Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 1
2. Begründung der Unterrichtseinheit 2
3. Informationen zur Klasse 11b 2
4. Bezug zum Bildungsplan 3
5. Sachanalyse 4
6. Methodische und didaktische Vorüberlegungen 5
7. Innovation 7
8. Planung 9
8.1. Organisation 9
8.2. Übergeordnete Ziele der Unterrichtseinheit 9
8.3. Vorgehen 10
8.4. Überblick über die Unterrichtseinheit 11
8.5. Unterrichtsplanung 12
9. Durchführung 20
9.1. Erste Stunde „Boulez-Presseschau“ 20
9.2. Zweite Stunde „Nullpunkt eines neuen Beginns“ 21
9.3. Dritte Stunde „Boulez in Donaueschingen“ 23
9.4. Vierte Stunde „Abkehr vom Fetischismus der Zahl“ 24
9.5. Fünfte Stunde „Le marteau sans maître“ 25
9.6. Sechste Stunde „Le marteau sans maître 2“ 27
9.7. Siebte Stunde „Serielle Musik am Computer“ 29
9.8. Achte Stunde „Der Zufall in der Musik“ 30
10. Erkenntnisse aus der Unterrichtseinheit 32
10.1. Thema und Auswahl der Stücke 32
10.2. Unterrichtsplanung 32
10.3. Vernetzter Musikunterricht 33
10.4. Persönliche Erkenntnisse - Schlusskommentar 33
11. Literatur- und Medienverzeichnis
12. Anhang
1. Vorwort
Neue Musik liegt weit außerhalb der Lebenswelt von Jugendlichen und der Gesellschaft überhaupt. Nur wenige Eingeweihte wissen, dass es neben der aktuellen Musikkultur, die uns tagtäglich im Radio begegnet, noch eine Weiterentwicklung der „klassischen“ Musik gibt. Lediglich aus dem Bereich der Filmmusik weiß man, dass der Beruf des klassischen Komponisten noch existiert. Die Jugendlichen sind meist „Experten“ auf dem von ihnen favorisierten Gebiet der aktuellen Musik. Dass die gegenwärtig populäre Musik nicht die „klassische“ Musik abgelöst hat, wissen die wenigsten. Die zeitgenössische Musik fristet ein Nischendasein und wird auch im Unterricht gemieden. Weil sie zu schwer oder zu kompliziert ist? Oder weil die Schüler/Schülerinnen damit nicht zu Recht kommen? Ich sehe gerade im Unwissen der Jugendlichen ob dieser Existenz einer Neuen Musik, die an die Tradition der klassischen Musik anknüpft, sich jedoch gleichzeitig von ihr distanziert, eine Chance. Die Jugendlichen sind nicht vorgebildet und damit nicht voreingenommen. Sie sind wie unbeschriebene Blätter, die mit dem richtigen Federstrich beschrieben werden können. Der richtige Federstrich ist dabei von entscheidender Wichtigkeit. Er entscheidet nämlich darüber, wie die Schüler/Schülerinnen in Zukunft über diese Musik denken werden. Von den Klassik-Liebhabern wird die Musik nach Arnold Schönberg meist ignoriert. Führende Solisten wie Anne-Sophie Mutter oder Hilary Hahn unterstützen die Komponisten der jüngeren Generationen und packen zu einem Bach-Violinkonzert ein Violinkonzert von Sofia Gubaidulina oder zu einem Sibelius-Violinkonzert eines von Schönberg mit auf ihre CD. Mich würde interessieren wie viele der Käufer die CDs wirklich zu Ende hören.
Die Unterrichtseinheit über Pierre Boulez hat mir gezeigt, dass Schüler/Schülerinnen durchaus an Randphänomenen wie der zeitgenössischen Musik interessiert sind. Das Interesse geht sogar soweit, dass sie freiwillig an einem Konzertbesuch der Donaueschinger Musiktage teilnehmen, bei dem drei Uraufführungen neuer Musik stattfinden. Der Besuch eines derartigen Konzerts wirft Fragen auf, fordert zur Stellungnahme, bildet Meinungen und gehört in den Bereich des „richtigen Federstrichs“. Denn ohne diesen Zugang, über ein Konzert-Erlebnis, wäre die vorliegende Unterrichtseinheit sicherlich nicht mit so viel Interesse aufgenommen worden.
