Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Voltaire: streitbarer Autor 5
3 Pangloss ist/ist nicht Leibniz 7
4 Leitmotiv: Es bewegt sich nichts 9
5 verhüllte Enthüllung 10
6 Schein und Sein 12
7 übernommene und überkommene Missverständnisse 14
8 Der Garten 16
9 Conclusion 18
10 Bibliographie 19
1 Einleitung
Kindlers Literaturlexikon weist in seinem Artikel über Voltaires Candide darauf hin, dass dieser Roman „viel gelesen, belacht, verdammt, gelobt“ 1 worden sei, dass seine Rezeptionsgeschichte also ambivalent verlaufen sei. „Leichthin“, schreibt Walter Mönch in seinem Vortrag über Voltaire und Leibniz, „wird die Meinung geäußert und nachgesprochen, dieser berühmteste Roman Voltaires sei eine geistvoll verkleidete Widerlegung des Leibnizschen Optimismus, dem zu folge wir in der denkbar besten aller Welten lebten“ 2 . Mönch weist auf die Differenzen hin, die Voltaire und Leibniz trennen, die zeitliche und damit geistesgeschichtliche Distanz aufgrund unterschiedlicher historischer Entwicklungen in zwei grundverschiedenen Nationen. Er deutet an, dass dieser Lektüreansatz möglicherweise zu kurz greift. Zwei Ausprägungen der Lektüre sind wir in der Rezeptionsgeschichte zu Voltaires Candide gewohnt: Entweder wird Voltaire auch posthum für seinen Roman geehrt, wird ihm ein brillantes Werk zugesprochen, das mit „bitterer Ironie“ auftritt, schreibt Harald Weinrich, „nicht nur gegen die Philosophen des metaphysischen Optimismus, sondern auch gegen alle weltlichen und geistlichen Autoritäten, die sich in der Welt, so unvollkommen sie sein mag, behaglich und selbstzufrieden eingerichtet hatten“ 3 . Oder ihm wird diese Ehrung - zumindest im Hinblick auf Candide - verweigert und im Gegenteil vorgeworfen, Voltaire stelle mit diesem Roman einmal mehr seine Texte in den „Dienst der aufklärerischen Propagandatechnik“ 4 . Unter dieser Technik fasst Auerbach alle Stilelemente im Erzählverfahren zusammen, die Voltaires Texte unverwechselbar machen: der Witz, das Tempo, die „Scheinwerfertechnik, die das Lächerliche, Absurde oder Abstoßende am Gegner überbeleuchtet“ 5 , die starke Vereinfachung der Begebenheiten, das anekdotenhafte Erzählen. Auerbach spricht von „Polemik gegen den metaphysischen Optimismus des Leibnizschen Gedankens von der bes- 1 Kindlers Literaturlexikon, Band 17, S. 254
2 Walter Mönch: Voltaire und Leibniz. Ihre Weltansicht und soziale Wirksamkeit. S. 153
3 Harald Weinrich: Nachwort zur deutschen Übersetzung von Voltaire: Candide oder der Optimismus, S. 171
4 Erich Auerbach: Das unterbrochene Abendessen, S. 376
5 ebd., S. 379
ten aller möglichen Welten“ 1 und sieht Leibniz damit gründlich missver-standen. „Voltaire“, schreibt Auerbach, „konstruiert die Wirklichkeit in der Weise, daß sie sich für seine Zwecke eignet“ 2 .
Was aber sind Voltaires Zwecke? Wenn die Lektüre eines Textes in ihrer Bewertung so weit auseinander geht, ist es dann nicht plausibel anzunehmen, dass dem Text in der Tat ein vom Autor intendierter Zweck, ein Ziel, vielleicht eine Zielgruppe zu Grunde liegt, die der Rezeption nicht auf einfachem Weg zugänglich ist? Ließe sich nicht gerade unter der Annahme, Voltaire habe einen Zweck verfolgt, über die Auslegung des Textes streiten, wenn der Zweck in seinem Jahrhundert begründet lag und nachfolgenden Lesern, besonders denen späterer Jahrhunderte, kaum noch bekannt sein dürfte? Biografien über Voltaire deuten an, dass wir es mit einem streitbaren, auch zynischen Autor zu tun haben, der es seiner Umwelt nie leicht gemacht hat, ihn zu verstehen. Nicht einmal in seinen über 20.000 Briefen habe er sich selbst preisgegeben, schreibt Jürgen Grimm über Voltaire 3 . Liegt ein anderer Lektüreansatz also möglicherweise in der Mitte oder gar jenseits der beiden polarisierenden Kritikhaltungen? Könnte der Zweck darin bestehen, jene „leibniziens et plus encore les leibniziennes“ 4 von denen Sylviane Léoni schreibt, die es im direkten Umfeld Voltaires gegeben habe, zu kritisieren? Jene Damen und Herren nämlich, für die es in der Theodizéedebatte des 18. Jahrhunderts beinahe in Mode gewesen war, Leibniz zur Rechtfertigung der eigenen Untätigkeit heranzuziehen. Léoni weist auf große Missverständnisse des Leibnizschen Optimismusgedankens hin, wie sie bei modischem Gebrauch von philosophischem Gedankengut entstehen können: „Mais, riche en implications métaphysiques et intellectuelles, le système philosophique du penseur allemand n’est pas toujours bien connu et bien compris par ceux-là même qui s’y réfèrent. Dépouillé de sa rigeur et de sa logique conceptuelle, il se reduit parfois à un optimisme facile, à une
1 Erich Auerbach: Das unterbrochene Abendessen, S. 382
2 Ebd., S. 384
3 Jürgen Grimm: Französische Literaturgeschichte, S. 241
4 Sylviane Léoni: Introductions et Notes zu Voltaires Candide, S. 16
rage de soutenir que tout est bien quand on est mal(...)” 1 . Möglicherweise hat Voltaire, der sich zu dieser Zeit schon von der Welt enttäuscht auf sein Landgut in Ferney zurückgezogen hatte, diesen Weg gewählt, um sein Umfeld in seiner Blindheit zu kritisieren. Möglicherweise erschien ihm das metaphorische Kopfschütteln mit dem Stift in der Hand als das adäquate Mittel zu dieser Kritik. Dann beträfe die Kritik in Candide nicht in erster Linie den metaphysischen Optimismus eines Leibniz oder Ale-xander Pope, den Voltaire „petit enfer“ 2 nennt, sondern die Rezeption und Wirkung, die Auslegung und das in der Folge untätige Verharren der Leibniz-Leser wäre dann Gegenstand seiner Kritiklust. Wie plausibel dieser Lektüreansatz sein könnte, ließe sich zeigen, wenn man die Aktualität, die das Werk für Leser des 21. Jahrhunderts noch - oder schon wieder - in sich birgt, aufzeigte.
