Vorwort
Diese Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, in unserer Gesellschaft eine Gemeinschaft zu ermöglichen, in der sich alle Menschen nach ihren Potenzialen frei und chancengleich entwickeln und entfalten können.
Auf diesen Weg möchte ich mich bei meiner Familie und Kai sowie allen anderen bedanken, die mich bei dieser Diplomarbeit unterstützend begleiteten. Besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Herbert Meyer und Frau Prof. Dr. Susanne Zeller sowie Herrn Prof. Dr. Doron Kiesel, die mir mit sehr wertvollen Anregungen, Hinweisen und Literaturempfehlungen hilfreich zur Seite standen.
Zur Verbesserung der Lesbarkeit werden im Text jeweils nur die männlichen Formen, wie z.B. Sozialarbeiter, Klient, Erzieher verwendet. Selbstverständlich sind alle Leserinnen ebenso angesprochen.
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II
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
1 Einleitung. 1
1.1 Problemaufriss 1
1.2 Zentrale Fragestellungen 3
1.3 Methodische Vorgehensweise 3
2 Das Armutsverständnis der Moderne. 6
2.1 Begriffsfindung von Armut. 6
2.2 Absolute und relative Armut. 7
2.2.1 Theoretische Konzepte relativer Armut 8
2.3 Armutsdefinitionen 10
2.4 Möglichkeiten der Entstehung von Armut 15
2.5 Armut und soziale Ausgrenzung. 20
2.6 Prekäre Lebenslagen. 21
2.7 Zusammenfassung 23
3 Einflüsse und Wirkungen von (sozial)prekären Situationen
auf das Familienleben 25
3.1 Bedeutung von Familie heute - im Wandel der
Familienstrukturen S. 25
3.2 Einkommen und Mindestsicherung von Familienhaushalten 32
3.2.1 Mindestsicherung des Lebensunterhaltes 33
3.2.2 Durchschnittliche Einkommensverhältnisse im Jahr 2007 36
3.2.3 Gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklungen 41
3.3 Zentrale Faktoren prekärer Lebenslagen 43
3.3.1 Familiensituation und Erwerbsstatus 44
3.3.2 Bildung 50
3.3.3 Soziale Netzwerke 55
3.3.4 Gesundheit 58
III
3.4 Sozialprekäre Lebenssituationen und ihre Wirkung auf
Eltern und Kinder im Familienalltag 62
3.5 Zusammenfassung 65
4 Sozialarbeit und der Umgang mit der Armut 69
4.1 Beseitigung von Armut als Handlungsauftrag -
Anforderungen an die Soziale Arbeit 70
4.2 Gegenwärtige Rahmenbedingungen der
Interventionsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit 75
4.3 Wege aus der Armut durch sozialarbeiterische
Interventionen………………………………………………………. S. 79
4.4 Zusammenfassung 83
5 Schlussfolgerungen 85
6 Zusammenfassung in Thesenform 90
Literatur - und Quellenverzeichnis
IV
Abkürzungsverzeichnis
a.a.O. am angegebenen Ort ALg II Arbeitslosengeld II BGB Bürgerliches Gesetzbuch BMAS Bundesministerium für Arbeit und Soziales, oder Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung Bpb Bundeszentrale für politische Bildung bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise d.h. das heißt DJI Deutsches Jugendinstitut ebd. ebenda etc. et cetera, deutsch: und so weiter EU-SILC European Union Statistics on Income and Living Conditions f. folgende FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung GG Grundgesetz ggf. gegebenenfalls Hrsg. Herausgeber Mt 26,11 Matthäus 26,11 o. N. ohne Namen o.J. ohne Jahr S. Seite SGB Sozialgesetzbuch SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands u.a. und andere, unter anderem usw. und so weiter Vgl. Vergleiche VW Veronika Wehner z.B. zum Beispiel
V
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1:
Familien mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt
nach Familientypen……………………………………………………….. S. 28
Abbildung 2:
Typologie von Familienformen…………………………………………... S. 29
Abbildung 3:
Statistisches Bundesamt - Mikrozensus……………………….... …….. S. 37
Abbildung 4:
Anzahl der Kinder und Ausprägung der Armutsgefährdung
nach Familientypen 2006…………………………………………........... S. 45
Abbildung 5:
Anzahl und Quoten von armutsgefährdeten Kindern in Deutsch-
land, nach Familientypen 2006............................................................ S. 46
Abbildung 6:
Armutsrisikoquote von Kindern nach Erwerbsbeteiligung der
Eltern……………………………………………………………………….. S. 49
Abbildung 7:
Arbeitslos - aber richtig!...................................................................... S. 72
VI
1 Einleitung
Armut ist offensichtlich eine zeitlose Tatsache, welche seit jeher zur Menschengeschichte gehört und auch fortwährend gehören wird. „Denn Arme habt ihr allezeit bei euch (…)“, so heißt es schon in den biblischen Schriften (Mt 26,11). Betrachtet man diesbezüglich die Geschichte und Gegenwart der Menschheit, so stellt man fest, dass Armut in ihr keine Konstante darstellt, sondern in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen auftritt und wahrgenommen wird.
