Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Textimmanent: keine Umarmung für Nathan 4
2.1 Regieanweisungen 4
2.2 Sprache 6
2.3 Form und Inhalt 7
2.4 Dramatischer Spannungsbogen 8
3 Über die Textgrenze: Motivation des Schriftstellers 10
3.1 Lessing als Anwalt des Judentums 10
3.2 Lessings eigenes Umfeld 10
3.3 Lessing als Mensch 11
4 Abschluss und Ausblick 11
5 Literaturverzeichnis 13
2
1 Einleitung
Das 1779 von Lessing fertig gestellte und veröffentlichte Stück „Nathan der Weise“ wird seit nahezu drei Jahrhunderten als Träger einer „Botschaft der Toleranz“ 1 verstanden und interpretiert. Die berühmte Regieanweisung am Schluss lässt den Vorhang über eine „allseitige Umarmung“ 2 fallen und pflanzte sich als Stück der Versöhnung in die Köpfe der Leser bzw. der Zuschauer. Liest man Lessings „dramatisches Gedicht“ aber genau, kann ebenso gut ein unruhiges Gefühl im Leser zurück bleiben. Die „stumme>@ Umarmung“ scheint nicht recht zu der Handlung zu passen, die die Figuren (und Zuschauer) doch zum Jubeln anregen müsste. Da finden sich Familienmitglieder wieder und die Umarmung bleibt stumm?
Die Regieanweisungen des Dramenschlusses waren mir Inspiration, den Text noch einmal zu untersuchen und zwar unter der Fragestellung: Hat das Stück noch eine andere Komponente, die über den in der Forschung unbestrittenen Sieg der Humanität über menschliche Vorurteile hinausgeht? Versteht sich das Schlusstableau auf einer tieferen Ebene doch auch als (versteckte) Gesellschaftskritik? Und wenn ja, worin besteht die Kritik? Und wenn sie sich versteckt präsentiert, warum ist sie nicht so offen formuliert, wie alle anderen kritischen Momente im Stück? Liest sich, unter dem ernsthaften Ton dieses Endes, das ganze Drama nicht sogar um einen Ton weniger harmonisch und ist dafür insgesamt eine Spur kritischer zu verstehen als es gemeinhin interpretiert wird?
Ausgangspunkt der Überlegung ist die Beobachtung, dass die Figur Nathan laut Text kein Mitglied der von ihm zusammen geführten Familie ist und er laut Regieanweisung im Stück, auch aus der Umarmung ausgeschlossen bleiben müsste. Auch wenn die klassische Theater-Inszenierung Nathan in der Mitte der Menschen gesehen hat, bleibt Nathan nicht in Wirklichkeit symbolträchtig am Rand der Bühne alleine stehen? Ist Nathan am Ende nicht nur weise sondern auch Waise ? Und ist letzteres sogar zu einem Teil die Konsequenz des ersten?
1 Fick, Monika: Lessing Handbuch, Stuttgart, 2004, S. 406
2 Nathan der Weise, Akt 5, letzter Auftritt. (Alle folgenden Zitate aus „Nathan der Weise“ stammen aus: Lessing:
Nathan der Weise. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur. (vgl. Lessing-W Bd. 2)
2 Textimmanent: keine Umarmung für Nathan 2.1 Regieanweisungen
Folgt man dem Text am Schluss des Dramas konsequent, führen die Regieanweisungen in der Enthüllungsszene über die Familienverhältnisse zu einem überraschenden Ende:
1. Nachdem Nathan die geschwisterliche Verbindung zwischen Recha und dem Tempelherrn aufgedeckt hat, eilt der Tempelherr zunächst auf Nathan zu und umarmt anschließend Recha:
„Auf Nathan zueilend. / Ihr nehmt und gebt mir, Nathan! / Mit vollen Händen
beides! - Nein! Ihr gebt / Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr! / Re-cha um den Hals fallend. / Ah meine Schwester! meine Schwester!“ 1 2. Anschließend nennt Nathan Rechas richtigen Namen und bietet dem Tempelherrn an, sich ebenfalls seinen Sohn zu nennen: Die folgende Umarmung, die von den Kindern ausgeht scheint als positive Antwort zu werten zu sein, während der Tempelherr eine verbale Antwort schuldig bleibt:
„NATHAN. Und was? - O meine Kinder! meine Kinder! - / Denn meiner
Tochter Bruder wär mein Kind / Nicht auch, - sobald er will? / Indem er sich
ihren Umarmungen überläßt, / tritt Saladin mit unruhigem Erstaunen zu sei-ner Schwester.“ 2
3. Saladin hat sich von der Gruppe entfernt und spricht mit seiner Schwester. Anschließend ruft Saladin Nathan von den Geschwistern weg und Sittah geht zu ihnen herüber. Die Tatsache, dass Saladin und Nathan leiser sprechen deutet darauf hin, dass Saladin zunächst vermeiden möchte, von den anderen gehört zu werden. Der Logik halber müssten die beiden Gesprächspartner also einige Schritte von der Gruppe entfernt stehen. Text und Regieanweisung dazu lauten:
„SALADIN. Nathan, auf ein Wort! ein Wort! - / Indem Nathan zu ihm tritt, tritt
Sittah zu dem Geschwister, ihm ihre Teilnehmung zu bezeigen; und / Na-
than und Saladin sprechen leiser.“ 3
4. Es werden die weiteren Verwandtschaftsverhältnisse anhand eines Buches aufgedeckt, das Nathan von seinem Freund Assad vorweisen kann. Saladin eröffnet die weiteren familiären Entdeckungen nun auch der entfernt stehenden Gruppe:
1 Lessing: Nathan der Weise, 5. Aufzug, letzter Auftritt
2 Lessing: Nathan der Weise, 5. Aufzug, letzter Auftritt
3 Lessing: Nathan der Weise, 5. Aufzug, letzter Auftritt
Arbeit zitieren:
Ariela Sager, 2006, Ist Nathan der Weise Waise?, München, GRIN Verlag GmbH
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