Inhaltsverzeichnis
1. Das Nonnenturnier 3
2. Der mächtige zagel endet dort, wo der Ritter begann:
im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde 4
2.1. Der hermeneutische Zirkel 4
2.2. Techniken der ambivalenten Macht im hermeneutischen Zirkel des
priap äischen Märes das Nonnenturnier. 6
3. Schlussbemerkung. 12
4. Literatur. 13
4.1. Primärquelle 13
4.2. Sekundärquellen 13
2
1. Das Nonnenturnier
Im priapäischen Märe 1 das Nonnenturnier gelingt es einer edelen frauwe 2 ihrem Liebhaber, einem frechen ritter 3 , der sie nach einer Nacht verlassen will, einzureden, dass er den Frauen noch lieber wäre, wenn er sich des kleinots 4 zwischen seinen Beinen entledigen würde. Denn obwohl der Ritter der Dame von Anfang an gesagt hat, dass er nur eine Nacht bei ihr nächtigen könnte, wollte sie am nächsten Morgen mehr und drohte, bei Nichterfüllung dieser Forderung, ihm vor dem ganzen Hofe zu denunzieren. Nach einem Streitgespräch mit seinem Penis schneidet der Ritter diesen ab und versteckt ihn in einem Nonnenkloster unter der Treppe. Daraufhin präsentiert sich der entmannte Ritter stolz der edlen Dame, da er denkt, dass sie diesen Ausdruck seiner Treue anerkennen wird. Doch als er vor sie tritt, wird er von ihr und mehr als hundert Frauen aus der Stadt gejagt. Dort muss er den Rest seines Lebens desolat in der Wildnis zubringen. Währenddessen verbrachte der zagel ein Jahr büßend unter der Treppe des Nonnenklosters bis er sich für den Freitod entschied. Er trat somit vor die Nonnen und als diese ihn entdecken, entsteht sogleich ein Streit darüber, wer ihn haben darf, bis die oberste Herrin die Entscheidung fällt, einen Kampf zu veranstalten und „welche mit turnei und mit ringen/ ie der ander anbehabe,/ das in die frölich haime trage.“ 5 Im Turnier kommt es zu einer wüsten Prügelei und einem brutalen Gezerre um den Siegerpreis, bis der zagel schließlich undergeslagen 6 wird. So bleibt den Nonnen nichts, als Schweigen über dies wilde Treiben zu geloben.
Im Folgenden wird das Märe unter dem Aspekt der ambivalenten Machtverhältnisse analysiert. Hierbei ist das Anliegen, dass Macht gerade nicht als „einebnende“ interpretatorische Kategorie zu sehen ist, demnach nicht als Mittel, um zu einer um jeden Preis einheitlichen Interpretation zu gelangen, sondern sie stattdessen lediglich als methodisches Instrument zu verwenden ist, mit dessen Hilfe entsprechende Machttechno- 1 Derturnei von dem zers gehört zu der Gattung der Priapeia. Diese diskutieren Geschlechteridentitäten in der
mittelalterlichen Literatur und machen dabei die beunruhigende Entdeckung, dass die Höfisierung männlicher
Adliger mit einem Verlust an Macht gegenüber höfischer Damen verbunden sein kann. Weiterhin versuchen die
Texte diese Beunruhigungen zugunsten eindeutiger Geschlechterdefinitionen abzustellen, ohne dabei aber, nach
Schlechtweg-Jahn, erfolgreich zu sein. Die Geschlechterhierarchie erweist sich als zerbrechlich und männliche
Macht im Rahmen höfischer Kultur als grundsätzlich gefährdet. (Aus: Schlechtweg-Jahn, Ralf:
Geschlechtsidentität und höfische Kultur. Zur Diskussion von Geschlechtermodellen in den sogenannten
priapeiischen Mären. In: Ingrid Bennewitz / Helmut Tervooren (Hg.): Manlîchiu wîp, wîplich man. Zur
Konstruktion der Kategorien „Körper“ und „Geschlecht“ in der deutschen Literatur des Mittelalters. Berlin:
Erich Schmidt Verlag 1999. S.85.)
