1 EINLEITUNG
Die Bedeutung von Sucht für individuelle Entscheidungen spielt in den Untersuchungen zu rationalem Verhalten eine immer wichtigere Rolle - Sucht stellt einen Ausnahmefall dar, der bisher nicht empirisch erklärt werden konnte. Entscheidungen von Individuen, die nicht nach scheinbar rationalen Mustern handeln, sondern für außenstehende irrationale Dinge tun, untergraben teil-und verständlicherweise grundlegende Annahmen der Rational Choice Theorie.
Doch wie lassen sich diese unverständlichen Entscheidungen empirisch untersuchen? Welche Ansätze sollten zu Erklärung von Verhalten unter Suchteinfluss herangezogen werden? Ist die Spieltheorie mit ihren internen Spielen hier auf dem richtigen Weg? Und können Wirtschaftswissenschaftler mit ihrem Instrumentarium tiefenpsychologische, unterbewusste individuelle suchtgesteuerte Verhaltensmuster überhaupt nachvollziehen, geschweige denn Erklären oder Vorhersagen?
Der deutsche Ökonom Prof. Dr. Björn Frank hat hierzu einen maßgeblichen Aufsatz verfasst. The use of internal Games: The case of addiction versucht, Drogenkonsum mit Methoden aus der Spieltheorie auf Basis von Kavkas Darstellungen zu internen Spielen zu erklären. Doch dieser Versuch erzeugte heftige Kritik: Als Antwort auf Björn Franks Aufsatz haben der Berliner Ökonom Werner Güth und der Duisburger Philosoph Hartmut Kliemt den Text One Person - many Players verfasst. Im Hauptteil dieser Seminararbeit soll zunächst Kavkas Theorie der internen Spiele erläutert, dann die beiden deutschen Aufsätze vorgestellt und die aufgeführten Ansätze verglichen und überprüft werden. Auch anderweitige Erklärungsversuche für suchtgesteuertes Verhalten sollen in einem Überblick erläutert werden. Und obwohl es Modellen in der Rational Choice Theorie oft an empirischer Belegbarkeit 1 mangelt, wird der Vergleich im Idealfall ein Fazit ermöglichen, indem bestimmt werden kann, wie sich die Rational Choice Forschung und Sucht in Einklang bringen lassen kann.
1 Vgl.: Güth / Kliemt (1996), S. 664
2 EINFÜHRUNGEN
2.1 RATIONAL CHOICE THEORIE
Die Theorie der rationalen Entscheidungen oder eben Rational choice theory bildet einen Oberbegriff für diverse Überzeugungen und Ansätze aus verschiedenen Geisteswissenschaften, vornehmlich und ursprünglich aus den Wirtschaftswissenschaften. Mittlerweile hat sich die die Theorie jedoch auch in der Soziologie und den Politikwissenschaften einen Namen gemacht und wird als zumindest diskussionswürdig betrachtet. Mit ihren Werken als Vertreter der RC-Theorie gelten Mancur Olson 2 , Gary S. Becker 3 , James S. Coleman 4 , Raymond Bourdon 5 und Robert Axelrod 6 , um nur die bedeutendsten Namen zu nehmen.
Die Gemeinsamkeit aller Ansätze und Fachrichtungen liegt in der Grundannahme, das sich Akteure (egal ob Individuen oder Gruppen) grundsätzlich rational Verhalten und Handeln dementsprechend.
Aus dem Blickwinkel der Ökonomie bedeutet rationales Verhalten, auf Grundlage von knappen Ressourcen eine Entscheidung zugunsten einer aus mindestens zwei Alternativen zu treffen, die den Nutzen des Einzelnen maximieren, bzw. seine Kosten minimieren. 7 Zur Erklärung individuellen Verhaltens in solchen Entscheidungssituationen bedient man sich in den Wirtschaftswissenschaften dem 1906 zuerst von Vilfredo Pareto in seinem wegweisenden Werk Manuale di economia politica so benannten 8 Modell Homo Oeconomicus, einem künstlichen Wirtschaftsmenschen, der streng egoistisch nach Nutzenkalkül handelt. Eine Entscheidungssituation des Homo Oeconomicus wird durch zwei Nebenbedingungen beschränkt, den Präferenzen und Restriktionen. 9 Restriktionen können Einkommensbeschränkungen, rechtliche Rahmenbedingungen oder Ähnliches sein. Die Nebenbedingungen durch Präferenzen eines Individuums bei der Entscheidungsfindung stellen für diese Arbeit die wesentliche Grundlage dar. Generell gilt: Die Präferenzen eines Individuums ergeben sich aus seinen Wertvorstellungen 10 und bestimmen somit einen großen Teil der letztendlichen Entscheidung.
