Windenergieanlagen -Entwicklungsimpulse für
ländlich periphere Regionen in Spanien?
Entwicklungseffekte von Windparks in drei ländlich
peripher gelegenen Kommunen in Spanien.
Vorwort
Vorwort
Bei häufigen Aufenthalten in Spanien bin ich von Jahr zu Jahr immer wieder von der größer werdenden Präsenz moderner Windmühlen überrascht worden. Zwar sind die Windmühlen, gegen welche Don Quixote vergebens ankämpfte, in unserem Spanienbild tief verankert, jedoch dominieren heutzutage nicht jene archaischen Mühlen das Landschaftsbild, sondern mehr und mehr deren Vertreter der modernen Art. Da ich zeitweise in einem Unternehmen arbeitete, von dem Windparks geplant, gebaut und auch betrieben wurden, stieß diese Entwicklung bei mir auf ein lebhaftes Interesse.
Durchaus kann man auch in dem führenden Windenergieland Deutschland diesen Prozess beobachten, jedoch erschien mir die rasante Entwicklung in Spanien außergewöhnlich. Konnte sich das Auge in Deutschland über fast zwei Jahrzehnte an neue Objekte in der Landschaft nach und nach gewöhnen, schien sie sich in Spanien innerhalb weniger Jahre zu ändern.
Mit jedem Besuch fragte ich mich immer häufiger, ob die lange in Spanien unter der Landflucht leidenden Dörfer auch von dieser Entwicklung profitieren würden. Oder ob sie von der Entwicklung wie von einer Lawine überrollt werden und davon fast nur Auswärtige profitieren.
Eine im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Reportage mit dem exzessiv anmutenden Titel „Die neuen Scheichs von La Muela: Das Geld kommt mit dem Wind“ inspirierte mich dieses Thema auch in meiner Magisterarbeit zu behandeln. La Muela in Aragonien erschien wie der ideale Untersuchungsort. Die Reportage und euphorische Berichte in der spanischen und auch internationalen Presse suggerierten einen fast unheimlichen Wirtschaftaufschwung, der angeblich allein dem Wind geschuldet war.
Nach langer Vorbereitung musste ich, leider erst vor Ort, feststellen, dass ein Großteil des Reichtums auf die Ausbreitung des suburbanen Raumes von Saragossa zurückzuführen war. Schlimmer noch, die zu dieser Zeit in ganz Spanien aufgedeckten Skandale um als Bauland deklariertes Land warfen auch ihre Schatten auf das „Windemirat“. Die Mutmaßungen und Spekulation über eine Verwicklung der lokalen Politiker ließen keine tiefere Untersuchung zu. Es herrschte ein aufgeheiztes politisches Klima, in dem Gesprächstermine abgesagt wurden oder sie konnten aus Abneigung gegenüber
Vorwort
allem, was den Anschein von einem Interview hatte, gar nicht erst vereinbart werden. Die geführten Gespräche waren oft von Parteilichkeit und Schuldzuweisungen geprägt. Diese Umstände nötigten mich die Untersuchung abzubrechen. Trotz der ernüchternden Erlebnisse (und Ergebnisse) war mein Interesse nicht erloschen. So nahm ich nach gründlicher Überlegung einen neuen Anlauf.
Dass diese Magisterarbeit vollendet wurde, ist nicht nur mein Verdienst, sondern es ist auch denen zu danken, die mich bei der Erstellung unterstützt und motiviert haben.
Mein besonderer Dank gilt meiner Familie, namentlich meiner Mutter Sybille Bartmann und meinem Vater Norbert Bartmann und meiner Schwester Silja Reisinger de Oliveira und ihrer Familie. Ihre Zuversicht und ihr Vertrauen haben im Wesentlichen zur Fertigstellung dieser Arbeit beigetragen.
Auch meinen Betreuern Herrn Prof. Dr. Thomas Weith und Frau Prof. Dr. Anke Uhlenwinkel danke ich. Sie konnten mir durch ihre wertvollen Hinweise Orientierung hinsichtlich der Gestaltung dieser Arbeit geben.
Auch danke ich Herrn Heiner Röger, der in mir durch die gewährte Einsicht in sein Unternehmen das Interesse an dieser Energieform weckte. Die neu gewonnenen Sichtweisen inspirierten mich einmal mehr, Windkraftanlagen in den Mittelpunkt meiner Untersuchung zu stellen.
Für die interessanten Informationen und die Unterstützung in den Voruntersuchungen im Jahr 2006 in Madrid und La Muela/Aragonien danke ich Lucia Lopez Lopez, Juan José Romero Zamora, Carlos Beisti, María Victoria Pinilla, Luis Ruiz Martinez und Marisol Aured.
Für die reibungslose Zusammenarbeit und die unkomplizierten Hilfestellungen danke ich allen interviewten Personen und deren freundlichen Mitarbeitern. Bei der Entschlüsselung einiger akustischer und semantischer linguistischer Rätsel, bei der Literaturbeschaffung und vor Ort in Spanien halfen mir Natalia Diaz-Mello Bustillo, Isis Garcia Kiwen und Elsa Ferreira.
Carsten Bartmann
Windenergieanlagen - Entwicklungsimpulse für ländlich periphere Regionen in Spanien?
Vorwort
Für das Korrekturlesen und die inhaltlichen Anmerkungen danke ich ganz besonders Kay Lange und Ted Zilinski.
Carsten Bartmann
Windenergieanlagen - Entwicklungsimpulse für ländlich periphere Regionen in Spanien?
