Leitmotive in Thomas Manns „Der Tod in Venedig“
Einleitung. 5
Das Leitmotiv in der Musik. 6
Das literarische Leitmotiv 7
Formen des Leitmotivs: 8
Das literarische Leitmotiv bei Thomas Mann 9
Der Tod in Venedig, Handlung 10
Literaturgeschichtliche Einordnung. 13
Gattung und Aufbau 14
Apollinisch versus dionysisch 15
Leitmotiv Todesboten. 18
Die Reihe der Todesfiguren mit Gruppeneinteilung 19
Der Wanderer: 20
Der Zahlmeister 21
Der falsche Jüngling 21
Der Gondolier 22
Der Bademeister 22
Der Sänger 22
Der Clerk im Reisebüro. 23
Der Coiffeur. 23
Tadzio als Psychagoge. 24
Jaschu. 24
Aschenbach. 24
Sonstige Leitmotive 25
Leitmotiv Natur 25
Leitmotiv Venedig. 30
Leitmotiv Tiger. 31
Leitmotiv üppig 32
Leitmotiv U-Ruf 34
Leitmotiv Zügeln 34
Leitmotiv Zucht 35
Leitmotiv Perlen 36
2
Leitmotiv Jaschu. 37
Leitmotiv Rot. 38
Leitmotiv Bezeichnung. 39
Schlussfolgerung 41
Empfehlungen für weitere Studie 41
Literatur 42
3
Der Wanderer am Münchner Nordfriedhof, das düstere Polesaner Schiff, der greise Geck, der verdächtige Gondolier, Tadzio und die Seinen, die durch Gepäckverwechslung mißglückte Abreise, die Cholera, der ehrliche Clerc im Reisebüro, der bösartige Bänkelsänger oder was sonst anzuführen wäre - alles war gegeben, war eigentlich nur einzustellen und erwies dabei aufs verwunderlichste seine kompositionelle Deutungsfähigkeit.
Leitmotive in Thomas Manns „Der Tod in Venedig“
Einleitung
In dieser Studie wird versucht, die Leitmotive in Thomas Manns „Tod in Venedig“ zu ermitteln und sie als wesentliche Elemente der Struktur zu erfassen. Dazu dürfte es sich empfehlen, einige Begriffe, die angewandt werden, zu benennen und zu definieren: 1. Geschichte: Die durch die Wortgestalt der Erzählung geschaffene Welt der Personen
2. Situation: 3. Text: 4. Struktur:
Thomas Mann hat die Novelle „Der Tod in Venedig“ zu seinen Hauptwerken gezählt. Zum Erfolg haben vermutlich auch der pittoreske Schauplatz und die dem klassischen Drama angehauchte Form beigetragen, worin uns auf kleinem Raum, zeitlich begrenzt und dramaturgisch konsequent, die Untergangsgeschichte eines Künstlers vorgestellt wird. Aschenbachs Untergang wird durch seine Liebe für Tadzio verursacht. Das war in 1912 ein heikles Thema, auch in einem literarischen Werk. Bemerkungswert ist eine Aussage Stefan Georges in der „Einleitung“ seiner Umdichtung der Shakespeare Sonette (1909) 1 : […] im mittelpunkte der sonettenfolge steht in allen lagen und stufen die leidenschaftliche hingabe des dichters an seinen freund. Dies hat man hinzunehmen auch wo man nicht versteht und es ist gleich töricht mit tadeln wie mit rettungen zu beflecken was einer der grössten Irdischen für gut befand. Zumal verstofflichte und verhirnlichte zeitalter haben kein recht an diesem punkt worte zu machen da sie nicht einmal etwas ahnen können von der weltschaffenden kraft der übergeschlechtlichen Liebe.
