, somit das alleinige Recht über die Investitur war nunmehr nur noch dem Papst gestattet. „[…] Dictatus papae de Grégoire VII. qui revendique pour le pontife romain seul le droit d’user des insignes de l’Empire.” 3 (Das Dictatus papae von Gregor VII, spricht allein dem römischen Pontifex das Recht zu, die Insignien des Reiches zu benutzen.) 4 . Die Argumente des Papstes, der Verdacht der Simonie und die endgültige Durchsetzung des Verbots der Laieninvestitur lösten beim König und seinen Anhängern tiefste Entrüstung aus und ließen den Konflikt aufleben. Innerkirchliche Reformen sollten die Kirche stärken und sie unverwundbar gegenüber den Forderungen des Königs machen. „Kein deutscher König, ganz gleich, wer es war, konnte ohne das nunmehr von den Fürsten dem Papst zuzusprechende Investiturrecht regieren.“ 5
Der Papst und der König wurden immer mehr zu Rivalen.
1 MAYER-PFANNHOLZ, Anton: Heinrich IV. und Gregor VII. im Lichte der Geistesgeschichte, in KÄMPF,
Helmut (Hg.): Canossa als Wende. Ausgewählte Aufsätze zur neueren Forschung, Bd.12: Wege der Forschung,
Darmstadt ³ 1976, 27-50. S. 28. [Künftig zitiert: MAYER-PFANNHOLZ: Heinrich IV. und Gregor VII.]
2 HEIMANN, Hans-Dieter: Einführung in die Geschichte des Mittelalters (Uni-Taschenbücher;
1957:Geschichte), Stuttgart 1997. S.221. [Künftig zitiert: HEIMANN: Geschichte des Mittelalters.]
3 FOLZ, Robert: L’idée d’Empire en Occident du Ve au XIVe siècle (collection historique), Paris 1953. S.89
4 Frei übersetzt von der Autorin der Hausarbeit
5 WAHL, Rudolph: Der Gang nach Canossa. Kaiser Heinrich IV. Eine Historie, München ³1977. S. 223.
[Künftig zitiert: WAHL: Der Gang nach Canossa.]
2
Im Folgenden sollen zwei Briefe Papst Gregors VII. interpretiert werden. Zum einen sein Brief vom 8.12. 1075 6 an Heinrich IV., indem der Papst sich über Heinrichs Taten äußert und ihm seine Pflichten als König und gottergebenen Menschen aufzeigt, sowie Konsequenzen androht. Zum Anderen sein Brief an die deutschen Fürsten vom Januar 1077 7 an die deutschen Fürsten, indem Gregor VII. über den Gang nach Canossa bzw. die Geschehnisse in Canossa berichtet. Beide Quellen wurden ausgewählt, weil sie wichtige Bestandteile des Konflikts darstellen. Der Brief an Heinrich IV. beinhaltet schon genau die Konsequenzen, die auf Heinrichs Verhalten auch tatsächlich folgten und es ist bemerkenswert, wie gut der Papst sachlich und klar argumentiert. Im Brief an die Fürsten kann man genau erkennen, wie beeindruckt Gregor vom Gang nach Canossa gewesen ist, aber genauso wie er noch eine gewisse Distanz zum Geschehen wahrt. Aufgrund dessen, dass aus der Perspektive des Papstes berichtet werden sollte, schienen die Quellen angemessen. Zudem soll die Frage geklärt werden, wie sich das Verhältnis zwischen Papst Gregor VII. und Heinrich IV. entwickelt hat. Außerdem sind, zur weiteren Erfassung des historischen Kontext und zur Interpretation der Briefe, Werke von Gerd Althoff, Uta-Renate Blumenthal, Egon Boshof, Robert Folz, Heinz-Dieter Heimann, Rudolph Wahl, Stefan Weinfurter, sowie Aufsätze von Albert Brackmann, Augustin Filche und Anton Mayer-Pfannholz benutzt worden.
6
GREGORIUS
Schmale (ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters; Bd. 12.a), Darmstadt 1978, Nr.66,
197-205.[Künftig zitiert: Brief Gregors von 1075]
7
GREGORIUS
Josef Schmale (ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters; Bd. 12a), Darmstadt 1978,
Nr.77, 241-243. [Künftig zitiert: Brief Gregors von 1077]
3
2. Einbettung des Briefes Gregors VII. vom 8.12.1075 in den historischen Kontext
Papst Gregor VII erhielt im August des Jahres 1073, kurz nach seiner Wahl zum Papst, einen Brief von König Heinrich IV. . In diesem Schreiben, bat der König den Papst um Unterstützung im Krieg gegen die Sachsen und um seinen Rat. Er betonte zunehmend die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen geistlicher und weltlicher Macht und zeigte Untergebenheit, indem er sich selbst der simonistischen Praktiken beschuldigte und dafür vor Gott um Verzeihung bat. Der Papst war von diesem Brief sehr beeindruckt und sich sicher, den König auf seiner Seite zu haben. Zudem war Papst Gregor VII. davon überzeugt, dass er das „Papsttum als Vermittler und Schiedsrichter auch in weltlichen Fragen“ 8 etablieren konnte. In den folgenden Jahren 1074 und 1075 setzte der Papst großes Vertrauen in diese Zusammenarbeit und konzentrierte sich vor allem auf die Vermeidung von Simonie und das Verbot der Priesterehe. Gregor VII. war aber ganz gewiss „kein sanfter Charakter“ 9 , sondern setzte seine Vorhaben strikt und konsequent durch. Heinrich hatte sich im Laufe dieser Jahre eine gute Position gegenüber dem Papst aufgebaut. Gregor mochte ihn und machte ihn nicht „für alle Missstände im Reich und der Reichskirche“ 10 verantwortlich, sondern baute weiter auf die Zusammenarbeit mit dem König. „Das Vertrauen zwischen Papst und König schien festgefügt und zuverlässig“ 11 .Gregor bat sogar Heinrich um seine Mithilfe bei einem Kreuzzug nach Jerusalem. Auf der Fastensynode 1075 schien sich das Blatt aber langsam zu wenden. Papst Gregor verbannte trotz aller Sympathie und Zuneigung gegenüber Heinrich IV., fünf dessen Ratgeber. Heinrich blieb jedoch von allen Vorwürfen erhoben. Im September 1075 kamen dann auch gegenüber Heinrich IV. Zweifel auf. Als dieser nämlich gegen die Sachsen ankam, begann er sein wahres Gesicht zu offenbaren. Er betrieb unter anderem eine „aktive Italienpolitik“ 12 , die gar nicht den päpstlichen Vorstellungen entsprach. Er setzte Bischöfe in Fermo und Spoleto ein, die dem Papst gänzlich unbekannt waren und somit auch nicht sein Vertrauen genossen. Heinrich IV. symbolisierte Gregor deutlich, dass er an der Zusammenarbeit und der Einigkeit mit der Kirche kein Interesse mehr hatte, da er den Papst mit seinen Maßnahmen maßgeblich überging. Die Reaktion von Papst Gregor VII. folgte in einem Brief als Mahnung an Heinrich IV..
