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ILHELMINA ZU
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RAUNSCHWEIG
Seminar für deutsche Sprache und Literatur
Aufbaumodul 1 TM I: ,,Sturm und Drang"
12.01.2007
Der geistig kastrierte Brecht
Brechts Bearbeitung des Lenzschen Hofmeister kann als Geniestreich oder auch als sei-
ne eigene Misere betrachtet werden. Sie ist Dokument für die ,deutsche Misere', die
geistige Kastration des Individuums, des gesamten deutschen Volkes, durch die ausblei-
bende Revolution und den Akt der Anpassung. Indessen aber auch gleichsamer Beleg
für den kastrierten Künstler Brecht, der in seiner Freiheit durch die kulturpolitischen
Vorgaben der damaligen DDR beschnitten wurde.
Von Annika Singelmann
Die 1950 erschiene bzw. aufgeführte Bearbeitung des Hofmeisters von Jacob Michael Rein-
hold Lenz hat einige Intentionen und Motivationen. Am vordergründigsten - und wie er selbst
herausstellt - scheinen zu sein, einen Anknüpfungspunkt an das ,kulturelle Erbe' zu finden
und gleichfalls den Maximen des Sozialistischen Realismus genüge zu leisten, wie es das kul-
turpolitische Programm in der noch jungen DDR vorsah.
Der Sozialistische Realismus dominierte auch in der DDR die ideologische Fest-
schreibung der künstlerischen Methoden. Hiernach sollte eine ,,wahrheitsgetreue, konkret-
historische Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung"
1
erfolgen und
einen didaktischen Wert hinsichtlich der sozialistischen Erziehung hervorbringen. Neben der
Romantik und dem Realismus war vor allem die Rezeption der Weimarer Klassik verpflich-
tend, da sie zum einen eine Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution darstellte
und zum anderen auf eine ästhetische Erziehung durch die Literatur zielte, indem der Leser
zur Humanität erzogen und dadurch auf gesellschaftliche Veränderungen vorbereitet werden
sollte. Im Umfeld von künstlerischer Determiniertheit und Zensur konnten von der Doktrin
abweichende Werke nur im Verborgenen entstehen. Daher ist es auch einleuchtend, dass sich
Brecht vordergründig konformistisch zeigt, als es darum ging, ein Stück an seinem 1949 neu
gegründeten Berliner Ensemble aufzuführen, nachdem das Stück Die Tage der Commune
nicht freigegeben worden war und der Theater-Katalog über ein klassisches Repertoire verfü-
gen musste.
1
z. n. Statut des Sowjetischen Schriftstellerverbandes. In: Haffner, Herbert: Lenz, ,,Der Hofmeister", ,,Die Sol-
daten" mit Brechts ,,Hofmeister"-Bearbeitung und Materialien, München 1979, S. 36
- 2 -
Jedoch zeigen sich bereits bei der Stück-Auswahl Brechts Vorbehalte gegenüber dem
Realismusverständnis der Kulturdoktrin. Denn Brecht möchte zu den ,,'Anfängen der Klassik'
zurück, wo sie ,noch realistisch und zugleich poetisch ist'"
2
und diese findet er in diesem
Werk des Sturm und Drang. Brecht erkennt im Lenzschen Drama eine kritische Auseinander-
setzung mit den Klassenverhältnissen, aber auch die früheste Darstellung der ,deutschen Mi-
sere', ein Begriff, der im Sozialismus zum Reizwort geworden war und auch für ihn als
Schlagwort gelten sollte.
Bereits Engels betitelte die deutsche Geschichte, als ,,eine einzige fortlaufende Misé-
re"
3
seit dem Fehlschlagen der deutschen bürgerlichen Revolution des 16. Jahrhunderts und
die darauf folgenden Jahrhunderte der Unterwerfung. Und auch Brecht gibt ihm Recht, wenn
Engels an anderer Stelle meinte, dass das deutsche Volk eine Revolution nur im Geiste voll-
zogen, aber die wirkliche Revolution verpasst hätte. Jedoch und gerade vor dem Hintergrund
des erst kürzlich besiegten Faschismus, erkennt Brecht die Weiterführung des nicht aus sich
selbst heraus befreiten deutschen Volkes. ,,Es ist ein großes Unglück unserer Geschichte, daß
wir den Aufbau des Neuen leisten müssen, ohne die Niederreißung des Alten geleistet zu ha-
ben. Das haben, indem sie den Faschismus besiegten, die Sowjetrussen für uns getan."
4
Be-
reits 1947 befürchtete er schaudernd: "noch einmal keine eigene [Revolution] habend, werden
nun wir die russische zu ,verarbeiten' haben."
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Sieht der Sozialismus seine Politik als Aus-
weg aus der Misere, erkennt Brecht deren Fortsetzung unter ihm, ohne dennoch die Ideen des
Sozialismus an sich in Frage zu stellen. Vielmehr ist es die Oktroyierung dessen durch den
neuen Staat, die Brecht auch am eigenen Leib erfährt. Und daher ist für ihn die Überwindung
der ,deutschen Misere' eine ständig noch zu leistende, gesellschaftliche Aufgabe und die hin-
tergründige Intention seiner Bearbeitung. So ist es das Reizwort des Sozialismus (,die deut-
sche Misere'), das er als Schlagwort gegen ihn verwendet.