2 Primärtext der turnei von dem zers zum Proseminar „Theorie und Praxis - Methoden der
Literaturwissenschaft“. V.40. (Im Folgenden wird nur noch der betreffende Vers geschrieben, da dieser Arbeit
nur ein Primärtext zur Bearbeitung vorliegt.)
3 V.12.
4 V.109.
5 V.400-402.
6 V.563.
3
logien und -prozesse 7 aufgedeckt und beschrieben werden können. Dabei wird natürlich vor allem textimmanent vorgegangen, um die zentrale Frage nach den ambivalenten Machtverhältnissen innerhalb eines hermeneutischen Zirkels zu klären.
2. Der mächtige zagel endet dort, wo der Ritter begann:
im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde
2.1. Der hermeneutische Zirkel
Dass das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen verstanden werden muss, besagt eine hermeneutische Grundregel,. Dieses Prinzip wird als hermeneutischer Zirkel bezeichnet. 8 Die Autoren der philosophischen Hermeneutik definieren den Charakter und die Reichweite der Zirkelbewegung unterschiedlich. Schleiermacher sieht den hermeneutischen Zirkel sowohl in der grammatischen Interpretation, das heißt einerseits sollen historische Strukturen von Sprache, von Grammatik, Syntax und Semantik kommentiert und erläutert werden, als auch in der psychologischen Interpretation, das heißt zwischen dem Text als Ausdruck bzw. Teil des Seelenlebens des Autors und dem Ganzen seines Seelenlebens, gegeben. 9 Bei Gadamer und Heidegger beschreibt der Zirkel das Verstehen als Aneignung der Überlieferung durch den Interpreten, der sich zunächst in einer Position zwischen Fremdheit und Vertrautheit befindet. 10 Die Vertrautheit, die sich aus seiner kulturellen Zugehörigkeit ergibt, erlaubt es ihm, den Sinn des Textes vorwegzunehmen, um dieses „Vorurteil'“ mit zunehmendem Verständnis des Textes jeweils zu korrigieren. Das heißt der hermeneutische Zirkel besteht zwischen dem Verhältnis der konkreten Teilauslegung von etwas und der Verstehensganzheit, in dem sich die Auslegung immer schon befindet. Um etwas bestimmtes zu verstehen, muss ich schon ein Vorverständnis des Kontexts, in dem sich etwas befindet, mitbringen. Um von dem Kontext ein Vorverständnis
7 Bei der Beschreibung der Machttechnologien und -prozesse wird die Terminologie und Methodologie von
Michel Foucaults verwendet. Hier ist darauf hinzuweisen und zu bedenken, dass Foucaults theoretisches Werk
über Fragen der Macht historisch-philosophischer Natur ist. Dabei hat er sich zwar niemals primär auf Literatur
und insbesondere nicht auf mittelalterliche Literatur bezogen, trotzdem liegt es durchaus nahe, dessen
Machttheorien im Folgenden interdisziplinär einzubeziehen. Die Rechtfertigung einer solchen Verwendung
ergibt sich aus dem Selbstverständnis seines Werkes, wenn man bedenkt, wie er sich dort selbst als Autor
präsentiert, der sich scheut, sich in feste Formen, strikte Strukturen und festgefahrene Methoden pressen zu
lassen. Diese methodologische Offenheit rechtfertigt gleichzeitig auch die Anwendung auf mittelalterliche Texte,
sofern die Anwendung der Theorien auch gewinnbringende Erkenntnisse verspricht.
8 Kimmich, Dorothee u.a. (Hg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Stuttgart: Reclam 1996. S.20.
9 Ebd. S.21.
10 Gadamer, Hans Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Mohr Siebeck
1960. S.270ff.
4
Arbeit zitieren:
Katharina Ströhl, 2009, Der mächtige "zagel" endet dort, wo der Ritter begann: im Zentrum aggressiv-weiblicher Begierde, München, GRIN Verlag GmbH
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