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Inhaltsverzeichnis
Vorwort. 3
Flucht , Neuanfang und Kindheit im "goldenen Westen" 5
Die Reise. 20
Erinnerungen 24
Ein Tag in Dresden. 26
Freiberg. 31
Eine wunderbare Begegnung. 37
Dresdner Kunsteindrücke. 41
Das Abendessen. 49
Abschied. 51
Heimfahrt. 52
Nachwort der Autorin. 54
Die Autorin 55
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Vorwort
Liebe Leser
In folgendem Text geht es um einen wichtigen Teil unserer Geschichte, welcher bis heute bei vielen Menschen nicht verarbeitet ist. Die Trennung zwischen Ost und West ist nach 20 Jahren der Vereinigung leider immer noch nicht ausgestanden. Im Gegenteil, so erfuhr ich kürzlich von einem Mann aus Potsdam, der sich mit dem Thema schon lange beschäftigt, "man driftet eher mehr auseinander". Möglich, dass dies eine von etlichen Einzelmeinungen ist, aber die Ansicht, dass längst nicht alles "zusammengewachsen ist, was zusammen gehört", scheint weit verbreitet. In diesem Buch sind eingangs eigene Erfahrungen der Autorin Antje Di Bella, unter anderem aus der Zeit ihrer frühen Kindheit in der damaligen "Ostzone", beschrieben.
Von besonderem Interesse dürften hier aber die lebendig geschilderten Erlebnisse der Rückkehr zur Zeit der Wende sein. Ebenso liebevoll wie auch kritisch werden die vorgefundenen Gegebenheiten und menschlichen Begegnungen dargestellt. Der Text spricht von Hoffnungen, von Freude und Dankbarkeit für die erwartete Freiheit, aber auch von der Angst, großen Illusionen zu erliegen. Was wurde erwartet und was brachte die Realität? Das können wir uns heute nun selbst beantworten.
Der Text spricht aus dem Herzen vieler, denen es ebenso ergangen ist, wird aber merkwürdigerweise eher von den "Westlern" oder von den schon früh in den Westen Emigrierten bejaht. Er spricht wohl weniger die Menschen an, die geblieben sind, die DDR-Bürger wurden und die im marxistischen Geist erzogen, oft dieses Gedankengut beinahe schon wie eine Religion empfanden. Wohl deshalb wehren sie sich noch immer, ihr einst als tiefes Lebensmuster erkanntes Denken, nun in Frage zu stellen und dafür den westlichen, kapitalistischen Denkmustern zu folgen, die sich zudem auch immer mehr als falsch erweisen.
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Eine Frage aber stellt sich heute noch genauso wie vor zwanzig Jahren: Erledigt sich das Problem der Ossi und Wessi- Mentalitäten und Schwierigkeiten in der nächsten Generation von selbst? Hat der Kommunismus sich nicht von selbst erledigt? Sind wir heute klüger? Eine der Autorin wichtige, persönliche Frage beantwortete sich ihr schon damals, sozusagen als ein Fazit ihrer Reise in die versinkende DDR: Wo ist Heimat?
Die Erzählung vermittelt einen ungewöhnlichen Einblick in die Situation zur Zeit des Mauerfalls . Politik wird jedoch nur am Rande thematisiert, auf Wertungen wird verzichtet; die innerdeutsche Geschichte spiegelt sich lediglich in den zahlreichen Begegnungen und Erlebnissen mit den Menschen in der Noch-DDR wider.
Di Bella zeichnet ein lebendiges und realistisches Bild von der Verfasstheit mancher Ostdeutscher zur Wendezeit, welches der Realität näher kommt als die überschwänglichen Jubelbilder und Schönreden, die damals durch die Medien gingen.
