1. Einleitung
Werden Gebärden primär von taubstummen Menschen zur Verständigung genutzt, können diese aber nicht nur als Ersatz der Lautsprache dienen, sondern auch als Anbahnungshilfe derjenigen. Im Folgenden wird darauf eingegangen, wie die eingeschränkte kindliche Lautsprachentwicklung durch logopädische Intervention mit dem Einsatz von Gebärden gefördert werden kann. Neben der Erläuterung der Zielgruppen wird erklärt, wie die Therapie sowohl mit körpereigenen Kommunikationsformen als auch externen Hilfsmitteln Gestaltung findet. Im Weiteren geht es darum, welche Auffassungen es zu Gebärden in unserer Gesellschaft gibt, sowie um die Frage, ob der Gebrauch dieser unterstützten Kommunikation wirklich förderlich ist, und welche Bedenken sich diesbezüglich anmelden.
2. Begriffserklärung
2.1 Definition Gebärde
Gebärden ersetzen Sprache, unterliegen linguistischen Regeln und sind festgelegt (vgl. McNeill, 2000; zitiert in Vogt/Schreiber 2000, 6). Gebärden gehören zur Unterstützten Kommunikation.
2.2 Definition Gesten
Unter einer Geste versteht man eine Handlung, die einem Zusehenden ein optisches Signal übermittelt. Im Gegensatz zu Gebärden können Gesten sowohl sprachersetzend als auch sprachbegleitend wirken (Tesak 2007, 13). Gesten haben keine linguistischen Eigenschaften und „entstehen aus dem Moment (vgl. McNeill, 2000; zitiert in Vogt/Schreiber 2000, 6)“.
3. Zielgruppen des Einsatzes von Gebärden Tetzchner und Martinsen (zitiert in http://www.sonderpaed-forum.
de/seiten/frames/archivtext/4-00/haupt.htm, 08.04.09) unterscheiden drei Gruppen von Personen, für die Unterstützte Kommunikation hilfreich ist:
Gruppe 1: Kinder, für die Unterstützte Kommunikation ein Ausdrucksmittel darstellt. Diese verstehen zwar Lautsprache, haben aber unzureichende Möglichkeiten sich
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auszudrücken. Dazu gehören Störungsbilder wie Dysarthrien oder Dyspraxien (siehe auch Vogt/Schreiber 2008, 2) und fortschreitende Muskelerkrankungen. Zusätzlich sollten weitere logopädische Interventionen stattfinden, wie zum Beispiel der Aufbau der Artikulationsmuskulatur bei Dysarthrie.
Gruppe 2: Kinder, bei denen es wahrscheinlich ist, durch Unterstütze Kommunikation Lautsprache zu erwerben. Hier lassen sich Kinder nennen, bei denen eine schwere Sprachentwicklungsverzögerung vorliegt, wie bei Late Talkern (siehe auch Vogt/Schreiber 2006, 181).
Gruppe 3: Betroffen sind auch Kinder mit angeborenen Behinderungen wie dem Down-Syndrom (siehe auch Vogt/Schreiber 2006, 181). Die meisten Down- Syndrom- Kinder sind von ihren kognitiven Fähigkeiten dazu in der Lage das Sprechen zu lernen, auch wenn ihr Wortschatz eingeschränkt ist(Wilken 2007, 113).
Es lässt sich eine weitere Gruppe nennen, bei denen es auf Grund psychomotorischer Retardierungen nicht möglich ist, Lautsprache als primäres Kommunikationsmittel einzusetzen (vgl. Vogt/Schreiber 2006, 181).
3.1 Fallbeschreibung eines Late Talkers(Vogt/Schreiber 2006, 183)
Laut Sachse & Suchodoletz (2007, 120) verläuft der Lautspracherwerb bei etwa 13% der einsprachig mit Deutsch aufwachsenden Zweijährigen verzögert („Late Talker“). Aus dieser Gruppe resultieren dann zum Beispiel Kinder wie Johannes, bei dem eine SSES diagnostiziert wurde.
