Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung 3
Die dionysisch-bakchischen Mysterien 1. 4
1.1 Funktion und Organisation 4
1.1.1 Der wandernde Charismatiker 5
1.1.2 Der freie Kultverein 6
Zeugnisse dionysisch-bakchischer Mysterien 2. 7
2.1 Das Corpus der Goldblättchen 7
2.2 Die Graffiti aus Olbia 8
2.3 Weitere Zeugnisse 8
Burkerts Schlußfolgerungen aus dem Quellenmaterial 3. 9
3.1 Argumentation in Antike Mysterien’ 9
3.2 Burkerts jüngste Publikation zum Thema 11
Kritische Stellungnahme 4. 12
Abschlie ßende Betrachtung 16
Literaturverzeichnis 18
2
Vorbemerkung
Die Beziehung der dionysisch-bakchischen Mysterien zu jenen Schriften, Gruppen und Personen, die man unter den Begriffen ‚Orphik’ und ‚Orphiker’ zusammenfaßt, ist ein seit vielen Jahren sehr kontrovers diskutiertes Thema. In keinem anderen Bereich der Altertumswissenschaften, und insbesondere der antiken Religion, ist innerhalb der letzten Jahrzehnte durch Neufunde ein solcher Umschwung eingetreten wie im Bereich der Orphik. Ich werde mich in der vorliegenden Arbeit mit der Darstellung der dionysisch-bakchischen Mysterien und deren Beziehung zur Orphik bei Walter Burkert auseinandersetzen. Ich beschränke mich dabei größtenteils auf zwei Publikationen Burkerts, nämlich auf das Buch ‚Antike Mysterien: Funktion und Gehalt’ 1 und ergänzend dazu auf seine jüngste Publikation zum Thema ‚Die neuen orphischen Texte: Fragmente, Varianten, ‚Sitz im Leben’’ 2 . Im 1. Teil dieser Arbeit werde ich ausschließlich Burkerts Darstellung der Thematik referieren, wobei hier ein allgemeiner Überblick über das weite Feld der dionysisch-bakchischen Mysterien im Zentrum steht. Im 2. Teil werde ich, ebenfalls Burkerts Darstellung folgend, den Fokus auf die Zeugnisse bakchischer Mysterien lenken, die für die hier behandelte Thematik von zentraler Relevanz sind. Im 3. Teil werde ich mich bemühen, Burkerts Schlußfolgerungen aus den Quellen zu extrahieren und seine Argumentation reflexiv herauszuarbeiten. Dabei werde ich auch auf eventuelle Unterschiede und Entwicklungen von Burkerts Position zum Thema in seinen beiden genannten Publikationen eingehen. Teil 4 wird der Versuch einer eigenen Stellungnahme sein, in welcher ich Burkerts Thesen und Argumentationen analysieren, kritisch beleuchten und hinterfragen werde. Aus Platzgründen ist selbstverständlich keine vollständige Darstellung und Diskussion Burkerts Ausführungen zu diesem Sujet möglich. So werde ich beispielsweise den Papyrus von Derveni und die apulischen Vasen nur kurz erwähnen und aus den Teilen 3 und 4 ganz herauslassen. Auch meine Ausführungen in den beiden letztgenannten Punkten erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist vielmehr der Versuch, einen Ausgleich zu finden zwischen der Weite des thematischen Feldes und der Enge des hier gebotenen Raumes.
1 Bukert, Walter: Antike Mysterien. Funktionen und Gehalt. 3., durchges. Aufl., München: Beck, 1994.
2 Burkert, Walter: Die neuen orphischen Texte: Fragmente, Varianten, ‚Sitz im Leben’. In: ders. u.a. (Hg.),
Fragmentsammlungen philosophischer Texte der Antike (1998), S. 387-400.
3
1. Die dionysisch-bakchischen Mysterien
Burkerts Darstellung zufolge wurde Dionysos, der Gott des Weines und der Ekstase, allerorts und in vielfacher Art und Weise verehrt. Neben den offiziellen Kulten und Festen zu Ehren des Gottes gab es auch persönliche, geheime Rituale (teletai), die dem Eingeweihten ein seliges Dasein im Jenseits versprachen und gleichzeitig ein besonderes Verhältnis zum Gott konstituierten. Die Existenz solcher exklusiver Mysterienweihen wurde erst in jüngster Zeit durch die Neufunde weiterer Goldblättchen aus Gräbern bestätigt 3 . Die Mysterien des Dionysos waren neben denen von Eleusis am weitesten verbreitet, erscheinen nur kurz nach diesen in der Dokumentation (mindestens seit dem 5. Jh.v.Chr.) und bleiben über Jahrhunderte hinweg, nicht näher bestimmbaren Veränderungen unterzogen, ebenfalls bestehen 4 . Immerhin ist gesichert, daß bakchichsche Weihen bis ins 4. Jh.n.Chr. durchgeführt wurden 5 . Mit Sicherheit waren die dionysischen Mysterien sehr vielgestaltig. So wird z.B. der Mythos von der Zerreißung des Dionysos einige Male ausdrücklich mit diesen Mysterien verbunden; das dies allgemein gültig war, ist jedoch keineswegs gesichert. Es gab für Dionysosmysterien, im Gegensatz zu Eleusis, kein festes Zentrum. Nachweise für ihre weite Verbreitung finden sich in Gebieten am Schwarzen Meer bis nach Ägypten und von Kleinasien bis nach Süditalien 6 .
