1 Guillaume Apollinaire und der Surrealismus
1.1 Einleitung
Einer der bedeutendsten Vertreter der französischen Avantgarde ist Guillaume Apollinaire. Durch die Schrecken des Krieges gezeichnet und von den Einflüssen der Literatur geleitet, schafft Apollinaire eine neue Art der Bühnenpräsentation und bricht traditionelle Abläufe. Er durchschreitet die historische, fiktionale und reale Wirklichkeit und kritisiert somit den bestehenden Konventionen, sowie die Ansprüche des Publikums. Mithilfe deautomatisierender Effekte und Elementen der comique kreiert er eine surrealer Theaterwelt auf dem Niveau der Sprache, der Figurengestaltung und Bühnenpräsentation. In Les mamelles de Tirésias werden genau diese Bereiche thematisiert und aufgegriffen, um immer kritisch gesellschaftliche Werte und Normen zu hinterfragen. Im Folgenden werden diese Gebiete analysiert. Dabei wird die Handlung, der Ort und Zeit, sowie die Darstellung der Figuren untersucht. Apollinaire bedient sich in diesem Theaterstück des bekannten Mythos des blinden Seher Theiresias, mit dem traditionelle Theaterumsetzungen gebrochen werden. Dieser Mut dramaturgische Grenzen zu überschreiten beschert ihm nur wenig Anklang zu jener Zeit. Heute weiß man, dass er der wichtigste Begründer des Surrealismus ist.
1.2 Biographische Daten
Guillaume Apollinaire ist in Rom 1880 geboren und wird von seiner Mutter allein erzogen, da vom Vater ihn nie wirklich Anerkennung findet. Schon am Anfang seines Lebens wird er also mit einer harten Realität und Familienproblemen konfrontiert. Aber er reist viel mit seiner Mutter und entwickelt künstlerische Fähigkeiten. Im Alter von 20 Jahren beginnt er für andere Autoren zu schreiben. Dieser Beruf hat einen großen Vorteil: er trifft sich täglich mit Schriftstellern, die ihn ermutigen, selbst kreativ zu werden und eigene Werke zu schreiben. Unter diesen Leuten befinden sich Alfred Jarry und der Dichter Max Jacob, die einen großen Einfluss auf ihn haben werden. Guillaume Apollinaire betrachtet Alfred Jarry als Vorbild, um sein einziges Stück zu schreiben. Durch Max Jacob lernt er den Gebrauch der poetischen Sprache. Er trifft sich mit vielen Künstlern, wie zum Beispiel der der Maler Pablo Picasso, zu dem er ein sehr enges freundschaftliches Verhältnis hat.
Im Allgemeinen führt Guillaume Apollinaire in Paris ein sehr mondänes Leben, besucht die künstlerische Gesellschaft und ist in der Presse tätig. Er ist sich also bewusst, wie das System funktioniert und pflegt wichtige Beziehungen in dieser Gesellschaft. Mithilfe Hilfe von Malern kann er viele kritische Texte über Kunst schreiben (Les Peintres cubistes, Méditations esthétiques (1913)) und hat viel Erfolg mit seinen poetischen Werken (Alcools (1913), Le
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Poète assassiné (1916)). Sein letztes Werk heißt Calligrammes und ist eine Mischung zwischen Poesie und Malerei (1918). Er stirbt im gleichen Jahr. Guillaume Apollinaire war vor allem für seine poetische Werke und kritische Texte über Kunst berühmt. Les Mamelles de Tirésias (1917) war sein einziges Theaterstück.
1.3 Entstehung Les mamelles de Tirésias
Was die Entstehung dieses Stückes betrifft weiß man nur wenig. Guillaume Apollinaire hat einen großen Teil schon 1903 geschrieben, aber es erst 1917 beendet und veröffentlicht. Er bekommt Hilfe von Pierre Albert-Birot zur Veröffentlichung des Stückes, der ein enger Freund von ihm ist und selbst Theaterstücke schreibt zum Beispiel Larountala aus dem Jahre 1915. Alfred Jarry ist für beide Autoren eine Inspiration und Vorbild gewesen. Am 24. Juni 1917 ist die Uraufführung im Théâtre Maubel in Paris, bei dem Pierre Albert-Birot Regie führt. Leider ist das Stück damals kein großer Erfolg und wird auch heute noch sehr wenig gelesen, studiert oder gespielt. Bekannt ist die Opéra-bouffe von Francis Poulenc, die 1945 gespielt wird und in der das Stück noch einmal thematisiert wird.