Inhalt
Inhalt
Abbildungsverzeichnis 11
Tabellenverzeichnis 11
Kapitel 1. Fragestellung, Gegenstand und Aufbau der Untersuchung 12
Kapitel 2. Rahmenbedingungen 15
2.1. Entwicklung der ruralen Regionen in Spanien 15
2.2. Entwicklung des Windenergiesektors in Spanien 17
2.2.1. Akteure des Windenergiesektors 18
2.2.1.1. Staatliche Institutionen 18
2.2.1.2. Institutionen der Autonomen Gemeinschaften 19
2.2.1.3. Private Unternehmen 20
2.2.1.4. Betreibergesellschaften 20
2.2.1.5. Unternehmen im Windenergieanlagenbau 21
2.2.1.6. Unternehmerverbände 23
2.3. Politisch-rechtliche Rahmenbedingungen 24
2.3.1. Rahmenbedingungen auf europäischer Ebene 24
2.3.2. Rahmenbedingungen auf nationale Ebene 25
2.3.3. Strategische Energiepläne auf nationaler Ebene 27
2.3.4. Strategische Energiepläne der Autonomen Regionen 28
2.3.5. Politisch-rechtliche Rahmenbedingungen in den
Autonomen Gemeinschaften 29
2.3.5.1. Rahmenbedingungen in der Region Galicien 30
2.3.5.2. Rahmenbedingungen in der Region Kastilien-Leon 34
2.3.5.3. Rahmenbedingungen in der Region Andalusien 35
2.3.6. Genehmigungsverfahren 37
2.4. Natürlich-technische Rahmenbedingungen 40
2.4.1. Windpotenzial 40
2.4.2. Netzanbindung 41
Kapitel 3. Potenzielle Entwicklungsimpulse von Windparks in
l ändlichen Kommunen 43
3.1.Potenzielle Gewinnsituationen auf kommunaler Ebene 43
3.1.1. Einkommen durch Überlassung von Landnutzungsrechten 43
3.1.2. Beteiligungen von Bürgern oder der Kommune an
Windenergieanlagen 45
3.1.3. Verbesserung der Wegeinfrastruktur 46
3.1.4. Relevanz von Multiplikatoreneffekte 46
3.1.5. Zusätzliche kommunale Einnahmen 47
3.1.6. Schaffung von Arbeitsplätzen 48
8
Carsten Bartmann
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Inhalt
3.2. Potenzielle Konfliktfelder auf kommunaler Ebene 50
3.2.1. Tourismus 50
3.2.2. Landwirtschaft 52
3.2.3. Beeinträchtigung der Umwelt 52
3.2.4. Verschärfung sozialer Unterschiede 53
3.2.5. Akzeptanz 54
Kapitel 4. Methodik und Material 56
Kapitel 5. Empirischer Teil 58
5.1. Charakteristika der Untersuchungsorte 58
5.1.1. Die Gemeinde Muras 58
5.1.2. Die Gemeinde Lubián 59
5.1.3. Die Gemeinde El Granado 60
5.2. Auswahl der Interviewpartner 62
5.2.1. Genehmigende Behörde 62
5.2.2. Bürgermeister der Untersuchungsorte 62
5.3. Ergebnisse der Expertengespräche in den Kommunen 63
5.3.1. Potenzielle Gewinnsituationen 63
5.3.1.1. Überlassung von Landnutzungsrechten 63
5.3.1.2. Beteiligungen von Bürgern oder der Kommune
an Windenergieanlagen 66
5.3.1.3. Verbesserung der Wegeinfrastruktur 67
5.3.1.4. Multiplikatoreneffekte 67
5.3.1.5. Zusätzliche kommunale Einnahmen 69
5.3.1.6. Schaffung von Arbeitsplätzen 72
5.3.2. Potenzielle Konfliktfelder 75
5.3.2.1. Tourismus 75
5.3.2.2. Landwirtschaft 76
5.3.2.3. Beeinträchtigung der Umwelt 77
5.3.2.4. Verschärfung sozialer Unterschiede 78
5.3.2.5. Akzeptanz 79
Kapitel 6. Entwicklungsimpulse in den Untersuchungsorten 81
6.1. Nationale Schwerpunkte der Entwicklung ländlicher Räume in Spanien 81
6.2. Beobachtete Entwicklungseffekte auf die Schwerpunktziele der
ELER -Verordnung 84
6.2.1. Ziel 1: Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit
der Land- und Forstwirtschaft 84
6.2.1.1. Erzielung zusätzlichen Einkommens für Landwirte 84
6.2.1.2. Verbesserung der Wegeinfrastruktur 86
6.2.2. Ziel 2: Verbesserung der Umwelt und der Landschaft 86
6.2.2.1. Reduzierung der CO 2 -Emmissionen 87
6.2.2.2. Verringerung der Waldbrandgefahr 87
9
Carsten Bartmann
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Inhalt
6.2.3. Ziel 3: Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen Raum
und Förderung der Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft 88
6.2.3.1. Stabilisierung der Bevölkerungsentwicklung 88
6.2.3.2. Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen 88
6.2.3.2.1. Schaffung von temporärer Beschäftigung 89
6.2.3.2.2. Schaffung dauerhafter Beschäftigung in der Betriebsphase 90
6.2.3.2.3. Schaffung und Sicherung lokaler, indirekter Beschäftigung 93
6.2.3.3. Diversifizierung der ökonomischen Aktivitäten
in der Landwirtschaft und im ländlichen Umfeld 95
6.2.3.4. Verbesserung und Erhaltung der Infrastruktur und
von Dienstleistungen im ländlichen Raum 96
Kapitel 7. Schlussfolgerung 99
Anhang
Anhang I. Quellenverzeichnis 2
Anhang II. Karten 11
Kartenverzeichnis 11
Karten 12
Anhang III. Abbildungen 18
Abbildungsverzeichnis 18
Abbildungen 19
Anhang IV. Tabellen 24
Tabellenverzeichnis 24
Tabellen 25
Anhang V. Expertengespräche 27
V.I. Gesprächsleitfäden 28
VI. Photographien 31
10
Carsten Bartmann
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Tabellenverzeichnis - Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis:
Tabelle 1: Installierte Leistung in den Autonomen Regionen Ende 2007 23
