Inhalt
1. Einleitung 3
2. Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten 4
2.1. Inhaltsüberblick. 4
2.2. Was ist Kriegsfotografie und welche Reaktionen ruft diese hervor? 5
2.3. Bezug zu Susan Sontags Über Fotografie. 7
3. Otto Karl Werckmeister: Der Medusa Effekt 11
3.1. Inhaltsüberblick. 11
3.2. Informative und operative Bildersphäre. 12
4. Gegenüberstellung der Positionen Sontags und Werckmeisters 13
4.1. Über die Wahrheit von Bildern 13
4.2. Der Krieg und die Medien 19
4.3. Zensur und Propaganda 22
5. Kritik an der visuellen Leichtgläubigkeit: „Lösungsvorschläge“ und Fazit 27
8. Literaturverzeichnis. 37
9. Abbildungsverzeichnis. 38
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1. Einleitung
„Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg“ 1 , so Walter Benjamin in seinem 1936 erstmals erschienenem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Schon Benjamin hat einen Zusammenhang zwischen Kunst und Politik gesehen, indem er schrieb, dass der Faschismus „die Ästhetisierung der Politik“ betreibe und der „Kommunismus […] ihm mit der Politisierung der Kunst“ antwortet. 2 Benjamin erkannte anhand des Faschismus und Kommunismus, dass der Kult-Charakter der Kunst zur Beeinflussung der Massen dienstbar gemacht wird: „Die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verändert das Verhältnis der Masse zur Kunst.“ 3 Als „erstes wirklich revolutionäres Reproduktionsmittel“ bezeichnet Benjamin die Fotografie, denn mit dieser ist es möglich ge-worden, zu reproduzieren. 4
Auch Susan Sontag 5 und Otto Karl Werckmeister 6 beschäftigen sich in ihren Publikationen Das Leiden anderer betrachten (2003) und Der Medusa-Effekt (2005) mit dem Zusammenhang von Fotografie und Politik bzw. Medien und der damit in Verbindung stehenden Zensur und Pro-paganda. In dieser Hausarbeit soll es um die Betrachtung des Verhältnisses der Masse zur Kunst und den Medien gehen. Das Thema der Kriegsfotografie und dessen Wiedergabe in den Medien sowie die Aufnahme des Gezeigten beim Rezipienten sollen hier im Mittelpunkt stehen. Das Thema des ersten Teils meiner Arbeit ist Sontags Werk Das Leiden anderer betrachten. Daher werde ich einen Inhaltsüberblick geben und anschließend das Wesentliche herausgreifen. Auch soll ein Bezug zu ihrer 25 Jahre zuvor erschienenen Essaysammlung Über Fotografie hergestellt werden, denn dort vertrat sie noch eine andere Auffassung, was die Wirkung der Fotografie auf den Betrachter angeht, als im Jahre 2003.
Anschließend möchte ich Otto K. Werckmeisters Der Medusa-Effekt schwerpunktartig wiedergeben, wobei ich mich auf seine Überlegungen zu den verschiedenen Bildersphären und dem Verhältnis von Politik und Fotografie beschränken werde.
Am Ende der Hausarbeit sollen ein Vergleich der Ansichten Sontags und Werckmeisters stehen sowie eine Betrachtung ihrer Lösungsvorschläge, um die Kritik der visuellen Leichtgläubigkeit des Betrachters zu hinterfragen. Dabei werde ich besonders auf drei Aspekte, die sich in beiden Werken wiederfinden, eingehen: die Wahrheit von Bildern, das Verhältnis von Krieg und Me-
1 Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, S. 74.
2 Ebd., S. 77.
3 Ebd., S. 55.
4 Vgl. ebd., S. 23.
5 Susan Sontag wurde 1933 in New York geboren und verstarb dort 2004. Sontag war Kritikerin, Autorin und Filme-
macherin. Bekanntheit erlangte sie vor allem mit ihren Essays. 2003 wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels für ihren Roman In Amerika ausgezeichnet.
