1 Einleitung
In meiner Hausarbeit zum Seminar 'Politische Bildung und soziale Ungleichheit' möchte ich der Frage nachgehen, was soziale Ungleichheit ist, wie sie mit politischer Bildung in Verbindung steht und welche Möglichkeiten es gibt, ihr entgegenzuwirken. Bevor das diese Arbeit begleitende Seminar begann, hatte ich wenige Ideen, was politische Bildung überhaupt konkret ist. Begriffe wie Aufklärung, Emanzipation und Meinung schwebten durch meinen Kopf. Um diesen Begriff genauer zu fassen, möchte ich die beiden Begriffe 'Politische Bildung' und 'Soziale Ungleichheit' genauer beschreiben und diese Arbeit so einleiten. In den darauffolgenden Kapiteln werde ich auf eine Milieustudie eingehen und verschiedene Milieus anhand ihrer Merkmale hinsichtlich des Standpunktes zur politischen Bildung aufzählen und beschreiben. Daran soll deutlich werden, dass es Milieus mit unterschiedlichen Zugängen zu Bildung gibt. Im weiteren werde ich klären, wie auf diese Weise soziale Ungleichheit entsteht und wie dieser vorgebeugt werden kann. Dazu werde ich ein konkretes Bildungsprojekt für junge Menschen beschreiben. Mein Ziel ist es, dem Leser 1 dieser Arbeit verschiedene Methoden politischer Bildung und deren Nutzen zu erklären. Abschließend möchte ich in einem Fazit die Ergebnisse hinsichtlich der gestellten Frage noch einmal genau herausarbeiten und meine Arbeit reflektieren.
2 Was ist politische Bildung und soziale Ungleichheit?
In diesem Kapitel möchte ich der Frage nachgehen, was politische Bildung und soziale Ungleichheit ist. Was führt die Begriffe 'Bildung' und 'Politik' zusammen und was ist soziale Ungleichheit? Im späteren Verlauf dieser Arbeit wird dann der Zusammenhang beider Begriffe geklärt.
2.1 Begriffsdefinition: Politische Bildung
Der Begriff 'Politische Bildung' setzt sich aus den Wörtern Politik und Bildung zusammen. Ich möchte daher zuerst beide Begriffe getrennt voneinander kurz definieren. Ich habe es bereits in der Einleitung geschrieben, ich konnte anfangs wenig mit dem Begriff 'Politische Bildung' anfangen. Diese Ungewissheit resultierte vor allem daraus, das 'Politik' ein für mich sehr schwammiger und unsicher genutzter Begriff ist. Was also ist Politik? Nach Massing wird „Politik mit unterschiedlichen Dingen in Verbindung gebracht, mit 'dem Staat', mit einzelnen staatlichen Institutionen, mit Parteien, mit 'den Politikern', aber auch mit
1 Mit der im Verlauf der Studienleistung genutzten maskulinen Form sind stets beide Geschlechter gemeint.
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abstrakteren Phänomenen wie Macht und Herrschaft“ (Massing, 2007, S. 282). Genau dies sind die Variablen, die auch mir im Kopf schwebten und die es mir schwer machen, den Begriff 'Politik' auf den Punkt zu bringen. Für den späteren Teil meiner Arbeit ist der dritte Punkt von Massings Politikdefinition interessant. Dort er geht auf die Differenzierung von Politik in einem engeren und Politik in einem weiteren Sinne ein (vgl. Massing, 2007a, S. 284). Er schreibt, dass Politik darauf gerichtet sei, gemeinsames Handeln von unterschiedlichen Interessengemeinschaften zu ermöglichen, die ursprünglich verschiedene Handlungsziele und -wege angestrebt haben. Politik im engeren Sinne bezieht sich auf die Angelegenheiten einer Gesamtgesellschaft, von Politik im weiteren Sinne spricht man, wenn es um die Regelung zwischenmenschlicher Situationen geht, „die durch personale Betroffenheit und konkurrierende Intentionen der Beteiligten konstituiert sind“ (ebd.). Bildung ist nach Giesecke „alles, was irgendwie mit dem Menschen und seiner Stellung in der Welt zu tun hat“ (Giesecke, 2008, S. 183). Nach Giesecke wäre der Begriff der Erziehung synonym zu verwenden, er weist jedoch „zu sehr auf den Umgang mit Unmündigen“ (ebd.) hin. Es geht darum, mithilfe von Wissen über die Welt seine Position in ihr zu finden, diese permanent reflektiert zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen. Massing unterstützt diese Ansicht, indem er Bildung als „den Vorgang der Entfaltung und Individualität eines Menschen und seiner geistigen Formung in Auseinanderstzung mit Kultur und Umwelt“ (Massing, 2007b, S. 39) beschreibt.