Die Autorin schrieb die selbst erlebte Geschichte bereits während Ihrer „Ostreise“ im Jahre 1990 in der Urfassung als Reisetagebuch. Damit ist das Werk heute, fast zwanzig Jahre später, auch ein Zeitdokument und verführt den nunmehr „schlaueren“ Leser unwillkürlich zum Vergleichen und Resümieren. Nicht zuletzt machen viele genau beobachtete Details des inzwischen fast vergessenen DDR -Alltags die Erzählung zum Lese -Erlebnis. Lutz Eckner, Schriftsteller, Reichenbach 2008
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Flucht, Neuanfang und Kindheit im "goldenen Westen"
Vielleicht waren es die Träume von der Heimat, die ich viele Jahre immer wieder geträumt hatte, und die mich nun drängten die Plätze meiner Kindheit wieder zu sehen. Wahrscheinlich wollte ich etwas wieder finden, was damals, vermeintlich unheilbar, verloren ging. Meine Gedanken kreisten, seitdem der Grenzübergang bei Herleshausen geöffnet wurde, unaufhörlich um meine Vergangenheit, und das Bedürfnis einfach loszufahren wurde immer stärker. Wie war es eigentlich damals gewesen?
Ganz geheimnisumwittert, im Dunkeln brachte meine Mutter die paar Habseligkeiten, die unserer Familie der Krieg gelassen hatte, im Leiterwagen, Abend für Abend, zu Bekannten, denen sie versuchte zu vertrauen, und denen sie es sagen musste, dass wir für immer fortgehen würden. Das war gewagt, denn wem konnte man in diesem Staat denn eigentlich überhaupt noch vertrauen?
Das Richterehepaar, das vernarrt in mich war und das ahnte, was wir vorhatten, bedrängte mich immer wieder, die Wahrheit zu sagen. Aber ich blieb eisern. Ich versicherte immer wieder, wir würden in vierzehn Tagen wieder zurück sein. Es war mir nämlich völlig klar, dass, wenn ich unser Vorhaben verriete, meine Mutter wegen „des Vorsatzes der Republikflucht“ einige Jahre hinter Gefängnismauern zubringen würde und diese Leute dann die Bahn frei hätten, mich zu adoptieren, wie sie es schon lange beabsichtigten. Immer wieder hatten sie meine Mutter bedrängt, da sie allein erziehend war, mich ihnen zu überlassen. Diese gut situierten Leute wollten mir die bestmögliche Erziehung und Schule angedeihen lassen, die ja Akademikerkindern in der DDR aus Schikane verwehrt wurde . Aber, was ist das schon, wenn ein Kind dafür von der Mutter getrennt wird, bei der es sich zuhause fühlt. Nein, ich spürte die Gefahr und log diese eigentlich so freundlichen Leute an.
Es war ja nicht nur einmal passiert, dass die Polizei vor unserer Tür stand und meine Mutter abführte. Mehrmals war sie verhaftet worden, weil eine
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bösartige, allein lebende, alte Nachbarin sie angezeigt hatte. Denn sie hörte gern den Westsender RIAS Berlin, was verboten war. Für eine Mitgliedschaft in der SED konnte sie sich auch nicht entscheiden. Diese Gründe reichten der Volkspolizei zu versuchen, sie mit kurzer Haft gefügig zu machen. Es war nicht so, dass meine Mutter ein intellektueller und politischer Mensch gewesen wäre, aber sie hatte ihre Tradition. Sie war stolz, ein Kind aus dem Großbürgertum zu sein. Sie wollte mit der Arbeiterklasse nichts zu tun haben. So konnte sie keine SED wählen und mich nicht zu den „Pionieren“ schicken. Natürlich hätte ich so gern auch ein blaues Halstuch getragen und wie die Klassenkameraden nachmittags an den gemeinsamen Spielen teilgenommen. Ich bettelte immer wieder, aber sie sprach: „Unsere Familie war immer in der CDU, wir sind keine Kommunisten! Das sind doch alles Arbeiter, da gehören wir nicht hin!“ Mit dieser Einstellung lebte sie gefährlich, und ich musste verstehen, dass es Zeit war, endgültig die Ostzone zu verlassen.
