Um Werthers Leidensgeschichte vom Hochgefühl der Liebe bis zum seelischen und letztendlich auch körperlichen Verfall nachvollziehen zu können, ist es zwingend notwendig, sein Verhältnis zur Natur zu untersuchen.
Johann Wolfgang Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ 1 ist geprägt von Naturbeschreibungen. Diese sind zu Anfang von schwärmerisch-schönem später jedoch mehr und mehr von depressivem Charakter.
„Die Leiden des jungen Werther“ entstand zur Zeit des Sturm und Drang. In diesem Zusammenhang änderte sich einhergehend mit der gesamten Weltsicht der jungen Generation auch deren Naturauffassung. Horst Flaschka schreibt in seinem 1987 erschienenem Werk „Werther“: „Unter dem Einfluss Rousseaus verfechten die Stürmer und Dränger in großer Geschlossenheit die Wiederherstellung der durch Zivilisation der Gesellschaft denaturierten Einheit von Mensch und Natur.“ 2 Brigitte Hauger leitet ihre Diskussion zum „Themenkreis Natur“ wie folgt ein: „Die Natur und das Verhältnis des Menschen zur Natur ist ein Zentralthema des „Werther“. 3 Arbeiten zum Themengebiet Natur im „Werther“ sind zahlreich erschienen. Die mir bekannten Werke sind tiefgründig, schlüssig formuliert sowie lückenlos wissenschaftlich belegt. „Der Pflug, die Nussbäume und der Bauernbursche: Natur im thematischen Gefüge des „Werther“ - Romans“ von Dirk Grathoff 4 oder der
1 Johann Wolfgang Goethe. Die Leiden des jungen Werther, Aufbau-Verlag Berlin
und Weimar, Berlin;Weimar: 1990
2 Horst Flaschka. „Goethes Werther“ Werkkontextuelle Deskription und Analyse,
Wilhelm Fink Verlag, München: 1987,S.147
3 Brigitte Hauger. Individualismus und aufklärerische Kritik, Klett, Stuttgart;
Düsseldorf; Berlin; Leipzig: 1987, S.24
4 Dirk Grathoff, Der Pflug die Nussbäume und der Bauernbursche, In: Hans Peter
Herrmann. Goethes „Werther“ Kritik und Forschung, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft Darmstadt, Darmstadt: 2000, S.383-402
2
Abschnitt „Naturerfahrung und Naturdarstellung im „Werther““ von Rainer Könecke 1 sind nur zwei weitere Beispiele. Aufgrund der oben genannten Textausschnitte sowie weiterer Literaturstudien, unter anderem in den bereits genannten Werken, komme ich zu folgender These.
Die tragische Figur des Werther macht das Naturverständnis des Sturm und Drang erlebbar und zeigt durch den Wandel in Werthers Rezeption der Naturerscheinungen wie stark die Verbindung zwischen menschlichem Empfinden und der Natur sein kann. Aufgrund der Zweiteilung der These soll auch der nun folgende Hauptteil geteilt werden. Im ersten Abschnitt möchte ich das Naturbild des Sturm und Drang herausarbeiten und am Primärtext aufzeigen. Der zweite Teil soll sich dann mit der sich wandelnden Naturauffassung Werthers beschäftigen.
