- Mehr als zwanzig Jahre ist es mittlerweile her, als der sogenannte
„Historikerstreit“ die bedeutenden deutschen Zeitgeschichtler in
zwei Lager spaltete und letztendlich in der damaligen Bundesrepublik Deutschland eine noch nie dagewesene öffentliche Diskussion entfachte. Dreh-und Angelpunkt der
Auseinandersetzung war die Frage nach der Vergleichbarkeit bzw. der Einigartigkeit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und ob eine komparative Herangehensweise an diesen dunklen Teil der deutschen Geschichte überhaupt möglich sei.
Um den „Historikerstreit“ besser einordnen zu können, sollte man den politischen und geschichtlichen Hintergrund in der BRD betrachten. In der Ära Adenauer, sprich den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten, erholte sich Westdeutschland relativ schnell von den Kriegsfolgen und wurde durch das „Wirtschaftswunder“ unter Ludwig Erhardt zu einer führenden und stabilen Wirtschaftsnation. Dies war jedoch nur möglich, da man sich mit der eigenen Vergangenheit nicht auseinandersetzte, ehemalige Nationalsozialisten straffrei blieben und in den Wiederaufbau miteinbezogen wurden und jegliche Schuld auf Adolf Hitler, den Hauptverantwortlichen der Katastrophe, verwiesen wurde. „Das Dritte Reich“ wurde vielmehr als eine Art „Unfall“ betrachtet (Evans, S.23). Mit dem Heranwachsen der Nachkriegsgeneration und dem Wechsel von einer konservativen zu einer sozial-liberalen Regierung kam es sowohl zu einer gesellschaftlichen, als auch politischen Veränderung in Deutschland. Erst im Zuge der Ausschwitzprozesse begann eine ernsthafte historische Aufarbeitung der NS-Zeit, teilweise basierend auf neuem, zugänglichen Quellenmaterial (Evans, S.26). Brandts Ostpolitik, symbolisch gipfelnd im „Kniefall von Warschau“, wurde international als Geste der Versöhnungsbereitschaft gedeutet, trug zur Entspannung in Europa bei und erhöhte das Ansehen der Bundesrepublik in der Welt. Mit dem politischen Machtwechsel 1982 kam es wieder zu einem geistigen und moralischen Wandel. Helmut Kohl als Bundeskanzler strebte einen normalen Umgang mit der deutschen Vergangenheit an, der sich deutlich auf die positiven Seiten konzentrieren und so zu Patriotismus und verstärktem Nationalbewusstsein führen sollte. Stellvertretend für den Großteil der deutschen Bevölkerung sprach er von der „Gnade der späten Geburt“ (Evans, S.32) und wies somit die Schuld der nationalsozialistischen Vergangenheit von sich. Durch die Planung eines Deutschen Historischen Museums in Berlin und eines Hauses der Geschichte in Bonn versuchte die Regierung ein positives Geschichtsbewusstsein zu stärken und eine bessere
2
Identifikation mit dem Vaterland zu ermöglichen. Hierzu wurden Kommissionen aus überwiegend konservativen Historikern gegründet, die unter anderem auch durch ihre Publikationen in wichtigen Zeitungen, entscheidenden Einfluss auf die Meinungsbildung in Deutschland hatten.