Homosexualität 2 war zur Zeit der Erscheinung der Novelle im Deutschen Kaiserreich verboten und wurde aktiv verfolgt; es gab Skandalprozesse wegen Homosexualität gegen Friedrich Alfred Krupp (1902) und Philipp zu Eulenburg (1907-1909). Der Sexualforscher Magnus Hirschfeld und sein humanitäres Komitee zur Abschaffung der Strafbarkeit der Homosexualität, u.a. von den Autoren Hauptmann, Rilke, Hesse, Thomas und Heinrich Mann, Stefan Zweig und Schnitzler unterstützt, bemühte sich um Liberalisierung der Homosexualität in Deutschland. Das galt nicht für Päderastie; bis heute ist Päderastie ein Sonderfall und auch jetzt noch strafbar. Der Literaturwissenschaftler Carl Busse schrieb 1913 über „Der Tod in Venedig“ 3 : Ohne Zweifel wird man das Thema peinlich finden, aber man muß bekennen, daß es mit vorbildlicher Zartheit behandelt wird. Im bürgerlich-moralischen Sinne bleibt der Held völlig „korrekt“; er nähert sich dem schönen Knaben überhaupt nicht, er spricht nie ein Wort mit ihm […]. Jedenfalls: soweit die Kunst an sich ein solches Thema überhaupt von dem peinlichen Erdenrest, der ihm anhaftet, befreien kann, ist es hier geschehn.
1 Großschreibung nach der Gesamtausgabe (1931), Otto von Holzen, Berlin.
2 Der Abschnitt über Homosexualität gründet auf Sascha Kiefers Der Tod in Venedig, Aspekte der Interpretation
3 Carl Busse in Velhagen & Klasings Monatshefte 27 (1912/13). Zit. n. RUB 8188, S. 146. Zitat aus: Kiefer S. 14
5
Und der Theaterkritiker und Publizist Alfred Kerr schrieb 1913 4 : Bei Mann ist mehr literarische Fleißarbeit. Für die Herstellung liest er Sachen aus dem klassischen Altertum nach und versucht (trüb und fein) mit seinem Buchauszug die Handlung zu plombieren. […] Und wenn einmal der Junge, Tadzio, lächelt, sagt ohne Säumnis der arbeitsame Verfasser: ›Es war das Lächeln des Narziß, der sich über das spiegelnde Wasser neigt […] Nun freilich. Das war es. Oder: „Hyakinthos war es, den er zu sehen glaubte […]“. Jedenfalls ist hier Päderastie annehmbar gemacht für den gebildeten Mit-telstand.
Der Literaturwissenschaftler Fritz Martini schrieb in seiner Interpretation der letzten fünf Absätze des vierten Kapitels:
Dieses banale „Ich liebe dich“ ist, gerade in seiner Einfalt, ein großes stilistisches Wagnis, die höchste Gipfelung der Pointen 5 .
Zur Homoerotik hat Thomas Mann öfters Stellung genommen. In seinem Aufsatz „Über die Ehe“ (1924) schreibt er 6 :
Tatsächlich ist über eine Gefühlszone, aus der das Mediceergrabmal und der David [Michelangelo], die Venezianischen Sonette [Von Platen] und die Pathéthique in h-moll [Tschaikowsky] hervorgegangen sind, nicht gut schimpfen oder spotten. […] In Bezug auf Von Platens berühmte Tristan-Verse Wer die Schönheit angeschaut mit Augen / Ist dem Tode schon anheimgegeben erklärte Thomas Mann, dass sie die Ur- und Grundformel alles Ästhetizismus bildeten und die Homoerotik mit Fug und Recht […] erotischer Ästhetizismus zu nennen sei. Im Hinblick auf den „Tod in Venedig erklärt er in „Über die Ehe“, dass es sich dabei um eine Verfassung handele, auf die er sich selbst mit einem Teil seines Wesens beizeiten ver-standen habe.
Obwohl man einen Autor nicht mit den Protagonisten aus seinen literarischen Werken gleich setzten darf, muss man aber feststellen, dass Thomas Mann und Gustav Aschenbach charakterlich sehr ähnlich sind. Dieser Eindruck wird verstärkt durch Aschenbachs Lebensbeschreibung in Kapitel zwei der Novelle.