6 Der Kunsthistoriker Otto Karl Werckmeister wurde 1934 in Berlin geboren und lebt nach langjähriger Lehrtätigkeit
an Universitäten in Illinois und Los Angeles heute wieder in Berlin.
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dien sowie das Thema Zensur bzw. Propaganda. In diese Gegenüberstellung möchte ich noch weitere Untersuchungen und Meinungen zur (Kriegs-)Fotografie mit einbeziehen, um so ein umfassenderes Bild zur Thematik zu geben. Des Weiteren werde ich anhand von Beispielen aus der Kriegsfotografie und detaillierten Beschreibungen von Zensurmaßnahmen während Kriegszeiten, die in dieser Hausarbeit aufgegriffenen Aspekte untermauern.
2. Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten
2.1. Inhaltsüberblick
In Das Leiden anderer betrachten setzt sich Susan Sontag mit der Kriegsfotografie näher ausein-ander, genauer gesagt mit der asymmetrischen Kriegsführung und ihren Folgen für die Bildberichterstattung, wie Zensur und Propaganda, sowie der zunächst außermoralischen Rolle des Bildkonsumenten und dem dabei unterdrückten Recht der Opfer, Verlierer und Unterprivilegierten. 7 Sontag rekapituliert die historische Entwicklung der Berichterstattung von Katastrophen mit der Kamera, beginnend bei Robert Capas Bild eines Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg, aufgenommen in dem Moment, da ihn die tödliche Kugel trifft (siehe Abb. 1). Sie sagt u.a., dass der fotografische Kriegsbericht, wie wir ihn heute kennen, erst mit einer neuen Ausrüstung für Fotografen, mit leichten Kleinbildkameras und mit der Emanzipation der Kamera vom Stativ möglich wurde. Der Spanische Bürgerkrieg (1936-1939) war der erste Krieg, über den auf diese Weise berichtet wurde. 8
Doch auch schon zuvor wurden seit der Erfindung der Fotografie (1839) Kriegsschauplätze fotografiert, doch blieb das Kampfgeschehen für die Kamera weitgehend unerreichbar. Außerdem wurde hauptsächlich anonym publiziert und die Bilder bedienten sich einer vorwiegend epischen Bildsprache und zeigten meist das Nachher, wie mit Leichen übersäte Schlachtfelder oder zerstörte Dörfer und Städte. 9
Weiterhin geht Sontag auf die Ikonografie der Leiden ein, denn die Geschichte der Darstellung von Leiden hat eine lange Tradition. Als Beispiele benennt sie Heiligenbilder der christlichen Kunst und der heidnischen Mythen sowie Francisco de Goyas Die Schrecken des Krieges (Abb. 2). Bei Goyas Werk handelt es sich um 83 nummerierte, zwischen 1810 und 1820 entstandene Radierungen, die die Gräueltaten der Soldaten Napoleons schildern, welche 1808 in Spanien
7 Vgl. Brinkemper: Die politische Rebellion der Erlebnisse.
8 Sontag: Das Leiden anderer betrachten, S. 27 f.
9 Ebd., S. 27.
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eindrangen, um den Aufstand gegen die französische Herrschaft niederzuschlagen. 10 Goya führt den Betrachter dicht an die Schrecken des Krieges heran, indem er Beiwerk vernachlässigt und Landschaften nur andeutet, um Atmosphäre zu schaffen. 11 Er konzentriert sich auf das für ihn Wesentliche in den Bildern: Die Darstellung dessen, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind.
Neben der historischen Entwicklung der Kriegsfotografie beschäftigt sich die Autorin mit dem Zweck derartiger Gräuelbilder und der Authentizität von Kriegsfotos. Sie verwahrt sich gegen jedes Bedürfnis nach Authentizität. Ihrer Meinung nach, ist jedes Kriegsfoto inszeniert, und beruft sich in seiner Aussage und Wirkung auf das Medium und dessen Geschichte. 12 Auch auf Werke, die sich mit Kriegsfotografie und den Zweck derselben sowie die Folgen des Krieges befassen, verweist Sontag, so z.B. auf den Essay Drei Guineen (1938) von Virginia Woolf oder auf den Bildband Krieg dem Kriege! von Ernst Friedrich (1924).