Tabelle 2: Zielstellungen in den von den Autonomen Regionen ausgearbeiteten Energieplänen 29
Tabelle 3: Defizite des ländlichen Raumes in Spanien 82
Tabelle 4: Primärziele und Maßnahmen im Nationalen Strategieplan für die ländliche Entwicklung Spaniens 83
Abbildungsverzeichnis:
Abbildung 1: Teufelskreis der Arbeitsmarktproblematik in ländlichen Räumen 16
Abbildung 2: Entwicklung der installierten Leistung Erneuerbarer Energien in Spanien 1990-2007 18
Abbildung 3: Standorte des Windenergieanlagenbaus in Spanien 22
Abbildung 4: Festpreis- und Marktoption in der Einspeisevergütung nach dem Real Decreto 661/2007 27
11
Carsten Bartmann
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Kapitel 1. Fragestellung, Gegenstandstand und Aufbau der Untersuchung
Kapitel 1. Fragestellung, Gegenstand und Aufbau der Untersuchung
Die aus der Windkraft gewonnene Energie erhält gerade in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Durch die klimapolitischen Diskussionen hat die Windkraft ein deutlich positiveres Image als noch vor wenigen Jahren. Die Existenzberechtigung alternativer Energien steht heute kaum noch zur Disposition. Im öffentlichen Diskurs zur Windenergie überwiegen Argumente ökologischer Art. Dabei werden sowohl die Vorteile mit Hinsicht auf den CO 2 -Ausstoß als auch die ökologischen Nachteile vor Ort, wie etwa die Verspargelung der Landschaft, thematisiert.
Darüber hinaus sind die prosperierende Fertigungsindustrie und die guten Beschäftigungsmöglichkeiten in der Windenergiebranche im öffentlichen Bewusstsein stark verankert. Viel zu wenig wird, meiner Meinung nach, über die Perspektiven berichtet, welche die Windenergie ländlichen Räumen eröffnen könnten. Die Chancen, die sich durch die dezentrale Energiegewinnung für den ländlichen Raum bieten, werden überwiegend mit Erneuerbaren Energien aus nachwachsenden Rohstoffen in Verbindung gebracht. Auch hier scheint mir in der Öffentlichkeit das Bild vorzuherrschen, dass ein Landbewohner auch immer ein Bauer sein muss. Gerade aber von der jetzt schon, im Gegensatz zu anderen Erneuerbaren Energien, prosperierenden, ausgereiften, rentablen Energiegewinnung aus Wind sollten doch die Dörfer am meisten profitieren können. Stattdessen wird das Bild des Landwirts gepflegt, der Getreide für Biodiesel anbaut oder durch Biomasse Energie erzeugt. In einigen historisch gewachsenen Windenergiegebieten in Norddeutschland und Dänemark haben vor allem Landwirte von der Entwicklung profitiert. Jetzt, in einer Zeit, in der sich große Firmen für das lukrative Geschäftsfeld interessieren, besteht die Gefahr, dass mit den Investitionen von außerhalb auch die Profite aus der Region abfließen.
„Bienvenido Mr. Eolo!“ war ein treffender, ironischer Titel eines Zeitungsartikels. 1 Er spielt auf die 1953 erschienene spanische Satire „Bienvenido, Mr. Marshall“ an. In dem Film geht es um eine verarmte, trostlose Gemeinde, das sich in ein potemkinsches Dorf verwandelt, um eine durch das Dorf kommende Marshallplankommission zum Anhalten und somit zur Gebefreudigkeit zu bewegen. Trotz perfekter Kulisse und in Spalier stehenden Honoratioren bleibt von der Kommission nur die sich nie-
1 Vgl.Expansión vom 10.06.2008 12 Carsten Bartmann
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Kapitel 1. Fragestellung, Gegenstandstand und Aufbau der Untersuchung
derlegende Staubwolke der durchrasenden Wagenkolonne und lässt die schauspielernden Bewohner verdutzt zurück. Der darauf einbrechende Regen lässt die zuvor geweißten Häuser wieder verblassen.
Diese Bild könnte auch das Sinnbild für viele kleine ländlich periphere Gemeinden sein, die heute unter strukturschwachen, ländlichen Regionen subsumiert werden. Die Hoffnung durch einen Weißen Ritter gerettet zu werden, droht zerschlagen zu werden, wenn er nur sporadisch kommt um sein Pferd zu tränken. Es ist eben nicht nur wichtig zu wissen, dass er kommt, sondern auch, wie er zum Bleiben gewonnen werden kann, und ob und wie er helfen kann.
Gerade das durch die Rentabilität geweckte Interesse großer Investoren an der Windkraft dürfte die Gefahr erhöhen, dass lokale Interessen bei der Partizipation an den Gewinnen in den Hintergrund treten.
Es stellten sich mir folgende Fragen, die auch die zentralen Fragen dieser Untersuchung bilden:
Hat der Bau von Windparks einen positiven Einfluss auf die Entwicklung von Gemeinden in ländlich peripheren Regionen Spaniens?
Inwiefern profitieren Kommunen in den ländlich peripheren Regionen Spaniens von den auf ihren Flächen stehenden Windenergieanlagen?
Was sind die Gründe für eventuell bestehende unterschiedliche Auswirkungen der Windparks auf die untersuchten Kommunen?