Es gab ja auch sonst nichts mehr, was uns halten konnte. Wir hatten bisher im Haushalt meiner Großmutter gelebt, und die war im Januar 1954 gestorben, einen Monat nach ihre Schwester, Johanna, meiner Großtante, die im Dezember 1953 einer Gallenerkrankung erlag. Diese beiden Frauen hatten sehr aneinander gehangen und ihr ganzes Leben miteinander verbracht. Meine Oma, sie hie? Martha, wurde bereits als jungverheiratete Frau Kriegerwitwe des Ersten Weltkrieges, und Johanna blieb lange unverheiratet. Erst mit über fünfzig vermählte Johanna sich mit einem Schlachter. Dieser, der einzige Mann in der verbliebenen Familie, war mir immer fremd geblieben. Eigentlich hatte ich sogar Angst vor ihm. Stets etwas unfreundlich, konnte er mit Kindern gar nicht umgehen und wusste sich mir mit keiner netten Geste, keinem warmen Wort zu nähern. Die Oma und die Tante dagegen erfüllten mein Leben mit Liebe, Zärtlichkeit und Geborgenheit. Plötzlich dann, kurz vor Weihnachten, erkrankte die Tante sehr. Ich erinnere mich, dass, als ich sie besuchte, sie mich nicht erkannte, was mich, - ein kleines Kind von fünf Jahren, das ich damals war -, sehr verunsicherte. Ein paar Tage später jedoch stand die geliebte Tante wieder am Fenster und strahlte mir gütig entgegen. Vor lauter Glück über ihre Genesung und darüber, mich wieder in die Arme schließen zu können, schenkte sie meiner Mutter einen Geldschein. - Sie hatte schon immer dafür
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gesorgt, dass wir den Stoff für meine Kleidchen kaufen konnten, die ja auf der alten Singer Nähmaschine selbst genäht wurden. - Selig drückte und streichelte sie mich. Wie glücklich ich war, Angst und Trauer fielen zentnerschwer von mir ab. Alles war einen Moment lang wie früher, … am nächsten Morgen aber war sie plötzlich tot! Die Oma Martha, die für ihr Enkelkind hatte hundert Jahre alt werden wollen, verlor ihren Lebensmut und starb vier Wochen später, man könnte sagen, an gebrochenem Herzen.
Innerhalb von ein paar Wochen verlor ich also beide lieben Menschen! Das war der gro?e Verlust in meinem Kinderleben.
Im Frühling darauf erkrankte ich schwer an einer Magen-Darm- Erkrankung (Ruhr) und nahm so viel ab, dass bei der nun anstehenden Einschulungsuntersuchung festgestellt wurde, ich müsse unbedingt in Kur. Der DDR-Staat schickte mich in ein Kindererholungsheim an die Elbe. Das jedoch bedeutete eine Trennung von der Mutter für sechs Wochen. Ich litt unsäglich unter Heimweh, aß nicht und nahm weiter ab. Man hatte ein Einsehen mit mir. Schließlich durfte ich nach Hause fahren. Es fand sich eine andere Lösung. Der Staat spendierte uns einen Mutter-und-Kind-Urlaub an der Ostsee. Wir fuhren für zwei Wochen zur Insel Hiddensee. Das war meine erste große Reise.
- Hier ist zu erwähnen, dass es damals in der DDR kein Fernsehen gab, und ein Kino hatte ich auch nie besucht, so dass ich mir nicht vorstellen konnte, was das Meer ist. Die Wenigsten fuhren in den Fünfziger Jahren in der Ostzone in Urlaub. Und ich durfte ans Meer fahren. Was für eine Freude. - InStralsund standen wir dann am Kai, und ich sah erstmals soviel Wasser! Diese Weite, das war die Ostsee! Und zu all dem ging’s auch noch gleich auf ein Schiff. Wir fuhren mit der Fähre rüber zur Insel Hiddensee. Es war Mai 1954, also Frühling, und es gab nur wenig Gäste auf der Insel. Ich entdeckte in diesen herrlichen Tagen so viel Neues. An der unendliche Weite des Wassers konnte ich mich gar nicht satt sehen, Weite faszinierte mich schon damals. Der weiße Strand, Schiffe, Muscheln, Burgen bauen im Sand, und ich konnte mit anderen Kindern in freier Natur spielen. Ich hatte soviel Freude an dieser wilden Natur. Wind und Wellen, wunderschöne Wiesen mit hohem Gras und vielen, vielen Gänseblümchen, auf denen sich
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Lämmchen tummelten. Die Sonne schien den ganzen Tag. Obwohl es noch kühl war, bot der Strandkorb genug Schutz vor dem rauen Wind, und wir konnten uns stundenlang am Meer aufhalten. Im Windschatten des Strandkorbes buddelte ich im Sand und bestaunte immer wieder das weite Meer. Das war Freiheit, die ich bisher nicht gekannt hatte. War ich doch ein Stadtkind, das nicht draußen spielen durfte, sich nicht schmutzig machen sollte und die Kinder beneidete, die im eigenen Garten schaukeln durften. Spielplätze hatte Freiberg nämlich nicht.