Dazu hat auch das Umfeld dieses Neue Musik-Festivals in Donaueschingen beigetragen. Die Zuhörer der Donaueschinger Musiktage entsprechen nämlich nicht dem stereotypen Bild des Klassik-Hörers, sondern sind tendenziell jünger und kommen aus der breiten Gesellschaft. Sie bringen sogar ihre Kinder mit ins Konzert. Dies zeigt den Schülern/Schülerinnen, dass da ein gesellschaftliches Ereignis stattfindet, dass Gleichaltrige anzusprechen scheint. Jedenfalls haben sie nicht das Gefühl, dass sie als Fremdkörper zwischen Abonnenten in einer Aufführung von Tosca sitzen.
Die Neue Musik hat mich seit meinem Studium immer wieder fasziniert. Dabei ist mir eines klar geworden. Diese Musik beansprucht eine andere Höreinstellung und fordert den interpretierenden Musiker in anderer Weise als zum Beispiel Musik aus der Klassik. Wenn man sich aber in die Hintergründe dieser Musik vertieft, öffnen sich einem plötzlich die Ohren dafür. Diese Faszination möchte ich in die Schule tragen und ansatzweise vermitteln, auch damit in Zukunft zeitgenössischen Komponisten ein Publikum erhalten bleibt und die Neue Musik eine größere Verbreitung findet.
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2. Begründung der Unterrichtseinheit
Die Unterrichtseinheit über Pierre Boulez fordert die Schüler/Schülerinnen in besonderer Weise. Sie werden mit Musik konfrontiert, die ihnen eher unbekannt ist. Über Hintergrundinformationen werden sie an die Musik herangeführt und bilden sich eine persönliche Meinung. Der kritische Umgang mit zeitgenössischer Musik bildet eines der Ziele der Unterrichtseinheit. Die Schüler/Schülerinnen erkennen, dass es eine Musikkultur neben ihrer täglich rezipierten gibt. Ein Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen ist daher eher im Kontrast dazu zu sehen. Ich verstehe den Musikunterricht als Bildungsangebot, welches die Persönlichkeit der Schüler/Schülerinnen erweitern und bilden soll. Dazu gehört die Rezeption von Neuer Musik neben der aktuellen Pop-Musik, welche heute ohnehin überrezipiert wird.
Um den Schülern/Schülerinnen den Einstieg in die serielle Musik zu erleichtern, wurde der Unterrichtseinheit über Pierre Boulez eine kürzere Einheit über Arnold Schönberg vorangestellt. Da sich Boulez selbst vielfach auf Schönberg bezieht, war ein thematischer Übergang leicht herzustellen. Mit dem Vorwissen zu Kompositionstechnik und -ästhetik bei Schönberg waren die Schüler/Schülerinnen auf den Umgang mit Neuer Musik vorbereitet.
3. Informationen zur Klasse 11b
Die Klasse 11b des Schuljahres 2008/2009 des Gymnasiums am Deutenberg in Villingen-Schwenningen ist auf das Fach Musik bezogen sehr heterogen. Lediglich 7 von 27 Schülern/Schülerinnen spielen ein Instrument. Die Klasse weist ein starkes Übergewicht an Schülern (21) gegenüber Schülerinnen (6) auf. Sie wurde aus zwei Klassen, Klasse 10b und 10c, zu Beginn des Schuljahres neu gebildet. Dies hat zur Folge, dass sich die Schüler/Schülerinnen nur teilweise untereinander kennen. Das Leistungsgefälle innerhalb der Klasse ist groß. Es gibt eine größere Gruppe von Interessierten und Engagierten, der eine kleinere Gruppe gegenübersteht, die sich im Unterricht eher unbeteiligt zeigt. Die Musiker/Musikerinnen unter den Schülern/Schülerinnen sind in besonderer Weise am Musikunterricht beteiligt, wobei durchaus auch Schüler/Schülerinnen, die kein Instrument spielen, regelmäßig zum Unterrichtsgeschehen beitragen.