Zum Beginn der Arbeit wird kurz die allgemeine Entwicklung der ländlichen Regionen in Spanien beschrieben. Im Anschluss werden ausführlich politisch-rechtliche und natürlich-technische Rahmenbedingungen für die Windenergie in Spanien dargestellt. Im darauf folgenden Kapitel 3 werden mögliche Effekte der Windparks auf die Entwicklung einer ländlichen Kommune anhand der vorliegenden Literatur und der vorangegangenen Betrachtung formuliert. Aus den angenommenen Aspekten werden Fragen entwickelt, die zur Überprüfung vor Ort verwendet wurden. Die dabei ange-wandten Instrumente, die verwendeten Materialien und die Methodik werden in
13
Carsten Bartmann
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Kapitel 1. Fragestellung, Gegenstandstand und Aufbau der Untersuchung
Kap. 4 kurz erläutert. Die Ergebnisse der in drei Orten durchgeführten Interviews werden darauf in Kap. 5 beschrieben und in Kap. 6 ausgewertet.
14
Carsten Bartmann
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Kapitel 2. Rahmenbedingungen
Kapitel 2. Rahmenbedingungen
Kap. 2.1. Entwicklung der ruralen Regionen in Spanien
Bis Ende der 70er Jahre war Spanien von einer Fragmentierung des Raumes gekennzeichnet. Ein Grund war die Verödung großer Agrarflächen aufgrund der hohen Arbeitsmigration und der daraus resultierende Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Eine weitere Ursache war die wachsende Bedeutung schon bestehender Industriezentren wie z.B. Katalonien, Baskenland und Madrid, und die Herausbildung neuer industrieller Gebiete (z.B. Asturien und Valencia). Durch politische Maßnahmen, wie etwa die Implementierung der so genannten Entwicklungspole (polos de desarrollo), entstanden neue wirtschaftliche Zentren (u.a. Vigo, Saragossa, Sevilla). Vor allem an der mediterranen Küste, auf den Balearen und den Kanaren zog der prosperierende Tourismus neue Arbeitskräfte und Unternehmen an. 2 Bis in die frühen 70er Jahre war die Bevölkerungsabnahme in den ländlichen Regionen eine Folge der Land-Stadt-Wanderung. Überwiegend von der jungen arbeitsfähigen Bevölkerung getragen, setzte seit den 80er Jahren ein negatives natürliches Bevölkerungswachstum ein. Die Überalterung der Landbevölkerung ist im Norden der Halbinsel stärker ausgeprägt. Anscheinend besteht dabei eine Korrelation zwischen dem Alter und der durchschnittlichen Betriebsfläche. 3 Offenbar geht der Verbleib von jungen Landwirten mit einer erhöhten Beschäftigung in Teilzeit einher. 4
Wie in Abb. 1 ersichtlich, hatte die Abwanderung der arbeitsfähigen jungen Bevölkerung Entwicklungen zur Folge, die sich noch gegenseitig verstärkten. Da die Emigration überwiegend von dem jüngeren, besser ausgebildeten Bevölkerungsteil getragen wurde, überalterte die Bevölkerung im ruralen Raum zunehmend, das Ausbildungsniveau sank und das durchschnittlichen Einkommen nahm ab. Für Unternehmen verloren die Räume zunehmend an Standortattraktivität, denn es fehlte an qualifizierten Arbeitskräften und zunehmend auch an unternehmerischem Geist unter den verbliebenen Einwohnern. Zudem erwies sich die von den wirtschaftlichen Zentren isolierte
2 Vgl. Sánchez Aguilera/Majoal (2001): 217f.
3 Im minifundistisch geprägten Galicien waren 1989 29% der Landwirte über 65 Jahre alt, während es im vom Großgrundbesitz geprägten Andalusien nur 14% waren.
4 Vgl. ebda 222, 226 15 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.1. Entwicklung der ruralen Regionen in Spanien
Lage als ungünstig. Mit den sinkenden kommunalen Steuereinnahmen ging eine Reduzierung des Angebots an öffentlichen Dienstleistungen einher. Somit erhöhte sich der Migrationsdruck auf die verbliebene mobile Bevölkerung. 5
Abbildung 1: Teufelskreis der Arbeitsmarktproblematik in ländlichen Räumen
Quelle: nach Mandl/Oberholzner/Dörflinger (2006): 27
5 Vgl. Wolz (2007): 116f. 16 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.2. Entwicklung des Windenergiesektors in Spanien
Kap. 2.2. Entwicklung des Windenergiesektors in Spanien
Spanien ist eines der Mitglieder der Europäischen Union mit einer hohen Abhängigkeit von Energieimporten. Nahezu 80% der verbrauchten Energie wurden in den letzten Jahren eingeführt. 6 Der Ausbau der Windenergie ist also nicht nur aus umweltpolitischen Gesichtspunkten wünschenswert, sondern trägt auch zur Verringerung der Abhängigkeit von externen Produzenten und zu einer Erhöhung der Versorgungssicherheit bei. 7
Wie man in Abb. 2 gut sehen kann, entwickelten sich die Installationszahlen der Windenergie in Spanien in den letzten Jahren rasant. Im Weltranking der installierten Gesamtleistung nahm Spanien lange Zeit den zweiten Platz ein, bevor er 2008 den USA überlassen werden musste. Im Jahr 2007 wuchs die installierte Gesamtleistung in Spanien um 30,3% auf 15.145 MW. 8 Dieser enorme Wachstumsschub auf hohem Niveau ist auch Folge einer Novellierung der rechtlichen Richtlinien durch das Königliche Dekret 661/2007. Zudem verzeichneten die Autonomen Gemeinschaften 9 , die bisher den Ausbau der Windenergie zögerlich betrieben, im Jahr 2007 einen beträchtlichen Entwicklungsschub. 10
Aber nicht nur der politische Wille hatte den Erfolg der Windenergie in Spanien beflügelt, sondern auch der steigende Energiebedarf. Die wachsende Energienachfrage hatte zur Folge, dass die Windenergie keine etablierten Energieformen verdrängen musste und somit nicht, wie in anderen Ländern, unter Wettbewerbsdruck litt. Der prozentuale Anteil der traditionellen Energien an der Energiegewinnung verringerte sich, jedoch stagnierte beziehungsweise wuchs die reale Produktion an. 11
6 Der europäische Durchschnitt liegt bei 50%.
7 Instituto para la Diversificación y Ahorro de Energía (IDAE)(2005): 13
8 Zur Entwicklung der installierten Leistung der Erneuerbaren Energien in Spanien siehe Abb. 2.
9 Eine Autonome Gemeinschaft oder auch Autonome Region ist die Gebietskörperschaft unterhalb des Staates. Vergleichbar mit den Bundesländern in der Bundesrepublik Deutschland.