1.1 Problemaufriss
Dass Armut in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftritt und wahrgenommen wird, wurde mir im letzten Jahr meines Studiums während einer fünfwöchigen Exkursion nach Südafrika und dem zweiten Praxissemester in der „Allgemeinen Sozialberatung“ der Caritas Regionalstelle in Erfurt bewusst. Durch einige Besuche von sozialen Einrichtungen in Südafrika, wurde das Ausmaß an Armut, welche in diesem Land herrscht, in vielerlei Hinsicht verdeutlicht und erfahrbar. Es fehlte den Menschen, vor allem den Kindern, an für uns in Deutschland jedem Menschen zugänglichen, grundlegenden Dingen. Dies zeigte sich zum Beispiel in einer Einrichtung für Mütter und deren Kinder, in welche wir Buntstifte für die Kinder mitbrachten und feststellen mussten, dass es hier kein Papier zum Malen und Schreiben gab. Die prekäre Situation der Armut in Südafrika ist in ihrem Ausmaß keinesfalls mit der Armut in Deutschland zu vergleichen. Dennoch gibt es auch hier im Land Menschen, die in einer anderen Form der Armut und sozialen Ausgrenzung leben.
Wie ich während der Beratungstätigkeit in meinem zweiten Praxissemester feststellen konnte, fehlte es den aufsuchenden Familien zwar nicht grundlegend an existenziellen Dingen wie Wohnung, Kleidung, Nahrung usw., aber es kam häufig vor, dass Elternteile unter anderem verzweifelt klagten: Sie wüssten nicht mehr was sie tun sollten, dass Geld reiche für ihre Familie nicht aus, um sich über den ganzen Monat zu finanzieren,
obwohl sie sparsam wären. Häufig kamen auch Klagen über erlebte soziale Ausgrenzung hinzu. Hier schilderten Betroffene, sie könnten nicht mit ihren Kindern ins Kino, Theater, Schwimmbad, Eis essen gehen usw., was andere Eltern aber ihren Kindern ermöglichen könnten.
Häufig bleibt bei Schilderungen von Armut und ihren Auswirkungen auf das Familienleben in der sozialarbeiterischen Beratungstätigkeit das Gefühl von Betroffenheit sowie Hilf- und Machtlosigkeit zurück. Diese Arbeit soll sich aus diesem Grund mit dem Phänomen der heutigen Armut in Deutschland, als auch mit dem Erleben von Armut und der damit oft resultierenden sozialen Ausgrenzung in betroffenen Familien mit Kindern sowie deren Auswirkungen auf das Familienleben auseinandersetzen. Darüber hinaus ist es mir ein Bedürfnis, in dieser Arbeit die Möglichkeiten der Sozialen Arbeit aufzuzeigen, wie sie schwierigen Situationen der Armut und sozialen Ausgrenzung entgegentreten kann, um infolgedessen neue Perspektiven für betroffene Familien zu ermöglichen.
Armut in Deutschland ist mittlerweile für die Sozialwissenschaften aber auch für die Politik zu einem brisanten Thema geworden. Rückblickend auf die letzten 30 Jahre der deutschen Gesellschaft lässt sich feststellen, dass Armut im langfristigen Trend zunimmt und sich dabei verfestigt. Das Vorhandensein von Armut und sozialer Ausgrenzung ist nicht kompatibel mit dem Selbstbild Deutschlands, welches sich als Wohlstandsgesellschaft versteht. Vorgefunden werden soziale Sicherungssysteme, Bildung für alle und Grundsicherungen. 1 Doch im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich die Wahrnehmung von Armut und sozialer Ausgrenzung in Deutsch-land deutlich in den Medien wie auch in den Diskussionen und Maßnahmen der Politik widergespiegelt. Jedoch herrschen unterschiedliche Meinungen darüber, was unter Armut in einer Wohlstandsgesellschaft zu verstehen ist, welche Ursachen es für Armut gibt und wie ihr zu begegnen ist.
1 Vgl. Ernst-Ulrich, Huster / Jürgen, Boeckh / Hildegard, Mogge-Grotjahn: Armut und
soziale Ausgrenzung. Ein multidisziplinäres Forschungsfeld. In: Ernst-Ulrich, Huster /
Jürgen, Boeckh / Hildegard, Mogge-Grotjahn (Hrsg.): Handbuch Armut und soziale
Ausgrenzung. Wiesbaden 2008, S.18.
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1.2 Zentrale Fragestellungen
Da Armut in sehr unterschiedlichen komplexen Erscheinungsformen aufzutreten scheint sowie auch von den Betroffenen selbst überaus unterschiedlich wahrgenommen wird, soll am Anfang dieser Arbeit die Frage untersucht werden: „Was verstehen wir in unserer heutigen Gesellschaft unter prekären Lebenssituationen der Armut?“.