Die Bereitschaft der Schüler/Schülerinnen zum selbstständigen Arbeiten und zur Auseinandersetzung mit schwierigen Unterrichtsthemen ist insgesamt groß. Hervorzuheben ist noch das überdurchschnittlich gute musikalische Niveau der Musiker/Musikerinnen der Klasse.
Der Umgang zwischen den Schülern/Schülerinnen ist freundlich und respektvoll. Drei Schüler haben am Anfang des Schuljahres Störungen und Ablenkungen verursacht, die jedoch mit einer Änderung der Sitzordnung abgestellt werden konnten.
Der ansonsten einstündig stattfindende Unterricht wurde im Rahmen der Dokumentation auf zwei Unterrichtsstunden pro Woche erweitert. Die Stunden fanden dienstags in der sechsten und freitags in der dritten Stunde statt. Die Unterrichtseinheit erfolgte dementsprechend ungefähr innerhalb eines Monats, wobei eine Woche Herbstferien vor den letzten drei Stunden lagen.
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4. Bezug zum Bildungsplan
Die Unterrichtseinheit „Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik“ bezieht sich auf die Lehrplaneinheit 4: Musik im 20. Jahrhundert des alten Bildungsplans von 1994. Der Bildungsplan präzisiert dazu die Aufgabe des Musikunterrichts in Klasse 11 folgendermaßen:
„Anhand der exemplarischen Beschäftigung mit den großen Stilepochen erhalten die Schülerinnen und Schüler Einblick in musikhistorische Entwicklungen. Sie lernen epochentypische Werke in möglichst großen Ausschnitten kennen und erarbeiten ihre charakteristischen Merkmale.“ 1
Durch die Beschäftigung mit serieller Musik von Pierre Boulez erhalten die Schüler/Schülerinnen den vom Bildungsplan geforderten Einblick in die Entwicklung der Musik des 20. Jahrhunderts. Mit den Werken Structures pour deux pianos und Le marteau sans maître von Pierre Boulez lernen die Schüler/Schülerinnen epochentypische Werke der seriellen Musik kennen und erarbeiten deren charakteristische Kompositionsmerkmale durch theoretische und insbesondere praktische Tätigkeit. Dem Bereich des Klassenmusizierens wird zur Vertiefung der theoretischen Kenntnisse dem Bildungsplan entsprechend Genüge getan. Auch dem Besuch einer Veranstaltung, in diesem Fall dem Besuch des Eröffnungskonzerts der Donaueschinger Musiktage 2008, wird „angemessene Zeit“ 2 eingeräumt. Die inhaltlichen Aspekte der Lehrplaneinheit 4: Musik im 20. Jahrhundert wie „Emanzipation des kompositorischen Denkens“ 3 im Zusammenhang mit einer Betrachtung des Traditionsverständnisses und „Neue Klänge und Strukturen: Material, Form, Ausdruck“ 4 in kompositionsästhetischer und -technischer Hinsicht werden durch die Unterrichtseinheit über Pierre Boulez in vollem Maße abgedeckt.
Ein Bezug zu den Bildungsstandards des neuen Bildungsplanes von 2004 kann über die Kompetenzbereiche „Musik gestalten“, „Musik hören und verstehen“ und „Musik reflektieren“ 5 ebenfalls hergestellt werden. Die Unterrichtseinheit berührt bei der Erarbeitung des Stoffes die drei genannten Kompetenzbereiche in einer sich ergänzenden und vernetzenden Art und Weise. Wie oben schon angedeutet, werden theoretische Kenntnisse durch praktische Erfahrungen wie Musik hören und selbst gestalten zum besseren Verständnis und zur Reflektion darüber vertieft.
1 Bildungsplan für das allgemein bildende Gymnasium 1994, S. 583
2 ebd.
3 ebd.
4 ebd.