10 Vgl. Wandler (2008): 96f.
11 Vgl. Meyer (2007): 358 17 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.2. Entwicklung des Windenergiesektors in Spanien
Abbildung 2: Entwicklung der installierten Leistung Erneuerbarer Energien in Spanien 1990-2007
Quelle: nach AEE (2008): 32
2.2.1. Akteure des Windenergiesektors
2.2.1.1. Staatliche Institutionen
Ein wichtiger Promotor der Erneuerbaren Energien in Spanien war und ist das 1984 gegründete Institut für Energiediversifizierung und -einsparung - IDAE. 12 Eine seiner Aufgaben war es eine Energiepolitik, die auch die Erneuerbaren Energien beinhaltet, zu konzipieren, zu implementieren und deren Durchführung zu überwachen. Das IDAE verfolgte das Ziel die Investitionsbereitschaft der Privatwirtschaft in den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu erhöhen. Zu diesem Zweck wurden anfänglich Investitionssubventionen und zinsgünstige oder zinslose Darlehen vergeben. Das Institut betätigte sich als Drittfinanzierer von Projekten und Unternehmen, die auf Erneuerbare Energien spezialisiert waren. Der Anteil an privaten Investitionen sollte durch
12 Instituto para la Diversificación y el Ahorro de la Energía - IDAE 18 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.2. Entwicklung des Windenergiesektors in Spanien
Nachzieheffekte in diesem Bereich erhöht werden und somit eine wirtschaftlich sich selbst tragende Branche der Erneuerbaren Energien etablieren. Zudem arbeitete das IDAE die nationalen Energiepläne PLAFER und PER 13 aus. Das IDAE bleibt auch in der Erforschung und Entwicklung der Windenergie federführend. Es gab den Anstoß für den Bau der ersten Versuchs- und Demonstrationsanlagen und forcierte die Entstehung der eigenen nationalen Windkraftindustrie. 14
2.2.1.2. Institutionen der Autonomen Gemeinschaften
Die Mehrheit der Regierungen der einzelnen Autonomen Gemeinschaften hat mittels ihrer Autonomiestatuten die uneingeschränkte Zuständigkeit für Anlagen zur Gewinnung, zum Vertrieb und zum Transport von elektrischer Energie erlangt. Die Autonomen Gemeinschaften können durch die Gestaltung der Genehmigungsverfahren für die Energieproduktion im Régimen Especial 15 wesentlichen Einfluss auf die Erfolgsaussichten für die Implementierung von Erneuerbaren Energien in ihren Regionen nehmen. Neben dem Vorhandensein ertragreicher Flächen und ausreichender Netzinfrastruktur war es vor allem der politische Wille einiger Regionalregierungen, der den Ausbau der Windenergie merklich vorantrieb. Andere Regionen hingegen verzögerten die Entwicklung durch strenge Planungsauflagen, Umweltverträglichkeitsstudien oder eine Überbetonung des Interessenskonsenses. Die Regionen Galicien, Navarra, Aragonien, Kastilien-Leon und Kastilien-La Mancha kann man als Protagonisten in der Windenergienutzung Spaniens sehen, während in den Regionen Extremadura und Kantabrien aus Naturschutzgründen bisher keine nennenswerte Kapazitäten installiert wurden. Aber auch in Regionen mit Räumen ohne ökologische Bedenken und mit durchaus hohem Windpotenzial wie Valencia, Katalonien und dem Baskenland wurden bisher kaum Aktivitäten im Windenergiesektor verzeichnet. 16 Die Autonomen Regionen entwickelten Zielvorgaben, die sie teilweise in eigenen strategischen Energieplänen 17 konkretisierten. Die Ausarbeitung und die Implementierung dieser Pläne sind Aufgabe von regionalen Energieagenturen und Entwick-
13 Plande Fomento de las Energías Renovables - PLAFER, Plan de Energías Renovables 2005-2010 -PER. Vgl. Dinica/Bechberger (2005): 265f. Mehr dazu unter Kap. 2.3.3.
