Inhaltsverzeichnis
Einleitung 03
1.) Max Webers Konzept der Wertsphären 04
1.1) Religionssoziologische Grundannahmen:
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus 04
1.2) Die vier Typen rationalen Handelns 06
1.3) Webers Wertsphärenkonzeption 07
1.4) Der „Werturteilsfreiheitsaufsatz“ 08
2.) Niklas Luhmanns Ausdifferenzierung in Funktionssysteme 09
2.1) Grundbegriffe der Systemtheorie 09
2.2) Die Differenzierungsform der Systemtheorie 10
2.3) Die Herausbildung der einzelnen Funktionssysteme 11
2.4) Kennzeichen einer funktional differenzierten Gesellschaft 12
3.) Wertsphären und Funktionssysteme im Vergleich 14
Abschlie ßende Betrachtung 15
Literaturverzeichnis 16
2
Einleitung
Der Schwerpunkt der soziologischen Forschung und des soziologischen Interesses lag von Anbeginn als wissenschaftliche Disziplin darin, die Gesellschaft als solches und die gesellschaftliche Entwicklung erklärbar zu machen. Wenngleich sich eine breite Theorienvielfalt herausgebildet hat, herrscht unter den verschiedenen Vertretern doch weitgehender Konsens darüber, dass die gesellschaftliche Entwicklung durch eine fortschreitende Differenzierung gekennzeichnet ist. Ende des 19. Jahrhunderts führte diesbezüglich der deutsche Soziologe Georg Simmel den Begriff der sozialen Differenziertheit in die Soziologie ein 1 .
Unter Differenzierung wird ganz Allgemein die Aufteilung eines Ganzen in Einzelelemente verstanden, im soziologischen Sinne wird hiermit die Aufgliederung des gesellschaftlichen Ganzen in (z.B.) soziale Positionen, Lebenslagen, Systeme oder Milieus ausgedrückt. Unter Differenzierung der Gesellschaft ist also eine fortschreitende Gliederung in verschiedene Teilbereiche gemeint, die sich immer mehr verselbständigen. Im Gegensatz hierzu besteht in der soziologischen Theorie in Bezug auf die Art und die Dimension der Differenzierung als auch allgemein auf die Benennung der gesellschaftlichen Teilbereiche ein hohes Maß an Unstimmigkeit, die Anzahl der Konzeptionen ist vielseitig. Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit zwei ausgewählten Konzepten zur gesellschaftlichen Differenzierung auseinander: Zum einen mit dem Ansatz der „Wertsphären“ von Max Weber und zum anderen mit den „Funktionssystemen“ Niklas Luhmanns.
Diesbezüglich sollen zunächst beide Ansätze vorgestellt und erläutert werden, um anschließend den Versuch zu starten, beide miteinander zu vergleichen. Das erste Kapitel der vorliegenden Arbeit setzt sich dementsprechend mit Max Webers Konzept der Wertsphären auseinander, wobei zunächst auf die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus und die unterschiedlichen Typen rationalen Handelns als Vorbedingungen für die Herausbildung von Wertsphären eingegangen wird. Der zweite Passus wird dann Niklas Luhmanns Systemtheorie, die Herausbildung der einzelnen Funktionssysteme und die Kennzeichen einer funktional differenzierten Gesellschaft
1 Simmel, Georg: Über sociale Differenzierung [1892], in: ders, Gesamtausgabe Bd. 2: Aufsätze 1887-1890.
Über sociale Differenzierung. Die Probleme der Geschichtsphilosophie, Frankfurt am Main, 2001.
Über sociale Differenzierung online:
http://www.digbib.org/Georg_Simmel_1858/Ueber_sociale_Differenzierung
Zu Simmel allgemein vgl. z.B. Mikl-Horke, Gertraude: Soziologie. Historischer Kontext und soziologische
Theorie-Entwürfe, München 2001 5 , S. 106-118.
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behandeln. Dem Vergleich zwischen „Wertsphären“ und „Funktionssystemen“ ist schließlich der dritte Abschnitt gewidmet.
1.) Max Webers Konzept der Wertsphären
Gemäß Max Weber differenzierten sich aufgrund einer besonderen Verbindung von kapitalistischen und religiösen Elementen die westlichen Gesellschaften in von ihm so bezeichnete Wertsphären.