5 Bildungsplan für das allgemein bildende Gymnasium 2004, S. 277/278
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5. Sachanalyse
Bei der folgenden Sachanalyse handelt es sich um eine kurze Einführung in die Thematik „Pierre Boulez und die serielle Musik“. Dabei geht es nicht um eine vollständige sachanalytische Betrachtung, sondern um die Darstellung von Hintergrundinformationen zum besseren Verständnis der Unterrichtseinheit. Pierre Boulez (geb. 1925) gehört zu den bedeutendsten Vertretern und Theoretikern der zeitgenössischen Musik, insbesondere im Bereich der seriellen Musik. Boulez war um die fünfziger Jahre ein Vorreiter der seriellen Kompositionsmethode. Anknüpfend an Messiaen und Schönberg entwickelte er zu dieser Zeit die serielle Musik. Die Structures Ia (1952) aus den Structures pour deux pianos stellen Boulez´ erstes seriell komponiertes Stück dar. Das Material entlehnte Boulez dem Stück Mode de valeurs et d´intensités seines Lehrers Messiaen. Beinahe zeitgleich ließ sich Karlheinz Stockhausen, ebenfalls ein Komponist serieller Musik, durch dasselbe Stück zu seriellen Versuchen anregen.
Die Anschaulichkeit des Stückes Structures Ia, in dem Tonhöhen, Tondauern, Dynamik und Artikulation bzw. Klangfarbe reihentechnisch organisiert sind, prädestiniert zur Werkbetrachtung im Unterricht. Die Behandlung der totalen Reihenorganisation in diesem Klavierwerk kann thematisch direkt an die Kompositionsmethode der Zwölftontechnik Schönbergs angeschlossen werden, da Boulez bei der Organisation des Materials ebenfalls mit der Zahl zwölf gearbeitet hat. Dabei hat Boulez die Gestalten Grundreihe und Umkehrung der Tonhöhenreihe wie Schönberg durch Transposition erweitert und in einer Zahlentabelle veranschaulicht. Über diese Tabelle ist das Stück, welches lediglich aus der strengen Reihenorganisation des Materials besteht, praktisch automatisch entstanden. Das kompositionsästhetische Problem dieser streng seriellen Musik hat Boulez in seiner Tätigkeit als Schriftsteller reflektiert. In „Wille und Zufall“ 6 und „Werkstatt-Texte“ 7 (siehe Aufsatz „Alea“) äußert sich Boulez zur Problematik der totalen Reihenorganisation der seriellen Musik. Die Determination der musikalischen Parameter führte zur Ausdruckslosigkeit der Musik. Musik ist „mathematisch“ geworden. Dabei war Boulez mit dem Ziel angetreten, eine neue musikalische Sprache zu entwickeln und die alten musikalischen Kategorien wie z. B. Thema, Motiv, Periode usw. hinter sich zu lassen. Nun stand er jedoch vor kompositionsästhetischen Problemen, die Fragen zum Ausdruck und der Hörbarkeit eines solchen Stückes wie den Structures aufwarfen.
Die kompositorische Reaktion auf dieses Problem stellt das Werk Le marteau sans maître (1953/54) für instrumentales Ensemble und Altstimme nach Gedichten des französischen Surrealisten René Char dar, welches Boulez schon kurze Zeit nach den Structures verfasste. Dieses Stück ist wesentlich freier komponiert als das Stück für zwei Klaviere. Die serielle Technik wird durch aleatorische Elemente erweitert. Der Interpret erhält mehr Freiheit und „alte“ Formen, beispielsweise die Kontrapunktik in L´artisanat furieux, scheinen wieder auf. Le marteau sans maître ist bis dato auch Boulez´ erfolgreichste Komposition.
In der Gegenüberstellung der beiden genannten Werke lässt sich Boulez kompositorische Entwicklung anschaulich nachvollziehen. Das Bestreben die serielle Technik zu perfektionieren und deren immanente Probleme zu lösen, hat Boulez stets mit dem Ziel der Entwicklung einer neuen musikalischen Sprache vorangetrieben.
6 Boulez, Pierre: Wille und Zufall: Gespräche mit Célestin Deliège und Hans Meyer, Stuttgart: Belser, 1977.
7 Boulez, Pierre: Werkstatt-Texte, Berlin: Propyläen-Verlag, 1972.
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6. Methodische und didaktische Vorüberlegungen
In der Unterrichtseinheit „Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik“ finden verschiedene didaktische Ansätze Verwendung. Diese lassen sich begrifflich im ästhetischen, semantischen, affektiven und experimentellen Sinne unterscheiden. Die Vernetzung dieser unterschiedlichen Ansätze bildet die Grundlage der methodisch-didaktischen Konzeption der Unterrichtseinheit.
