1. Einleitung
„Blair Witch Project“ ist ein als Dokumentarfilm getarnter Spielfilm, der unter der Regie von Dan Myrick und Ed Sanchez 1999 in die Kinos kam.
Erzählt wird die Geschichte durch das rekonstruierte Videomaterial der drei Filmstudenten Heather Donahue, Josh Leonard und Michael Williams, die beim Dreh eines Dokumentarfilms über die regionale Spukgestalt, „Die Hexe von Blair“ in den Wäldern von Maryland verschollen sein sollen.
Nach Recherchen und diversen Interviews mit den einheimischen Dorfbewohnern begeben sich die Jugendlichen in den Wald, um der Legende auf den Grund zu gehen, wo sie dann nach einigen filmisch dokumentierten, beängstigenden Tagen den vermeintlichen Tod finden. „Blair Witch Project“ versucht mit allen möglichen Mitteln dem Zuschauer zu suggerieren, dass der gezeigte Vorfall wirklich so stattfand und dass der vorliegende Film die tatsächlichen Filmaufzeichnungen der Verschollenen zeigt. Ein solch realistischer Anspruch in einem Horrorfilm hat eine viel größere Gruselwirkung auf den Zuschauer. Deswegen weisen inhaltliche und ästhetische Motive Authentisierungsstrategien auf, um den Zuschauer von der Echtheit der Bilder zu überzeugen. Bei der Veröffentlichung des Filmes wurde eine groß angelegte Werbe- und Suchaktion im Internet gestartet, die zu kontroversen Diskussionen in Foren und einem mulmigen Gefühl beim Kinozuschauer führten.
Die folgende Hausarbeit widmet sich der Analyse der ca. siebenminütigen Exposition des Filmes. Hierbei geht es um die Forschungsfrage, welche Mittel einen dokumentarischen Gestus entstehen lassen.
Diese Analyse des filmischen Textes wird durch Sekundärliteratur belegt. Die Sequenz ist im Anhang im Einstellungsprotokoll genau ausgewiesen.
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2. Expositionsanalyse
Die Exposition des Filmes beginnt mit einem Schriftinsert, das über die vermeintliche Authentizität informiert.
In October of 1994, three student filmmakers disappeared in the woods near Burkittsville, Maryland while shooting a documentary. A year later their footage was found. 1 Dieser Schriftzug mit weißen, klaren Buchstaben auf schwarzem Grund und die fehlende Musik evozieren bereits am Anfang des Films eine Ernsthaftigkeit, die bei einem Dokumentarfilm vorausgesetzt wird. Dem Zuschauer wird suggeriert, dass er Einblick in alle Formalien hat; Ort, Zeit und beteiligte Personen.
Der häufigste, ausdrücklich am Anfang eines Filmes verbal gegebene Hinweis auf die Echtheit der dargestellten Ereignisse [...] gehört zu den elementarsten Authentizitätssignalen. 2 Der Schriftzug ist jedoch leicht verwackelt und weist schon auf die kommende Ästhetik hin. Der Film beginnt mit dem Verschwinden der Studenten, setzt also den Ausgang des Films bereits an den Anfang. Weiterhin sind die fehlenden Credits auffällig, die normalerweise die Mitwirkenden eines Filmes vorstellen - nach dem Insert sind das aber die Figuren selbst. Die erste Szene beginnt in Heathers Zimmer, wobei irritierenderweise kein klares Bild zu sehen ist, sondern ein unscharfes, verwackeltes Bild, das erst durch ein Nachziehen der Schärfe und des Zooms als Heather auszumachen ist. Aus dem Off ist die Stimme von Josh zu hören, der als Kameramann sogleich die Illusion der Kamera als ein unbemerktes Auge des Zuschauers zerstört. Auch Heathers direkter Blick in die Kamera erinnert an eine Fernsehmoderatorin, die nicht wegen der Situation selbst, sondern extra für die Kamera spricht. Sie wendet sich an den Zuschauer ihrer folgenden Dokumentation, also jeden einzelnen im Kinosaal.