Im Anschluss soll dann die Frage erschlossen werden: „Welche Auswirkungen auf das Familienleben haben (sozial)prekäre Lebenslagen unter dem Aspekt geringer finanzieller Ressourcen?“. Hierdurch sollen die Einflüsse und Wirkungen von (sozial)prekären Situationen auf das Familienleben erschlossen werden, um eine fundiertere Aussage über die Bedeutung von prekären Lebenssituationen der Armut im Bezug auf die Familie zu ermöglichen.
Der letzte Abschnitt dieser Arbeit bezieht sich auf die Möglichkeiten sozialarbeiterischer Interventionen in Familien, welche sich in (sozial)prekären Situationen der Armut und sozialen Ausgrenzung befinden. Es soll deshalb hier der Frage nachgegangen werden: „Welche Interventionsmöglichkeiten hat die Soziale Arbeit zur Verbesserung von (sozial)prekären Lebenssituationen der Armut in Familien?“.
1.3 Methodische Vorgehensweise
Um sich der ersten Fragestellung anzunähern, wird im ersten Abschnitt dieser Arbeit „das Armutsverständnis der Moderne“ untersucht werden. Am Anfang dieses Kapitels wird daher die Begriffsbestimmung der Armut im Vordergrund stehen. Es werden hierzu verschiedene Armutsformen, Armutsansätze, Armutsdefinitionen, theoretische Armutskonzepte und Erklärungskonzepte der Armut aufgeführt, um den Begriff Armut in seinen unterschiedlichen Merkmalen, Auslegungen, Ursachen und resultierenden (Aus)Wirkungen zu erfassen. Im Anschluss sollen die Begriffe „Soziale Ausgrenzung“ und „Prekäre Lebenslagen“ erläutert werden, da diese in
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unserer heutigen Gesellschaft mit dem Begriff Armut meist einhergehen. Die Klärung beider Begriffe sowie des heutigen Armutsverständnisses in unserer Gesellschaft ist daher unerlässlich, um ein fundierteres Verständnis von schwierigen Lebenssituationen der Armut in unserer heutigen Gesellschaft zu ermöglichen.
In der zweiten Fragestellung sollen die Einflüsse und Wirkungen von (sozial)prekären Lebenslagen in Familien erschlossen werden. Demzufolge wird sich in diesem Abschnitt der Arbeit, mit den Lebenslagen von Familien in Deutschland in den unterschiedlichsten Punkten auseinandergesetzt. Im ersten Punkt soll die Bedeutung von Familie und welche Familienstrukturen vorherrschen dargelegt werden, da die Familienstruktur auch häufig die finanzielle Ausstattung von Familien bestimmt. Die finanzielle Ausstattung einer Familie ist wiederum ausschlaggebend für den Lebensstandard und bestimmt daneben die Möglichkeiten der Lebensgestaltung einer Familie. Im Anschluss soll daher im zweiten Punkt auf das Einkommen und die Mindestsicherung von Familienhaushalten zur Sicherung des Lebensunterhaltes und überdies auf die durchschnittlichen Einkommensverhältnisse aus dem Jahr 2007 sowie der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklungen eingegangen werden. Anknüpfend daran soll sich im dritten Punkt mit weiteren zentralen Faktoren (sozial)prekärer Lebenslagen auseinandergesetzt werden, hierzu gehören: „Familiensituation und Erwerbsstatus, Bildung, soziale Netzwerke sowie Gesundheit.“ Weiterführend dargestellt werden sollen dann im letzten Punkt des zweiten Abschnitts dieser Arbeit (sozial)prekäre Lebenssituationen und ihrer Wirkung auf Eltern und Kinder im Familienalltag, um die Bedeutung von prekären Lebenssituationen der Armut im Bezug auf die Familie gesamtheitlich erschließen zu können.
Um anschließend einen Einstieg in die Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit zur Verbesserung von (sozial)prekären Lebenssituationen der Armut in Familien zu bekommen, soll vorab kurz ein geschichtlicher Einblick über die Soziale Arbeit und deren Umgang mit der Armut angerissen werden. Um aufzuzeigen, ob die Soziale Arbeit überhaupt in der Lage ist, bei Armut und sozialer Ausgrenzung in Familien zu intervenieren, soll
4
darauf folgend ihr Handlungsauftrag, ihre Anforderungen und ihre gegenwärtigen Rahmenbedingungen in diesem Arbeits- und Problemfeld erschlossen werden. Zum Abschluss dieses Teils sollen dann mögliche Wege aus der Armut bzw. zur Verbesserung von (sozial)prekären Lebenssituationen für Familien durch sozialarbeiterische Interventionen aufgezeigt werden, um die dritte Fragestellung hinreichend beantworten zu können.
Jeweils unter den einzelnen Kapiteln soll eine kurze Zusammenfassung den wesentlichen Inhalt dieser Arbeit wiedergeben. Abschließend erfolgen die Schlussfolgerungen, welche das Ergebnis der vorliegenden Arbeit aus meiner Sicht, einer angehenden Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagoin, resümieren sollen.