Zum affektiven Bereich gehört das ablenkende Verfahren, bei dem die Schüler/Schülerinnen über Umwege zum eigentlichen Gegenstand geführt werden. Bei der vorliegenden Unterrichtseinheit werden den Schülern/Schülerinnen zunächst einmal Informationen zur Persönlichkeit von Pierre Boulez in Form von Zeitungsartikeln, die Neugier wecken sollen, gegeben. Die Person Pierre Boulez ist für diese Methode gut geeignet, da sie in der Vergangenheit schon des Öfteren für provokative Schlagzeilen gesorgt hat. Bevor Boulez´ Musik in den Vordergrund gerückt wird, bekommen die Schüler/Schülerinnen biographische Hintergrundinformationen, durch die eine Identifikation mit der Person des Komponisten hergestellt und Interesse an der Unterrichtseinheit geweckt wird. Dabei wird zugleich eine Erwartungshaltung gegenüber der Musik von Boulez aufgebaut. Jedenfalls wäre eine direkte Konfrontation mit der schwierig zu hörenden seriellen Musik nicht ratsam. Daher zunächst eine Methode, die von der Musik ablenkt und die Persönlichkeit in den Mittelpunkt rückt.
Ein weiteres ablenkendes Verfahren, diesmal in Kombination mit der Methode des Vergleichens, wird bei der Aufgabe des Zeichnens zur Musik eingesetzt. Die Schüler/Schülerinnen hören die Structures I a aus den Structures pour deux pianos und fertigen währenddessen, mit der Vorgabe nur Striche zu verwenden, eine assoziative Zeichnung zum Stück an. Die Schüler/Schülerinnen konzentrieren sich beim Hören auf das Zeichnen, wobei sie sich (noch) kein Urteil über die Musik bilden, welches sonst vielleicht dazu führen könnte, dass sie sich ihr gegenüber verschließen. Wichtig ist dabei, dass die Schüler/Schülerinnen ihre Ergebnisse mit dem Bild vergleichen, welches Boulez mit dem Stück selbst assoziiert hat. Hier findet eine andere Art der Identifikation statt, nämlich die des selbst Produzierten -Zeichnungen der Schüler/Schülerinnen - mit der assoziativen Vorlage von Boulez zum Stück.
Das ablenkende Verfahren wird in der gesamten Unterrichtseinheit durch die Verwendung von Zeitungsartikeln und Zitaten über Boulez und dessen Werke immer wieder angewendet. Dadurch wird eine Erwartungshaltung aufgebaut, die zu einer erhöhten Bereitschaft der Schüler/Schülerinnen führt, sich mit ihnen fremder Musik zu beschäftigen.
Der ästhetische Ansatz soll bei den Schülern zu einer Diskussion über den Unterrichtsgegenstand führen. Die Analyse der Structures pour deux pianos wirft die Frage nach der Hörbarkeit auf und offenbart zugleich ein ästhetisches Problem, nämlich das der Ausdruckslosigkeit der Musik. Die Suche nach einer Lösung, die einem problemorientierten Ansatz eigen ist, fördert das selbstständige ästhetische Urteilen über eine Komposition und weckt Neugier auf die Lösung des Problems, welches im Fall der Structures pour deux pianos bei Boulez zu einem grundlegenden kompositorischen Wandel geführt hat.
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Der semantische Ansatz findet mit der Methode des Vergleichens bei dem Stück Le marteau sans maître in zweierlei Hinsicht gebrauch: erstens im Vergleich von Alt und Neu, der sich auf die polyphone Satztechnik und das imitatorische Verfahren von Nr. III L´artisanat furieux bezieht und zweitens im Vergleich von Wort und Ton im Bezug auf die besondere Behandlung der Gedichtvorlage durch Boulez, ebenfalls bei Nr. III L´artisanat furieux.