Am 6. Juni 1986 veröffentlichte der Berliner Historiker Ernst Nolte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Rede, welche er nach Eigenaussage aufgrund seiner Ausladung bei den Frankfurter Römerberggesprächen nicht halten konnte. In „Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte“ versuchte Nolte die deutsche Geschichte zu entlasten, indem er Vergleiche zu anderen Schreckensherrschaften anstellte und einen kausalen Zusammenhang in der Vernichtungspolitik unterstellte. „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten? War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglicher als ‚Auschwitz‘? War nicht der ‚Klassenmord der Bolschewiki‘ das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“ (Nolte, S.45) Somit wurde die Frage gestellt, ob eine traumatische Vergangenheit durch Historisierung bewältigt werden könnte. Als Reaktion erschien darauf am 11. Juni 1986 der Artikel des deutschen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas „Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ in der Zeit. Habermas kritisierte im speziellen die Historiker Michael Stürmer, Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrandt und Ernst Nolte, welche seines Erachtens die Einmaligkeit des Holocaust zu relativieren versuchten. Der abschließende Vorwurf an Nolte lautete: „Die Naziverbrechen verlieren ihre Singularität dadurch, daß [sic.] sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation und erklärt sich aus der ‚asiatischen‘ Bedrohung durch einen Feind, der immer noch vor unseren Toren steht.“ (Habermas, S.71)
Spätestens nach dieser Veröffentlichung trat eine Polarisierung innerhalb der Historiker-Zunft ein, wie es sie seit der ausgehenden „Fischer-Kontroverse“, in der es um die Fragen der politischen Strategie des Deutschen Kaiserreichs und der deutschen Verantwortung für den Kriegsausbruch des ersten Weltkrieges ging, nicht mehr gab. Auf der Seite Habermas’ äußerten sich die eher linksliberalen Geschichtswissenschaftler, wie Hans und Wolfgang Mommsen, Ulrich Wehler, Eberhard Jäckel, Jürgen Kocka und der Spiegelherausgeber Rudolf Augstein, die allesamt eine Revision der deutschen Geschichte, insbesondere der nationalsozialistischen Verbrechen, befürchteten. Die Historiker der anderen Seite vertraten
3
Noltes Thesen und Argumente nur teilweise, vielmehr bestand ihre Kritik an den hervorgebrachten Vorwürfen von Habermas, die nicht inhaltlich, sondern eher politisch und moralisch motiviert zu betrachten waren. Thomas Nipperdey beispielsweise vertrat die Ansicht, die moralisierte Vergangenheit zerstöre die wirkliche Geschichte und der Nationalsozialismus müsse historisiert werden (Nipperdey, S.216). In den folgenden Monate wurde die Debatte immer persönlicher, beleidigender und verlor ihren eigentlich wissenschaftlichen Charakter. (Evans, S.39)
Charles S. Maier hat sich in seinem Werk „The Unmasterable Past. History, Holocaust, and German Identity“ aus dem Jahre 1988 mit der Grundthematik des Historikerstreits befasst, speziell im zweiten Kapitel seines Buches, wo er zu grundlegenden Annahmen und Folgerungen des deutschen Historikers Ernst Nolte bezüglich der Vergleichbarkeit des Holocaust Stellung bezieht.
