1 Einleitung
Thema der vorliegenden Arbeit ist der Klosterstreit von Poitiers aus dem Jahre 589. Der Fokus liegt dabei auf der Fragestellung, welche Lebensalternativen Frauen aus dem merowingischen Königshaus wirklich hatten. Ein weiteres Anliegen soll sein, zu klären, warum es zu dem Klosterstreit kam und wie der Inhalt des Streits unter dem Gesichtspunkt hagiographischer Quellen zu verstehen ist. Doch bevor in Kapitel 3 der Klosteraufstand behandelt wird, erfolgt in Kapitel 2 die Charakterisierung der bedeutenden Personen dieser Arbeit. Gregor von Tours Werk „Decem libri historiarum“ wurde hierfür hauptsächlich herangezogen.
Abschließend folgt in Kapitel 4 eine kurze Zusammenfassung und Reflexion.
2 Personen
2.1 Gregor von Tours
Greogorius Florentius wurde am 30. November 538 oder 539 in Clermont geboren und entstammte aus einer Senatorenfamilie. Durch diese Stellung in der Gesellschaft wurde Gregorius religiös auf das Amt eines Bischofs, welches ebenso sämtliche Familienmitglieder trugen, erzogen. 573 wurde Gregor als Nachfolger seines Vetters Eufronius zum Bischof von Tours geweiht. Gregor von Tours war als Bischof von Tours eine bedeutende Persönlichkeit in der merowingischen Gesellschaftsstruktur. 1 Er widmete sich hauptsächlich hagiographischen Werken; das bekannteste und hier verwendete Werk „Decem libri historiarum“ stellt eine Chronik des Zeitgeschehens dar, wie sie sonst nur die Fredegarchroniken und die Historiae francorum aufweisen. 2 Dabei muss erwähnt werden, dass Gregor eine bewusste Manipulation zum Zwecke der Kirche erreichen wollte. 3
Ebenso war der Bischof von Tours nicht bei allen von ihm beschriebenen Aktionen persönlich anwesend, sodass er die Informationen häufig aus zweiter Hand erfuhr. Gregor von Tours starb zwischen 593 und 594 in Tours. 4
1 Ian Wood: The individuality of Gregory of Tours, in: Kathleen Mitchell, Ian Wood (Hrsg.): The world of Gregory of Tours, Leiden 2002, S. 33.
2 Hans Hubert Anton: Art. „Gregor von Tours“, in: LexMA 4 (1995), Sp. 1679f. (Im Folgenden zitiert als: Anton, Gregor von Tours).
3 Heinzelmann, Martin: Gregor von Tours (538-594). „Zehn Bücher Geschichte“. Historiographie und Gesellschaftskonzept im 6. Jahrhundert, Darmstadt 1994, S. 9 (Im Folgenden zitiert als: Heinzelmann, Zehn Bücher Geschichte).
2
2.2 Radegunde
Radegunde wurde um 520 in Thüringen als königliche Tochter geboren. Nach der Niederlage der Thüringer wurde sie 531 nach Neustrien gebracht und erhielt unter Chlothar I. eine christliche und literarische Erziehung. 5 Um 540 wurde sie mit König Chlothar vermählt, obwohl sich schon dort eine eher kirchlich enthaltsame Neigung Radegundes entwickelte. Nach der Hinrichtung ihres Bruders durch Chlothar um 550 zog sich Radegunde zurück und wurde daraufhin von dem Bischof Medardus von Noyon zur Diakona geweiht. 6 Trotz misslungener Versuche des Königs, seine Frau wieder an den Hof zu bitten, ließ Chlothar seiner Gemahlin ein Kloster innerhalb Poitiers errichten. Radegunde unterstellte sich dort der Äbtissin, ihrer Adoptivtochter Agnes. Unter anderem forderte und erhielt Radegunde die Kreuzpartikel als Reliquie für ihr Kloster Sainte-Croix in Poitiers. Ebenso führte sie die Regeln des heiligen Caesarius von Arles ein. Radegunde starb am 13. August 587 in Poitiers. Die Begrabungsstätte Saint Marie vor Poitiers war daraufhin eine Kultstätte für Pilger, was sich in den beschriebenen Wundern vor und nach ihrem Tode ausschmückt. 7 Neben der Quelle von Gregor von Tours gibt es außerdem noch zwei Hauptquellen, die sich mit dem Leben und dem Wirken Radegundes beschäftigen. Die Heiligenvita des Venatius Fortunatus kann man grundsätzlich als Vorlage für die Vita der Baudonivia, einer Nonne aus dem Kloster von Poitiers, betrachten. 8
2.3 Chrodechilde und Basina
Chrodechilde als Tochter des 567 verstorbenen Königs Charibert 9 und ihre Kusine Basina als Tochter des 584 ermordeten König Chilperichs waren Nonnen im Kloster von Poitiers. Die beiden Königstöchter sahen sich in ihrer Stellung nicht gleich der Caesarius von Arles- Regel
4 Anton, Gregor von Tours, Sp. 1679
5 Susanne Wittern: Frauen, Heiligkeit und Macht. Lateinische Frauenviten aus dem 4. bis 7. Jahrhundert, Stuttgart 1994, S. 89 (Im Folgenden zitiert als: Wittern, Frauen, Heiligkeit und Macht). 6 JakobTorsy : Art. „Radegund“, in: Lexikon der deutschen Heiligen, Köln 1959, S.455f.
