Und auch wenn Walser auf Magenaus Rückfrage behauptete: „Ihr Buch ist interessant zu lesen, aber ich bin das nicht!“, 3 so ändert das an der Schlüssigkeit des Dargestellten doch wenig. Denn Magenau kann sich bei seinen Interpretationen zur Person Martin Walsers immer auf Fakten stützen, auf Aussagen, die Walser in seinen zahllosen Interviews und Reden selbst geäußert hat, auf Briefe, Essays, Zeitungsartikel des Autors selbst oder seiner Kollegen und Bekannten. Allzu Privates, pikante amouröse Details, die es den Andeutungen zufolge ja auch gegeben haben muss, interessieren den Biografen wenig. Überhaupt bleibt die Familie auffallend im Hintergrund. In Abwandlung des lateinischen Sprichwortes dürfte hier das ungeschriebene Gesetz gelten: Über die Lebenden nichts Kompromittierendes. Nicht den Skandal sucht Magenau, sondern das für Walser Symptomatische. Nebenbei entsteht, und der Klappen- bzw. Buchrückentext verspricht hier nichts, was nicht gehalten werden kann, zumindest in Ausschnitten eine Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Skandale kommen dabei auch zum Vorschein. Zumindest erscheint manches im Rückblick skandalös, wenn man weiß, was Walser damals nicht wissen konnte: wie sich Deutschland bis in die Gegenwart weiterentwickelt hat.
Kaum noch nachvollziehbar ist heute beispielsweise, wie sich die vermeintlich klügsten Köpfe der Republik dermaßen dezidiert in den Dienst von Verbrecherregimen wie der „DDR“ oder auch des kommunistischen Vietnam stellen konnten. Befremdlich mutet es an, dass ein paar umstrittene Gesetzesvorlagen und die SPIEGEL-Affäre umfassend gebildete Leute wie die Mitglieder der Gruppe 47 allen Ernstes zu der Annahme verleiten konnte,
3 Zitiert aus einem Vortrag Magenaus, gehalten im Mai 2009 an der Universität Nanjing.
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der Demokratieversuch der Bundesrepublik sei gescheitert und habe in eine autoritäre Oligarchie gemündet, eine „Privilegien-Demokratie“, die es abzulösen gelte (S. 251), wie es Walser formulierte. Die Irrtümer der linken Intellektuellen könnten ganze Bücher füllen. Magenau nennt die wichtigsten: 1. Westintegration als Verrat an der Einheit Adenauers Bündnispolitik diffamierte man als Opferung der deutschen Einheit auf dem Altar der Westintegration. Eine Resolution von 1958, die vor der Zerstörung aller Hoffnungen auf die Wiedervereinigung durch die CDU-Politik warnte und unterzeichnet wurde von einem Großteil der namhaften Schriftsteller jener Epoche (Aichinger, Andersch, Bachmann, Enzensberger, Kästner, Lenz, Schnurre, Walser), kann man heute, ohne mit der Wimper zu zucken, als Rundumpleite der westdeutschen Intellektuellen werten: Das Papier wandte sich gegen eine langfristige politische Weichenstellung, die Deutschlands Einheit im Blick behielt und deren Ziel sich in der Politik von Helmut Kohl als Erbe Adenauers schließlich erfüllte - mit Hilfe Gorbatschows und des ewigen 68er-Klassenfeinds USA. Kein Wunder, dass Günter Grass sich später mit seiner abstrusen Idee einer Zwei-Staaten-Konföderation in den Ruf des Miesepeters der Wiedervereinigung brachte. Durch die einfache Zustimmung zur Einheit hätte er zugeben müssen, wie schief er jahrzehntelang lag. 2. Kommunismus und Anti-Amerikanismus
In Hans Magnus Enzensbergers Suhrkamp-Hauspostille Kursbuch galt nur ein Kurs als akzeptabel: der Linkskurs - mit dem peinlichen Höhepunkt eines Mao-Tse-tung-Gedichts in Heft 15 (cf. Magenau, S. 252). Während man die