Susan Sontags zentrales Anliegen ist in Das Leiden anderer betrachten herauszufiltern, was Bilder des Schreckens, Kriegsbilder, beim Betrachter auslösen und was derartige Fotografien vermitteln; auf diese Thematik wird im nächsten Kapitel genauer eingegangen. Bei der Beantwortung dieser Fragen revidiert Sontag ihre frühere Ansicht, nach welcher der Betrachter abstumpfe, wenn er ständig mit dem konfrontiert werde, was Menschen anderen Menschen antun können, doch dazu mehr an späterer Stelle (siehe 2.3.). Auf die historische Entwicklung der Kriegsfotografie und auf die Ikonografie der Leiden soll in dieser Hausarbeit nicht genauer eingegangen werden. Ich möchte mich auf die Beziehung zwischen Fotografie, Medien und Bildbetrachter, die Sontag herausstellt, sowie deren Konsequenzen beschränken.
2.2. Was ist Kriegsfotografie und welche Reaktionen ruft diese hervor?
Nachdem ein kurzer Überblick über den Inhalt von Das Leiden anderer betrachten gegeben wurde, sollen in der Folge die wichtigsten Thesen Sontags herausgestellt werden. Im Mittelpunkt stehen ihre Definition der Kriegsfotografie und Reflektionen über die Medien sowie die Beobachtungen zu den Reaktionen, die diese Art der Fotografie beim Betrachter hervorrufen. Bei der Kriegsfotografie handelt es sich um ein Betrachten des Leidens aus Distanz - bedingt durch das Medium der Fotografie. 13 Es ist eine durch und durch moderne Erfahrung, Zuschauer von Katastrophen zu sein, die sich in einem anderen Teil der Welt ereignen. Dies ist erst durch die
10 Ebd., S. 53.
11 Ebd., S. 53 f.
12 Sontag: Das Leiden anderer betrachten, S. 56.
13 Ebd., S. 20.
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Nachrichten, Reporter und Massenmedien möglich geworden. 14 Im Gegensatz zu einem Kriegsbericht, der sich, je nach Komplexität, Kontext oder Wortschatz, an einen größeren oder kleineren Leserkreis richtet, „verfügt ein Foto nur über eine einzige Sprache und ist im Prinzip für alle bestimmt“. 15 Der Fotografie kommt „bei der Vermittlung des Schreckens von massenhaft produziertem Tod eine Unmittelbarkeit und eine Autorität zu, die jeder sprachlichen Darstellung überlegen“ ist. 16
Susan Sontag hält fest, dass das Foto in einer Ära der Informationsüberflutung eine Methode bietet, etwas schnell zu erfassen und gut zu verinnerlichen. Wo es um das Erinnern geht, hinterlassen Fotografien eine tiefe Wirkung, denn das Gedächtnis arbeitet mit Standbildern und die Grundeinheit bleibt das einzelne Bild. 17 Als Grund dessen, wieso die Fotografie es schaffte, sich zu etablieren, nennt Sontag zwei gegensätzliche Punkte: Zum einen ist ein Foto eine Garantie für Objektivität und zum anderen werden Bilder immer auch aus einem bestimmten Blickwinkel aufgenommen. Fotografien sind eine Wiedergabe von etwas Realem; sie sind unanfechtbar im Gegensatz zu sprachlichen Darstellungen. 18 Gleichzeitig bezeugen Fotos unweigerlich dieses Reale, denn jemand musste zugegen sein, um diese Aufnahme tätigen zu können. 19 Welche Reaktionen rufen nun Kriegsbilder beim Rezipienten hervor?