Führt man die Begriffe der 'Politik' und 'Bildung' zusammen, muss es also um die Formung und Entfaltung von Individualität im Zusammenhang mit Politik gehen. Ausgehend von Massings drittem Punkt also um Entfaltung von Individualität hinsichtlich der Herausbildung eigener Standpunkte und des eigenständigen Handelns.
Die Suche nach Definitionen von 'Politischer Bildung' gestaltet sich leicht, birgt aber ein Problem: Die Vielfalt an aufgestellten Definitionen. Die erwähnten, unterschiedlichen Politikdefinitionen geben meiner Meinung nach auch hier breiten Raum für Interpretationen und Begriffsbestimmungen. Eine Gemeinsamkeit vieler Definitionen ist das Ziel, den Bürger mündig zu machen. Politische Bildung soll nicht, wie beispielsweise in der Weimarer oder der Deutschen Demokratischen Republik, dazu genutzt werden, eine politische Meinung zu indoktrinieren. Aufgrund der Vielfalt beschränke ich mich in dieser Arbeit auf eine Definition des Kieler Professors Benedikt Sturzenhecker. Er spricht von politischer Bildung „als politisches Handeln. Damit geht es zunächst nicht um politische Aufklärung oder
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Wissensvermittlung; diese Handlungsweisen sollten den Inhalten und Prozessen des jeweiligen exemplarischen politischen Handelns folgen und nicht theoretisch von solchen abgekoppelt geschehen. Politisches Handeln verstehe ich als Handeln, in dem Akteure ihre Interessen in einem Gemeinwesen [...] öffentlich einbringen, einfordern, diskutieren und in einem demokratischen Entscheidungsprozess bearbeiten“ (Sturzenhecker, 2007, Seite 1). Sturzenhegger betont die nötige Praxis in der politischen Bildung. Adressaten sollen nicht bloß in der Theorie von Demokratie und Partizipation lernen, sondern aktiv an einem politischen Prozess, der sie direkt betrifft, lernen.
2.2 Begriffsdefinition: Soziale Ungleichheit
Auch der Begriff 'soziale Ungleichheit' besteht aus zwei Worten. Ich setze das Verständnis des Wortes Ungleichheit voraus und werde in diesem Abschnitt deswegen direkt auf die soziale Dimension von Ungleichheit eingehen. Früher sprach man im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit meist von 'sozialer Klasse' oder 'sozialer Schichtung'. Nach Kreckel sind beide Begriffe nicht flexibel genug, soziale Ungleichheit in ihrer heutigen Form zu beschreiben (vgl. Kreckel, 2001, S. 1729).
Spricht man von sozialer Ungleichheit, muss man sich zu allererst bewusst machen, dass es dabei nicht um biologische Verschiedenheiten wie Augen- oder Haarfarbe, Geschlecht oder Lebensalter handelt. Auch die Existenz von verschiedenen Schichten, Ethnien und Rassen innerhalb einer Gesellschaft führt nicht zwingend zu sozialer Ungleichheit. Von dieser lässt sich erst sprechen, wenn nicht die Verschiedenartig-, sondern die Verschiedenwertigkeit im Vordergrund steht (vgl. Schwinn, 2007, S. 272).