7 Marc Van Uytfanghe Marc: Art. „Radegunde“, in: LexMa 7 (1995), Sp. 387.
8 Sabine Gäbe: Sancta, Regina, Ancilla. Zum Heiligenideal der Radegundisviten von Fortunat und Baudonivia,in: Francia 16/1 (1989), S. 1f. (Im Folgenden zitiert als: Gäbe, Sancta, Regina, Ancilla).
9 Martina Hartmann: Reginae sumus. Merowingische Königstöchter und die Frauenklöster im 6. Jahrhundert, in: Herwig Wolfram (Hrsg.): Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung Bd.113 (2005), S. 1 (Im Folgenden zitiert als: Hartmann, Reginae sumus).
3
gleichgestellt, sondern wollten gemäß ihres weltlichen Standes behandelt werden. 10 Aufgrund dessen kam es zu dem Klosterstreit von Poitiers, welcher in Punkt 3 behandelt wird.
3 Der Klosterstreit von Poitiers
Gregor von Tours beschreibt in Buch neun und zehn seines Werkes „Decem libri historiarum“ 11 unter anderem den Klosterstreit von Poitiers aus dem Jahre 589, deren Anstifter die Königstöchter Chrodechilde und Basina sind. Gregor war selbst bei den Geschehnissen zugegen, arbeitete sogar aktiv als stellvertretender Bischof gegen den Klosteraufstand. 12
3.1 Inhalt
Chrodechilde nimmt im neunten Buch einigen Nonnen des Klosters von Poitiers einen Eid ab, dass sie der Äbtissin Leubowera Verbrechen vorwerfen wie beispielsweise die Unterhaltung mit Brettspielen, 13 sie somit aus dem Kloster entfernen und Chrodechilde selbst Oberhaupt des Nonnenklosters wird. 40 oder mehr Jungfrauen sind ihr untertan, samt ihrer Base Basina, der Tochter Chilperichs. Beide wollen nicht mehr gleichgestellt behandelt werden. Sie stellen Machtansprüche als Töchter von Königen. Chrodechilde tritt vor Gregor und bittet um Schutz für ihre „Jungfrauen“, während sie sich bei den Königen über Leubowera beklagt. Gregor verweist hier auf den verantwortlichen Bischof, den Bischof von Poitiers, Marowech. Chrodechilde sträubt sich gegen die Entscheidungen der Bischöfe und will dennoch bei den Königen vortreten. 14 Ebenso führen die Königstöchter und ihre Anhängerinnen üble Nachrede gegen ihren Bischof. Im Winter harrt Chrodechilde noch aus, im Sommer hingegen tritt sie dann vor König Gunthramn und wird gut aufgenommen. Als sie nach Tours zurückkehrt, haben sich bereits einige Jungfrauen verheiratet. Die Äbtissin flüchtet sich in die Kirche des heiligen Hilarius und Gregor glaubt den Vorwürfen der Chrodechilde nicht. 15 Gundegisil von
10 Brigitte Merta: Helenae conparanda regina - secunda Isebel. Darstellung von Frauen des merowingischen Hauses in frühmittelalterlichen Quellen, in: Herwig Wolfram (Hrsg.): Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung Bd. 96 (1988), S.9f. (Im Folgenden zitiert als: Merta, Helenae conparanda regina).
11 Gregor von Tours: Zehn Bücher Geschichten, auf Grund d. Übers. v. W. Giesebrecht neubearb. v. Rudolf Buchner, 2. Bd., ( = Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Bd.2), Darmstadt 1959, Buch 9 und 10, S.227- 319 (Im Folgenden zitiert als: Gregor von Tours, Zehn Bücher Geschichten).
12 Heinzelmann, Zehn Bücher Geschichten, S. 66.
13 Katrinette Bodarwé: Frauenleben zwischen Klosterregeln und Luxus? Alltag in frühmittelalterlichen Frauenklöstern, in: Helga Brandt, Julia K. Koch (Hgg.): Königin, Klosterfrau, Bäuerin: Frauen im Frühmittelalter, Münster 1997, S. 131
14 Gregor von Tours, Zehn Bücher Geschichten, S. 297ff. 15Gregor von Tours, Zehn Bücher Geschichten, S. 303ff.
4
Arbeit zitieren:
Sarah Rütjes, 2009, Der Klosterstreit in Poitiers, München, GRIN Verlag GmbH
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