Diese Insel ließ uns gesund werden. Meine Mutter, der die Todesfälle ja auch sehr zugesetzt hatten, fand ebenfalls wieder neue Lebensfreude. - An dieser Stelle muss ich wirklich feststellen, dass nicht alles schlecht war in der DDR.- Zurückzuhause fing ein neuer Lebensabschnitt an. Meine Mutter ging wieder arbeiten, und ich wurde nun von dem verwitweten Mann meiner Großtante verwahrt. Ausgerechnet, denn vor dem hatte ich doch immer Angst gehabt. Aber nun saßen wir beide jeden Mittag zusammen am Tisch und aßen Brot mit Butter und Salz. Er erklärte mir, dass er das als Kind auch immer essen musste. Es schmeckte mir. - Wurst gab es ja nur einmal die Woche auf Lebensmittelmarken. - Diefolgenden zwei Monate saß ich nun brav neben ihm und hörte geduldig, aber auch interessiert, seinen Erzählungen aus seiner Vergangenheit zu. Ich begann ihn zu mögen.
-Dazu muss ich nochmals bemerken, dass ich damals sechs Jahre alt war. Welches Kind diesen Alters würde sich heute stundenlang neben einen alten Mann setzen und seinen Erzählungen zuhören, die ja keine spannenden Märchen waren, sondern Geschichten aus seiner Kindheit, aus seinem Leben. Eines ist in diesem Zusammenhang wieder festzustellen und zu betonen: Wir hatten damals, Anfang der Fünfziger Jahre, keine große Abwechslung. Wir wurden aber auch nicht durch ständige Berieselung von Geräuschen und immer neue Ablenkungen nervös gemacht. Wir kannten in der freien Zeit nur das Miteinander, das Sich-Austauschen, geduldig und liebevoll, in der Familie. So saßen wir am Abend, oft bei Kerzenschein, zusammen und erzählten Geschichten, mit viel Fantasie und
Erinnerungsvermögen. Dabei hatten die Kinder viel Körperkontakt mit ihren Müttern oder Tanten, und durch das Zuhören wurde die Fantasie angeregt
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und Geduld geprobt. Die Menschen waren viel weniger nervös, trotz der schweren Zeit und Entbehrungen, die der Krieg von ihnen abverlangt hatte und trotz der täglichen Sorge ums Überleben, der schweren körperlichen Arbeit in Haushalt und Fabriken, die sie täglich erledigen mussten. - Alsnun die Schulzeit für mich begann ging der achtzigjährige Onkel ins Altersheim.
Neben mir, auf der Schulbank, saß Anna, ein Mädchen, das aus dem erzgebirgigen „Annaberg“ zugezogen war. Bald wurden wir dicke Freundinnen und ihre Familie nahm mich auf, so dass ich nach der Schule eine Bleibe hatte.
In die Schule zu gehen machte mir viel Freude. Ich lernte einfach und schnell.