In einer Gesellschaft leben vielfältige Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Einkommen. Die Differenz in den Einkommen ist jedoch nicht gleichbedeutend mit sozialer Ungleichheit. Diese entsteht erst, „wenn bestimmte soziale Differenzierungen es mit sich bringen, dass einzelne Individuen oder Gruppen in dauerhafter Weise begünstigt, andere benachteiligt sind“ (Kreckel, 2001, S. 1731). Zur Verdeutlichung möchte ich in Anlehnung an die Demonstration 2 während des Seminars ein konkretes Beispiel von sozialer Ungleichheit nennen:
Eine Familie aus der gehobenen Mittelschicht verfügt über mehr Einkommen als eine Familie
2 Demonstration „Es bleibet dabei - die Bildung ist frei“ vom 24.01.09 in Hannover.
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aus der ihr untergeordneten Arbeiterschicht. Durch das höhere Einkommen der ersten Familie ist ihr Zugang zu Bildung wesentlich einfacher, als wenn die Familie der Arbeiterschicht die 500 Euro Studiengebühr erst mühselig sparen müsste oder gar nicht aufbringen kann. Über den grundsätzlichen Unterschied des Einkommens hinaus kommt es zu Bevorzugungen der vermögenden und Benachteiligungen der nichtvermögenden Familie. Hier lässt sich von sozialer Ungleichheit sprechen.
Der mir vorliegende Fachliteratur ist zu entnehmen, dass Fachleute grundsätzlich zwei verschiedene Arten von sozialer Ungleichheit differenzieren (vgl. Anhorn, 2008, S. 23-24): die horizontale und die vertikale.
Den Begriff 'vertikale Ungleichheit' beschreibt mein Beispiel der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und dem damit einhergehenden Einkommensunterschied. Man geht von einer Schichtung der Klassen aus, in der die höhere Klasse über mehr Partizipationsmöglichkeiten verfügt als die sich darunter befindende Klasse. Von 'horizontaler Ungleichheit' ist die Rede, wenn innerhalb einer gesellschaftlichen Schicht eine Innen-Außen-Spaltung herrscht. Anhorn spricht in diesem Zusammenhang von „einer integrierten Mehrheit (gesellschaftliches Zentrum) und einer ausgeschlossenen Minderheit (gesellschaftliche Randzonen, Peripherie)“ (Anhorn, 2008, S. 23). Faktoren, die eine ausgeschlossene Minderheit ausmachen, können unterschiedliche regionale Voraussetzungen eigentlich gleicher Bevölkerungsgruppen, durch das Geschlecht bedingte Bevor- und Benachteiligungen oder verschiedene Partizipationsmöglichkeiten für Anhänger unterschiedlicher Religionen und Ethnien sein.
3 Soziale Milieus und politische Bildung
In diesem Abschnitt meines Aufsatzes möchte ich einen Einblick in den Milieuansatz politischer Bildung geben. Ich möchte klären, welche unterschiedlichen Dispositionen verschiedene soziale Milieus zu (politischer) Bildung haben.
Der Begriff Milieu geht dabei über eine reine sozial- und berufstatistisch geordnete Gruppe hinaus. Bei einem Milieu handelt es sich um eine Gruppe von Menschen, die ähnliche Einstellungen zu Bereichen der Arbeit, Freizeit, Bildung oder sozialer Gerechtigkeit teilen (vgl. Bremer, 2006a, S. 41). Geht man von einer vertikalen Anordnung aus, lassen sich grundsätzlich drei Milieukategorien aufstellen: Die oberen Milieus, die mittleren Milieus und die unteren Milieus. Innerhalb dieser Schichtung gibt es noch einmal horizontale
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Arbeit zitieren:
David Rüger, 2009, Über den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und politischer Bildung, München, GRIN Verlag GmbH
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