1 Rainer Könecke. Stundenblätter Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und
die Literatur des Sturm und Drang , Klett, Stuttgart: 1989, S.100-106
3
2. Hauptteil
2.1 Die Verwirklichung des Naturverständnisses
Aufgrund der Ablehnung des Rationalismus und des geradlinigen, von Vernunft gesteuertem Denken entwickelte sich unter großem Einfluss von Rousseau im Sturm und Drang eine neue Auffassung von Natur. Sie stand für das Ursprüngliche, das Unverfälschte und das Lebendige. Flaschka schreibt: „Für sie [Die Vertreter des Sturm und
Drang] ist die Natur ein lebender Organismus, als dessen Teil sie sich begreifen und mit dem sie sich eins fühlen. So kann die äußere Natur in ihren Erscheinungen und Ereignissen, in Landschaften, Gärten, Seen, Gebirgen, Gewitter und Nebel auch zum Gleichnis ihrer selbst werden.“ 1 . Der Mensch sieht sich also nicht mehr als Herrscher und Unterdrücker der Natur, wie es in der Aufklärung propagiert wurde, sondern als Teil von ihr. Man entwickelt die Sehnsucht mit ihr zu verschmelzen und ihrem Lauf zu folgen. Die Natur gewann als das Schöne und nicht Reproduzierbare eine völlig neue, der Stadt, die als künstlich und unnatürlich galt, konträr gegenüberstehende Bedeutung. Dies wird auch im „Werther“ deutlich: „Jeder Baum, Jede Hecke ist ein Strauß von Blüten, und man möchte zum Maienkäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können.“ (Seite 5; 4.Mai) 2 . Anhand dieser Passage wird klar wie groß das Verlangen der Stürmer und Dränger war der Natur nahe zu kommen. Werther wünscht sich ein „Maienkäfer“ 3 zu werden, welcher direkt von der Natur lebt und aus Werthers Sicht enger mit ihr zusammen ist als er es selbst jemals sein kann. Auch die Anpassung des Menschen an den Fortgang der Natur bis hin zur Unterordnung findet Ausdruck in Goethes Briefroman und
1 Horst Flascka. S. 147
2 Johann Wolfgang Goethe. S. 5
3 Johann Wolfgang Goethe. S. 5
4
wird durch den Wandel in Werthers Gefühlswelt der mit dem Wechsel der Jahreszeiten einhergeht deutlich. „Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen ringsumher eine unaussprechliche Schönheit der Natur.“
(Seite 5; 4.Mai) 1 . Dies ist ein weiterer Indiz für die fest im Werk verankerte Natursicht des Sturm und Drang. Die Stadt war eine Feste der feudalen, ständischen Ansichten, in der das Bürgertum, sprich die Elterngeneration der jungen Vertreter des Sturm und Drang, nach Konventionen und Regeln lebt.
Der Ausruf Rousseaus „Zurück zur Natur“ wurde zum Leitsatz. Er ist ein weiterer Ausdruck für die große Sehnsucht nach der Natur, welchem im Sturm und Drang erstmals eine wörtliche Bedeutung zuteil wurde. „Die Natur in ihrer landschaftlichen Schönheit und Unberührtheit ist für Werther nicht nur ein Ort ästhetischer Begegnung. Für ihn wie für die Stürmer und Dränger wird sie in der Nachfolge Rousseaus vor allem zum Zufluchtsort, zur Antithese des städtisch-gesellschaftlichen Lebens.“ 2 schreibt Flaschka. Diese Aussage stellt sich im Hinblick auf den Text als richtig heraus. Werther zieht sich zu Beginn des Romans in die ländliche, natürliche Gegend zurück um eine Erbschaftsangelegenheit zu klären. Dort findet er Zuflucht in der Einsamkeit der Landschaft: „Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend,…“(Seite 6; 4.Mai). 3
Der Mensch sollte also Genesung in der Natur finden, in ihr aufgehen und niemals sich als Herrscher über sie stellen, sie beeinflussen oder in irgendeiner Weise durch Umformung seinem Willen unterordnen. Eine Episode im „Werther“ zeigt die Verarbeitung dieses Teils der Naturauffassung des Sturm und Drang besonders deutlich. Im Brief vom 15. September (Seite 76) beschreibt Werther wie die Pfarrerin die Nussbäume gefällt hat, unter denen er mit Lotte oft gesessen hatte. In diesem Zusammenhang verurteilt Werther die Einschränkung der Natur um des menschlichen Vorteils willen: „Stelle dir vor, die
1 Johann Wolfgang Goethe. S. 5
2 Horst Flaschka. S. 149
3 Johann Wolfgang Goethe. S. 6
5
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Silvio Holland-Moritz, 2004, Die Darstellung der Natur in „Die Leiden des jungen Werther“, München, GRIN Verlag GmbH
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