I N H A L T
1. Einleitung 3
2. Kafka und die Psychoanalyse. 5
3. Ein Landarzt 9
3.1 Ein Landarzt - Ein Traum? 9
3.2 Tiermetaphorik: Der Knecht und die „unirdischen Pferde“ 11
3.3 Rosa und die „rosa Wunde“ 13
3.4 Persönlichkeitsspaltung. 15
4. Zusammenfassung. 17
5. Literaturverzeichnis 18
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1. Einleitung
Wohl kaum ein Autor identifizierte sich so sehr mit der Schriftstellerei, wie Franz Kafka. „Mein Glück“, schreibt er im März 1911 in sein Tagebuch, „[...] lieg[t] seit jeher im Litterarischen.“ 1 Regelrecht süchtig nach literarischer Betätigung, nach dem Akt des Schreibens, entstand innerhalb nur weniger Jahre eine beachtliche Anzahl an Romanen und Erzählungen, die nicht zuletzt für ihre Rätselhaftigkeit bekannt sind. Über den ‚Proceß’ schreibt der französische Existentialist Albert Camus: „Es ist das Schicksal und vielleicht auch die Größe dieses Werks, dass es alle Möglichkeiten offen läßt und keine bestätigt“ 2 eine Erkenntnis, die sich problemlos auch auf das Gesamtwerk Kafkas übertragen lässt. Dieses nämlich ist einerseits offen zugänglich, durch die zumeist einfache Sprache und Handlung sowie die verhältnismäßig kurzen Texte, andererseits jedoch auch hermetisch abgeriegelt, da die einzelnen Bedeutungsschichten nie ganz zu fassen sind und letztlich im Verborgenen bleiben. Doch gerade in dieser Ambivalenz liegt das Interessante an dem Werk und seinem Schöpfer - und nicht zuletzt deswegen zählt Franz Kafka zu den am meisten interpretierten Autoren der Literaturgeschichte.
Untersuchungsobjekt der folgenden Arbeit ist die Erzählung „Ein Landarzt“ 3 , eines seiner rätselhaftesten und am schwersten zu deutenden Werke. Kafka zählte sie zu seinen gelungeneren Erzählungen 4 , was angesichts der Hochwertigkeit seiner übrigen Schriften seinen äußerst hohen dichterischen Anspruch an sich selbst hervorhebt. Diese und die Tatsache, dass das Schreiben für Kafka, wie oben bereits kurz dargestellt, den Charakter einer Sucht oder gar Zwangshandlung hatte, 5 legt bei der Deutung seines Werkes eine psychoanalytische Herangehensweise nahe. Unter diesem Aspekt - einem psychoanalytischen - Kafkas Erzählung zu untersuchen, ist auch Ziel dieser Arbeit, ohne jedoch einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen.
Zuerst erfolgt eine kurze Abhandlung über Franz Kafka und die Psychoanalyse im Allgemeinen, in welcher zum Einen in der gebotenen Kürze Kafkas persönliches Verhältnis zur Psychoanalyse und deren Arbeitsweise dargestellt wird. Zum Anderen wird der Frage nachgegangen, weshalb gerade eine psychoanalytische Auslegung von Kafkas Texten für
1 KT: Kafka, Franz: Tagebücher. Hrsg. von Max Brod. Frankfurt a. M.: Fischer 1951. S. 57. 2 Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Düsseldorf: Karl Rauch Verlag 1958. S. 180 (Anm. 36).
3 KL: Kafka, Franz: Ein Landarzt. In: Ders.: Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Hrsg. von Roger Hermes. Einmalige Sonderausgabe. Frankfurt a. M.: Fischer 2007. S. 253-260. 4 KT 534
5 Anz, Thomas: Psychoanalytische Literaturinterpretation. In: Oliver Jahraus und Stefan Neuhaus: Kafkas „Urteil“ und die Literaturtheorie. Stuttgart: Reclam 2002 (=RUB 17636).
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viele Literaturwissenschaftler von so großem Interesse ist. Im Anschluss daran erfolgt eine Interpretation von 'Ein Landarzt', wobei jedoch keines Falls alle Facetten der Erzählung ausführlich zur Darstellung kommen können, da dies den Rahmen dieser Seminararbeit bei weitem sprengen würde. Aus diesem Grund beschränkt sich die Analyse auf zentrale Motive der Erzählung. Ein abschließendes Résumé über die gewonnenen Erkenntnisse bildet den Schluss der Arbeit.
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2. Kafka und die Psychoanalyse
Wenn Franz Kafka in Rückschau auf seine nächtliche Niederschrift der Erzählung „Das Urteil“ am 23. September 1912 in sein Tagebuch notiert: „Gedanken an Freud natürlich“ 6 , so war und ist dies für zahlreiche Interpreten seiner Werke Anlass genug, um Kafka fest mit der Psychoanalyse zu verbinden. Sie fühlen sich durch dieses Zitat in ihren Theorien bestätigt. In der Tat offenbart Kafka mit seiner Notiz eine - wie auch immer geartete -Auseinandersetzung mit Freud und dessen Psychoanalyse. Doch war er keinesfalls der einzige, der sich diesem Themenkomplex widmete. Thomas Anz bemerkt hierzu:
Es gibt kaum einen Autor der literarischen Moderne, zumal unter den bedeutenderen, der sich nicht mit
der Psychoanalyse auseinandergesetzt hätte. Die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist ohne die
Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse nicht angemessen zu begreifen. 7 Schriftsteller wie Thomas Mann, Alfred Döblin oder Robert Musil, um nur ein paar wenige zu nennen, sollten an dieser Stelle Erwähnung finden.