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USA als Völkermörder diffamierte, feierten also diejenigen, die die Geschichte als die wahren Genozid-Verbrecher entlarvt hat, wie Mao Gastauftritte in Intellektuellen-Postillen oder wurden wie Ho-Chi-Minh, der es immerhin auch auf eine Million ermordeter Zivilisten brachte, an den Universitäten gefeiert. Würde man die Demagogenkeule so ungeniert schwingen, wie es damals die westdeutschen Intellektuellen gegenüber den USA zu tun pflegten, müsste man ihnen sogar eine Mitschuld an dem Völkermord geben, der sich in Vietnam ereignete, nachdem sich die Amerikaner auch auf ihren Druck hin zurückziehen mussten. Wie viel Wert kann man da noch jener analogen, vom selben Geist und zum Teil sogar von denselben Köpfen getragen Resolution zum Irak-Krieg vom Februar 2003 beimessen? Keiner nimmt doch ein Meinungsforschungsinstitut ernst, das in der Vergangenheit ständig falsche Prognosen gestellt hat. Symptomatisch für die linken Utopien einer ganzen Generation ist Martin Walsers damalige Überzeugung, „dass es noch vor der Jahrhundertwende einen westlichen sozialistischen Staat geben würde“ (S. 273). Praktischen Niederschlag fanden solche realitätsfernen Träumereien in Walsers verwegenem Plan, den Suhrkamp-Verlag zu einer Art Kommune umzufunktionieren, einschließlich Umverteilung des Kapitals. Kein Wunder, dass solche einseitig ideologischen Festlegungen bei seinen ursprünglich besten Freunden, Verleger Siegfried Unseld und Kollege Uwe Johnson, Irritationen auslösten, die sich auch später nie mehr ganz beseitigen ließen. Die Moskau-hörige DKP, die KPD-Ersatzorganisation, erfreute sich jahrelang publizistischer und öffentlichkeitswirksamer Unterstützung durch Walser, eine Partei immerhin, die den Einmarsch in die CSSR 1968 rechtfertigte. Magenau sieht darin den Grund, dass Walser nie DKP-Mitglied wurde,
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obwohl auch ihm Stalinismus-Kritik als „Verrat“ erschienen sei (S. 297). So weit ging also seine Identifikation mit den Zielen der marxistischen Partei. 3. Paranoides Misstrauen gegenüber der jungen Bundesrepublik Drohte in den Sechzigern im Wahlkampf erneut ein Erfolg der CDU, sprach ein renommierter Autor wie Rolf Hochhuth von „totaler Machtergreifung“ (S. 220) - charakteristisch für den Glauben vieler aus dem Dunstkreis der Gruppe 47, die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland stehe unmittelbar bevor. Derlei kann man heute nur noch als paranoid bezeichnen. Unnötig darauf hinzuweisen, dass diese Paranoia genau der Nährboden war, auf dem später die RAF gedieh. Walser selbst forderte sogar ausdrücklich den Umsturz (S. 251) und war folglich ein Verfassungsfeind wie die verbotene KPD oder wie die heute ständig vor dem Verbot stehende NPD. Das fundamentale Misstrauen der linksintellektuellen Szene gegenüber der jungen westdeutschen Demokratie zugunsten des Verbrecherregimes im Nachbarstaat gehört zu den beklemmendsten Erkenntnissen bei der Lektüre dieser Biografie. Aussagen wie die von Walser und Enzensberger zeigen nämlich, dass dieses Misstrauen groß genug war, um die junge Demokratie zu zerstören. Auch ohne RAF, das zeigt Magenaus präzise Rekonstruktion, war das Putsch-Potenzial der APO und ihrer vermeintlich klugen Köpfe beträchtlich. Zum Glück erwies sich Bundesrepublik als viel zäher, als in Anbetracht ihrer Jugend zu erwarten war. Zum Glück wollten nur wenige der geistigen Brandstifter, zu denen man Autoren wie Walser rechnen muss, auch in der Wirklichkeit Brandsätze zünden. Das taten dann andere. Die Auflistung der grandiosen Fehlleistungen der 68er zeigt, dass die
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politischen Visionen dieser Generation fast ausnahmslos falsch waren, etwas, was sich durch die Stasi-Identität des Ohnesorg-Attentäters Kurras gewissermaßen noch einmal in nuce bestätigt hat: Ihr Kampf geschah im Namen der Freiheit und richtete sich zugleich gegen den zuverlässigsten Bürgen, den die Freiheit in der deutschen Geschichte je hatte. Ausgerechnet die Verräter der Freiheit, die totalitären Regime auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, lieferten die Waffen dazu. Die Diskreditierung der westlichen Demokratien als imperialistischen Staaten war vor allem ein Verdienst sowjetischer Rhetorik. Kurras war einer von Abertausenden Erfüllungsgehilfen im Westen. Aber wie borniert und verblendet muss ein gebildeter, aufgeklärter Westdeutscher sein, um