ren. Sie müsse folglich „mehr“ sein als die rein „additive Häufung von Individuen“ 5 , ihren Handlungen und Entscheidungen. Dennoch dürfe sie auch nicht als eigenständiges, substantielles Phänomen nach Art des Hegelschen Weltgeistes verstanden werden - Gesellschaft bestehe rein substanziell aus nichts anderem als aus Menschen. „Aus den Beziehungen von Einheiten geringerer Mächtigkeit, ergibt sich eine Einheit höherer Mächtigkeit, die nicht verstanden werden kann, wenn man ihre Teile isoliert und unabhängig von diesen Beziehungen zu-einander betrachtet“ 6 - das ist der Schlüsselsatz, mit dem Elias unter Rückgriff auf die Erkenntnisse der Gestalttheorie die Differenz zwischen gesellschaftlicher Ganzheit und der Summe ihrer menschlicher Einzelteile erklärt. Zwischenmenschliche Beziehungen - synonym verwendet er die Begriffe Funktionen oder Interdependenzen - sind es, die er verantwortlich zeichnet für Wesen, Ursprung und Veränderung von menschlichen Gemeinschaften. Gesellschaft definiert er in der Folge als „Zusammenhang der Funktionen, die Menschen füreinander haben“ 7 , er verwendet das Bild eines „Netzgeflechts“ 8 , das zwar von der Gestalt jeden einzelnen Fadens bestimmt wird, vor allem jedoch von dem Spannungssystem, das sich aus der Beziehung der Fäden zueinander ergibt und fordert „entgegen dem allgemeinen Stand des Denkens“ 9 - womit er sich auf das angesprochene Paradigma von Individualisten und Strukturalisten bezieht - einen „radikalen Bruch mit dem Denken in einzelnen isolierbaren Substanzen und (den) Übergang zu einem Denken in Beziehungen und Funktionen“ 10 . Es müsse ein Verständnis dafür herausgebildet werden, dass nicht substantielle Phänomene oder Kräfte die Träger gesellschaftlicher Strukturen oder Gesetzmäßigkeiten seien, sondern dass diese Folgeerscheinungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Gleichzeitig jedoch gesteht er ein, dass dieser Gedankenwechsel sich als „außerordentlich schwierig“ erweise, beschreibt die von ihm verwendeten metaphorischen Vergleiche als „spröde und unzulänglich“ 11 . Und tatsächlich ist es schwierig seinen abstrakten Definitionsmodellen geistige Fassbarkeit zu verleihen, zumindest solange man sie losgelöst von ihrem dynamischen Charakter zu verstehen versucht. Verständlich jedoch wird das Konzept, wenn man die historische Entwicklung menschlicher Gesellschaftlichkeit - wie Elias sie beschreibt - einbezieht. Grundlage bildet zunächst eine Analyse der Natur des Menschen, der für Elias vor allem durch zwei Merkmale gekennzeichnet ist: durch seinen Mangel an natürlichen Instinkten und sein - damit verknüpf-
5
6 S.23
7 S.34
8 S.54
9 S.34
10 S.38
11 S.54
Arbeit zitieren:
2003, Das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum bei Norbert Elias im Vergleich mit strukturalistischen und individualistischen Ansätzen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Gentrification in den neuen und alten Bundesländern
Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie
Hausarbeit, 17 Seiten
Über die Aneignung alter städtebaulicher Hüllen durch neue Gesellschaf...
Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie
Hausarbeit, 64 Seiten
Der Konstruktivismus - eine Denkschule in der Wissenschaft von den Int...
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Seminararbeit, 16 Seiten
Der brasilianische Kriminalroman - Eine Untersuchung anhand Rubem Fons...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 30 Seiten
Die Funktionalisierung von städtischer Kultur in den Dienstleistungsme...
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Kommentar zu Heinrich Popitz - Phänomene der Macht
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 17 Seiten
Architektur und Hauptstadtplanung in der stalinistischen Sowjetunion a...
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Haushaltssanierung in Osnabrück - Das Beispiel der Wohnungsbaugesellsc...
Magisterarbeit, 135 Seiten
Die Disziplinarmacht. Der Machtbegriff von Michel Foucault.
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 20 Seiten
Herrschaftslegitimation und -akzeptanz im Realsozialismus
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Hausarbeit, 10 Seiten
Der Ring des Nibelungen. Bayreuth 1976 - 1980. Eine Untersuchung der I...
Magisterarbeit, 120 Seiten
Norbert Elias Zivilisationstheorie und ihre Rezeption
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Skript, 6 Seiten
Anonym hat den Text Das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum bei Norbert Elias im Vergleich mit strukturalistischen und individualistischen Ansätzen veröffentlicht
Norbert Elias: Post-Philosophical Sociology
Kilminster Rich, Richard Kilminster, Rich Kilminster
Norbert Elias and Figurational Research: Processual Thinking in Sociol...
Norman Gabriel, Stephen Mennell
0 Kommentare