Nach Nolte, so Maier, gäbe es zwei Strategien die Vergangenheit besser begreifbar zu machen. Zum einen führe er die Massaker an den Armeniern und die stalinistischen Säuberungen an, um die Verbrechen der Nazis besser in den geschichtlichen Kontext einordnen und somit auch vergleichbarer machen zu können. (Maier S.67) Zum anderen könne man den Holocaust aber auch als eine Defensivreaktion aus Angst vor möglichen bolschewistischen Grausamkeiten verstehen, was sodann vielmehr als Präventivmaßnahme verstanden werden könne. Noltes Argumente sind, nicht zuletzt aufgrund einer unzureichenden Beweislage, als schwach zu bewerten und werden von Maier dementsprechend auch entkräftet. Wie wären ansonsten auch die anderen Verbrechen der Nazis gegenüber der eigenen Bevölkerung zu begründen, beispielsweise die gezielten Vernichtungsaktionen von Behinderten und anderen Gruppen, die unter das Euthanasieprogramm fielen. Historische Vergleiche sind meines Erachtens für das Erfassen bestimmter Gesamtsachverhalte sehr hilfreich, jedoch bedarf es zusätzlich der individuellen Betrachtung eines jeden Genozids für sich, eines Nachdenkens über die einzelnen Fälle. Laut Maier ist ein Vergleich nur dann sinnvoll, wenn er einen Erkenntnisgewinn mit sich bringt. Wichtig hierbei ist das Entwickeln von Perspektiven, die sich erst im Zusammenhang erschließen, zum Beispiel die Aufdeckung eines gemeinsamen Kausalmechanismus der Vernichtung. Damit ist die moralische Komponente, die sich in der Einzigartigkeit eines jeden Falls widerspiegelt, noch lange nicht relativiert oder gar beseitigt. Maier prüft Noltes These, der Holocaust sei nur ein Völkermord unter vielen, indem er versucht Parallelen und Unterschiede zwischen den nationalsozialistischen Verbrechen und denen in Kambodscha, im ehemaligen Osmanischen Reich und stalinistischen Russland analysieren. Dabei gelangt er zu
4
dem Ergebnis, die größten Gemeinsamkeiten existierten zwischen Sowjetdiktatur und Drittem Reich. Ein geplantes Vorgehen mit Hilfe eines geschaffenen bürokratischen Apparates und den daraus folgenden Verhaftungen, Deportationen und Todesurteilen fände sich in beiden Systemen wieder. Gemessen an den reinen Opferzahlen könnte man das Sowjetische Regime für noch absoluter und unmenschlicher halten. Nach Schätzungen sind durch politische Säuberungen, Deportationen und Verhaftungen insgesamt ungefähr 20 Millionen Menschen ums Leben gekommen. In den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft waren es durch Hinrichtungen, Massentötungen und Konzentrationslager knappe 8 Millionen. Bei diesen Größenordnungen stelle sich jedoch zwangsweise die Frage, ob man die Unterschiede allein quantitativ betrachten könne. Die Antwort laute ganz klar nein, da mit der Vernichtung der Juden etwas bislang einzigartiges und unvergleichliches durchgeführt worden sei, da eine vollkommen Ausrottung geplant war. Die Arbeitslager der Sowjets führten aufgrund der dortigen Bedingungen nahezu immer zum Tod, jedoch war es dort eher ein billigendes Inkaufnehmen. Allerdings seien keine Lager zur reinen Vernichtung geschaffen worden, wie Treblinka, Auschwitz-Birkenau oder Majdanek, was den Sonderfall der NS-Verbrechen unterstreiche. Die individuellen Erfahrungen des Leidens der Opfer könne man ohnehin nicht verschieden gewichten. Nichtsdestotrotz gehe es auch um die moralische Komponente, die man niemals aus den Augen lassen solle, da man sonst der Barbarei Tür und Tor öffne.
Nach Meinung Maiers habe Nolte eigentlich nicht im Sinn gehabt seine Thesen im Sinne einer „Historisierung“ zu prüfen, sondern die Grenzen des akzeptablen Diskurses zu testen. Damit habe es den Forschungscharakter einer wissenschaftlichen Auseinadersetzung verfehlt und die versuchte geschichtliche Einordnung des Holocaust mit dem Ziel einer Normalisierung sei gescheitert. Auch hinsichtlich der methodologischen Kriterien seien die Thesen unzureichend. Als Prüfkriterien werde erstens eine echte historische Frage verlangt die so lange die persönliche Meinung nicht beeinflusse, solange sie unbeantwortet bleibe und zweitens anhand der Resultate des Vergleichs gemessen werden. (Maier S.83-84) Ein Vergleich müsse ein zweischneidiges Schwert sein und sei elementar für die komparative Geschichtsschreibung, jedoch sei Nolte dies nicht gelungen.