1.4 Bezug zum Surrealismus
Les Mamelles de Tirésias wird als drame surréaliste von Apollinaire beschrieben. Doch was bedeutet dieser Begriff eigentlich für den Autor? Er ist der erste Künstler, der diesen Begriff überhaupt benutzt hat, denn schon in Parades schreibt er vom „Sur-réalisme“ und gibt diesem Begriff folgenden Bedeutung: „Le Sur-réalisme est la fusion de ce qu’on pourrait appeler les divers ,réalismes’ de l’œuvre“ (Apollinaire 1916). Das heißt, der Surrealismus sei eine Vereinigung zwischen den verschiedenen Realismen des Stückes, die eine ganz neue und bunte Realität bilden.
Der Schriftsteller L.C Breunig bringt hierzu folgende These an: „Apollinaire est arrivé naturellement au préfixe ,sur’ pour désigner non pas ce qui est au-dessus du réalisme mais ce qui l’intensifie.“ Diese Nuance bedeutet, dass die Silbe „sur“ im Wort „Surrealismus“, die Stellung der Realität auf eine höhere Ebene als den Realismus nicht bewirkt, sondern diese intensiviert. Er gibt der Realität eine neue Macht. Apollinaire sagt selbst im Prolog, dass „le théâtre n’est pas plus la vie qu’il interprète que la roue n’est une jambe“, woraus ersichtlich wird, was die Rolle des Künstlers für Apollinaire bedeutet. Er muss nicht die Realität einfach beschreiben sonder, durch außergewöhnliche und künstlerische Verbindungen eine gewisse Wahrheit auszudrücken. Daher ist es leicht verständlich, warum die Gruppe Surrealismus später die Thesen von Apollinaire wieder aufgenommen hat. Sie hat betrachtet Apollinaire als
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Vorbild, der seine Theorien radikalisiert. Die Hauptziele der Gruppe sind die Wichtigkeit des Traums, des Unbewussten und der poetischen Sprache als Zusammenhang zwischen der Welt und dem Menschen. Es geht darum, wie man Realität anders darstellt und beschreibt oder, wie Apollinaire sagt: „Faire surgir la vie-même dans toute sa vérité“ (Apollinaire 1916).
2 Ovidsche Mythos
2.1 Inhalt
Die Probleme der gesellschaftlichen Stellung und Zugehörigkeit beider Geschlechter werden nicht erst durch Apollinaire thematisiert. Schon zu vorchristlichen Zeiten haben sich die Menschen mit der Fragestellung beschäftigt und in Geschichte, Sagen oder Mythen festgehalten. So auch der römische Dichter Ovid, der in seinen Metamorphosen eine einzigartige Sammlung von Verwandlungsgeschichten der griechischen Sagenwelt festhält. Apollinaire bedient sich aus eben diesem Meisterwerk von fünfzehn Büchern und greift die Geschichte des blinden Sehers Teiresias auf. Der Name Teiresias stammt aus dem Lateinischen teirea und bedeutet „Zeichen“ oder „Wunder”. Wunder und Zeichen spielen im Leben des aus Theben stammenden Teiresias eine wichtige Rolle. Teiresias war blinder Seher und Zeichendeuter, doch kam er nicht schon mit dieser Gabe auf die Welt. Als junger Mann trifft er bei einem Spaziergang im Wald auf sich zwei sich paarende Riesenschlangen. Er verletzt das Weibchen und wird daraufhin von den Göttern bestraft. Die Strafe soll er sprichwörtlich am eigenen Leibe spüren. Er verwandelt sich für die nächsten sieben Jahre in eine Frau und erfährt somit im anderen Geschlecht.