Sontag macht deutlich, dass das größte Publikum der Bilder des Schreckens die Menschen ausmacht, die nicht direkt mit den schrecklichen Ereignissen konfrontiert sind. Die Reaktion eines Betrachters auf ein Foto hängt nicht davon ab, ob das Bild Werk eines erfahrenen Könners ist oder als naives Objekt gesehen wird, sondern davon, wie das Bild vom Betrachter identifiziert wird, was die Betrachtung der Bildlegende miteinbezieht. 21 Die Autorin betont die Wichtigkeit der Bildlegende eines Fotos, „die es erklärt - oder fälscht“. 22 Wenn eine Distanz zum Motiv vorhanden ist, kann der Rezipient das Bild auf mehrere Weisen deuten. Wo aber Protest gegen Krieg ausbleibt, lässt sich das Antikriegsfoto, das bei Kriegsgegnern den Krieg als grausam entlarvt, als Darstellung von Pathos oder als Darstellung eines bewundernswerten Heldentums in einem unvermeidlichen Kampf, der nur in Sieg oder Niederlage enden kann, sehen. 23 Die Absichten des Fotografen bestimmen also die Bedeutung eines Fotos nicht, das vielmehr zwischen den Launen und Loyali-
14 Ebd., S. 25.
15 Ebd., S. 27.
16 Sontag: Das Leiden anderer betrachten, S. 31 f.
17 Ebd., S. 29.
18 Ebd., S. 33.
19 Ebd.
20 Ebd., S. 14.
21 Ebd., S. 47 f.
22 Ebd., S. 17.
23 Ebd., S. 47 f.
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täten der verschiedenen Gruppen seinen eigenen Weg geht. 24 Fotos von grausamen Geschehnissen können also gegensätzliche Reaktionen beim Betrachter hervorrufen:
Sontag macht noch eine weitere Wirkung der Kriegsfotos aus: die Schockwirkung: „Das Bild schockiert - und darum geht es. Nachdem die Bilder ins Arsenal des Journalismus aufgenommen waren, sollten sie fesseln, bestürzen, überraschen.“ 26 Die Jagd nach möglichst dramatischen und schockierenden Bildern treibt das fotografische Gewerbe an. Laut Sontag, gehört dies zur Normalität einer Kultur, „in der der Schock selbst zu einem maßgeblichen Konsumanreiz […] geworden ist“. 27 Mit schockierenden Bildern lässt sich Aufmerksamkeit auf das eigene Produkt lenken, kann man Eindruck schinden. Und je größer die Bilderflut, desto schwieriger ist es, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. 28
Jedes Bild, das wir betrachten, sehen wir in einer bestimmten Umgebung. Diese Umgebungen haben sich in der Moderne vervielfältigt. 29 Es ist ein Unterschied, ob man ein Foto im Fotografiemuseum, in einer Galerie für zeitgenössische Kunst, in einem Buch, im Fernsehen oder in einer Zeitschrift sieht. 30 Sontag weist darauf hin, dass es heutzutage nicht mehr die Möglichkeit gibt, den Bildern ein Ambiente der Andacht zu garantieren, indem sie mit der gebotenen Hingabe betrachtet werden können. Der Grund dafür ist, dass massenweise Fotos auf vielerlei Art in Umlauf gebracht werden. 31
2.3. Bezug zu Susan Sontags Über Fotografie
In Das Leiden anderer betrachten hebt Susan Sontag zwei Ansichten über die Wirkungsweise von Fotografie hervor, die sie auch schon in ihrem früheren Werk mit dem Titel Über Fotografie diskutierte. Der erste Ansatz lautet, dass die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit durch die Aufmerksamkeit der Medien gelenkt wird, d.h. hauptsächlich durch Bilder. Ein Krieg wird „real“, wenn es von ihm Fotos gibt. 32 Ein Beispiel hierfür ist der Protest gegen den Vietnamkrieg, der durch Bilder mobilisiert wurde. Dies zeigt, wie stark uns Fotos darin beeinflussen können, welchen Katastrophen und Krisen wir unsere Aufmerksamkeit schenken, worum wir uns kümmern und letztlich