Das Leitmotiv in der Musik
Der Begriff „Motiv“ stammt vom lateinischen movere (bewegen). Ein Motiv ist der Beweggrund für ein Werk oder eine Tat. Mehrere Motive können zu einem Thema zusammen gefasst werden, aber ein Thema kann auch aus nur einem Motiv bestehen. Das Leitmotiv ist ein Sonderform des Motivs, das an einer Person, Sache oder Situation verbunden, in der Gesamtheit des Werkes regelmäßig wiederzufinden ist und assoziativ einen konkreten poetischen Sinngehalt, eine Idee oder ein Gefühl symbolisiert. Je nach Kunstrichtung (Musik, Malerei, Architektur, Literatur usw.) werden unterschiedliche Motive eingesetzt. So können Farben, Stimmungen, Symbole, Personen, Tonfolgen, Sätze und vieles mehr als Leitmotiv benutzt werden. Weil die Ausdrucksmöglichkeiten sich pro Kunstrichtung unterscheiden, kann, wie für das literarische Leitmotiv deutlich gemacht wird, die genaue Definition dieses Begriffes pro Kunstrichtung verschieden sein. Leitmotive sind in der Musik bekannter als in der Literatur. Um literari- 4 AlfredKerr in Pan 3 (1913), zit. n. RUB 8188, S. 140f Zitat aus: Kiefer S. 16
5 Martini (1961, S. 222) Zitat aus Bahr S. 58
6 Bahr S. 57/58: Die hier erwähnte Zitate stammen alle aus Thomas Manns Aufsatz: Über die Ehe
6
sche Leitmotive richtig zu verstehen, ist es sinnvoll zuerst das musikalische Leitmotiv zu erklären.
In der Musik ist ein Motiv ein kurzes melodisches Fragment, das den elementaren Baustein für ein musikalisches Thema bildet. Ein Leitmotiv ist eine Sonderform eines solchen Motivs und hat nebst seiner normalen musikalischen Funktion auch eine Erinnerungs- oder Ahnungsfunktion. Das Leitmotiv charakterisiert in musikdramatischen Werken wiederkehrend eine bestimmte Person oder Situation. Obwohl das Leitmotiv hauptsächlich mit Musikdramen, wie Opern verbunden ist, kommt es auch in symphonischer Programmmusik vor. Bekannte Beispiele sind Prokofjews „Peter und der Wolf“ und Smetanas „Die Moldau“.
Leitmotive sind schon in den Werken von Monteverdi, den ersten bedeutenden Opernkomponist (1567-1643) nachweisbar und sind seitdem von vielen großen Opernkomponisten wie Carl Maria von Weber, Giuseppe Verdi und Vincento Bellini angewandt worden. Das Wort „Leitmotiv“ tauchte 1871 in Friedrich Wilhelm Jähns „Verzeichnis der Werke Carl Maria von Webers“ erstmalig auf.
Im Allgemeinen besteht ein Thema aus einem oder mehreren Motiven, die eine musikalische Einheit bilden. Die Begriffe Motiv und Thema sind aber nicht eindeutig abzugrenzen. Ein Meister der Anwendung des Leitmotivs war Richard Wagner, Komponist und Gründer des Gesamtkunstwerks, einer Kunstform, in den der Komponist für die Musik und das Libretto ver-antwortlich ist. Wagner hat das Leitmotiv häufig verwendet und die Reichweite stark erweitert; man könnte bei ihm von Leitharmonien sprechen, die ein strukturelles Element in seinen Musikdramen bilden. In den späteren Werken Wagners werden nicht nur Personen, Handlungen und Gemütslagen, aber manchmal auch personifizierte materielle Sachen wie Schwertmotiv und Walhallamotiv von Leitmotiven symbolisiert 7 .