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2 Das Armutsverständnis der Moderne
Armut ist ein Begriff, zu dem fast jeder Mensch einen Bezug oder sich zumindest eine Vorstellung oder Meinung gebildet hat. Doch summiert wird man aus dem resultierenden Ergebnis der Darstellung der Bezüge, Vorstellungen und Meinungen kein einheitliches Armutsverständnis erhalten. Selbst in der Fachliteratur spiegelt sich die Schwierigkeit der Begriffsbestimmung und der Theoriebildung von Armut wieder. Trotz allem soll im folgenden Kapitel eine Annäherung an den Armutsbegriff dargelegt werden, um eine Antwort auf die Frage: „Was verstehen wir in unserer heutigen Gesellschaft unter prekären Lebenssituationen der Armut?“ zu erhalten.
2.1 Begriffsfindung von Armut
Bei der Begriffsfindung von Armut kann vorweggenommen werden, dass es keine einheitliche Definition davon gibt, wo genau Armut in einer Wohlstandsgesellschaft (welcher die Bundesrepublik Deutschland angehört) anfängt und wo sie aufhört. Diese Aussage kann ebenfalls aus unzähliger Fachliteratur entnommen werden. Dass es keine einheitliche Armutsdefinition gibt, liegt wie von Ernst-Ulrich Huster, Jürgen Boeckh und Hildegard Mogge-Grotjahn geschildert mitunter daran, dass die „Geschichte und Gegenwart der Armut, ihre Wahrnehmung und Deutung sowie der eingeschlagenen Wege, sie zu bekämpfen, Zeitströmungen und Konjunkturen unterliegt. Diese spiegeln sich, mitunter widersprüchlich, in theologischen und sozialethischen Schriften, in der Belletristik wie in anderen Ausdrucksformen der Kunst, in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, in den Sozialwissenschaften als auch in den Humanwissenschaften und selbstverständlich in der politischen Analyse staatlichen Handelns von der Kommune bis hin zu supranationalen Institutionen wider.“ 2
2 Ebd., S. 14.
6
Bevor nachgehend auf die verschiedenen Armutsdefinitionen eingegangen wird, werden zum besseren Verständnis die Begriffe der absoluten und relativen Armut erläutert, da diese inhaltlich in zahlreichen Armutsdefinitionen ohne Erklärung aufgegriffen werden, aber in ihrer Aussage grundlegende Auswirkung auf die Begriffsbestimmung von Armut haben.
2.2 Absolute und relative Armut
Absolute Armut bezeichnet einen Mangelzustand, der es nicht erlaubt, die physische Existenz dauerhaft zu sichern. Die Armutsgrenze ist identisch mit dem Unterschreiten der zur physischen Existenz notwendigen Güter. Gemeint sind hiermit insbesondere ein Mangel an Mitteln zur Ernährung, für Kleidung, Unterkunft und der Gesundheitsfürsorge. 3
Unter relativer Armut werden Personen und Haushalte verstanden, deren Einkommen unterhalb einer Einkommensgrenze liegt, die in Relation zu einem durchschnittlich verfügbaren Einkommen aller Haushalte eines jeweiligen Landes bestimmt wird. Konkretisiert wird die Armutsgrenze durch eine Abstufung des Abstandes zum Durchschnittseinkommen. Im Regelfall mit 50% oder 60% des haushaltsgewichteten Durchschnittseinkommens (Mittelwert) eines Landes. 4
Absolute und relative Armut stellen grundlegende Ansätze der Armutsmessung dar. Es ist umstritten, welcher der beiden Begriffe als Maßstab zur Begriffsdefinition angewendet wird, d.h. ob Armut als absoluter oder relativer Begriff anzusehen ist. In der Armutsforschung wird von vielen Autoren u.a. Werner Hübinger, Ernst-Ulrich Huster und Beate Werth in Frage gestellt, ob eine exakte Trennung zwischen absoluter und relativer Armut überhaupt möglich ist. Es wird diesbezüglich mehrfach kritisch angemerkt, dass es fraglich sei, physische Existenz sichernden Bedarf
3 Vgl. Richard, Hauser / Udo, Neumann: Armut in der Bundesrepublik Deutschland. Die
sozialwissenschaftliche Thematisierung nach dem zweiten Weltkrieg. In: Stephan,
Leibfried / Wolfgang, Voges (Hrsg.): Armut im modernen Wohlfahrtsstaat. Opladen 1992,
S. 245f.
4 Vgl. Beate, Werth: Alte und Neue Armut in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin
1991, S. 15.
7
(wie Nahrung und Kleidung) von einem übrigen Bedarf ungeachtet der geographischen, sozialen und kulturellen Umstände einer Gesellschaft abzukoppeln und zu bewerten. Ein Mensch, der seine physische Existenz nicht sichern kann, wird gleichermaßen auch von „normalen“ ökonomischen, kulturellen, sozialen sowie Bildungs- und Arbeitsbedingungen Lebenszusammenhängen einer jeweiligen Gesellschaft ausgeschlossen. 5 Hieraus wird deutlich, dass Armut im mehrfachen Sinne relativ zu werten ist. Armut kann somit nur in Relation zu den Bedürfnissen und den Möglichkeiten eines Menschen in seiner jeweils zugehörigen Gesellschaft betrachtet werden. Darüber hinaus gilt die absolute Armut in Deutschland als weitgehend überwunden. Die Armutsforschung in Deutschland setzt sich aus diesem Grund derzeit überwiegend mit dem Konzept der relativen Armutsgrenze auseinander. 6
Da in Deutschland die Begriffsbestimmung der Armut in den meisten Fällen auf der relativen Armutsgrenze beruht, werden nachgehend zwei theoretische Konzepte relativer Armutsmessung vorgestellt.
