„Freiheit von“ etwas dar, das heißt konkret „Abwesenheit von Beeinflussung“ 5 , Unabhängigkeit also bzw. Autonomie und bilde damit das Antonym zu „Heteronomie“, der Abhängigkeit von äußeren Faktoren.
Verfechter eines positiven Freiheitsbegriffs hingegen sähen, schreibt der Autor, menschliche Freiheit in „Selbst-Bestimmung“ und „Selbst-Beherrschung“ von Individuen verwirklicht. „Frei sein“ äußere sich in wahrem, idealem - richtigem - Handeln. Auch hier werde die Eliminierung von Elementen, die diesem Ziel entgegenstünden, für notwendig erachtet, jedoch bestehe im Gegensatz zum negativen Konzept keine grundsätzliche Ablehnung jeglicher Autorität. Darin liegt für Berlin der grundlegende - theoretische - Unterschied zwischen beiden Freiheitskonzeptionen. Während „Negativisten“ bereits in der „bloßen Existenz absoluter Autorität“ eine Gefährdung individueller Freiheit sähen 6 , stelle sich für die Vertreter des positiven Modells lediglich die Frage, ob es die richtigen Personen seien, die Macht ausübten. Berlin erklärt diese fundamental unterschiedliche Einstellung zur Autoritätsfrage mit der Divergenz der zu Grunde liegenden philosophischen „Selbst-Konzeptionen“ - den Vorstellungen also vom Wesen des Menschen und seinem Verhältnis zur äußeren Welt.
Der positive Freiheitsbegriff etwa beruht laut Berlin auf einem monistischen Theorem. Dieses besteht im Glauben an eine harmonische Ordnung der Welt, die alles - so auch den Menschenumfasst und durchdringt. Es wird damit die Existenz eines Idealzustands vorausgesetzt, in dem der Mensch in diese kosmische Ordnung eingebunden ist, ihren Gesetzen und Regelmäßigkeiten unterliegt und trotzdem - oder eher: deswegen - in völligen Einklang mit sich selbst lebt. Dieser Zustand ist es, der als Freiheit angesehen wird. Ihn zu erreichen gelingt dem Menschenso die Vorstellung - dann, wenn er sich seiner rationalen Fähigkeiten bedient. Dank seines Verstandes ist es ihm prinzipiell möglich, die Gesetze dieser idealen Ordnung zu verstehen und in der Folge auch zu internalisieren. Denn, so die These: „man kann nicht wollen, dass etwas, von dem man die Notwendigkeit - die rationale Notwendigkeit - verstanden hat, anders sei“ 7 . In einer „Gesellschaft aus vollkommen rational bestimmten Wesen“ könne es damit weder Unordnung geben noch „Gier nach der Vorherrschaft über Menschen“ 8 . Die Autoritätsfrage stellt sich hier jedoch in dem Moment, in dem Teile der Gemeinschaft aus irgendwelchen Gründen nicht zu rationalem Urteilsvermögen imstande sind. Dann ist es Aufgabe der „Weisen“ einer Gesellschaft, ihre irrationalen Zeitgenossen, welche „Opfer ihrer Leidenschaften“ sind, zu „rationalisieren“ und so aus ihrer emotionalen „Versklavung“ 9 zu befreien. Das sich
5 vgl. S. 174
6 vgl. S. 209
7 S. 188
8 S. 193
9 vgl. S. 183/196
daraus ergebende Credo fasst Berlin wie folgt zusammen: „Nur die Wahrheit befreit und der einzige Weg für mich, die Wahrheit zu lernen, ist, blind das zu tun, was du, der du sie kennst, mich anhältst oder zwingst zu tun“ 10 . Dieses Konzept „gesellschaftlicher Befreiung“ lässt sich in logischer Konsequenz leicht für die Legitimation tyrannisch diktatorischer Herrschaft instrumentalisieren - und genau darauf will Berlin ganz offensichtlich hinaus. Es fällt nicht schwer, zu erkennen, welcher Seite des eisernen ideologischen Vorhangs der Autor dieses Konzept ursprünglich zuschreibt. Es ist der reale Sozialismus mit seiner Verheißung eines „Paradieses auf Erden“, der gegen häretische, ungläubige, irrationale Subjekte zu Kreuze zieht und diese zu Objekten degradiert, die es nötigenfalls gewaltsam umzuformen gilt. Bliebe das Modell negativer Freiheit mit seinem individualistischen Menschenbild. Der Mensch ist auch hier prinzipiell durch seine rationalen Fähigkeiten zur Freiheit befähigt. Ziel ist jedoch nicht die Entdeckung und Internalisierung einer äußeren, objektiven Wahrheit, sondern vielmehr die Entfaltung der subjektiven Individualität. Charakteristisch der Satz Mills, nach dem „ein freier Mensch derjenige ist, der nicht daran gehindert wird, das zu tun, wozu er den Willen verspürt“ 11 . Der Mensch ist in diesem Modell zwar auch bestimmten Gesetzmäßigkeiten unter-worfen und in gewissem Sinne bedeute das, so Berlin, Freiheit mit Gehorsam zu verknüpfen. Dieser Gehorsam bestehe jedoch wie bei Rousseau gegenüber „Gesetzen, die wir uns selbst vorschreiben“. Da „kein Mensch sich selbst versklaven“ könne, sei dies keine Unfreiheit im eigentlichen Sinn. In der Folge fordern die Vertreter eines negativen Freiheitskonzeptes in seiner idealtypischen Form zuallererst Unabhängigkeit des Einzelnen von anderen - personalen, emotionalen wie gegenständlichen - Mächten, eine „area of noninterference“, einen Raum also, indem der Einzelne frei ist von äußeren, ihn fremdbestimmenden Einflüssen. Berlin schreibt diesen Freiheitsbegriff vor allem dem philosophischen Liberalismus zu mit seiner Ablehnung von Autorität. Dieser finde seine Ausprägung in Gesellschaftstheorien, die jegliche „Doktrin absoluter Souveränität“ als „per se tyrannische Doktrin“ 12 definierten. Bei Mill ist die Autonomie der Individuen, die Suche der Wahrheit in sich selbst, darüber hinaus die einzige Möglichkeit der Sicherung zivilisatorischen Fortschritts. Die Gesellschaft laufe ansonsten Gefahr, in „kollektiver Mittelmäßigkeit“ zu versinken. Zu erwarten wäre, dass Berlin, der als einer der „energischsten Verteidiger des philosophischen Liberalismus“ 13 gilt, sich uneingeschränkt ausspricht für die Propagierung eben diesen individualistischen Freiheitsbegriffs. Tatsächlich aber schreibt er, Pluralismus mit dem Maßstab negativer Freiheit sei „wahrer und menschlicher als das Ideal der Selbstbestimmung“ - jedoch nicht ein absolut zu setzender Wert. Denn erstens
10 S. 198
11 S. 187
12 S. 210
13 vgl. : http://www.kirjasto.sci.fi/berlin.htm
Arbeit zitieren:
2004, Isaiah Berlin: „Two concepts of Liberty“, München, GRIN Verlag GmbH
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