Es war inzwischen Winter 1955. Meine Mutter, die bei der Kreisverwaltung eine halbe Sachbearbeiterstelle innehatte, musste sich nun, nach dem Tod der Oma, eine ganztägige Arbeit suchen. Sie fand diese bald in Öderan, einer kleinen Stadt in der Umgebung von Freiberg. Ein Problem war die notwendige morgendlich Anfahrt mit dem Zug. Sie zwang uns, um sechs Uhr morgens aus dem Haus zu gehen. Das bedeutete, um halb sechs aufstehen. In der Eiseskälte, der Kachelofen wurde ja nur am Abend angemacht und verlosch im Laufe der Nacht, schnell ein Brot mit Zucker (ohne Butter) und eine Tasse Muckefuck, dann stapften wir durch den tiefen Schnee von der Waisenhausstraße zur Körnerstraße. Diese Umstände hatten meine Mutter nun doch gezwungen, mich in den Kinderhort zu geben. Um halb sieben morgens wurde ich also im Hort abgegeben, der ja eigentlich viel später aufmachte, doch die Putzfrau, die um diese Zeit schon ihr Tagewerk verrichtete, war einverstanden und ließ mich helfen. Das klingt hart für so ein kleines Kind, aber es machte mir sogar Spaß, denn ich durfte helfen und mit der Bohnermaschine das Parkett bearbeiten. Kinder wollen ja gerne helfen, wenn man sie nur ernst nimmt. Eines jedoch konnte ich gar nicht ertragen: Alle Hortkinder sollten, aus praktischen Gründen, die gleichen Schulaufgaben haben, deshalb gab es eine Hortklasse. Das hieß für mich, die Schulklasse wechseln zu müssen. Es nutzte nichts, obwohl ich mich dagegen vehement sträubte. Meine
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Leistungen verschlechterten sich abrupt. Die Trennung von meiner Freundin trug auch noch dazu bei. Als man das schließlich bemerkte und meine Mutter genug Ärger gemacht hatte, durfte ich zurück und fing mich, wie erlöst, in kurzer Zeit wieder. Das Hortleben war aber nur eine kurze Episode für mich.
Es ging auf Ostern zu. Meine Mutter bekam Ärger mit ihrem Chef, den sie doch vorher so gepriesen hatte. Jedenfalls entschloss sie sich ganz plötzlich, diesen Arbeitsplatz zu verlassen. Sie kündigte spontan und überlegte nun ernsthaft „fortzumachen“. Sie wollte in den Westen! Ich war schon sehr traurig. Ohne Rückkehr sollte ich fortgehen müssen, meine Anna zurück lassen, ohne Wiedersehen. Wir beiden waren doch zusammen durch Dick und Dünn gegangen. Ich denke manchmal an die Geschichte mit dem Nachsitzen: Anna gebärdete sich in der Schule öfter wild und ungehorsam. Sie musste deshalb jedes Mal eine Stunde länger bleiben. Ich war eher ein ausgeglichenes Kind, ohne Aggressionen. Damit nun Annas Eltern nichts von den Strafstunden ihrer Tochter erfuhren, musste ich ebenfalls die Lehrer ärgern, um auch Nachsitzen zu dürfen. Auf diese Weise kamen wir beide dann mittags, fromm und brav, gemeinsam nach Hause, und Annas Eltern merkten überhaupt nichts. Wir spielten so schön miteinander, erdachten uns eine eigene Sprache, die keiner verstehen sollte und hatten so unsere Geheimnisse, die keinen etwas angingen. Das sollte alles vorbei sein. Ich würde für immer und unerreichbar in ein fremdes Land gebracht. Wie weh dieser Gedanke schon tat!
Eine gewisse Neugierde auf den „Westen“ konnte ich aber auch nicht leugnen. Alle in der Ostzone träumten von der BRD und erzählten davon, als sei dort das wahre Schlaraffenland entstanden. Da sollten die Leute so reich sein … und frei! Auf dieses Paradies freute ich mich doch auch irgendwie. Die Reise wurde für die zweite Woche der Osterferien geplant. Frühmorgens brachen wir auf. Ich erinnere mich, wie ich auf der alten, ausgetretenen, hölzernen Türschwelle stand, über die man gleich in die Stube eintrat. Einen Flur kannte man in den alten Häusern nicht. Ganz beklommen sah ich mich noch ein letztes Mal in dem vertrauten
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Wohnzimmer um, das, wie gesagt, „Stube“ genannt wurde. Die alte Singer-Nähmaschine stand neben dem hohen Kachelofen.