2.2.1 Theoretische Konzepte relativer Armut
Legt man in der Armutsuntersuchung das Konzept der relativen Armut zugrunde, so bestehen zwei grundlegende Alternativen zur Präzisierung: der Ressourcenansatz oder der sogenannte Lebenslagenansatz der Armut. Beide Ansätze stellen den Rahmen zur Festlegung von relativer Armutsmessung dar.
Der Ressourcenansatz
Der Ressourcenansatz zählt gegenwärtig zu dem am zahlreichsten verwendeten Ansatz der Armutsmessung. Die Messgröße stellen hier die finanziellen Ressourcen dar, welche im Wesentlichen aus der Teilnahme
5 Vgl. Werner, Hübinger: Prekärer Wohlstand. Neue Befunde zu Armut und sozialer
Ungleichheit. Freiburg im Breisgau 1996, S. 56.
6 Vgl. Udo, Neumann: Struktur und Dynamik von Armut. Eine empirische Untersuchung
für die Bundesrepublik Deutschland. Freiburg im Breisgau 1999, S. 24f.
8
am Erwerbsleben, als Lohn, Einkommen oder Gewinnen resultieren. Es wird davon ausgegangen, dass erst durch die finanziellen Ressourcen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gewährleistet wird. Das Einkommen dient demzufolge als stellvertretende Größe zur Messung von Armut. 7 In diese Armutsmessung zählen alle verfügbaren monetären Ressourcen, wie z.B. Vermögen, Arbeitsentgelte, öffentliche oder private Transfereinkommen (u.a. Arbeitslosen- oder Wohngeld, Erziehungs- oder Kindergeld, Unterhaltsleistungen, Renten) sowie Erträge aus Vermögensbesitz. 8
Der Lebenslagenansatz
Laut Werner Hübinger beschreibt Gerhard Schäuble den Begriff Lebenslage wie folgt: „Lebenslage ist der durch die gesellschaftlichen (ökonomischen, sozialen und kulturellen) Strukturen abgesteckte individuelle Spielraum zur Entfaltung und Befriedigung von existentiellen Bedürfnissen. Die Lebenslage umreißt also die sozialen Chancen eines Individuums in der Gesellschaft.“ 9
Bei dem Lebenslagenansatz müssen folglich für alle Individuen einer Gesellschaft für jede Beträchtlichkeit einer Lebenslage Mindeststandards bestimmt werden. Diese müssten dann für alle, die in prekäre Lebenssituationen geraten, zugänglich gemacht und dürften in ihrem Umfang nicht unterschritten werden. Dies würde beispielsweise ein zugängliches Mindestmaß für alle Individuen einer Gesellschaft an Nahrung, Bekleidung, allgemeiner und beruflicher Bildung sowie Betreuung für Kinder bedeuten. Darüber hinaus müsste unter anderem eine Mindestversorgung mit Wohnraum, Wohnungsausstattung, ärztlichen und pflegerischen Leistungen im Krankheitsfall und ein Mindestmaß der Beteiligung nachbarschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und politischer Aktivitäten gewährleistet werden. Das Unterschreiten eines oder mehrerer dieser Mindeststandards würde die Bedingung als „arm“ eingestuft zu werden und darüber hinaus
7 Vgl. Ernst-Ulrich, Huster: Armut in Europa. Band 58, Opladen 1996, S. 23.
8 Vgl. Hübinger, a.a.O., S. 60.
9 Ebd., S. 64.
9
möglicherweise einen Indikator für die Notwendigkeit sozialpolitischer Gegenmaßnahmen darstellen. 10
In den letzten Jahren wurde verstärkt auf das Lebenslagenkonzept zurückgegriffen. Aber die Festlegung einer Armutsgrenze, die allein auf dem Lebenslagenansatz beruht, ist bislang noch nicht verwirklicht worden. Hierzu müssten in noch zu bestimmenden zentralen Lebensbereichen Mindeststandards zugrunde gelegt werden und dem wirtschaftlichen Wachstum, welches den Lebensstandard in einer Gesellschaft erhöhen kann, in regelmäßigen Abständen angepasst werden. Armut mehrdimensional als Häufung von Unterversorgung und Benachteiligung zu differenzieren und Mindeststandards festzulegen, scheint weder theoretisch noch empirisch möglich zu sein. 11 Aus der Sicht von Werner Hübinger „(…) scheint die Kombination von Ressourcen und Lebenslagenansatzes (vielversprechender, denn VW) das Schlüsselmerkmal von Armut ist und bleibt das Unterschreiten einer Einkommensgrenze. Die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Armut werden aber erst sichtbar, wenn wichtige Lebensbereiche derjenigen, die eine Einkommensgrenze unterschreiten, beachtet werden.“ 12
2.3 Armutsdefinitionen
Nachgehend werden verschiedene Armutsdefinitionen dargestellt, welche zwar nicht zur Allgemeingültigkeit erklärt worden sind, aber dennoch in vielen Bereichen der Armutsforschung zitiert oder in ähnlicher Form angeführt werden.