Die Leitmotive bilden einen roten Faden durch die Tetralogie „Ring des Nibelungen“, Wagners berühmtestes Gesamtkunstwerk. Der „Ring“ ist wegen der langen Dauer (vier Opern, fünfzehn Stunden Musik!), aber auch wegen der sogenannten „unendlichen Melodien“ (durchgehende Melodien ohne abgegrenzte Arien, wie es sonst in Opern üblich ist) ein komplexes Kunstwerk. Leitmotive bieten den Zuschauern einen Halt, der es ermöglicht Personen, Sachen und Gemütslagen mit einander zu verbinden, auch wenn die Person oder Sache nicht visuell auf der Bühne anwesend ist. Dadurch ist der Zuschauer mittels des Leitmotivs mehr an der Person oder der Sache beteiligt, wodurch die Musik eine konkretere Bedeutung bekommt. Diese Leitmotive (Wagner nannte sie Gefühlsmomente) tauchen unabhängig von der linearen Handlung auf. Sie verweisen als „Erinnerung“ auf die Vergangenheit oder als „Ahnung“ auf die Zukunft. Dadurch wird ein Netz, das den linearen Zeitraum durchbricht, gewebt, denn das Leitmotiv verweist auf die Vergangenheit und/oder die Zukunft.
Das literarische Leitmotiv
Es ist nicht sicher, ob das literarische Leitmotiv aus der Musik stammt, obwohl immer - so auch von Thomas Mann selbst - auf die Musik und bei Thomas Mann insbesondere auf Wagner verwiesen wird. Sicher ist, dass das Leitmotiv im Musikdrama ein wichtiges, nicht wegzudenkendes Phänomen bildet, und dass Thomas Mann mit dem Leitmotiv seine Erzähltechnik vertieft hat. Literarische Leitmotive sind von vielen Autoren mehr oder weniger bewusst angewandt 8 . Theodor Fontane hat in „Effi Briest“ (1895) das Leitmotiv auch schon angewandt. „Wasser“ ist für Effi Briest immer ein Bild der Gefahr und ist in der Geschichte ein situationelles Leitmotiv.
7 Eine Einführung in die Terminologie der Wagnerschen Musik bietet Prof. Dr. K. Bernet Kempers (Herinnerings- motieven,Leidmotieven, Grondthema’s, Amsterdam 1929).
Eine praktische Darstellung der wagnerischen Leitmotive bietet: http://www.richard-wagner-werkstatt.com/ring/
8 Zum Beispiel James Joyce’s Ulysses, Bulhof S. 2/3
7
Der Ausdruck „ein weißes Feld“ ist ein Beispiel eines textuelles Leitmotivs. Der wilde Wein aus Effis Heimatland steht leitmotivisch für Ungebundenheit und Freiheit. Das literarische Leitmotiv trägt die Grundzüge eines musikalischen Themas: Es besteht manchmal aus einem einzelnen Motiv, manchmal aus mehreren, es wird variiert und ausgearbeitet, ohne dass dabei die Grundelemente des Leitmotivs verloren gehen, es bezieht sich immer auf schon Gewesenem und hilft dem Leser eine bestimmte Person oder Situation wieder ins Gedächtnis zu holen.
Dabei fallen zwei wesentliche Unterschiede zwischen dem literarischen und dem musikalischen Leitmotiv auf:
• In der Literatur hat der Autor viel mehr Möglichkeiten, das Subjekt mit dem Leitmotiv aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten. In „Der Tod in Venedig“ sind alle Todesfiguren Aschenbach völlig fremd, sie sind alle kräftig, herrschend oder auch wie ein Reisender gekleidet und haben alle Züge anderer Rassen.