- Wie an anderer Stelle erwähnt: Man kaufte damals keine Konfektion. Die gab es zwar inzwischen im Konsum, aber es war noch nicht so üblich. Meine hatte als Jugendliche die Nähschule besucht und nähte alles selbst. Für einen neuen Mantel oder etwas Besonderes ging man zum Schneider. -Für die große Reise in den Westen hatten wir beim Schneider besonders schöne Sachen anfertigen lassen. Meine suchte sich aus dem Modemagazin einen gelb-braunen Mantel mit Fischgratmuster aus, ich bekam einen hellen, englischen Trenchcoat mit schottisch gemustertem Futter, Schulterklappen und Lederknöpfen. Wir wollten nicht so ärmlich im Westen ankommen. - MeinBlick streifte nun ein letztes Mal wehmütig durchs Zimmer. Neben dem Chaiselon stand der alte Ohrensessel, in dem die Oma immer gesessen und mir vorgelesen hatte. Der Esstisch, in der Mitte der Stube, erinnerte mich an die Familienfeste. Ich stellte mir die Weihnachtsabende vor und sah sie im Geiste dort sitzen, die Verwandten, die nun schon alle tot waren. Die alte Wohnung ließ ihre Gesichter noch einmal erscheinen. Dort auf dem Chaiselon wurde ich geboren, ein Achtmonatskind, fünf Pfund schwer. Im kalten Winter bei minus 20Grad, ohne Wärmebettchen, musste ich überleben. Man kann sagen, vom ersten Augenblick war mein Leben ein Kampf.
In diesen Räumen hier war ich aufgewachsen. Diese Möbel bargen so viele Erinnerungen.
Da saß sie noch, vor meinem geistigen Auge, die liebe Oma, die ich „Mammi“ genannt hatte. Warm wurde mir ums Herz. Bei ihr gab es nie ein lautes Wort, nie einen bösen Blick. Immer so lieb und geduldig war sie gewesen. Sie tröstete mich und schützte mich vor so manchem Ausraster meiner Mutter.
Ich sah sie sitzen in ihrem alten Ohrensessel und lieb und gütig zu mir rüber schauen.
Für immer verlassen? Fortgehen in die Fremde? Alles zurücklassen? Alles aus dem Herzen reißen? Die Wurzeln ausreißen? Furchtbar!
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Antje-Marianne Di Bella
Ein "etwas anderes" Wendebuch. von dany , 04.09.2009
Bei diesem Buch ist der "tragende Kern" der Geschichte die Erzähl-Perspektive, nämlich die eines Menschen aus der BRD, der nach ganz langer Zeit zum ersten Mal wieder die DDR (und gerade in der Umbruchszeit) erlebt. Dabei treffen unterschiedliche Sichtweisen, Erwartungen - auch Vorurteile - aufeinander, aber auch das Gemeinsame und Verbindende der Menschen tritt hervor. Aus dieser "etwas anderen" Perspektive kenne ich bisher noch kein literarisches Werk und das hebt dieses Buch aus der Menge der Wendebücher durchaus heraus. Das ist das Besondere, das Interessante, das "Neue" - daher halte ich es immer noch für eine Novelle sogar im klassischen Sinne. Mehr solltest man dem Buch auch nicht abverlangen - Stichwort "Bewusstsein schaffen". Man kann nicht die gesamte Geschichte der zwei Deutschlands aufarbeiten. Das "Spannendste" sind die Gefühle, Eindrücke und Empfindungen während dieser Heimreise. In ihnen spiegelt sich ein Stück weit die politische Situation. Es erinnert an diese Zeit und versucht, so viele Details - auch Kleinigkeiten - ins Gedächtnis zu rufen, damit ist es eine lebendig Schilderung, die durchaus auch negative Eindrücke wie "Dorfchic", boshafte Bemerkungen, "Schäbigkeiten" zu erwähnen wagt. Das vor allem werden z.B. die Leser im Osten wissen wollen: wie eine BRD-Bürgerin die DDR gesehen und erlebt hat. Die Politik kann da ruhig Nebensache sein. Es ist ein Fehler auch der heutigen Zeitgeschichte, die Spannungen zwischen Ossis und Wessis immer nur irgendwie politisch-ideologisch zu deuten (bei gewissen, früher staatsnahen Gruppen ist das natürlich schon so). Die Lebensverhältnisse waren einfach zu verschieden, um sich unbefangen begegnen zu können, jedenfalls bei denen, die sonst keinen Kontakt pflegten.