8 ALTHOFF; Gerd: Heinrich IV. (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance), Darmstadt 2006.
S.122.[Künftig zitiert: ALTHOFF: Heinrich IV.]
9 WEINFURTER, Stefan: Canossa. Die Entzauberung der Welt, München 2006. S.101.[Künftig zitiert:
WEINFURTER: Canossa.]
10 ALTHOFF: Heinrich IV.. S.124.
11 WEINFURTER: Canossa. S.115.
12 ALTHOFF: Heinrich IV.. S.126
4
3. Interpreation des Briefes Gregor VII. vom 8.12.1075
Gregors Brief wurde am 8.12.1075 verfasst und bereits am Anfang drückt Gregor sein Misstrauen mit den Worten „[…], wenn er anders dem apostolischen Stuhl gehorcht, wie es einem christlichen König ziemt.“ 13 deutlich aus. Er bezieht sich hier auf die vorangegangenen Ereignisse, die ihn dazu bewogen haben den Brief zu verfassen. „Die Unbekümmertheit und Anmaßung“ 14 Heinrichs, saßen bei dem Papst tief und er wollte nicht recht glauben, dass Heinrich ihn so hintergangen haben könnte. Im Weiteren formuliert Gregor, dass er „[…] nur zögernd den apostolischen Segen […].“ 15 an Heinrich schickt und spricht ihn auf den Verdacht an, der schon länger im Raum stand. Heinrich soll sich mit „Exkommunizierten“ 16 getroffen haben und hat sich somit deutlich gegen die Regeln und Entscheidungen des Papstes gestellt. Denn Gregor selbst hatte die Ratgeber Heinrichs auf der Fastensynode verbannt und Heinrich großzügigerweise verschont; aber nur unter der Bedingung, dass sich Heinrich von ihnen fern hielte. Deswegen unterstreicht Gregor nochmal mahnend mit den Worten „[…], wenn dies wahr ist,[…].“ 17 , dass es Konsequenzen für Heinrich geben könnte. Hier beschreibt Gregor deutlich, dass es „zur Buße“ 18 kommen wird und Heinrich eventuelle Verfehlungen nur durch „[…] angemessene Reue und Wiedergutmachung[…]“ 19 bereinigen könne. Heinrich IV. hatte „seine eigene Stellung überschätzt.“ 20 Er ging bis jetzt davon aus, dass der Papst ihm wohlgesonnen war und sich immer auf seine Seite stellen würde, doch diese, sehr klaren Vorstellungen Gregors, ließen keinen Zweifel aufkommen, dass er nicht alle Register ziehen würde, um den König wieder zur Vernunft zu bringen. Im Weiteren gibt Gregor Heinrich den Rat, sich sofort in Rom einzufinden, falls er schuldig sei oder sich rechtfertigen möge. „[…], durch baldige Beichte Dich um Rat an einen kirchlich gesonnenen Bischof zu wenden, der Dir mit unserer Erlaubnis eine angemessene Buße für diese Schuld auferlegt[…].“ 21 Bis hierhin ist die Argumentation des Papstes klar nachzuvollziehen. Er scheint sehr verwirrt zu sein über das, was er gehört hatte und es macht den Anschein, er könne es nicht glauben, dass Heinrich zu solchen Taten
13 Brief Gregors von 1075. S. 197
14 BOSHOF, Egon: Heinrich IV..Herrscher an der Zeitwende (Persönlichkeit und Geschichte, Bd.108/109),
Göttingen [u.a.]² 1990.[Künftig zitiert: BOSHOF: Heinrich IV..]
15 Brief Gregors von 1075. S.199
16 Ebd.
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Ebd.
20 BRACKMANN, Albert: Heinrich IV. als Politiker beim Ausbruch des Investiturstreites, in KÄMPF, Helmut
(Hg.): Canossa als Wende. Ausgewählte Aufsätze zur neuen Forschung, Bd.12: Wege der Forschung, Darmstadt³
1976, 61-88. S.63[Künftig zitiert: BRACKMANN: Heinrich IV. als Politiker]
21 Brief Gregors von 1075. S.199
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Arbeit zitieren:
Daniela Boshüsen, 2009, Gregor VII. über den Bußgang Heinrichs IV. nach Canossa (1077), München, GRIN Verlag GmbH
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