Wie bei nahezu jeder Kontroverse haben beide Sichtweisen wichtige Aspekte hervorgebracht. Genauso wenig wie es eine „Objektive Geschichtsschreibung“ gibt, auch wenn es durchaus wünschenswert wäre, gibt es eine „Objektive Wahrheit“. Die Zeit des Nationalsozialismus ist ebenso integraler Bestandteil der deutschen Geschichte, wie die Hochphasen deutscher Dichtung, die Zeit der Befreiungskriege, des Deutschen Kaiserreichs oder der Bundesrepublik Deutschlands. Es wird wohl für immer unverständlich bleiben, wie eine aufgeklärte Nation, in
5
der Tradition von Goethe Schiller, Beethoven, aber auch Staatsmännern wie Friedrich dem Großen oder Otto von Bismarck, in ihrer kulturellen und wissenschaftlichen Hochphase, diesen abrupten Zivilisationsbruch begehen konnte. Die Frage einer Historisierung ist durchaus gerechtfertigt, als auch eine komparative Vorgehensweise an diese Thematik. Vergleiche sind wichtig um Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich zu machen, trotz alledem bleibt jede Tat für sich doch unvergleichbar und einzigartig. Dies gilt ganz besonders für die versuchte Gesamtvernichtung der europäischen Juden. Der Plan eine bestimmte Menschengruppe vollständig auszulöschen ist bislang in der Menschheitsgeschichte einzigartig. Die Vergleiche zu den Massakern an den Armeniern, den Kambodschanern oder der russischen Bevölkerung scheitern nicht nur an der Durchführung der geplanten nationalsozialistischen „Endlösung“ sondern vielmehr daran, dass alle diese Länder nie den Entwicklungsstand der Kulturnation Deutschland erreicht haben. Dementsprechend kann man auch die fast siebzig Millionen Opfer unter der Herrschaft Mao Zedongs nicht in eine Relation zu den deutschen Verbrechen setzen, auch wenn es gemessen an der Zahl eine höhere Summe an Menschen war. Die Geschehnisse der Jahre 1933 bis 1945, die sich in deutschem Namen ereigneten, sind als Sonderfall zu betrachten und in ihrem Ausmaß als einzigartig. Hierbei spielt nicht der Aspekt der „Schuld“ eine Rolle. Die Generation der Zeitzeugen und potentiell Schuldigen stirbt allmählich aus, ich selber, als auch die Generation meiner Eltern sind frei von jeglicher Schuld. Jedoch dürfen wir den Begriff der „Verantwortung“ nicht aus den Augen verlieren und müssen uns dieser Verantwortung, die ein jeder deutscher Staatsbürger trägt, auch in den nächsten Generationen bewusst sein. Verantwortungs- übernahme gegenüber uns selbst, den anderen Staaten Europas, dem Staate Israel und in letzter Konsequenz im Sinne der Humanität. Meines Erachtens lag Joachim Fest mit seiner Auffassung, es gäbe keinen gravierenden Unterschied zwischen der Ausrottung einer gesamten Religionsgruppe oder einer gesamten sozialen Schicht gar nicht so falsch. Der Einwand, die Tötungsart Vergasung oder Genickschuss rechtfertige keine unterschiedliche Gewichtung der Taten, sind zwar zutreffend, jedoch entbindet es uns als Deutsche nicht von der ständigen Pflicht, sich mit den vergangenen Gräueltaten auseinander zu setzten.
6
Verwendete Literatur:
• Richard J. Evans: Im Schatten Hitlers? Historikerstreit und Vergangenheitsbewältigung in der BRD, Frankfurt am Main 1991, S.13-40
• Charles S. Maier: The Unmasterable Past. History, Holocaust, and German National Identity, Cambridge/Mass. u. London 1997 S. 66-99
•
Texte aus: Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen
Arbeit zitieren:
Alexander Christian Pape, 2008, Historikerstreit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Rolle der Gestik auf dem Teppich von Bayeux
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 23 Seiten
Sozialstrukturelle und sozialkulturelle Erklärungsansätze von Wahlverh...
Die Auswirkungen von soziologi...
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 20 Seiten
Alte Konflikte, Neue Formen - Milieubegriffe und ihre Aussagekraft für...
Hausarbeit, 20 Seiten
Die aktuelle politische Lage im Gazastreifen
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Facharbeit (Schule), 25 Seiten
Bietet die Rational-Choice-Theorie im Bezug auf das Wahlparadoxon über...
Hausarbeit, 16 Seiten
Klassische und neue Cleavages ...
Hauptseminararbeit, 22 Seiten
Alexander Christian Pape hat den Text Historikerstreit veröffentlicht
Alexander Christian Pape hat einen neuen Text hochgeladen
Transparenz und Vergleichbarkeit für Hedgefonds
Erarbeitung und Diskussion mög...
Sebastian Leiß
0 Kommentare