2 Voltaire: streitbarer Autor
Gemeinhin wird also als gängige Deutung für den conte philosophique Candide angenommen, es handele sich um den Versuch, den leibnizschen metaphysischen Optimismus zu widerlegen, es läge also eine Satire auf jenen deutschen Philosophen vor, der die Welt zu idealistisch vollkommen eingeschätzt haben soll. Voltaires zivilisatorischer Optimismus, schreibt Jürgen Grimm, sei nach dem Erdbeben von Lissabon erschüttert worden. Sein „Glaube an die prästabilierte Harmonie und die optimale Weltordnung“ sei ins Wanken geraten 3 . In der Tat wird das Erdbeben von Lissabon in Candide plastisch und wie ein Inferno beschrieben: „Trente mille habitants de tout âge et de tout sexe sont écrasés sous des ruines“ (Candide 4 , S. 60).
Wenn man Voltaires Werkliste überblickt und die Anlässe berücksichtigt, auf deren Grundlage die Texte, vor allem die satirischen Texte, entstanden sind, dann erkennt man, dass häufig die direkte Reaktion auf ein Ereignis Voltaire zu schreiben motiviert. Da sind die Spottgedichte auf den
1 ebd., S. 16/17
2 Sylviane Léoni: Introductions et Notes zu Voltaires Candide., S. 17
3 Jürgen Grimm: Französische Literaturgeschichte, S. 239
4 Alle Verweise auf den Primärtext Candide beziehen sich auf die Ausgabe: Voltaire: Candide, Classiques de poche,
sous la direction de Michel Simonin mit einer Einführung und Anmerkungen von Sylviane Léoni, Paris, 1991
Regenten, den Herzog Philippe d’Orléans, die ihm schon als junger Autor eine Verbannung aus Paris in die Provinz 1 und - nach nicht erfolgter Mäßigung seiner Spottlust - sogar einen Bastillearrest einbrachten. In Candide wird auf unzählige Einzelpersonen oder Personengruppen angespielt, mit denen Voltaire sich in persönlicher Feindschaft befand: die Jesuiten als Gegner der Enzyklopädisten, die in Candide als despotisch, rassistisch und kriegerisch beschrieben werden; die Kirche und die Inquisition, die Voltaire, der sich „gegen Vorurteile, Aberglaube und religiöse Intoleranz“ 2 einsetzte, vernunftwidrig vorgekommen sein musste. Persönliche Gegner im Speziellen werden von Voltaire zum Teil ästhetisch verfremdet, bleiben für die Zeitgenossen aber immer erkennbar: Le père Didrie, Rektor des Collège in Colmar, der versuchte, Voltaire zu schaden, als jener sich 1754 dort aufhielt, darf nicht einmal auf eine Verfremdung hoffen, als sein Name erst 1761 anstelle eines vorherigen Fantasienamens für den homoerotisch orientierten Jesuitenpater eingesetzt wurde 3 . Der holländische Verleger Van Duren erscheint in Candide als Sklavenhalter und räuberischer Kapitän unter dem leicht erkennbaren Namen „Monsieur Vanderdendur“ (Candide, S. 112). Mit ihm soll Voltaire, laut Anmerkung von Léoni, wiederholt in Streit gelegen haben 4 . Außerdem ereilt es die Stadt Paris, die Voltaire 1753 die Einreise verweigert hatte, nachdem die Abreise nach Deutschland 1750 ein „Bruch mit Versailles“ 5 bedeutete und man aus politischen Gründen keinen Wert darauf legte, „das schwierige Verhältnis zum preußischen König noch mehr zu belasten, indem man Voltaire nach dem Konflikt mit Friedrich in Gnaden aufnahm“ 6 . Paris erscheint in Candide als Höhepunkt der Abscheulichkeiten, die der Protagonist auf seiner Reise erleben muss, als „chaos“ (Candide, S. 121) wo es wimmelt von „la canaille écrivante, la canaille cabalante, et la canaille convulsionnaire“ (Candide, S. 122). Außerdem entlädt sich literarischer Spott auf Maupertius, dem Voltaire vor-
1 vgl. Georg Holmsten: Voltaire, S. 24/25
2 Jürgen Grimm: Französische Literaturgeschichte, S. 240
3 vgl. Sylviane Léoni: Introductions et Notes zu Voltaires Candide, S. 94
4 ebd., S. 112
5 Georg Holmsten: Voltaire, S. 79
6 ebd., S. 97
Arbeit zitieren:
Ariela Sager, 2008, Rendre la vie supportable, München, GRIN Verlag GmbH
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