am Tuesday, October 05, 2010-
Antje-Marianne Di Bella
Ergänzung zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung
Liebe Leser,
mein Anliegen ist es mit den Aufzeichnungen in meinem Buch: "Es war in der Zeit als die Mauer fiel" - Heimreise...", zu erzählen, was ich damals wirklich empfand und erlebte, als ich in die versinkende DDR reiste, um meine
Kindheitsheimat wiederzusehen.
Es geht um keinen vorsichtigen Reisebericht, der um Zustimmung buhlt, nein, es sind ganz ehrliche, echte Erlebnisse, die beschrieben werden. Und ich muss sagen, dass die Pauschalierungen, wie entfremdet sich die Menschen aus dem Westen und die aus dem Osten Deutschlands doch waren, bei den Personen, die mir begegneten, nicht zutrafen. Ich reiste im Juni 1990 in die versinkende DDR, in einer Zeit wunderbarer Hoffnung auf das Ende der Schrecken. Menschen, die Jahrzehnte Unterdrückung erleiden musste, machten sich gegenseitig Mut zur Revolution. „Wir sind das Volk“ „Wir wollen frei sein!“ Plötzlich konnten sie Geschichte machen. Ihr Traum von Freiheit wurde wahr. Mit der Parole: „Wir sind ein Volk“erklärten sie ihren Willen zur Wiedervereinigung, an die eigentlich keiner mehr, jedenfalls nicht im 20. Jhdt., geglaubt hatte. Eine wahnsinnige Zeit, voller Größe und Menschlichkeit. Dieses "Wir"gefühl, voller intensiver Energie, brachte die Mauer zu Fall! Vielleicht bin ich ja nur bestimmten Menschen nahe gekommen, mit denen ich offen und ehrlich sprechen konnte. Auch ich befand mich auf dieser Reise ja in einem Ausnahmezustand. Ich war in diesen Tagen so voller Dankbarkeit, empfindsam und glücklich, da ich nach vierunddreißig Jahren endlich Heilung erfuhr und voller Freude war. Für Negatives war da auch wenig Platz. Ich konnte deshalb aber vielleicht gerade eine gute Botschafterin für das zu Erwartende sein. Diese Rückkehr an die Orte meiner frühen Kindheit hat mir aber gleichzeitig auch klargemacht, dass Heimat nur da ist, wo man sich vertraut und geborgen fühlt. Es gibt dafür keinen bestimmten Ort. Wir finden Heimat, wo Menschen sind, die uns lieben, die uns eine Gefühl des Zuhauseseins geben. Es ist nicht das Land, die Stadt, das Dorf,es sind nicht die Häuser und Straßen, die uns einst, als Kind, mal vertraut waren. Wenn in diesen Mauern, die in längst vergangener Zeit unser Zuhause waren, keiner mehr da ist, der sich freut uns wieder zu sehen und der uns herzlich in seine Arme schließt, dann sind wir Fremde. Diese Erkenntnis möchte ich weitergeben an die, die ihre Heimreise noch nicht machen konnten und die noch immer von einer versunkenen Vergangenheit träumen. - Diese Gedanken schrieb ich, wie gesagt, im Jahre 1990 nieder. -
Zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, möchte ich sie nun ergänzen.