Dem semantisch-affektiven Ansatz ist die Beschreibung der Wirkung eines Stückes zu zuordnen, welche für den Umgang mit unbekannter Musik wichtig ist. Die Schüler/Schülerinnen sollten dabei die Möglichkeit haben sich frei zur Hörerfahrung eines Stückes äußern zu können. Der Lehrer sollte dabei keine letzte Instanz darstellen, die über die Qualität eines Stückes entscheidet. Zurückhaltung des Lehrers führt bei den Schülern/Schülerinnen zu Offenheit und Unvoreingenommenheit bei der Beurteilung von Hörerfahrungen und lässt eine Reflektion zu.
Die Vernetzung und damit Wiederholung des Unterrichtsstoffes in „neuem Kleide“ ist für die Vertiefung und Festigung der erworbenen Kenntnisse von großer Bedeutung. Deshalb werden die theoretischen Erkenntnisse gegen Ende der Unterrichtseinheit mit praktischen Aufgaben wie einer Kollektiv-Improvisation, dem Komponieren am Computer und der Aufführung eines Stückes vernetzt. Diese experimentellen Ansätze ermöglichen darüber hinaus auch eine profunde Identifikation mit dem Unterrichtsstoff.
Ein weiterer Ansatz zur besseren Identifikation mit dem Unterrichtsgegenstand ist der Besuch einer Aufführung. Die Schüler/Schülerinnen erleben Pierre Boulez als Komponist und Dirigent beim Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage 2008. Sie erfahren, dass die Musik von Boulez in der heutigen Gesellschaft rezipiert und reflektiert wird. Diese affektive Erfahrung ist womöglich die wichtigste Komponente in der Reihe der didaktischen Vorüberlegungen zur Unterrichtseinheit.
Die Auswahl der Stücke zur Einheit über Boulez geschah aus verschiedenen Gründen. Die Structures pour deux pianos verdeutlichen auf exemplarische Weise die strenge Form der seriellen Kompositionstechnik. Dieses Stück ist geradezu eine „Material-Schau“ der seriellen Musik und besonders als Einstieg in die Thematik geeignet. Darüber hinaus provozieren die Structures durch ihre „Trockenheit“ und regen zur Diskussion an. Le marteau sans maître stellt quasi die Reaktion auf die „Trockenheit“ der Structures dar. Zugleich veranschaulicht das Stück die kompositorische Entwicklung Boulez´ innerhalb einer kurzen Zeit. Die Abkehr vom streng seriellen Denken und die Einbeziehung des Zufalls (Aleatorik) lassen sich bei Le marteau sans maître gut nachvollziehen.
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7. Innovation
Neue Musik im Musikunterricht ist nur selten Bestandteil des Curriculums. „Im unterrichtlichen Umgang erscheint Neue Musik häufig als ein Sonderbereich“ 8 . Freilich sollte es keine Innovation darstellen, wenn Neue Musik unterrichtet wird, doch so scheint es im Schulalltag auszusehen. Der Grund dafür ist vermutlich auf die Vermittlungsschwierigkeiten dieses Themas zurückzuführen. Der Zugang zur Neuen Musik ist jedenfalls für das Gelingen des Unterrichts entscheidend. Bisher dominierten häufig „kognitive Zugriffe“ 9 , die vom Hören ausgingen und in Analysen mündeten.
Mit der Unterrichtseinheit „Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik“ wird genau der umgekehrte Weg verfolgt. Die Schüler/Schülerinnen erhalten zunächst einmal eine Reihe von Hintergrundinformationen zum Komponisten, den Stücken usw. Danach erst hören sie die Kompositionen, mit einem Vorwissen, dass ihnen die Möglichkeit gibt, das Gehörte einzuordnen. Das ist an sich noch keine besondere Innovation. Die Innovation liegt in der Vernetzung von verschiedenen Zugriffen. D. h. „in der Verbindung von Analyse, Reflexion und Selbsttun“ 10 . Die Schüler/Schülerinnen eignen sich zunächst grundlegendes Wissen an, um dieses Wissen zu reflektieren und schließlich praktisch zu verwenden. Im Detail haben die Schüler/Schülerinnen theoretische Kenntnisse zum Komponisten Boulez und zur seriellen Musik durch exemplarische Werke erworben. Diese Kenntnisse wurden problematisiert und reflektiert. Zum Schluss wurden sie handlungsorientiert angewendet: durch eine Kollektiv-Improvisation, durch das Komponieren eines seriellen Stückes am Computer und durch die Aufführung des aleatorischen Werkes Five von John Cage.