Die klassische Rational-Choice-Theorie fragt an diesem Punkt nicht weiter nach und auch das 11 Doch dass die gemachten klassische Modell des Homo Oeconomicus gelangt an seine Grenzen.
2 Olson (1968)
3 Becker (1982)
4 Coleman (1991)
5 Boudon (1979)
6 Axelrod (1987)
7 Vgl.: Kirchgässner (2000), S. 12
8 Das ursprüngliche Modell eines rational handelnden Wirtschaftssubjektes lässt sich jedoch zurückverfolgen bis zu Adam Smith und John Stuart Mill.
9 Vgl.: Kirchgässner (2000), S. 13
10 Vgl.: Kirchgässner (2000), S. 14 11 Vgl.: Ockenfels (2005), S. 1
pauschalen Aussagen durchaus umstritten sind, und Präferenzen auch durch Faktoren wie nichtmaterielle Interessen, altruistisches Handeln, soziale Strukturen 12 oder eben Sucht bestimmt werden können und somit Handeln als scheinbar irrational gedeutet werden kann 13 , bildet die Basis für diese Arbeit.
Andere aktuelle Ansätze zur Erweiterung und Erneuerung der RC-Theorie bzw. des Homo Oeco- 14 sollenhierbei nicht außer Acht gelassen werden, eine ausführliche Diskussion dieser nomicus
würde jedoch den Rahmen der Arbeit sprengen.
2.2 SPIELTHEORIE
Methoden der Spieltheorie werden heute in vielen Bereichen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften nachhaltig angewandt. Gegenstand des Verfahrens ist die Analyse von strategischen Entscheidungen von Gruppen, Individuen, aber auch intra-personellen Agenten 15 , bei denen der letztendliche Output - im Gegensatz zur klassischen Entscheidungstheorie - von anderen Gegenspielern abhängt. 16 Als Begründer der für diese Arbeit relevanten Form der Spieltheorie 17 gilt
John Nash, der hierfür 1994 zusammen mit John C. Harsany und Reinhard Selten den Nobelpreis erhielt. Er fand mit dem Nash-Gleichgewicht eine allgemeine Lösung für alle Arten von Spielen. Aufgrund der Ausgangssituation, dass eine Interdependenz zum Gegenspieler vorliegt und sich alle Entscheidungsträger dieser Interdependenzen bewusst sind, gelten Interessenkonflikte und Koordinationsprobleme als übliche Charakteristika von strategischen Entscheidungssituatio- 18 Daviele ökonomische Situationen die beschriebene Umgebung aufweisen, stellen Hol-nen.
ler/Illing folgerichtig fest, das die Spieltheorie „heute als die formale Sprache der ökonomischen Theorie“ 19 zu betrachten ist, während Ortmanns / Albert sie zum „Standardwerkzeugkasten“ 20 zur Lösung ökonomischer Problemstellungen küren.
Diese Einführung zur Spieltheorie hat keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit - die sie auch angesichts der Länge dieser Arbeit und der Masse an Literatur zum Thema auch nicht haben kannsie soll - ähnlich wie Kapitel 2.1 - lediglich als Vorüberlegungen zu den folgenden Kapiteln gelten.
12 Vgl.: Diekmann / Voss (2004), S. 13
13 Vgl.: Elster (1987), S. 67 14 Siehe ebenfalls Seminarthemen 9-12
15 Vgl.: Kavka (1991), S. 146
16 Vgl.: Holler / Illing (2000), S. 1
17 Die Begründer der Spieltheorie sind zweifelsohne John von Neumann / Oskar Morgenstern (1953), ihre mathematiklastigen Ausführungen zum hier nicht relevanten Nullsummenspiel möchte ich jedoch an dieser Stelle bewusst außen vor lassen.