14 Vgl. Ménendez Pérez (2001): 149f.
15 Régimen Especial - Sonderregelung
16 Vgl. Dinica/Bechberger (2005): 266, Martínez Sánchez/Bayod Rújula/Pérez Pérez (2002): 26ff.
17 siehe Kap. 2.3.4. 19 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.2. Entwicklung des Windenergiesektors in Spanien
lungsgesellschaften der öffentlichen Hand. In einigen Autonomen Gemeinschaften sind sie auch als Investoren aktiv. 18
2.2.1.3. Private Unternehmen
Der Spanische Windunternehmerverband - AEE 19 schätzt, dass im Jahr 2007 etwa 630 Unternehmen in der Windenergiebranche Spaniens aktiv waren. Etwa 17.700 direkte und 27.000 indirekte Stellen wurden geschaffen. Mittlerweile wird etwa die Hälfte der produzierten Generatoren exportiert. 20
2.2.1.4. Betreibergesellschaften
Die Projektentwickler beziehungsweise die Besitzer der Windparks sind in Spanien hauptsächlich vier Gruppen zuzurechnen. Der ersten dieser Gruppen gehören die vier traditionellen, großen Stromversorgungsunternehmen 21 an. Sie haben alle eigene auf die Entwicklung und Durchführung von Projekten im Bereich Erneuerbare Energien spezialisierte Tochterfirmen gegründet, die den Betreibermarkt dominieren und auch als Eigentümer des Großteils der Windenergieerzeugungsanlagen (Vgl. Anh. IV. Tab. 1) fungieren. Zwar wurde mit dem Energiegesetz 54/1997 die Gebietsmonopolstellung der Unternehmen abgeschafft, jedoch korreliert die Verteilung der jeweiligen Windkraftanlagen (WKA) auffällig mit den ehemaligen exklusiven Vertriebsregionen der Firmen. Da diese Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen fast ausschließlich nach ökonomischen Gesichtspunkten treffen, kann man in Spanien eine hohe wirtschaftliche Attraktivität der Windenergie auch im Vergleich zu anderen Energieträgern annehmen. 22 Einige Stromversorger und Anlagenbauer sind zudem über Beteiligungen miteinander verflochten. 23
Eine weitere Gruppe sind Finanzinstitute, die einst als reine Projektfinanzierer auftraten und heute verstärkt direkte Teilhaber der Betreibergesellschaften sind.
18 Vgl. Dinica/Bechberger (2005): 267
19 Asociación Empresarial Eólica - AEE
20 Vgl. AEE (2008): 77ff.
21 Die traditionellen Versorgerfirmen sind ENDESA, IBERDROLA, UNION FENOSA, HIDROCANTÁBRICO.
22 Vgl. García Cebrián (2002): 82f.
23 So hielt Acciona an Endesa am 31.12.2007 21,01% und Iberdrola an Gamesa 23,95% des Gesellschafterkapitals.
20 Carsten Bartmann
Windenergieanlagen - Entwicklungsimpulse für ländlich periphere Regionen in Spanien?
Kapitel 2.2. Entwicklung des Windenergiesektors in Spanien
Auch öffentliche Institutionen, wie etwa Regionalentwicklungsgesellschaften oder Energieagenturen, halten Beteiligungen an Windparks.
Zudem sind die Herstellerfirmen der Generatoren selbst als Betreiber aktiv. Oft betätigen sie sich in der Projektentwicklung, beim Bau und im Betrieb der Anlagen und schöpfen somit einen großen Teil der Wertschöpfungskette ab. 24
2.2.1.5. Unternehmen im Windenergieanlagenbau
Der Anlagenbau wird von traditionellen Industrieunternehmen dominiert. Ursprünglich waren sie in unterschiedlichen Bereichen aktiv, wie etwa dem Bausektor, dem Flugzeugbau, dem Schiffbau oder dem Maschinenbau. Lediglich die Kooperative ECOTÈCNIA ist seit ihrer Gründung im Jahre 1981 ausschließlich im Bereich der Erneuerbaren Energien unternehmerisch tätig. 25
Der Markt wird von nationalen Unternehmen beherrscht. Marktführer bei den Anlagenbauern ist der in Bilbao beheimatete Konzern GAMESA. 26 Der ehemalige Lizenznehmer des Weltmarktführers VESTAS (26,5%) entwickelte sich mit 14,71% Anteil am Weltmarkt 27 zu dessen unmittelbarem Verfolger. Zusammen mit den anderen spanischen Herstellern ECOTÈCNIA, ACCIONA WINDPOWER und NAVANTIA-SIEMENS 28 decken sie 75,2% des spanischen Marktes ab (siehe Anh. IV. Tab. 2). Aber auch die anderen Wettbewerber haben Produktionsstätten in Spanien, so dass 2006 97% der in Spanien installierten Windkraftanlagen auch dort hergestellt wurden. 29
Die Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen sowie die Fertigungsstätten konzentrieren sich vorwiegend in den Regionen, in denen auch das Gros der Anlagen in Betrieb ist. Gründe sind die geographischen Nähe zum Markt und eine gezielte Ansiedlungspolitik der Autonomen Regionen. Viele Regionen haben Windparks nur bei einer bestimmten regionalen Wertschöpfung genehmigt 30 . Dieser protektionistische Heimvorteil hat in ehemals strukturschwachen Regionen zum Aufbau einer Industrie
24 Vgl. Dinica (2002): 215f.
25 Vgl. Espejo Marín (2004): 53, Aubrey (2005): 27
26 Die Luftfahrt war der alte Kernbereich des Unternehmens und wurde mittlerweile aufgegeben.
27 Angaben für 2006 vom Bundesverband Windenergie (BWE).
28 Navantia-Siemens produzierte Windgeneratoren unter Lizenz von Siemens.
29 Vgl. IDAE (2007): 6
30 So mussten in Galicien 65-75 % der Investitionssumme in Galicien erbracht worden sein. Vgl. Department of Trade and Industry (DTI)(2005): 80 21 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.2. Entwicklung des Windenergiesektors in Spanien
der Zukunftstechnologie geführt. 31 Vergleicht man die Verteilung der Produktions-standorte (Abb. 3) mit den in Tab. 1 ersichtlichen Installationszahlen in den Autonomen Gemeinschaften, so wird deutlich, dass Regionen, die den Ausbau der Windenergie förderten, stark von der Ansiedlung industrieller Fertigung profitierten. Mittlerweile arbeitet die spanische Windindustrie stark exportorientiert und steht unter starkem Internationalisierungsdruck. So setzen einige der Firmen mehr als die Hälfte ihrer Produkte im Ausland ab. 32 Der florierende Industriezweig zählt zu den wenigen Zukunftstechnologien, in denen Spanien zur Weltspitze gehört. 33
Abbildung 3: Standorte des Windenergieanlagenbaus in Spanien
Quelle: nach AEE (2007): 93
31 Vgl. Menéndez Pérez (2001): 150, Neue Energie (2008): 99
32 Vgl. AEE (2007): 90f. So erzielte Gamesa im Jahr 2006 61% seines Umsatzes im Ausland und ist Marktführer im stark wachsenden chinesischen Markt.