Die Innovation im theoretischen Teil liegt im problemorientierten Zugriff. Die Schüler/Schülerinnen erhalten über Zitate von Boulez Einblick in dessen kompositorische Gedanken z. B. zu den Problemen der seriellen Musik. Ein weiterer problemorientierter Aspekt ist die Auseinandersetzung mit den Problemen der Neuen Musik im Allgemeinen: dem neuen Kunstverständnis, der neuen Höreinstellung und der Rezeptionsschwierigkeiten.
Die Handlungsorientierung ist in dieser Unterrichtseinheit einer der wichtigsten Bestandteile. Der Erfahrungsraum, der dabei aufgebaut wird, schafft „durch das eigene musikalische Gestalten Vertrautheit im Umgang mit Neuer Musik“ 11 . Die zeitgenössische Musik bietet viel Potenzial zur musikalischen Gestaltung: „Besonders die radikale Materialbeschränkung, die Parameterakzentuierung oder der Einbezug gestalterischer Spielräume bieten hierzu die notwendigen Impulse.“ 12 Gerade das Thema der seriellen Musik eignet sich in exemplarischer Weise für solche Gestaltungsaufgaben. Die Aufgabe ein serielles Stück am Computer zu komponieren, nimmt den Gedanken der radikalen Materialbeschränkung und Parameterakzentuierung in beispielhafter Weise auf. Gestalterische Spielräume werden durch die Kollektiv-Improvisation und die Aufführung von Five entdeckt.
8 Jank, Werner (Hrsg.): Musik-Didaktik, Berlin 2007, S. 195
9 Jank, Werner (Hrsg.): Musik-Didaktik, Berlin 2007, S. 194
10 Wißkirchen, Hubert: Neue Musik im Unterricht in: Helms (Hrsg.): Handbuch der Schulmusik, Regensburg 1985, S. 296
11 Jank, Werner (Hrsg.): Musik-Didaktik, Berlin 2007, S. 199
12 ebd.
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Nicht zuletzt stellt der Besuch einer Aufführung von zeitgenössischer Musik eine Innovation dar. Die Schüler/Schülerinnen lernen durch den Besuch des Eröffnungskonzertes der Donaueschinger Musiktage 2008 den Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez auf besondere Weise kennen. Sie erleben das Umfeld eines Neue Musik-Festivals und die Uraufführung von drei zeitgenössischen Werken. Mit dieser außerunterrichtlichen Veranstaltung wird den Schülern/Schülerinnen vor Augen geführt, dass eine lebendige Neue Musik-Kultur existiert. Diese Erfahrung bereichert den Unterricht bezüglich der Motivation der Schüler/Schülerinnen in hohem Maße. Eine Nachbesprechung des Konzertbesuchs bringt eine neue, völlig vom Unterrichtsalltag entfernte, Atmosphäre in den Unterricht. Auch dieser Bereich wird durch die Kollektiv-Improvisation frei nach Enno Poppes Altbau, das eines der drei Uraufführungen in Donaueschingen dargestellt hat, im Unterricht vernetzt. Aus der Hörerfahrung dieses Stückes sollen die Schüler/Schülerinnen in improvisatorischem Umgang mit einem entlehnten Motiv aus Altbau musikalisch experimentieren.
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8. Planung
8.1. Organisation
Neben der allgemeinen Organisation der Unterrichtseinheit, stand vor allem die Organisation des Konzertbesuches bei den Donaueschinger Musiktagen 2008 im Vordergrund. Bereits am Ende des letzten Schuljahres mussten, wegen großer Nachfrage, die ermäßigten Schülerkarten erworben werden. Da der Termin des Eröffnungskonzerts der Donaueschinger Musiktage fest stand, musste die Unterrichtseinheit dementsprechend zeitlich darauf abgestimmt werden. Der im Fach Musik planmäßig nur einstündig laufende Unterricht der Klasse 11b wurde durch entgegenkommende Unterstützung der Schulleitung des Gymnasiums am Deutenberg in Villingen-Schwenningen während der Unterrichtseinheit „Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik“ auf zwei Stunden pro Woche erweitert. Dabei wurde ich von einem Fachlehrer der Klasse 11b, der mir unkompliziert eine seiner Unterrichtsstunden zur Verfügung stellte, unterstützt.