Der 2; 6 Jahre alte Johannes verwendete zu Beginn der Therapie einfache Wörter (beispielsweise „Ba“ für „Ball“) und wenige Vokalisationen. Das Sprachverständnis erschien unauffällig, der expressive Wortschatz stark eingeschränkt. Zudem berichteten die Eltern von Wutanfällen bei nicht-verstanden werden.
In der Therapie wurden Johannes fortlaufend neue Wörter lautsprachlich angeboten und mit Gebärden unterstützt. Er ließ sich gut auf die Gebärden ein und begann teilweise damit, diese mit Lauten zu begleiten. Im Therapieverlauf reduzierten sich Johannes Wutreaktionen, sein expressiver Wortschatz erweiterte sich. War der Gebrauch von Gebärden zunächst eine Hilfsmaßnahme, wurden sie später von ihm hauptsächlich als Anstoß bei Wortfindungsstörungen eingesetzt.
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3.2 Ziele des Einsatzes von Gebärden in der SES- Therapie (nach Lell 2007, 6-13) Erstes Ziel des Einsatzes von Gebärden, ist die Optimierung der Kommunikation des Kindes und seiner Umwelt, um das Austauschen über alltägliche Dinge und Bedürfnisse zu ermöglichen und negative Reaktionen, wie Frustrationen bei nicht- verstanden werden, entgegenzuwirken. Zudem werden durch Unterstützte Kommunikation die
Vorläuferfertigkeiten der Sprachentwicklung, wie Pragmatik und kognitive Fähigkeiten ausgebaut und gefördert, was dazu beiträgt, dass das Kind zur Kommunikation angeregt wird und diese für sich kennen lernt. Positive Erfahrungen stärken das Selbstvertrauen und motivieren, was als Antrieb und Brücke für die weitere Lautsprachentwicklung zu sehen ist (siehe auch Vogt/Schreiber 2008). Sicherlich kann nicht bei jedem Kind, abhängig von verschieden Faktoren (Schweregrad, Bemühungen der Eltern etc.), der vollständige Erwerb der Lautsprache als Ziel gesetzt werden. Gebärden können dann als zusätzliches oder sogar primäres Kommunikationsmittel eingesetzt werden.
4. Der Einsatz von Gebärden in der SES-Therapie- Vorgehensweise Nach Vogt und Schreiber (2006, 181-182) haben sich folgende
Therapievorgehensweisen bewährt (als therapeutisches Verfahren nutzen sie MAKATON):
Das Anbahnen der Gebärden findet in einem Intervall von 10-15 Einzeltherapien statt. Zunächst lernt die Therapeutin/ der Therapeut das Kommunikationsverhalten zwischen Kind und Eltern kennen und führt „Imitations- und Turn- taking Spiele“ ein. Gemeinsam werden dann einige erste, für das Kind interessante Gebärden ausgearbeitet. Durch entsprechende Kurse werden die Eltern, sowie möglichst viele Bezugspersonen mit den Materialien vertraut gemacht. Dadurch sollen sie im Umgang mit Gebärden sicherer werden und können sich mit anderen Eltern und Fachleuten austauschen. Zusätzlich finden Gebärdenspielgruppen, sowie Elternabende und eventuell weitere Einzelstunden statt. In der darauf folgenden Therapiepause ist es dann Aufgabe der Familie, die Gebärden in den Alltag zu integrieren. Wichtig ist es zu verstehen, dass Worte nicht ersetzt sondern von Gebärden begleitet werden sollen(siehe auch Lell 2007,9). Dieser Prozess kann je nach Beeinträchtigung des Kindes und Unterstützung durch das Umfeld mühsam voran gehen, wichtig ist aber Durchhaltevermögen zu zeigen.
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Arbeit zitieren:
Juana Golla, 2009, Einsatz von Gebärden in der SES-Therapie, München, GRIN Verlag GmbH
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