• Das literarische Leitmotiv hat immer eine doppelte Optik. Anders als in der Musik dient das Leitmotiv nicht nur dazu Erinnerungen aufzurufen, sondern muss auch die jeweilige Gegenposition mit in Betracht gezogen werden: Jeder einzelne Begriff erscheint in doppelter Optik mit doppelter Potenz. Eine Person in „Der Tod in Venedig“, die nicht fremd, kräftig, herrschend oder wie ein Reisender gekleidet ist, und keine Züge von anderen Rassen hat, ist demzufolge keine Todesfigur. Die doppelte Optik kann aber so komplex sein, dass es manchmal schwer festzustellen ist, was sich genau hinter einem Leitmotiv verbirgt, welche Ebenen mit angesprochen werden oder auf welcher dieser Ebenen es auf welche Art und Weise funktioniert. Das Auftauchen eines Leitmotivs muss aber den Leser dazu veranlassen, nach anderen Ebenen zu suchen, die doppelte Optik zu suchen und somit den Text unter seiner Oberfläche zu überprüfen.
Das literarische Leitmotiv ist also ein eigenständiger Begriff, der aus detaillierten und raffinierten Auswirkungen der normalen Mittel der Wiederholung und Kontrast besteht, die alle Künste mit einander gemeinsam haben. Ob die Herkunft des Leitmotivs aus der Musik oder der Literatur stammt, ist die berühmte Frage nach der Henne und dem Ei.
Thomas Mann führt uns mit Leitmotiven wie mit einem Ariadnefaden durch die Geschichte und so angeleitet fällt dem Leser noch manches kleinere und größere Muster im dichtgeknüpften Teppich auf.
Formen des Leitmotivs:
Leitmotive können ihrer Erscheinungsart nach, unabhängig von der Geschichte formuliert werden. Es ist aber auch möglich, die Leitmotive thematisch zusammenzunehmen. In dieser Studie ist die thematische Einteilung: Leitmotive, die mit den Todesboten zusammenhängen und sonstige Leitmotive.
In beiden Gruppen können die Leitmotive rein textlich oder als Doppelung vorkommen. Eine formelle Einteilung, unabhängig von der Geschichte ist: 1. Doppelung:
3. Textliches Leitmotiv: Die Doppelung und das situationelle Leitmotiv beruhen nicht auf textlicher Wiederholung. Auch das textliche Leitmotiv beruht nicht notwendigerweise auf textlicher Wiederholung; bei einem Leitmotiv „Kopfbedeckung“ können, stellvertretend für Hut, Elemente aus einem homogenen
8
Wortfeld 9 Kopfbedeckungsformen, wie Panama, Bersaglieri oder Strohhut gebraucht werden, was in „Der Tod in Venedig“ auch tatsächlich der Fall ist.
Das literarische Leitmotiv bei Thomas Mann
Laut Helmut Koopmann nimmt das epische Leitmotiv:
Bezug auf das, was schon einmal genannt wurde, auf bereits relativ eindeutig charakterisierte Personen, Gebärden, Gegenstände und Situationen. Das epische Leitmotiv ist ein „Zeichen“, und die so „bezeichneten“ Figuren bekommen dadurch jeweils eine Allgegenwart, die es ihnen gestattet, auch weiterhin in epischer Zukunft wiederzukehren 10 . Er macht die Unterschiede der Leitmotivtechnik bei Thomas Mann und Richard Wagner wie folgt deutlich 11 :
Das Thomas Mannsche Leitmotiv nimmt dabei, im Gegensatz zu dem Wagners, nicht Bezug auf Phänomene, für die das Leitmotiv nur eine Chiffre darstellt, sondern auf einen bedeutungsvollen Zusammenhang, der mit dem ersten Kapitel des jeweiligen Romans dargestellt wurde. War das Leitmotiv Wagners eine Chiffre für einen zuweilen sogar abstrakten oder auch emotionalen Gehalt, so ist das durch Wiederholung zum Leitmotiv ge-wordene Motiv bei Thomas Mann Teil einer umfassenderen Situation. Jede Wiederholung bedeutet dabei den Einbezug neuer Situationen; erst die Kette der wiederholten Motive erstellt kaleidoskopartig einen leitmotivischen Zusammenhang. Thomas Mann wird öfter von Richard Wagner inspiriert:
Mit Neid empfindet man hier […] welche Möglichkeiten der Vereinheitlichung und der geistreich oder innig-sinnigen Vertiefung die Wagnerisch-motivische Kunstarbeit gewährt,[…]. 12
[…] und früh habe ich bekannt, dass Wagners Werke […] mich immer aufs neue mit einer neidisch-verliebten Sehnsucht erfüllten, wenigstens im kleinen und leisen, auch dergleichen zu machen. 13
Wahrscheinlich spricht Thomas Mann in beiden Zitaten nicht nur von einem Leitmotiv, das man als Selbstzitat innerhalb eines Werkes definieren kann, sondern vor allem vom Zitat als solchem: von wörtlichen Zitaten aus älterer Literatur, Variationen auf ein gegebenes Thema und von bloßen Anklängen an seine früheren Werke oder solche seiner Lehrmeister 14 . Wie man bei Wagner von Leitharmonien sprechen könnte, kann mann bei den Todesboten in „Der Tod in Venedig“ von einer zusammenhängenden Kette von Leitmotiven sprechen.