das - nach 1953, nach 1961nicht zu durchschauen? Wie konnte man von Steinen sprechen, die die CDU mit ihrem kompromisslosen Anti-Kommunismus der Mauer hinzufügte? Und wie klein war in Anbetracht einer solchen Offenheit für ideologische Indoktrination in dieser brisanten Phase der bundesrepublikanischen Geschichte die Kluft zwischen dem Denken eines Walser oder Enzensberger und einer Ulrike Meinhof? Magenaus exakte Recherchen werfen heikle Fragen auf, die viele lieber in der Versenkung lassen würden. Walser immerhin gehört zu denen, die es verstanden haben, auf deutliche Distanz zu den eigenen Irrtümern zu gehen. Besonders Franz-Josef Strauß, in den Sechzigern und auch noch in den Siebzigern Zielscheibe linker Hasskampagnen, habe er Unrecht getan, bekannte Walser später und scheute sich auch nicht, unisono mit der Mehrheit der Deutschen Kohls historisches Geschick beim Vollzug der Einheit zu feiern. Walser, so stellt es Magenau dar, wurde so etwas wie der Dichter der Deutschen. Die Eklats um Walsers
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Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 11.10.1998 in Frankfurt und die Reich-Ranicki-Satire „Tod eines Kritikers“ 2002 brachten ihm zwar später die Vorwürfe des Chauvinismus und Antisemitismus ein. Die Attacken, die Magenau als nicht gerecht einschätzt, repräsentierten jedoch schon damals offensichtlich keine konsensfähige Mehrheitsmeinung. Eher war Walser, so sieht es Magenau, seiner Zeit voraus. Dennoch konzentrierten sich viele Rezensenten der Biografie lieber auf die Antisemitismus-Debatte und warfen dem Biografen unkritische Nähe zur Argumentationsweise Walsers vor. Als beispielhaft gelten kann der Standpunkt von Matthias Lorenz in einer Rezension für das Historische Fachinformationssystem der Berliner Humboldt-Universität. 4 Lorenz holt neben dem Eklat um die Reich-Ranicki-Karikatur in „Tod eines Kritikers“ sogar noch einmal den Vorwurf des Antiziganismus anlässlich des von Magenau ebenfalls erwähnten Tatort-Krimis „Armer Nanosh“ von 1989 nach einem Drehbuch von Martin Walser aus der Mottenkiste. Es sind die alten Antifa-Kanonen, die noch heute vor allem von studentischer Seite häufig und geradezu reflexhaft, wie Magenau beanstandet, gegen Walser in Stellung gebracht werden, um nach politisch unkorrekten Spatzen in seinem Werk zu schießen. Einen Autor mit Walsers Geschichte kann, will man in diesem Lager nur verstehen, wenn er Alt-und-Jungsozialistendogmatik folgt, etwa bei Kritik an den USA. Die literarische (und damit potenziell auch ironische) Verwendung von Klischees und Stereotypien auf dem Niveau von Blondinen-Witzen wird demgemäß immer noch für politisch skandalöser erachtet als die historisch erwiesene Nähe führender Intellektueller der
4 Matthias Lorenz:
Rezension zu Jörg Magenau: Martin Walser. Eine Biographie.
In: H-Soz-u-Kult 30.06.2005. Gefunden am 20. Juni 2009 unter: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ 2005-2-230.pdf
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jungen Bundesrepublik zu Denkweisen und Parolen der Baader-Meinhof-Bande/RAF. Nachdem mittlerweile sogar der 2. Juni 1967 (Tod Ohnesorgs) zumindest mittelbar als „DDR“-Verbrechen entlarvt werden konnte, gibt es Anlass genug für einen gedanklichen Systemwechsel.
Die Fähigkeit zur Kurskorrektur, zum Eingeständnis von Fehlern ist vielleicht der größte Unterschied zwischen Martin Walser und Günter Grass, dem anderen noch aktiven Großkaliber der deutschen Literatur. Ein Unterschied, der dazu beitragen könnte, dass ersterem, Nobelpreis hin oder her, im Gedächtnis der Deutschen der vornehmere Platz eingeräumt wird. Jörg Magenaus skrupulös faktenorientierte und daher faire Biografie dürfte daran dann zumindest einen kleinen Anteil haben.
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Arbeit zitieren:
Dr. Dietmar Mehrens, 2009, Achtundsechziger Altlasten, München, GRIN Verlag GmbH
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