1.1) Religionssoziologische Grundannahmen: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
In seinen sehr ausführlichen Studien über die Religionssoziologie stellt Weber bereits in der Vorbemerkung fest 2 , dass es kapitalistische Bestrebungen im Sinne des Strebens nach Gewinn in allen Gesellschaften zu allen Zeiten gegeben hat: „Kapitalismus [ist] identisch mit dem Streben nach Gewinn“, wobei umgekehrt das Streben nach Gewinn nicht zwingendermaßen gleich kapitalistisch sein muss. […] In diesem Sinne nun hat es ‚Kapitalismus’ und ‚kapitalistische Unternehmungen’ […] in allen Kulturländern der Erde gegeben.“ 3 Kennzeichnend für den westlichen, okzidentalen Kapitalismus, der sich bereits in der frühen Neuzeit bildete, den mittelalterlichen Feudalhandel ablöste und sich seit der Industrialisierung zunehmend entfalte, ist dessen Verbindung mit der rationalen-kapitalistischen Arbeitsorganisation. In der okzidentalen Version des Kapitalismus entwickelten sich die freie Arbeit, die Trennung von Betrieb und Haushalt und die rationale Buchführung. Es entstehen die sich gegenüberstehenden Schichten von großindustriellen Unternehmern und freien Lohnarbeitern. Weber spricht von der „Entstehung des bürgerlichen Betriebskapitalismus mit seiner rationalen Organisation der freien Arbeit.“ 4
Obwohl es kapitalistische Strukturen in allen Gesellschaften gegeben hat, konnte sich der rationale Kapitalismus nur im Okzident ausbilden, was gemäß Weber im spezifisch gearteten ‚Rationalismus’ der okzidentalen Kultur“ 5 begründet liegt. Wichtiger und formender Bestandteil einer Kultur und daraus resultierend der Lebensführung ist die Religion und die mit dem Glauben verbundenen ethischen Pflichtvorstellungen. Zwischen religiösem Glauben und einer spezifischen Wirtschaftsgesinnung besteht also ein Kausalzusammenhang, da wirtschaftliches Handeln und Denken ja als Teil der Lebensführung angesehen werden kann.
2 Weber, Max [1920]: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Band I, Tübingen 1988, S. 1-16.
3 Ebenda, S. 4-6.
4 Ebenda, S. 10.
5 Ebd. S. 11.
4
In Bezug auf den Okzident spricht Weber von einem Zusammenhang „des modernen Wirtschaftethos mit der rationalen Ethik des asketischen Protestantismus“ 6 , womit er vor allem auf die Calvinisten verweist. Weber vertritt die Auffassung, dass diese spezifische Form des Kapitalismus aufgrund des Protestantismus (und der protestantistischen Lebensführung) entstand, der in Mitteleuropa dominierend war. Kennzeichnend für den Calvinismus ist vor allem die Tatsache, dass er (im Gegensatz zum katholizistischen Christentum) keine Erlösungsreligion darstellt, welche den Gläubigen für eine bestimmte (vorgeschriebene) Lebensform Erlösung (in Form des ewigen Lebens) anbietet. Dieser beruft sich vielmehr auf die Prädestinationslehre. Erlösung kann nach dessen Vorstellungen nicht erworben werden, da von vorneherein das Schicksal des Menschen entweder zur Verdammnis oder zur Seeligkeit vorherbestimmt ist. Gemäß der Westminster-Confession 7 von 1647, dem Glaubensbekenntnis vieler reformierter Religionsgemeinschaften, ist das Heil für den Menschen ein Geschenk göttlicher Gnade, wirtschaftlicher Erfolg wird also als Anzeichen von Auserwähltheit und späterer Seeligkeit interpretiert.
Die „protestantische Ethik“ der Calvinisten liefert eine Erklärung und Rechtfertigung für die charakterlichen Verhaltensweisen des Kapitalismus, da ihr eine innerweltliche Askese innewohnt. Zum Beweis der Auserwähltheit werden die Gläubigen zum wirtschaftlichen Erfolg angetrieben, erzielter Profit wird aber nicht dafür genutzt, die Freuden des Lebens zu genießen, sondern, um wieder aufs Neue zu investieren und zu produzieren, um neuerlich wirtschaftlichen Erfolg als Beweis für Auserwähltheit zu haben. 8 Deswegen rationalisieren Calvinisten ihre Lebensführung, was in allen Bereichen des Lebens deutlich wird: Nur im Okzident entstand so (gemäß Weber) eine gültig anerkannte Wissenschaft und ein bürokratischer Staat als Anstalt mit rationalisierter Verfassung, Rechten, Gesetzen und Verwaltung. Im Vergleich hierzu untersucht Weber das antike Judentum, sowie den Buddhismus, Hinduismus, Konfuzianismus und Taoismus und stellt fest, dass diesen Glaubensrichtungen eben diese rationale Komponente fehlt 9 , der okzidentale Kapitalismus also hier nicht entstehen konnte. 10
6 Ebd. S. 12.
7 Die Westminster-Confession online: http://www.reformatio.de/bekenntnisse/WestminsterBekenntnis.pdf
8 vgl. Aron, Raymond: Hauptströmungen soziologischen Denkens, Bd. 2, Köln 1971, S. 202-220.
9 Die rationale Komponente fehlt, wie Weber betont, freilich auch beim Katholizismus und beim lutherischen
Protestantismus, da auch diese Glaubensrichtungen Erlösungsreligionen darstellen.
10 Weber, a.a.O. S. 536-573 (Zwischenbetrachtung).
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Joachim Graf, 2009, Dimensionen gesellschaftlicher Differenzierungen bei Weber und Luhmann, München, GRIN Verlag GmbH
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