33 Vgl. Martínez Montes/Prado Martín/Ordóñez Garcia (2005): 479 22 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.3. Politisch-rechtliche Rahmenbedingungen
Kap. 2.3. Politisch-rechtliche Rahmenbedingungen
Die Förderung der Erneuerbaren Energien nimmt in Spaniens Energiepolitik eine herausragende Rolle ein. Die besondere Stellung verdankt sie vor allem dem hohen Energiebedarf in Spanien im Vergleich zu anderen europäischen Staaten und der hohen Abhängigkeit von Energieimporten. Auch spielen Motive wie Umweltschutz und das Paradigma der nachhaltigen Entwicklung eine Rolle.
Mit einer Reihe von politischen Initiativen und Anpassungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen wurde der Ausbau der Erneuerbaren Energien forciert.
2.3.1. Rahmenbedingungen auf europäischer Ebene
In der Richtlinie 96/92/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19.12.1996, die gemeinsame Vorschriften für den Elektrizitätsbinnenmarkt vorgibt, wird im §28 den Erneuerbaren Energien Vorrang eingeräumt. Die Mitgliedsstaaten wurden verpflichtet entsprechende Regelungen zu erarbeiten und die Einspeisung in ihre Netzte zu garantieren. 37
Im 1997 veröffentlichten Weißbuch Energie für die Zukunft: Erneuerbare Energieträger wurden konkrete Zielgrößen erstellt. Ziel ist die Verdopplung des Anteils der Erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch auf zwölf Prozent im Jahr 2010, wobei deren Anteil an der Stromerzeugung mit 22,1% festgesetzt wurde. 38 Ende 2001 wurde darauf hin die Richtlinie zur Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen im Elektrizitätsbinnenmarkt 2001//77/EG verabschiedet. Ziel der Richtlinie ist es den Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung, welcher in der Gesamt-EU 1997 13.9% betrug, auf 22,1% im Jahr 2010 zu steigern. Die daraus abgeleitete nationale Quote für Spanien sieht eine Erhöhung des Anteils von 19,9% auf 29,4% vor. Für die Erfüllung ist es den Mitgliedsstaaten selbst überlassen geeignete Maßnahmen zu treffen. Die Staaten müssen aber gegenüber der Kommission regelmäßig Rechenschaft über die Umsetzung der nationalen Richtziele ablegen. 39
37 Vgl. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften (ABl.EG)(1997): 20ff.
38 Vgl. Europäische Kommission (1997):11
39 Vgl. Abl.EG (2001): 33ff. 24 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.3. Politisch-rechtliche Rahmenbedingungen
2.3.2. Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene
Als Reaktion auf die Ölkrisen 1973 und 1979 wurde bereits 1980 das Gesetz zur Energiesicherung 40 auf den Weg gebracht, welches mit dem Königlichen Dekret 1217/81 verabschiedet wurde. Damit wurde der Elektrizitätssektor gegenüber privaten Anbietern geöffnet und die oligopolistischen Strukturen der Energiewirtschaft teilweise aufgebrochen. Dabei erfolgte die Gesetzgebung nicht aus umweltpolitischen Interessen, sondern allein aufgrund der strategischen Energiesicherung. Darin enthalten waren schon die Grundprinzipien, die auch heute noch gelten. Die Energieversorgungsunternehmen wurden verpflichtet die produzierte Erneuerbare Energie in vollem Umfang abzunehmen, es wurde ein fixer Abnahmepreis vereinbart und der Zugang zum Stromnetz zu günstigen Konditionen gewährt. 41
Das 1994 unter der sozialistischen Regierung verabschiedete Königliche Dekret 2366/94 stellte die Erzeugung von Erneuerbaren Energien unter einen Sonderstatus, dem Régimen Especial. Damit wurde erstmalig ein langfristiger Rechtsrahmen für die Erzeugung von Erneuerbaren Energien verabschiedet, in dem auch ein Vergütungssystem etabliert wurde. 42
Mit dem am 27. November 1997 verabschiedeten Gesetz für den Elektrizitätssektor 43 wurde die Liberalisierung des spanischen Strommarktes und der Stromerzeugung eingeleitet. Das Gesetz beinhaltet unter anderem das Ziel im Jahre 2010 zwölf Prozent des Primärenergiebedarfs aus regenerativen Quellen zu decken. Diese Zielvorgabe sollte durch die Gewährung einer zusätzlichen Zulage (Prima) zum Verkaufspreis erreicht werden. 44
Im Königlichen Dekret 2818/1998 wurden Bedingungen festgelegt, unter denen Projekte dem Régimen Especial zugerechnet werden. Den Erzeugern von Windenergie wurde bei der Vergütung die Wahl zwischen einem festen Betrag pro kWh und einem durchschnittlichen Marktpreis 45 (Poolpreis) plus einer Zulage (Prima) gelassen. Im Jahr 1998 betrug die Zulage 5,26 Pts. (3,16 ct) pro kWh und der Fixpreis 11,02 Pts.