Die erste Definition von Armut ist von den Eu-Mitgliedsstaaten festgelegt worden. Sie stellt die am häufigsten verwandte Definition in Fachliteratur, Artikeln und Veröffentlichungen dar. Laut einem Bericht aus Brüssel, der in der Zeitschrift für Sozialhilfe und Sozialgesetzbuch veröffentlicht wurde, haben die EU-Mitgliedsstaaten 1984 eine Definition festgelegt, nach der
10 Vgl. Anton, Rauscher (Hrsg.): Armut im Wohlfahrtsstaat. Bachem in Köln 1987, S. 16.
11 Vgl. Hübinger, a.a.O., S. 68.
12 Ebd., S. 68.
10
jene Einzelpersonen, Familien und Personengruppen als verarmt anzusehen sind, die über zu geringe Mittel (materielle, soziale und kulturelle) verfügen, sodass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in welchem sie leben, als Minimum annehmbar ist. 13
Im Umfang erweitert ist eine Definition zu Armut im Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein zu finden: „Armut ist eine Situation wirtschaftlichen Mangels. Zu unterscheiden sind: 1) Objektive Armut - d.h. einzelne Personen, Gruppen oder (Teile von) Bevölkerungen sind nicht in der Lage, ihr Existenzminimum aus eigener Kraft zu bestreiten. 2) Subjektive Armut - (diese VW) liegt vor, wenn ein Mangel an Mitteln, die der individuellen Bedürfnisbefriedigung dienen, empfunden wird. 3) Absolute Armut - bedroht die physische Existenz von Menschen unmittelbar (bspw. durch Verhungern oder Erfrieren) oder mittelbar (bspw. auf-grund mangelnder gesundheitlicher Widerstandskraft). 4) Relative Armut - d.h. das Unterschreiten des soziokulturellen Existenzminimums (oft gleichgesetzt mit der Bedrohung der Menschenwürde). Hauptursache zunehmender Armut in Deutschland, insbesondere in Form der Alters-, Frauen-, Kinder-Armut, ist die hohe Arbeitslosigkeit.“ 14
Die Universität Salzburg hat im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Thema Armut die Frage, „Was ist Armut?“ mit folgender Definition als Ergebnis ihrer Arbeit 15 beantwortet: „Armut ist die relative strukturelle Ausgrenzung von Menschen bzw. Menschengruppen, die sich in einer ungerechten Verteilung des Zugangs zu materiellen und immateriellen Gütern manifestiert, und als solche ein Mangel an Entscheidungsfreiheit, um diejenigen Fähigkeiten auszubilden und Möglichkeiten zu nutzen, die nötig sind, um für sich und die in seiner/ihrer Verantwortung stehenden Personen eine Grundsicherung zu gewährleisten, unfreiwillige strukturelle und zumindest latent leidvoll erfahrene Exklusion zu vermeiden und im
13 Vgl. Europäische Union: Mitteilungen. Bericht aus Brüssel. Armut und soziale
Ausgrenzung in der Europäischen Union. In: ZFSG/SGB. Zeitschrift für Sozialhilfe und
Sozialgesetzbuch 11/1998, S. 677f.
14 Klaus, Schubert / Martina, Klein: Das Politiklexikon. 3. Auflage, Bonn 2003, S. 25.
15 Mit der Anmerkung, dieser Definitionsvorschlag ist ein Anfang, stellt aber keinen
Endpunkt dar. Auch wenn diese Definition als Ergebnis einer gemeinsamen Suche und
somit als vorläufiges Resultat eines Diskussionsprozesses präsentiert wird.
11
Vergleich zu dem soziokulturellen Umfeld eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.“ 16
Auch der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 17 hat sich mit der Begrifflichkeit und Bestimmung von Armut auseinandergesetzt und seine Festlegungen später in die erstellten Folgeberichte der Bundesregierung übertragen. Aus diesen Berichten der Jahrgänge 2001, 2004 und 2008 geht hervor, „Armut ist ein gesellschaftliches Phänomen mit vielen Gesichtern. Es entzieht sich deshalb einer eindeutigen Messung.“ 18 Armut ist durch diese Aussage folglich an Beurteilungsmaßstäbe gebunden, die auf bestimmten Konventionen beruhen wie z.B. durch die gesetzliche Festlegung der Sozialhilfegesetze. 19 Darüber hinaus ist aber auch die subjektive Empfindung von Armut, der betroffenen Personen selbst, als Indikator des (empfundenen) Armutsausmaßes anzusehen. 20 Die Armuts- und Reichtumsberichte greifen in ihrer Bestimmung und Festlegung (bei der Messung monetärer vereinbarter Mittel auf den relativen Armutsrisikobegriff) der Armut auf die zwischen den EU-Mitgliedsstaaten vereinbarte Definition der „Armutsrisikoquote“ zurück. Diese „bezeichnet den Anteil der Personen in Haushalten, deren
16 Renate, Böhm / Robert, Buggler / Josef, Mautner: Working Papers. Arbeit am Begriff
Armut. Salzburg 2003, S. 6. Online im Internet/URL: http://www.uni-
salzburg.at/pls/portal/docs/1/479475.PDF. Last updated: o.J., Zugriffsdatum: 06.11.2008.