Es gilt als gesichert, dass Kafkas erste Kontakte zu Freuds Theorien bei diversen Lesungen und Diskussionen darüber im Jahr 1912 im Haus von Bertha Fanta entstanden 8 , „an welchen er zumindest sporadisch teilnahm.“ 9 Die erste schriftliche Erwähnung Freuds durch Kafka bildet die obige Tagebuchnotiz über seine „Gedanken“ an Selbigen und sie blieb auch die letzte, mit welcher er diesen in unmittelbaren Zusammenhang mit einem seiner Werke stellte. Dieser Zusammenhang zwischen der Erzählung „Das Urteil“ und Freud besteht jedoch nicht ausschließlich in Kafkas assoziativen „Gedanken“ in seinem Tagebuch sondern ist, so stellt Keith Leopold fest, von ganz konkreter Natur. Im Urteil nämlich finden sich zwei Szenen, die durch ihre besondere Ähnlichkeit zu zwei Passagen aus Freuds „Traumdeutung“, seiner zu dieser Zeit bedeutendsten und auch kontroversesten Veröffentlichung, auffallen: an einer Stelle erzählt Freud von einem Traum, in welchem er als Krankenpfleger für seinen Vater, der, wie auch in Kafkas Erzählung, alt und schwach ist, sorgt und dabei eine „traurige Genugtuung“ 10 empfindet, welche allerdings mit einem betrübenden Gefühl über den jetzigen Zustand des Vaters einhergeht. An anderer Stelle berichtet er davon, wie er zu seinem Vater ins Nebenzimmer geht, um diesem seine „eigenmächtige Verlobung“ 11 mitzuteilen. Auf sehr 6 KT 294
7 Anz, Thomas: Psychoanalyse in der literarischen Moderne. Ein Forschungsbericht ung Projektentwurf. In: Die Literatur und die Wissenschaften 1770-1930. Hrsg. Von Karl Richter, Jörg Schönert und Michael Titzmann. Stuttgart: Metzler und Poeschel 1997. S. 379.
8 Leopold, Keith: Kafka, Freud and 'Ein Landarzt'. In: Selected writings (1985). S. 113. 9 Vgl. Alt, Peter-André: Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie. München: C.H.Beck 2005. S. 308. 10 Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. 9. Auflage. Wien: Deuticke 1950. 11 Freud, S.: Traumdeutung.
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ähnliche Weise handelt auch Georg Bendemann im „Urteil“, wenngleich auch die Reaktion des Vaters bei Freud eine weniger harte ist. 12
Die Parallelität dieser beiden Werksausschnitte zueinander ist so „close in detail and significance“ 13 , dass ein Zufall nahezu ausgeschlossen werden kann. Keith Leopold zieht daraus den Schluss, dass Kafka Freuds „Traumdeutung“ mit „considerable care“ 14 gelesen hat und auch in seine Erzählung mit einfließen ließ. Dies soll exemplarisch die Intensität der Auseinandersetzung Kafkas mit Freuds Lehren veranschaulichen.
Obwohl sich Kafka zwar mit Freud und der Psychoanalyse beschäftigte, war sein Verhältnis hierzu stets ambivalent.
[Er] akzeptierte die Psychoanalyse weitgehend, allerdings nur in ihren differenzierten Erscheinungen und
weniger im Hinblick auf die verwässerten und dogmatischen Phantasien zweitrangiger Freudianer. 15 So Hans H. Hiebel. Auch eine gewisse Aversion ihr gegenüber legen einschlägige Aussagen Kafkas dar: So notiert er über Franz Werfels Drama „Schweiger“, welches er als „psychiatrische Geschichte“ 16 verteufelt:
Wer hier nicht mehr zu sagen hat als die Psychoanalyse, dürfte sich nicht einmischen. Es ist keine
Freude, sich mit der Psychoanalyse abzugeben, und ich halte mich von ihr möglichst fern, aber sie ist
zumindest so existent wie diese Generation. 17
Seine wohl schärfste Kritik daran äußert er im November 1920 in einem Brief an seine Geliebte Milena Jesenská:
Du sagst, Milena, daß Du es nicht verstehst. Such es zu verstehen, indem Du es Krankheit nennst. Es ist
eine der vielen Krankheitserscheinungen, welche die Psychoanalyse aufgedeckt zu haben glaubt. Ich
nenne es nicht Krankheit und sehe in dem therapeutischen Teil der Psychoanalyse einen hilflosen
Irrtum. Alle diese angeblichen Krankheiten, so traurig sie auch aussehen, sind Glaubenstatsachen,
Verankerungen des in Not befindlichen Menschen in irgendwelchem mütterlichen Boden; so findet ja
auch die Psychoanalyse als Urgrund der Religionen auch nichts anderes, als was ihrer Meinung nach die
„Krankheiten“ des Einzelnen begründet, allerdings fehlt heute hier bei uns meist die religiöse
12 Vgl. Leopold, Keith: Kafka, Freud and 'Ein Landarzt'. In: Selected writings (1985). S. 114. 13 Ebd. 14 Ebd.
15 Hiebel, Hans H.: Franz Kafka: Form und Bedeutung. Formanalysen und Interpretationen von Vor dem Gesetz, Das Urteil, Bericht für eine Akademie, Ein Landarzt, Der Bau, Der Steuermann, Prometheus, Der Verschollene, Der Proceß und ausgewählte Aphorismen. Würzburg: Königshausen und Neumann 1999. S. 248. 16 Kafka, Franz: Briefe 1902-1924. Hrsg. von Max Brod. Frankfurt a. M.: Fischer 1958. S. 424.
17 Kafka, Franz: Nachgelassene Schriften und Fragmente. Hrsg. von Jost Schillemeit. Frankfurt a. M.: Fischer 1992.
Arbeit zitieren:
Dominik Wiedemann, 2008, Ein Landarzt, München, GRIN Verlag GmbH
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