Nachdem sieben Jahre verstrichen sind, begegnet der weibliche Teiresias die Schlangen und sagt: „Vermag ein Schlag auf euch soviel, den Täter ins andere Geschlecht zu verwandeln, so schlage ich euch auch nun!“ (Fink 2005: 72). In der Hoffnung wieder in seine alte Gestalt verwandelt zu werden, schlägt er also das Männchen. Der umgekehrte Fluch hat zur Folge, dass dieser sich wieder in seine Männergestalt verwandelt. Die Erkenntnis, die er aus seiner Metamorphose schließt, soll dem Götterpaar Zeus und Hera zu nutzen sein. Diese befinden sich im Disput um die Frage, welches Geschlecht mehr Lust auf den Geschlechtsverkehr verspürt. Beide streiten um die Frage, welches Geschlecht mehr Liebeslust verspürt. Hera, die Göttin der Ehe behauptet, es sei der Mann und umgekehrt widerspricht ihr der Göttervater Zeus. Frauen haben seiner Meinung nach mehr Lust auf Geschlechtsverkehr. Da sich beide nicht einigen können, rufen sie Teiresias zu sich. Dieser gibt Zeus Recht, woraufhin die wutentbrannte Hera ihm das Augenlicht nimmt. Da es einem Gott nicht in der Macht steht,
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das Handeln eines anderen für Ungeschehen zu erklären, schenkt Zeus Teiresias die Gabe des Sehens, einen Seherstab und verlängertes Leben.
2.2 Bezug zum Drama
Der Mythos bildet die Basis im surrealistischen Drama Apollinaires. Stellvertretend für den Seher Teiresias steht Thérèse, die Hauptfigur und zentrale Rolle im Stück. Schon die Ähnlichkeit der beiden Namen verweist auf die Nähe zum Original und soll möglichst schnell durchschaut werden. Nicht nur der gebildete Zuschauer soll ohne kompliziertes Interpretieren angesprochen und auf den Mythos aufmerksam gemacht werden. Im Gegenteil zur griechischen Saga, verwandelt sich Thérèse in einen Mann, also die umgekehrte Fassung des Originals. Parallelen können mit Le mari gezogen werden, der in die Rolle der Frau schlüpft. Der Rollenwechsel im Ovidschen Mythos findet alle sieben Jahre statt und auch im Theaterstück befindet sich eine auf die Saga bezogene Äußerung: „Tous les sept ans/ changeait de peau“ (I ,7).
Der Entschluss des Geschlechterwechsels wurzelt tief in gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Problemen, wie das klassische Frauenbild als Hausfrau und Mutter und der Mann als tätiger Arbeits- und Karrieremensch. Im Mythos geht es um die Lehre und das Verständnis. Der Mensch soll gelehrt und für falsches Handeln bestraft werden, wie Teiresias am eigenen Körper zu spüren bekommt. Hier kann kritisch hinterfragt werden, warum die Verwandlung in einen weiblichen Körper als Bestrafung gesehen werden soll. Dies steht jedoch nicht im Zentrum des Themas, denn „Apollinaire bedient sich dem Mythos, um sich von der Poetik der ,vraisemblage’ zu distanzieren“ (Ugolini 1995: 243). Er bricht alte Traditionen über die Darstellung der réalité, indem er sich zweckentfremdender und distanzierter Mittel zur Darstellung der Figuren, worüber im nächsten Kapitel ausführlich diskutiert wird.
Apollinaire parodiert den Feminismus und Geschlechterkampf mithilfe des Ovidschen Mythos. Die Gabe des Sehens, die Teiresias von Zeus geschenkt bekommt, kehrt auch in Les mamelles de Tirésias in Gestalt der Cartomancienne wieder. Auch hier stellt der Autor eine Verbindung zur Frau her und lässt sogar die historische Sicht anklingen, auf welche im letzten Kapitel noch einmal eingegangen wird.
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Arbeit zitieren:
Sandra Triepke, 2007, Analyse des surrealistischen Dramas "Les mamelles de Tirésias" von Guillaume Apollinaire , München, GRIN Verlag GmbH
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