17 Der Deutsche Bundestag hat die Bundesregierung am 27. Januar 2000 damit beauf-
tragt, einen Armuts- und Reichtumsbericht zu erstellen. Der erste Bericht der
Bundesregierung hatte das Ziel, ein differenziertes Bild über die soziale Lage in
Deutschland zu geben. Die Berichterstattung sollte dazu beitragen, materielle Armut und
Unterversorgung sowie Strukturen der Reichtumsverteilung zu analysieren und Hinweise
für die Entwicklung geeigneter politischer Instrumente zur Vermeidung und Beseitigung
von Armut, zur Stärkung der Eigenverantwortlichkeit sowie zur Verminderung von
Polarisierungen zwischen Arm und Reich zu geben. Darüber hinaus sollte durch den
Bericht dazu beigetragen werden, die Diskussion über „Armut" und „Reichtum“ zu
versachlichen und zu enttabuisieren. (Vgl. BMAS (Bundesministerium für Arbeit und
Sozialordnung) (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und
Reichtumsbericht der Bundesregierung. Köln 2001, S. XIV).
18 BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) (Hrsg.): Lebenslagen in
Deutschland. Dritter Armuts- und Reichtumsbericht. Unterrichtung durch die
Bundesregierung. Köln 2008, S. 12.
19 Vgl. Teresa, Kulawik: Familien in Armut. Zur gesellschaftlichen Ausgrenzung von
Frauen und Kindern. In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Wie geht´s der Familie? Ein
Handbuch zur Situation der Familien heute. München 1988, S. 251.
20 Vgl. Hans-Jürgen, Andreß: Leben in Armut. Analysen der Verhaltensweisen armer
Haushalte mit Umfragedaten. Opladen 1999, S. 78.
12
bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60% des Mittelwertes (Median) aller Personen beträgt.“ 21
Markus Kurth, Mitglied des Deutschen Bundestags, begründet diese Festlegung wie folgt: „In wohlhabenden Industrienationen ist die Verwendung eines relativen Armutsbegriffs sinnvoll, da das durchschnittliche Wohlstandsniveau wesentlich über dem physischen Existenzminimum liegt. Mit einem relativen Armutsbegriff wird Armut als eine auf den mittleren Lebensstandard bezogene Benachteiligung aufgefasst. Die Höhe des Einkommens wird als zentraler Indikator für den Lebensstandard oder die Lebensqualität gesehen. Auch wenn der Bericht Armut als eine mehrdimensionale, also nicht nur finanzielle Benachteiligung darstellt, lässt sich von den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln indirekt auf das Maß an gesellschaftlicher Teilhabe schließen.“ 22
Gerd Iben beschreibt Armut als „Kumulation von Unterversorgungsbereichen materieller, sozialer und psychischer Art.“ 23 Diese Definition stellt eine vereinfachte Form der Armutsbeschreibung dar, die viele Faktoren, welche Armut bedingt, einschließt. Bei der Definition von Gerd Iben sowie auch in den vorangegangenen Definitionen werden aber individuelle Auffassungen und Einstellungen bei der Bildung von Armutsdefinitionen nicht berücksichtigt. Diesbezüglich sollen zwei nachgehende Sichtweisen zum Begriff Armut von Wolf Wagner und Ronald Lutz vorgestellt werden, welche eine andere oder auch umfassendere Sichtweise auf das Armutsverständnis liefern können.
Wolf Wagner vertritt den Standpunkt, dass mit dem Begriff Armut meist stark voneinander abweichende moralische, politische oder wirtschaftliche Interessen verbunden werden. Diese unterschiedlichen Auffassungen führen zu sehr gegensätzlichen Bewertungen, Definitionen und Maßnah-
21 Markus,Kurth: 2. Armuts- und Reichtumsbericht. Darstellung der Kabinettsfassung
vom 3. März 2005, S. 4. Online im Internet/URL: http://www.gruene-linke.de/wp-
content/uploads/2008/08/05-03-04_ergebnisse_armutsbericht_markus-kurth.pdf. Last
updated: o.J., Zugriffsdatum: 11.01.2009.
22 Ebd., S. 4.
23 Gerd, Iben: Zur Definition von Armut. Bestimmungsgrößen von Armut - "Kultur der
Armut". In: Blätter der Wohlfahrtspflege 11-12/1989, S. 277.