Der Film spielt mit der Kinoerfahrung des Zuschauers, der hier nur an professionelle und unverwackelte Bilder gewohnt ist. Joshs Amateurhaftigkeit erinnert an ein „Homevideo“ und zeigt seine noch fehlende Ausbildung. Somit findet nicht nur eine Identifikation mit den Figuren vor der Kamera statt, sondern auch mit dem Filmenden selbst, denn eine solche Aufnahmequalität kann jeder filmen.
In Einstellung 06 3 wird ein Buch gezeigt, in dem etwas über die Legende stehen soll. Zwar sieht man nur einen alten vergilbten Einband, jedoch hat der Zuschauer keinen Grund, Heathers Aussage zu misstrauen. Durch das Buch erhält die Legende einen medialen Beweis, denn im Sozialisationsprozess wurde die Glaubwürdigkeit von Büchern vermittelt.
1 Myrick, Dan/ Sanchez, Ed: The Blair Witch Project. 0,27s.
2 Hattendorf, Manfred: Dokumentarfilm und Authentizität. S. 73.
3 Siehe Anhang, Einstellungsprotokoll
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In den Einstellungen 08-10 werden die Kameras selbst thematisiert. In dieser Einstellung filmen sich Heather und Josh mit ihren beiden Kameras gegenseitig, was einen fehlenden Kameramann und das damit tatsächliche Filmen der Figuren beweist. Hier macht nicht nur das Bild selbst auf die Kameras aufmerksam, sondern auch die Jump-Cuts, bzw. Achsensprünge in der Montage.
Insgesamt werden die technischen Aufnahmegeräte im Film oft gezeigt oder werden zum Gesprächsgegenstand. Dieses ist eines der Authentizitätssignale: Es ist also gerade die Anwesenheit filmischen Apparates, das ein filmisch vermitteltes Geschehen glaubhaft, authentisch macht. Die Kamera greift durch ihre Anwesenheit in das Geschehen ein, markiert aber diesen Eingriff und wird so zum Garanten der Wahrhaftigkeit. 4 Die Fragmente für den geplanten Dokumentarfilm nimmt Josh mit einer 16mm Kamera auf, die in schwarz/weiß und eher grobkörnig filmt. Diese steht im Kontrast zu den amateurhaften, digitalen Farbaufnahmen, die den Verlauf der Dreharbeiten dokumentieren sollen und von Heather mit einer Hi-8 Kamera festgehalten werden. 5 Der Einsatz dieser beiden Kameratypen ist nicht zufällig, die Kamera von Josh ist ein charakteristisches Dokumentarfilmmaterial der 60er/70er Jahre, der Zeit des Direct Cinema. „Auch hier wird die Inszenierung strikt abgelehnt, […], die Wirklichkeit wird so erfahren, wie sie vor der Kamera stattfindet.“ 6 Das Filmen von tatsächlichen Ereignissen ohne Farbe hat ihren Ursprung in der Wochenschau, einer amerikanischen Nachrichtensendung in der Entstehungszeit des Films, die über den Krieg berichtete. Der Zuschauer wird also unterbewusst darauf hingewiesen, dass das Gezeigte einen Nachrichtencharakter hat und damit real ist.
Heather bedient eine Handkamera, die in der Anschaffung verhältnismäßig günstig und in normalen Haushalten nicht unüblich ist. Eine teurere Kamera wäre an dieser Stelle nicht glaubwürdig, schließlich handelt es sich um Studenten. Die 16 mm hat Josh sich „ausgeborgt“. Die verwackelte Handkameraästhetik unterstreicht die angeblich gegebene Authentizität. Durch die Stöße, die die Kamera beim normalen Gehen des Filmenden erlebt, wird der Zuschauer auf den Kameramann an sich aufmerksam gemacht. Dieses geschieht in Einstellung 06. Das Paradoxe an der Handkamera ist, dass auf der einen Seite die menschliche Perspektive (beispielsweise beim Rollen des Autos in Einstellung 12) den Zuschauer glauben lässt, er sehe die Ereignisse mit seinen eigenen Augen, oder wäre gar selbst mit im Geschehen. Auf der anderen Seite wird er jedoch durch die bildliche Anwesenheit des Materials, durch die undeutlichen, verwackelten Bilder und durch die Stimme hinter der Kamera gerade auf