1.1 Funktion und Organisation
Nach Burkert sind Mysterien in einer ersten Annäherung als Initiationsrituale zu bestimmen. Die Zulassung hängt demnach von einer persönlichen, exklusiven Zeremonie ab, der sich jeder einzelne zu unterziehen hat. Damit ändert sich der Status des Initianten (in seiner Innensicht) gegenüber der Gottheit und er tritt in den inneren Kreis der Vertrauten ein. Ein Wandel ist im Falle der antiken Mysterien dabei nicht in der sozialen Stellung des Eingeweihten zu konstatieren, sondern in der Persönlichkeitsstruktur, „die von einer besonderen Erfahrung im Bereich des Heiligen herrührt“ 7 . Die Mysterien erfüllen zweifellos
3 Burkert 1994, a.a.O., S.12.
4 Ebd. S.10.
5 Ebd. S.39.
6 Ebd. S.12f.
7 Ebd., S.15.
4
einen lebenspraktischen Zweck und sind den Freuden und Lüsten des irdischen Lebens durchaus zugetan. Platon erwähnt z.B. eine Art ‚Therapie’ psychosomatischer Leiden durch bakchische teletai, bei welcher durch einen induzierten, reinigenden ‚Wahnsinn’ Störungen und Verkrampfungen aller Art gelöst werden sollen 8 . Nachdrücklich betont wird jedoch das Versprechen und die Verheißung einer seligen postmortalen Existenz, die dem Initianten durch die rituelle Einweihung zugesichert wird. Obwohl es in Gelehrtenkreisen gelegentliche Zweifel gab, diese jenseitsbezogene Dimension dem Dionysoskult bereits in der Frühzeit zuzutrauen, ist diese Ausrichtung mindestens seit dem 5. Jh.v.Chr. anzunehmen, da die deutlichsten Zeugnisse dafür eben aus der klassischen Epoche stammen 9 . Lehren und Vorstellungen mit ihren impliziten Bedeutungen geben den Menschen ein Mittel in die Hand, mit ihren Ängsten, Nöten und verschiedensten Bedürfnissen zurechtzukommen. Dabei ist es wichtig nach der Organisation, den Funktionsträgern und dem sozialen Hintergrund der Mysterien zu fragen 10 . Bei den bakchischen Mysterien treten vor allem zwei Organisationsformen in Erscheinung: der wandernde Charismatiker und der freie Kultverein. Die Mysterien von Lerna sind bisher das einzige Beispiel für an ein lokales Heiligtum gebundene bakchische Mysterien (datiert ins 4.Jh.n.Chr.) 11 .
1.1.1 Der wandernde Charismatiker
Der wandernde Seher oder Charismatiker, der Reinigungen und Weihen anbietet, hat seine Kunst von einem Meister, einem geistigen oder realen ‚Vater’, übernommen, wobei die Übernahme zugleich auch als Weihe fungiert. Das ‚Familienmodell’ garantiert die Eigenart und Kontinuität der Tradition. Der Charismatiker arbeitet unabhängig, für eigenen Gewinn und auf eigenes Risiko. Der Seher lebt meistens in Armut am Rande der Gesellschaft, oftmals verachtet und feindlich abweisend behandelt. Nur in seltenen Fällen, beispielsweise im Krieg, hatte er die Möglichkeit, sich zu bewähren und zu einem Vermögen zu kommen 12 . Burkert zitiert Platon mit seiner Beschreibung der wandernden Charismatiker, die an den Türen der Reichen ihre Weihen auf Grund von Büchern des Orpheus und des Musaios
8 Burkert 1994, a.a.O., S.25.
9 Ebd. S.27.
10 Ebd. S.35.
11 Ebd. S.111, Anm. 23.
12 Ebd. S. 36.
5
Arbeit zitieren:
Frederik A. Behrens, 2005, Mysterien des Dionysos und die Orphik bei Walter Burkert, München, GRIN Verlag GmbH
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