So stellt sich Nagel zunächst vor allem der Frage, wie Bewusstsein definiert werden könne. Er setzt sich hier vor allem ab von der von ihm diagnostizierten „jüngsten Welle reduktionistischer Euphorie“ 5 , womit er sich auf physikalistische Ansätze bezieht, wie er sie vor allem im Behaviorismus realisiert sieht. Nagel bestreitet zwar nicht generell, dass psychische Prozesse mit Rückgriff auf physikalische Sätze erklärt werden könnten. Unmöglich sei dies jedoch, so seine These, im Rahmen der „vertrauten Arten physikalistischer Reduktion“. Was er damit meint, lässt sich am Beispiel der Bedeutung von „Wasser“ verdeutlichen (Nagel selbst führt dies als Beispiel an 6 ). Aus naturwissenschaftlicher Perspektive lässt sich das Phänomen „Wasser“ auf eine Molekularverbindung von Wasser- und Sauerstoffatomen im Verhältnis 2:1 „reduzieren“. Was jedoch bedeutet Reduktion in diesem Fall? Man kann wohl sagen, dass die Symbolebene, die der Mensch in seiner Begriffsebene dem Phänomen Wasser zuordnet, gewissermaßen abgetragen wird. Wasser kann assoziiert werden mit „trinken“, „leben“, „nass“, „Rohrbruch“, „Ruhe“. Durch diese Assoziationsstrukturen, die der Mensch im Laufe seines Lebens mit allen objektiven Faktizitäten verknüpft, erhalten letztere einen spezifischen Bedeutungskontext - und genau dieser ist für die physikalische Erklärung des faktischen Phänomens „Wasser“ vollkommen überflüssig, „reduzierbar“ eben. Erkenntnis bedeutet innerhalb diesen wissenschaftlichen Paradigmas also: Erlangung objektiven Wissens durch Reduktion, Ausklammern menschlicher oder allgemeiner: jeglicher Perspektivität.
Anders - und daran knüpft Nagels Argumentation an - verhält es sich mit mentalen Wahrnehmungs- oder Gefühlszuständen wie Schmerz oder Geschmack. Hier ist es gerade die subjektive Bewusstseinsebene, die den Bedeutungsgehalt bestimmt. Was also versteht Nagel unter „Bewusstsein“? Der Autor verwendet den Begriff zumeist in Verbindung mit dem Wort „Erfahrung“. „Bewusste Erfahrung“ identifiziert er als elementare Voraussetzung und konstitutiven Gehalt geistiger Prozesse. „Bewusstheit“ selbst definiert er dadurch, „dass es irgendwie ist, dieser Organismus zu sein (sic!)“ 7 und bezeichnet dies als „subjektiven Charakter von Erfahrung“ 8 . Es sei an dieser Stelle festgehalten, dass „bewusst“ in dem hier verwendeten Kontext nicht im antonymen Sinn zum Freudschen „Unbewussten“ verwendet wird. Es ist vielmehr auf derselben Ebene wie „Subjektivität“ angesiedelt - und ist damit vielmehr durch den Gegensatz zu „bewusstloser Objektivität“, bloßer Materie also, definiert. Wie verfährt Nagel nun mit dem eigentlichen Kernproblem des „Leib-Seele-Problems“, der Frage nach dem Verhältnis zwischen subjektiver Mentalität und objektiver Physis? In gewisser Weise bedient er sich hier eines Carnapschen Argumentationsstils. Nicht in der Radikalität, dass er es generell als „Scheinproblem“ definieren würde. Allerdings sei es, so Nagel, sinnlos, sich
6 vgl. S.261
7 vgl. S. 262
8 ebd.