Gerade diese Kette von Leitmotiven erweist sich, sobald man das Phänomen erkannt hat, als einer der prägnantesten Bestandteile der Erzähltechnik in Thomas Manns „Tod in Venedig“.
9 Ein Wortfeld besteht aus einer Menge von Wörtern, die zueinander in Relationen stehen. Diese Wörter gehören derselben Wortklasse an, sind inhaltlich einander Ahnlich und haben einander Ahnlich und haben einen gemeinsamen Referenzbereich, z.B. denselben Oberbegriff. Diese Wortfelder werden auch als homogene Wortfelder bezeichnet.
10 Koopmann S. 53
11 Koopmann S. 54/55
12 Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen S. 414
13 Mann: Rede und Antwort S. 360.
14 Wirtz S. 64/65
9
Arbeit zitieren:
Ton van der Steenhoven, 2006, Leitmotive in Thomas Manns "Der Tod in Venedig", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung Der Tod in Venedig
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 21 Seiten
Die Diffusion von Innovationen. Grundlagen und Diffusionsprozesse in d...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 17 Seiten
Das Leitmotiv Tod im 'Tod in Venedig' von Thomas Mann
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 20 Seiten
Der Zusammenhang zwischen Gruppenkohäsion und Gruppenleistung
Psychologie - Allgemeine Psychologie
Hausarbeit, 60 Seiten
Der Erfolg des Internet aus diffusionstheoretischer Sicht
Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Thomas Manns: "Der Tod in Venedig" - Schauplätze und Motive ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Textzusammenfassung - Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommu...
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Seminararbeit, 12 Seiten
Der moderne Dichter in vormoderner Gesellschaft - Zur Position des Pr...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Venedig als Décadence-Symbol in 'Der Tod in Venedig' von Thoma...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Rogers & Bass Model Discus...
BWL - Unternehmensforschung, Operations Research
Studienarbeit, 9 Seiten
Die Normative Exzellenztheorie von Grunig et al. und ihre Implikatione...
Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing
Seminararbeit, 28 Seiten
OTTO - A German and International CSR Leader
BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik
Hausarbeit, 26 Seiten
Maere, Novelle, Novellentheorie
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Und die Frage "was nun?&q...
Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft
Hausarbeit, 28 Seiten
Das Apollinische und Dionysische in Friedrich Nietzsches Werk 'Die...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Ton van der Steenhoven's Text Leitmotive in Thomas Manns "Der Tod in Venedig" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Ton van der Steenhoven hat den Text Leitmotive in Thomas Manns "Der Tod in Venedig" veröffentlicht
Ton van der Steenhoven hat einen neuen Text hochgeladen
Death in Venice, Tonio Kroger, and Other Writings: Thomas Mann
Thomas Mann, Frederick A. Lubich, Harold Bloom
0 Kommentare