24 Ebd., S. 48.
25 Sontag: Das Leiden anderer betrachten, S. 20.
26 Ebd., S. 30.
27 Ebd.
28 Vgl. ebd.
29 Ebd., S. 140.
30 Vgl. ebd.
31 Ebd., S. 140 f. Siehe auch Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, S. 29.
32 Sontag: Das Leiden anderer betrachten, S. 121.
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auch, wie wir diese Konflikte beurteilen. 33 Der zweite Ansatz ist fast eine Umkehrung des eben Gesagten: In einer mit Bildern gesättigten bzw. übersättigten Welt haben gerade jene Bilder, auf die es ankommen sollte, eine dämpfende Wirkung. Wir stumpfen ab. Solche Bilder nehmen etwas von der Fähigkeit zu fühlen. 34 Im ersten Essay mit dem Titel In Platos Höhle aus der Essaysammlung Über Fotografie hat Sontag die Auffassung vertreten, dass zwar ein Geschehen, das wir durch Fotos kennenlernen, realer wird als es ohne Bebilderung je sein könnte, doch verliert dieses Geschehen an Realität, wenn es immer und immer wieder abgebildet wird. 35 So sehr Fotos Mitgefühl wecken können, so sehr sind sie auch in der Lage, es wieder schrumpfen zu lassen. 36 In Das Leiden anderer betrachten überprüft Susan Sontag ihre 1977 getätigte Aussage aufs Neue und stellt sich folgender Frage:
Für ihre damals vertretene Ansicht spricht, dass das Medium Fernsehen, unser wichtigstes Nachrichtenmedium heute, ein Übermaß an Bildern produziert. Die Bilderflut sorgt dafür, dass die Aufmerksamkeit locker, beweglich und gegenüber den Inhalten relativ gleichgültig bleibt. Die Bilderflut verhindert, dass eine Rangordnung zwischen den Bildern entsteht. Des Weiteren ist es beim Fernsehen entscheidend, dass man die Möglichkeit hat, umzuschalten und dass es durchaus normal ist, zwischen den Programmen zu wechseln. 38 Ein reflektiertes Sicheinlassen auf den Inhalt setzt ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit voraus. 39 Gerade dadurch, dass der Inhalt nach und nach aus den Bildern herausgewachsen ist, tragen sie, laut Sontag, zur Gefühlsabstumpfung bei. Kriegsgräuel sind also zu einer „allabendlichen Belanglosigkeit“ verkümmert. 40 Wir als Zuschauer verlieren bei der Flut an Bildern die Fähigkeit, zu reagieren. Auf diese Weise werde das Mitgefühl ständig überfordert und erlahme schließlich, so Sontag. 41
Sontags These lautet also, dass der passive, undistanzierte Konsum der Masse an Fotografien, des Fernsehens und des Internet das Wahrnehmen, Begreifen und Erkennen realer Ereignisse verhindern oder stark beeinträchtigen kann. Die Fotografie ist in dieser Rezeptionshaltung wie Sontag In Platos Höhle ausdrückt, ein „Abklatsch der Erkenntnis“ und ein „Abklatsch der Weisheit“. 42 Das heißt, dass man zwar Bilder der Wirklichkeit sieht, doch dies ist nicht gleich bedeutend damit,
33 Ebd., S. 121 f.
34 Sontag: Das Leiden anderer betrachten, S. 122.
35 Ebd.
36 Ebd.
37 Ebd.
38 Ebd., S. 123.
39 Ebd.
40 Ebd., S. 125.
41 Ebd.
42 Sontag: Über Fotografie, S. 29.
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Arbeit zitieren:
Doreen Fräßdorf, 2009, Kritik an der visuellen Leichtgläubigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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