Im Lenzschen Drama findet Brecht die Entsprechung seiner Anklagen und Vorbehalte.
Die zentrale Figur, der Hofmeister Läuffer, der in seiner Freiheit durch den Feudaladel unter-
drückt wird, sieht sich gezwungen sich selbst zu kastrieren, nachdem er die Tochter seines
Adelsherrn geschwängert hat, um seinen Beruf ausüben zu können. Und auch die Figuren der
Studenten, namentlich Pätus, vertreten geistig kastrierte Individuen, als Resultat der Misere
des Alltags. Die Kastration wird zum Paradox, zur letztmöglichen Entscheidung eines freien
Willens, sich anzupassen oder in der realen Welt unterzugehen. Revolutionäre Tendenzen
sind nur geistig vorhanden, da sie an der Wirklichkeit scheitern. Sämtliche Figuren zeigen die
2
Knopf, Jan (Hrsg.): Brecht-Handbuch in fünf Bänden. Band 1. Stücke. Stuttgart/Weimar 2001, S. 564
3
Marx, Karl/ Engels, Friedrich: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Band II. Berlin 1983, S.468
4
z. n. Brecht. In: Haffner, Herbert: Lenz, ,,Der Hofmeister", ,,Die Soldaten" mit Brechts ,,Hofmeister"-
Bearbeitung und Materialien, München 1979, S. 41
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ebd., S. 37
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Anlagen eines Lehrmeisters oder zukünftiger Erzieher der folgenden Generationen. Alle fort-
schrittlichen Ideen und Ideologien werden jedoch durch die vorherrschende Klasse unter-
drückt. Der Hofmeister Läuffer hat ,,eine kleinliche Karikatur adliger Tugendkataloge und
Fertigkeiten"
6
zu vermitteln und auch Brecht als Künstler, der nach dem Sozialistischen Rea-
lismus die Aufgabe der gesellschaftlichen Erziehung innehat, sieht sich genötigt, den sozialis-
tischen Kanon nach strengen Vorgaben zu tradieren. Hierdurch bekommt auch Brecht das
Gefühl einer geistigen Kastration.
Brechts Bearbeitung hat eine Zeitspanne von ca. 150 Jahre Zeitgeschehen zur Origi-
nalvorlage zu überbücken. Die sich daraus ergebene, zeitgeschichtliche Divergenz hat jedoch
nicht zu der erhofften Befreiung aus der politischen Unterdrückung geführt. Dies erkennt
auch Brecht. Kommt es bei Lenz am Schluss zu der bürgerlichen Utopie des Klassenkom-
promisses und klassenübergreifender Versöhnung, zeichnet Brecht in seiner Bearbeitung ein
Bild der friedlichen Übereinkunft durch Unterwerfung und die bleibende Separation der Klas-
sen. Dadurch ist der Komödie selbst die Darstellung der Utopie enthoben. Sein Verständnis
von Erziehung durch Kunst - das beinhaltet auch seine Theorie des ,epischen Theaters' - ist
nicht für die gesellschaftlichen Widersprüche und ihre inhumanen Folgen Lösungsvorschläge
oder ideologische Wege anzubieten, wie es die Kulturpolitik vorsah, sondern einen Läute-
rungszustand des Rezipienten durch Aufzeigen der Missstände oder der schlechten Vergan-
genheit zu erreichen. Und dies in einem kräftigen Gegensatz zur Jetzt-Zeit. Auch seine Bear-
beitung betont diesen Gegensatz: Er will durch die ausdrücklich gemachte Historizität die
,deutsche Misere' herausstellen und vor allem, dass sie auch jetzt noch eine Fortsetzung er-
fährt und zum anderen darauf hinweisen, dass eine gesellschaftliche Lösbarkeit dennoch mög-
lich ist. Ebenso möchte er eine Identifikation mit den Figuren verhindern. Dies erreicht er in
der Bearbeitung durch Einfügung von Prolog und Epilog, die von dem Darsteller des Hof-
meisters an das Publikum gerichtet gesprochen werden. Im Prolog schildert der ,Urahn' des
Lenzschen Hofmeisters seine auch noch heute unterdrückte Position, das Brecht durch eine
marionettenhafte Gestik, Mimik und Sprechweise und durch das Abspielen von Spieldosen-
musik noch mehr zu definieren versucht. Dann verrät er, was er lehrt: ,,Das ABC der Teut-
schen Misere!"
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Der Epilog geht nochmals auf die tragische Figur des Hofmeisters ein, die
nur durch die Zurechtstutzung durch die Entmannung von oben anerkannt wird und nun ihre
Pflicht erfüllen muss, auch ihre Schüler zurechtzurücken. Am Ende macht er deutlich: ,,Schü-
6
Winter, Hans-Gerd: Jakob Michael Reinhold Lenz. Stuttgart 2000, S. 61
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Brecht, Bertolt: Der Hofmeister. In: Hecht, Werner (Hrsg.): Werke/ Bertold Brecht. Band 8. Stücke. Frankfurt
am Main 1992, S. 321
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