8.2. Übergeordnete Ziele der Unterrichtseinheit
Die Schüler/Schülerinnen lernen durch die Begegnung mit der Persönlichkeit Pierre Boulez einen wichtigen Komponisten der Neuen Musik kennen. Sie erfahren darüber hinaus, dass Boulez der Strömung der seriellen Musik angehört und aleatorische Einflüsse in seiner Musik auffindbar sind. Das Erlebnis der Aufführung eines Werkes von Pierre Boulez unter dessen eigener Leitung und die praktische Auseinandersetzung mit dem Thema der seriellen und aleatorischen Musik stellen die handlungsorientierten Ansätze der Unterrichtseinheit dar. Diese sprechen einerseits die gestalterischen Kompetenzen der Schüler/Schülerinnen an, andererseits vertiefen sie zuvor erworbene kognitive Kenntnisse. Das Verständnis von Neuer Musik wird über einen problemorientierten Ansatz, der zum kritischen Denken über Musik anregt, vermittelt.
Sowohl im praktisch orientierten als auch im theoretischen Bereich wird die Reflexion über Musik mit in das Unterrichtsgeschehen einbezogen. Die Schüler/Schülerinnen äußern ihre Eindrücke zur Musik und setzen sie in Beziehung zu Hintergrundwissen. Die Arbeit in Gruppen- (Mind-Map, Kollektiv-Improvisation, Aufführung von Five) und Partnerarbeit (Serielle Komposition) und der Konzertbesuch fördern die Gemeinschaft der Klasse in sozialer Hinsicht. Nicht zuletzt machen die Schüler/Schülerinnen die Erfahrung, dass Neue Musik interessant sein kann.
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8.3. Vorgehen
Für die exemplarische Behandlung einer Strömung der Neuen Musik habe ich mich dazu entschlossen einen Komponisten, in diesem Fall Pierre Boulez, näher im Bezug auf sein Werk zu betrachten. Die Stücke Structures pour deux pianos und Le marteau sans maître von Boulez sind aus verschiedenen Gründen für die Unterrichtseinheit gewählt worden. Die extreme kompositorische Position der Structures wird bereits bei Le marteau von Boulez verlassen. Die streng serielle Kompositionsmethode wird durch aleatorische Einflüsse „aufgeweicht“. Die Zeit zwischen beiden Stücken stellt eine Gelenkstelle im Schaffen Boulez´ dar. Boulez´ Abkehr vom streng seriellen Denken ist vielfach dokumentiert, sogar vom ihm selbst, da er sich auch als Schriftsteller betätigt hat.
Die Persönlichkeit Boulez begleitet die Schüler/Schülerinnen über die gesamte Unterrichtseinheit. Zu Beginn der Einheit erhalten sie biographische Informationen über Boulez. Bei den Werkbetrachtungen wird stets auch die Ansicht Boulez´ zu den Kompositionen thematisiert (über Zitate und Audio-Kommentare). Die Schüler/Schülerinnen erleben Boulez als Dirigenten im Konzert und erfahren etwas über die Beziehung Boulez´ zu den Donaueschinger Musiktagen. In der Stunde über John Cage wird Boulez im Kontrast zu Cage angesprochen.
Die Persönlichkeit Pierre Boulez stellt somit den roten Faden der Unterrichtseinheit dar.
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Arbeit zitieren:
Thomas Grasse, 2009, Neue Musik im Musikunterricht - Pierre Boulez und die serielle Musik, München, GRIN Verlag GmbH
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Das Vierte Streichquartett op. 37 von Arnold Schönberg
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
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Zu: Pierre Boulez - "Structure prémiere livre à 2 pianos à 4 main...
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