beim gegenwärtigen Wissensstand mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Es fehle grundsätzlich an einer „Konzeption davon, wie sich ein mentalistischer und ein physikalistischer Term auf ein und denselben Gegenstand beziehen können“ 9 , schreibt er und schließt daraus, dass ein physikalistischer Ansatz zwar nicht als grundsätzlich falsch zu werten sei, dieser jedoch eine Position darstelle, „die wir nicht verstehen können, weil wir gegenwärtig keine Konzeption davon haben, wie er wahr sein könnte“ 10 . Es könne in absehbarer Zeit keine kausale, formelhaft erklärende Theorie des menschlichen Bewusstseins aufgestellt werden. Hauptargument ist hier also die Nagelsche Bewusstseinsdefinition als „subjektive Erfahrung“, wobei der Begriff der „Perspektivität“ eine zentrale Rolle spielt. So schreibt Nagel: „Wenn der subjektive Charakter der Erfahrung nur von einer einzigen Perspektive aus erfasst werden kann, dann bringt uns jeder Schritt hin zu größerer Objektivität, d.h. zu geringerer Bindung an eine spezifische Erlebnisperspektive, nicht näher an die wirkliche Natur des Phänomens heran: sie führt uns weiter von ihr weg“ 11 . Der wissenschaftlichen Erfassung dieser perspektivgebundener Subjektivität stehe das Ziel der Objektivität also diametral entgegen, wenn diese im Sinne von „Perspektivlosigkeit“ aufgefasst werde. Eine gewisse phänomenologische Objektivierung sei allerdings durch die Tatsache möglich, dass sie intersubjektiv von Lebewesen ähnlicher Konstitution „nachempfunden“ werden könnten. So könnten Menschen „wissen oder sagen, welche Qualität das Erlebnis des anderen (habe)“, und in diesem Sinn „eine andere als die eigene Perspektive einnehmen, so dass das Erfassen von solchen Tatsachen nicht auf den eigenen Fall beschränkt“ 12 sei. Es ließen sich so gewissermaßen „Typen“ 13 bilden von Erlebnisperspektiven, was einer Objektivierung der ihnen qua definitionem immanenten Subjektivität gleichkäme, die nun nicht mehr auf isolierte Individuen sondern auf Gruppen ähnlicher Lebewesen beschränkt sei. Bewusstsein könne so zwar nicht in Form wissenschaftlicher Sätze definitorisch erklärt, bis zu einem gewissen Grad jedoch durchaus - so lange es sich nicht auf typenfremde Bewusstseinsformen beziehe - verstanden werden. Ziel von Wissenschaft müsse es nun sein, ein Verständnis auch über die Grenzen der eigenen Typen hinaus zu ermöglichen, einen Perspektivwechsel also, der zum gegenwärtigen Zeitpunkt vor allem durch sprachliche Barrieren verhindert werde. Die Parallele zu den Erkenntnissen Wittgensteins ist kaum zu übersehen, der bekanntlich die Sprache als „Grenze unserer Welt“ definierte. Nagel gibt diesem Gedanken einen speziellen Akzent. Primär sind es für ihn die Erfahrungen, die die Welt eines Lebewesens definieren, und die „grundlegenden Bestandteile für unsere Phantasie (liefern), deren Spielraum deswegen beschränkt ist“ 14 . Die biologische Konstitution eines Lebewesens ist es also, welche
9 S. 270
10 S. 269
11 S. 268
12 vgl. S. 266
13 ebd.
14 S. 264
Arbeit zitieren:
2004, Das Leib-Seele-Problem bei Thomas Nagel, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Ist der Physikalismus haltbar?
Eine Untersuchung basierend au...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Das synthetische Urteil a priori und das Ding an sich in Kants Kritik ...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Kunst des 19. Jahrhunderts als Weg in die Moderne
Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie
Seminararbeit, 21 Seiten
Kants positive Bestimmung des Begriffes von Objekt in der Kritik der r...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 44 Seiten
Die Entstehung der Kategorien in Anlehnung an die ‚Kritik der reinen V...
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
David Chalmers – Fehlende Qualia, Schwindende Qualia, Tanzende Qualia
Referat (Ausarbeitung), 7 Seiten
Eine Analyse von Bedeutung und...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 18 Seiten
Thomas Metzinger und das Versc...
Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen
Seminararbeit, 30 Seiten
Das Problem vollständigen Wissens - Eine Kritik an Frank Jacksons Argu...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Über einige Schwierigkeiten der Emergenz von Bewusstsein - Das Leib/Se...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 39 Seiten
Kant - Kritik der reinen Vernunft - Einleitung
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Seminararbeit, 14 Seiten
John Locke: Theorie der Erkenntnis
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit, 11 Seiten
Der Mensch im Vergleich zum Computer aus konstruktivistischer Sicht
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Seminararbeit, 13 Seiten
Grundlegung zur Metaphysik der Sitten - Die ersten drei Ebenen der Ver...
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Referat (Handout), 6 Seiten
'Handle frei nach deiner Bestimmung' oder 'Die Philosophie...
Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1350)
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Nietzsches Philosophie als politische Utopie der Postmoderne
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Magisterarbeit, 142 Seiten
Anonym hat den Text Das Leib-Seele-Problem bei Thomas Nagel veröffentlicht
Das Leib-Seele-Problem in der Phänomenologie
Cathrin Nielsen, Michael Steinmann, Frank Töpfer
Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und Geist
Über frühe Erdzustände. Zehn V...
Rudolf Steiner
Forming the Mind: Essays on the Internal Senses and the Mind/Body Prob...
Essays on the Internal Senses ...
Henrik Lagerlund
0 Kommentare