4 Borstnar, Nils u.a.: Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft. S. 31.
5 Vgl. Worchech, Rudolf: The Blair Witch Project. S. 342.
6 Renner, Karl-Nikolaus: The Blair Witch Project. S. 391
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diese aufmerksam gemacht. In vielen Einstellungen scheint es so, als wären die Kameras eine „Erweiterung der Augen“ der Darsteller, die ihre Umwelt nur noch durch die Linse wahrnehmen können (z.B. Begrüßungsszene Einstellung 06). Im Umgang mit den Marshmallows spricht Heather zwar blödelnd, aber dennoch sinnlich, „berührt“ die besonders hervorgerufenen Attribute der Konsistenz („weich und zart“) jedoch nur mit der Linse und nicht mit den Händen. 7
Die in der Exposition gefilmten Einstellungen sind auf der bildlichen sowie auf der Tonebene mehr banal als inhaltlich wichtig für den Film, hier geht es mehr darum, die Ästhetik, und damit die Glaubwürdigkeit des gesamten Film zu etablieren. Das Ziel ist es, den Zuschauer davon zu überzeugen, dass die Jugendlichen selbst filmen und dass das Erlebte nur abgefilmt, nicht jedoch inszeniert wird. Beispielhaft ist dies in Einstellung 12 zu sehen, in der nicht das Abholen von Mike das Entscheidende ist, sondern die Perspektive aus dem Auto hinaus. Die in dieser Szene starre Kamera filmt genau das, was vor die Linse kommt und wird nicht vom Kameramann bewegt oder motiviert. Der Bildausschnitt wird vom Rollen des Autos bestimmt. Dieses hebt den Dokumentarfilmcharakter hervor, da die Filmenden in dieser Einstellung genau das abfilmen, was tatsächlich geschieht und nicht eingreifen. In den Einkaufseinstellungen (15-18) wird deutlich, wie bewusst sich die Figuren der ständig laufenden Kamera sind. Sie halten Artikel vor die Linse und agieren scheinbar nur für die Kamera. Dieses Phänomen ist auch bei normalen „Homevideos“ zu beobachten, bei denen in die Kamera gewunken wird und sich das Geschehen nur im Kamerabereich abspielt. Die gefilmten Personen suchen die Aufmerksamkeit der Linse, wollen sich interessant machen (Josh in Einstellung 14).
Weiterhin finden sich in der Einkaufsszene „Text-Bild-Bestätigungen“ 8 . Jeder der drei Protagonisten hält einen Artikel in die Kamera und benennt ihn. Der Zuschauer vergewissert sich auf der Bildebene unterbewusst, ob das Gesagte auch wirklich stimmt. So wird ein Vertrauen aufgebaut, das im späteren Teil des Films beim Fehlen der Bildebene im Wald zum Tragen kommt.
Besonders vertrauenserweckend wirkt Heather in Einstellung 21, in der sie Josh erklärt, dass sie ohne Schockeffekte oder übertriebene Dramatisierung auskommen will. Sie blickt hierbei nicht direkt in die Kamera, versucht also nicht bewusst den Zuschauer von ihrer Darstellung zu überzeugen. Es scheint, als sei sie nicht von einem Mikrofon motiviert, ihre Authentizität zu beweisen, sondern als sei dies ihre tatsächliche Einstellung.
7 Verweis: Körperextensionen nach Marschall McLuhan.
8 Vgl. Ebd. S. 393.
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Arbeit zitieren:
Luise Knah, 2007, Expositionsanalyse von „Blair Witch Project“, München, GRIN Verlag GmbH
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