In den vergangenen Jahren, seit der Wende, musste ich durch meine Korrespondenz mit Menschen aus dem Osten immer wieder feststellen, wie viel Unzufriedenheit und Enttäuschung sich vor allem im Osten Deutschlands breitgemacht hat. Ich konnte das bisher nicht verstehen. Ich empfand viele Äußerungen der Ostler als undankbar. Waren es doch die DDR-Bürger gewesen, die diese Wiedervereinigung bewirkt und gewollt hatten. Sie wollten mit uns "EIN VOLK" sein und wir hatten sie gern aufgenommen. Ein Wunder geschah für uns alle, damals am 3.Okt. 1990. Der Traum vieler Menschen wurde endlich wahr. Und doch stellte sich im Laufe der Zeit immer mehr heraus, wie verschieden die Träume auf beiden Seiten waren, wie unterschiedlich die Menschen in Ost und West. Ich wollte deshalb wissen, wieso es zu dieser Enttäuschung besonders für die Ostdeutschen kam, und zwar nicht nur in finanzieller Hinsicht und fand Antworten in dem Buch: „Winter im Sommer- Frühling im Herbst“, geschrieben von Joachim Gauck, dem Mecklenburgischen Pastor und Freiheitskämpfer. Ich verstand nach der Lektüre des Buches, dass der Impuls für den Freiheitskampf vor allen Dingen von Christen ausging, die für die innere Freiheit in Jesus Christus, ihre Karriere und oft auch ihre äußere Freiheit geopfert hatten. Joachim Gauck war einer von denen, die davon überzeugt waren, auszuharren, nicht abzuhauen, weil er dachte, dass die Starken und die Freigeister bleiben müssten, um den Kampf für die Freiheit zu führen. Er war am Ende maßgeblich an diesem Kampf beteiligt.
Ich bin sehr beeindruckt von seiner Persönlichkeit und habe durch sein Buch einen ganz anderen Zugang zu dem Thema "Deutsche Einheit" erhalten. Die Wiedervereinigung ist, wie bereits gesagt, diesen starken und mutigen Ostdeutschen zuzuschreiben, die unerschrocken auf die Straße gingen und riefen: "Wir sind das Volk" und später "Wir sind ein Volk". Wer natürlich so große geschichtliche und menschliche Momente bewegen und hervorbringen konnte, ist klar enttäuscht von der Freiheit, die sich im Alltag unserer Demokratie mit großen Macken und so viel banaler darstellt als das Ideal ostdeutscher Träume.
Wir sind wirklich 40 Jahre sehr verschiedene Wege gegangen. Die Ostdeutschen lebten mit äußerer Bedrohung und Leid, in jedem Falle für ein Ideal kämpfend, mit einem ganz starken WIRGEFÜHL, Träumen und Lebenszielen. Den Westdeutschen hingegen wurde in dieser Zeit das Wirtschaftswunder nach und nach ein gewisser Reichtum beschert. Sie lebten forthin ziemlich unbeschwert.
Wenn Menschen sich nicht mehr anstrengen müssen gehen oft Ideale verloren. Sie suchen folglich immer neue Befriedigungen und Belustigungen und mutieren schließlich zur Spaßgesellschaft, wie geschehen. Oberflächlichkeit, Abfall vom Glauben, Gier nach noch mehr Reichtum, bringt langsam den Verfall der Moral und der Gesellschaft.
In dieser Welt fanden die nach Idealen Strebenden keine Heimat. Dazu kam dann noch vieles andere, was plötzlich nicht mehr oder schlechter funktionierte als vorher, es kam Arbeitslosigkeit und gefordert wurde ungewohnte Selbständigkeit, die Angst und Unsicherheit mit sich brachte.
Die Freiheit, die wir uns schufen, hat zwei Seiten. Wir können reisen,die ganze Welt steht uns offen. Wir können sagen, was wir denken, aber je nach Position und Wichtigkeit unserer Person, auch nur bedingt. Wir leben ohne Angst vor politischer Verfolgung, haben ein soziales Netz, das uns auffängt und doch so viele Depressive in unserer Gesellschaft. Es ist ein eigenes Thema zu klären, wieso das alles so ist.
Wir müssen feststellen, dass Ideale immer nur Ziele sein können, die als solche aber nie erreicht werden können.Was können wir tun?
Wir müssen Geduld miteinander haben, aufeinander zugehen, ein Wirgefühl entwickeln und gemeinsam nach der Verwirklichung besserer Zustände streben, denn „Wir sind nun ein Volk“ und müssen gemeinsam an einem Strang ziehen.
Ich danke Joachim Gauck hiermit sehr für seine Offenheit und Ehrlichkeit in seinem Buch, "das mit dem Herzen sieht".
am Monday, October 25, 2010-