40 Ley de la Consevación de la Energía
41 Vgl. Delás (2003): 62
42 Vgl. Boletín Oficial del Estado (BOE)(1994)
43 Ley del Sector Eléctrico. Ley 54/1997 Vgl. BOE (1997): 35.079ff.
44 Vgl. Comisión Nacional de Energía (CNE)(2005): 43ff., 105
45 Der durchschnittliche Marktptreis wird täglich von der spanischen Energiebörse Compania Opera-dora del Mercado Español de Electricidad (OMEL) festgelegt. 25 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.3. Politisch-rechtliche Rahmenbedingungen
(6,62 ct). 46 Die Mehrheit der Betreiber entschied sich trotz des Risikos fallender Marktpreise für das Prämiensystem. 47
Im Jahr 2004 wurde das Vergütungssystem erneut mit dem RD 436/2004 48 reformiert. Erstmals sollte die Vergütung des erzeugten Stromes an den Marktpreis gekoppelt werden. Dadurch sollten die Anbieter animiert werden aktiv am Markt zu agieren. Die Vergütung orientierte sich nun an den jährlich von der Regulierungsbehörde des spanischen Stromnetzes - CNE festgelegten durchschnittlichen Referenzstrompreis - TMR. 49 Jenach Größe und Laufzeit der Anlage betrug die Vergütung zwischen 80 und 90% des TMR. Eine zweite Option eröffnete dem Anlagenbetreiber die Möglichkeit seinen Strom direkt zu den Marktpreisen zu veräußern. Als Ausgleich für die erhöhten Erzeugungskosten gegenüber anderen Energieformen erhielt der Anbieter eine Zulage (Prima). Diese betrug bei Windparks mit über fünf MW installierter Leistung 40% des TMR. Außerdem wurde eine Zulage in Höhe von zehn Prozent des TMR als Anreiz zur Marktteilnahme gezahlt. 50
Bereits 2007 wurde mit dem RD 661/2007 erneut das Vergütungssystem geändert. Eine Festvergütung pro kWh 51 wurde eingeführt. Die Betreiber können aber auch für ein marktorientiertes Vergütungssystem, wie in Abb. 4 dargestellt, optieren. Dabei verkauft der Betreiber die Energie auf dem Strommarkt und erhält zusätzlich eine variable Prämie. Die Prämie ist gedeckelt und wird bis zu einer bestimmten Obergrenze des Marktpreises gezahlt (Cap-Floor-System). Den Investoren wird eine Rendite von sieben Prozent für die Festtarifoption und zwischen fünf und neun Prozent für die Marktoption garantiert. Erstmals gilt der Tarif während der gesamten Betriebzeit einer Anlage und wird nicht wie bisher bei Neuregelungen angepasst. 52 Zudem können Investitionen in Anlagen und Zubehör, die zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien erforderlich sind, zu einem bestimmten Prozentsatz über einen Zeitraum von zehn Jahren von der Unternehmenssteuer abgesetzt werden. 53
46 Vgl. BOE (1998)
47 Vgl. Delás (2003): 64
48 Vgl. BOE (2004a)
49 Comisión Nacional de Energía - CNE, Tarifa Media o de Referencia - TMR
50 Vgl. BOE (2004a)
51 In den ersten 20 Betriebsjahren 7,5 ct, danach 6,273 ct mit einer jährlichen Anpassung an die Entwicklung des Verbraucherpreisindexes.
52 Vgl. BOE (2007)
53 Die Steuerlast reduziert sich um sechs Prozent der Investitionskosten im Jahr 2008. Dieser Satz unterliegt einer Degression, so dass die Reduzierung 2011auslaufen wird. Vgl. BOE (2004b): 10.976 26 Carsten Bartmann
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Kapitel 2.3. Politisch-rechtliche Rahmenbedingungen
Abbildung 4: Festpreis- und Marktoption in der Einspeisevergütung nach dem Real Decreto 661/2007
Quelle: eigene Darstellung nach BOE (2007)
2.3.4. Strategische Energiepläne auf nationaler Ebene
Der 1999 verabschiedete Plan zur Förderung der Erneuerbaren Energien -PLAFER 54 analysierte die Lage und die Wachstumschancen der verschiedenen Technologien. In ihm wurden Maßnahmen für die einzelnen Technologien und Regionen entwickelt. Als Ziel wurde festgelegt im Jahr 2010 den Primärenergiebedarf zu zwölf Prozent aus regenerativen Energiequellen zu decken. Die Windenergie sollte dazu mit insgesamt 8.974 MW installierter Leistung beitragen. 55
Bereits 2002 wurde diese Zielmarke in der Planung des Elektrizität- und Gassektors wegen des erhöhten Energiebedarfes auf 13.000 MW angehoben. 56
54 Plan de Fomento de las Energías Renovables en España - PLAFER
55 Vgl. IDAE (1999): 77
56 Planificación de los Sectores de Electricidad y Gas. Desarrollo de las redes de transporte 2002-2011. Ministerio de Economía (2002): 11 27 Carsten Bartmann
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Bereits 2004 wurde die ursprünglich im PLAFER gestellte Zielgröße mit 8.155 MW installierter Leistung fast erreicht. Durch das anhaltende Wirtschaftwachstum und dem somit gewachsenen Energiebedarf wurde weiterhin eine Anpassung der nominalen Zielgrößen notwendig. Der 2005 veröffentlichten Plan für Erneuerbare Energien in Spanien 2005-2010 (PER) 57 stellte eine Revision des PLAFER dar. In ihm wurde mit 20.155 MW installierter Gesamtleistung eine gut doppelt so hohe Zielvorgabe aufgestellt. 58
2.3.4. Strategische Energiepläne der Autonomen Regionen
Die Autonomen Regionen entwickelten zum Teil eigene strategische Energiepläne, in denen sie die nationalen Ziele auf Ebene der Autonomen Regionen konkretisieren. Die in den Plänen aufgestellten Zielvorstellungen übertreffen in ihrer Summe (siehe Tab. 4) bei weitem das nationale Ziel.
57 Plan de Energías Renovables en España - PER
58 IDAE (2005): 322 28 Carsten Bartmann
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Carsten Bartmann, 2008, Windenergieanlagen – Entwicklungsimpulse für ländlich periphere Regionen in Spanien?, München, GRIN Verlag GmbH
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