18 Vgl.: Holler / Illing (2000), S. 1
19 ebda
20 Ortmanns / Albert (2008) S. 72
2.3 GEFANGENENDILEMMA
Da das Gefangenendilemma für die in den Kapiteln 3 und 4 angestellten Untersuchungen essentiell ist, möchte ich diese Situation im Folgenden kurz umreißen. Die Ausgangslage des Dilemmas wurde zuerst 1957 von Duncan Luce und Howard Raiffa im folgenden Originaltext formuliert:
„Zwei Verdächtige werden in Einzelhaft genommen. Der Staatsanwalt ist sich sicher, dass sie beide eines schweren Verbrechens schuldig sind, doch verfügt er über keine ausreichenden Beweise, um sie vor Gericht zu überführen. Er weist jeden Verdächtigen darauf hin, das er zwei Möglichkeiten hat: das Verbrechen zu gestehen oder aber nicht zu gestehen. Wenn beide nicht gestehen, dann, so der Staatsanwalt, wird er sie wegen ein paar minderer Delikte wie illegalem Waffenbesitz anklagen, und sie werden eine geringe Strafe bekommen. Wenn beide gestehen, werden sie zusammen angeklagt, aber er wird nicht die Höchststrafe beantragen. Macht einer ein Geständnis, der andere jedoch nicht, so wird der Geständige nach kurzer Zeit freigelassen, während 21 der andere die Höchststrafe erhält.“
Die Gefangenen werden demnach vom Staatsanwalt vor ein strategisches Entscheidungsproblem gestellt. Die Auszahlung in Jahren Gefängnis hängt nicht nur von der eigenen, sondern auch von der Entscheidung des Komplizen ab. In Fall des Gefangenendilemmas bietet sich die Darstellung mithilfe einer Auszahlungsmatrix in Normalform an, um anschließend in der Lösungsfindung eine individuell rationale Strategie festzulegen. 22
Gefangener 1
Die beiden Gefangenen G1 und G2 können entweder Gestehen oder Nicht Gestehen, wobei sie keine Möglichkeit haben zu kommunizieren. Die Pay-Offs sind die Jahre im Gefängnis, die sie verbringen müssten. Um mit einer geringen Strafe davonzukommen, sollten beide demnach einfach nur Nicht Gestehen.
Doch Nicht Gestehen ist an dieser Stelle kein individuell rationales Verhalten, da G1/2 keine verbindlichen Abmachungen eingehen können (nicht-kooperatives Spiel) und aufgrund der Kron-
21 Luce/ Raiffa (1957), S. 95
22 Vgl.: Holler / Illing (2000), S. 1
zeugenregelung diese Situation nicht stabil wäre; 23 denn jeder G kann sich durch Inanspruchnahme dieser einseitig verbessern und muss davon ausgehen, das der andere G dies auch tut. Gestehen ist für beide G die dominante Strategie, unabhängig davon, welche Strategie der andere G wählt. Bei Ausgang des Spiels bei Gestehen/Gestehen liegt ein Nash-Gleichgewicht vor, ob- 24 wohl diese Lösung zweifelsohne nicht pareto-optimal ist.
Wie soeben anhand der Auszahlungsmatrix erläutert, ist das Gefangenendilemma das Paradebeispiel dafür, das individuell rationales Verhalten in nicht kooperativen Spielen zu paretoineffizienten Ergebnissen für die Spieler führen kann.
3 THEORIE DER INTERNEN SPIELE
Auf Grundlage auf dem von dem US-amerikanischen Philosophen Gregory S. Kavka verfassten Aufsatz Is Individual choice less problematic than collective choice? möchte ich im Folgenden die Theorie der internen Spiele erläutern. Kavka geht hierbei methodisch so vor, das er versucht die Erkenntnisse aus der kollektiven Wahl, also den internen Entscheidungsabläufen bei Gruppen, auf intra-personelle Entscheidungssituationen zu übertragen. Der Autor zitiert zu Beginn Kenneth Arrow mit der Aussage „If an individual is facing a given set of alternative actions, he will choose one, and there seems to be little interesting to talk about” 25 , die seinem Forschungsobjekt der individuellen Entscheidungsfindung die Irrelevanz attestiert. Doch bereits wenige Sätze später stellt Kavka treffenderweise fest, dass der Output von Gruppen natürlich durch nichts anderes bestimmt wird als die internen Präferenzen der Mitglieder. 26 Interne Entscheidungen ähneln denen von Kollektiven unter vielen Gesichtspunkten, und so moduliert Kavka interagierende Subagenten als Spieler in den internen Spielen. Diese Subagenten werden bestimmt und gesteuert von den einzelnen Werten bzw. Präferenzen, die ein Individuum in seiner Handlungsweise bestimmen. 27 Indem diese Subagenten in einer Partie gegenei-nander antreten und dabei jeweils ein Wert (oder auch ein komplexeres Werteset) vertreten, können interne Wertekonflikte entstehen. 28 Kavka sieht in diesen Wertekonflikten den Grund
dafür, dass individueller Output nicht zwangsläufig rational sein muss. Er belegt diese These mit
23 Vgl.: Güth / Berninghaus / Ehrhart(2007), S. 15 24 Vgl.: Ortmanns / Albert (2008) S. 77
25 Arrow (1969), S. 215
26 Vgl.: Kavka (1991), S. 144
27 Vgl.: Kavka (1993), S. 171
28 Vgl.: Kavka (1991), S. 145
Arbeit zitieren:
Alexander Otto, 2009, Rationalität und Sucht, München, GRIN Verlag GmbH
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