13
men. Aus diesem Grund muss nach Wolf Wagner jede bewusste und durch alle denkbaren methodischen Vorkehrungen, Parteilichkeit vermieden werden, um einen wissenschaftlichen Armutsbegriff, der seinen (wissenschaftlichen) Namen verdient, zu erhalten. Ein weiterer interessanter Betrachtungspunkt in Wolf Wagners Ausführungen ist die Betrachtung des relativen Armutsbegriffs. Wenn dieser als relativ zu betrachten ist, dann könnte man ebenso die Armutsdefinition dem subjektiven Gefühl der Gesellschaft anpassen und nach dieser gesellschaftlichen subjektiven Stimmigkeit anwenden. 24
Diese Aussage bekräftigt in ähnlicher Form auch Ronald Lutz. Nach ihm ist Armut als ein moralischer, wertender und damit vielleicht sogar als ein überforderter Begriff zu verstehen, welcher betroffene Personen zu einer bestimmten gesellschaftlichen Kategorie zusammenfasst. Ein Problem hierbei ist, dass die zusammengefasste Personengruppe bei weitem nicht alle die gleichen Merkmale oder Zugehörigkeiten aufweisen müssen. Der Begriff hat somit das Problem, dass er gesellschaftlich wie auch politisch für verschiedenste Aussagen, Zuschreibungen, Feststellungen etc. herhalten muss und erscheint damit überaus dehnbar. Sicher scheint nach Ronald Lutz aber, dass ein Leben deutlich unterhalb des gegebenen Wohlfahrtsniveaus in der Bundesrepublik Deutschland ein eingeschränktes und auf diese Weise auch ausgegrenztes Leben ist bzw. werden kann. 25
Parteilich, wertend und dehnbar in seiner Auslegung ist der Armutsbegriff zweifellos durch die vorherrschende Gesellschaft, ihrer Geschichte und daraus resultierende gegenwärtigen Einstellungen und Wahrnehmung. Armut, ihre Wahrnehmung, Wertung und Folgen entstehen in vielseitiger und komplexer Form. Doch welche Ursachen sind finanzieller, sozialer und kultureller Armut zuzuschreiben? Diese Frage bleibt nicht aus, wenn man ein genaueres Bild vom Verständnis unserer heutigen Gesellschaft von prekären Lebenssituationen der Armut erhalten möchte.
24 Vgl. Wolf, Wagner: Armut, eine Positionsbestimmung. In: Ronald, Lutz / Matthias, Zeng
(Hrsg.): Armutsforschung und Sozialberichterstattung in den neuen Bundesländern.
Opladen 1998, S. 30 - 37.
25 Vgl. Ronald, Lutz: Kinder, Kinder…! Bewältigung familiärer Armut. In: Neue Praxis.
Zeitschrift für Sozialarbeit , Sozialpädagogik und Sozialpolitik 1/2004, S. 41.
14
Für die Ursachen der Armut findet sich in der Fachliteratur eine Vielzahl von Ansätzen, Theorien und Konzepten zur Entstehung von Armut. Es soll nachgehend auf einzelne Erklärungskonzepte für die Ursachen von Armut eingegangen werden, die für diese Arbeit denkbar relevant sein könnten.
2.4 Möglichkeiten der Entstehung von Armut
Armut wurde im früheren Verständnis der Gesellschaft als eine Ursache betrachtet, die in der Familie regelrecht von Generation zu Generation sozial weiter vererbt wurde. Folglich ergab sich hieraus eine Langzeitarmut, aus der sich nur sehr geringe Ausstiegsperspektiven ergaben. Mitte der siebziger Jahre hat sich dieses Bild der sogenannten „Alten Armut“ langsam gewandelt. Das heutige Verständnis der sogenannten „Neuen Armut“ ist immer weniger ein Problem betroffener sozialer Milieus, sondern ein Problem, das alle treffen kann. Die „Neue Armut“ stellt somit ein Problem für die von Armut betroffenen Individuen dar, in der die Dauer der Armut nicht mehr zwingend „Langzeitarmut“ bedeutet und folglich auch viele Wege aus ihr führen können. 26 Bis heute gibt es dennoch, wie auch schon bei der Bestimmung des Armutsbegriffs, kein einheitliches Modell für die Erklärung der Ursachen von Armut. Auch die Fachliteratur gibt wieder eine Vielzahl an Konzepten, Ansätzen und Theorien her, welche die Ursachen und Möglichkeiten der Entstehung von Armut aufführen. Dies ist häufig so umfangreich und unterschiedlich in seinen Ansätzen und Fokussierungen beschrieben, sodass keine Aussicht besteht, alle Eventualitäten der Ursachen von Armut zu berücksichtigen. Aus diesem Grund werden nachgehend nur einige der Möglichkeiten, welche Ursachen für das Auftreten von Armut sein können, aufgeführt.
26 Vgl. Ronald, Lutz: Kultur der Armut oder Armut der Kultur? Die „Vergessenen der
Wende“. In: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit , Sozialpädagogik und Sozialpolitik,
4/1995, S. 392f.
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Arbeit zitieren:
Veronika Wehner, 2009, Einfluss von Armut auf Familien in prekären Lebenssituationen, München, GRIN Verlag GmbH
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