Hauptseminar Literaturwissenschaften
Der junge Goethe
Sommersemester 2005
Die Interpretation des Briefes vom 12. August:
Entsprechen die von Albert und Werther vertretenen Positionen in Bezug
auf die Selbstmordfrage ihren ,,typischen" Charakterzügen?
Sandra Maghs
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 3
2
Die Definition der Selbsttötung... 3
2.1
Die theologische Sichtweise der Selbsttötung ... 4
2.1.1 Kirchengeschichtlich... 4
2.1.2
Kirchliche Praxis und Stellungnahmen ... 4
2.2
Die rechtliche Sichtweise der Selbsttötung... 5
3 Einordnung der Szene in den Kontext... 5
3.1
Alberts Position in Bezug auf den Selbstmord... 6
3.2
Werthers Position in Bezug auf den Selbstmord... 9
4 Die Typisierung der beiden Figuren... 17
4.1 ,,Typisch"
Albert ... 17
4.2 ,,Typisch"
Werther ... 19
5 Fazit ... 20
6 Literaturverzeichnis ... 21
3
1 Einleitung
In dieser Hausarbeit werde ich zunächst eine Klärung des Begriffs ,,Suizids" vornehmen sowie die
Darstellung der theologischen und rechtlichen Hintergründe des 18. Jahrhunderts in Bezug auf die
Selbsttötung darstellen. Im weiteren Verlauf werde ich dann die Ausgangsposition der beiden Figuren
erklären und auf dieser Grundlage die Diskussion (Brief vom 12. August) zwischen Albert und
Werther analysieren. Zum Ende der Arbeit sollen einige Beispiele des gesamten Buches, die für die
Figuren exemplarischen Charakterzüge hervorheben. Das Ziel dieser Arbeit ist zum Einen die
Darstellung der Positionen, die Albert und Werther hinsichtlich der Selbstmordfrage beziehen. Zum
Anderen soll die Untersuchung dazu dienen, herauszustellen inwiefern die vertretenen Positionen
,,typisch" für die jeweilige Figur sind, bzw. als Teil einer Charakterisierung gelten können.
2 Die Definition der Selbsttötung
,,Schon die Begriffswahl impliziert eine Vorentscheidung, je nachdem, ob das Phänomen S. deskriptiv
oder normativ betrachtet wird. Das Wort Selbst"mord" spricht eine Verurteilung aus... ,,Selbsttötung"
ist neutraler. ,,Freitod" (,,mors voluntaria") bewertet hingegen positiv, bis hin zur emphatischen
Bejahung der Freiheit zum Tode als spezifisch menschlicher Möglichkeit. Den Begriff ,,suicidum"
(analog zu ,,homicidium") hat J. Donne (Biothanatos, 1646) geprägt (,,self-homicide"), um eine
neutrale Formulierung zu finden"
1
.
Der Selbstmord wird als absichtliche Vernichtung des eigenen Lebens verstanden, erklärbar als auf
freiem Entschluss beruhend. Die Gründe zu dieser Entscheidung sieht der Selbstmörder meist in
ausweglos erscheinenden Situation oder der Überzeugung von der Sinnlosigkeit des Weiterlebens
ferner als krankhafte Zwangshandlung (in Depressionen und Psychosen)
2
. Der Soziologe Emile
Durkheim vertritt in seinem 1897 veröffentlichten Werk ,,Le suicide" folgende Definition: ,,Man
nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung
zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im
voraus kannte"
3
.
1
Betz, Hans-Dieter (Hrsg.): R-S.- : Mohr, 19987 Religion in Geschichte und Gegenwart. - 4. völlig neu bearb.
Aufl. Tübingen. 1998. Band 7: S. 1855
2
Bertelsmann Universallexikon. Das Wissen unserer Zeit von A-Z in 20 Bänden. Bertelsmann Lexikon Institut.
Gütersloh. 1994. Band 16: S. 198
3
Durkheim, Emile: Der Selbstmord. Übers. von Sebastian und Hanne Herkommer. - 3. - Aufl. Frankfurt am
Main: Suhrkamp. 1990. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft; 431). S. 27
4
2.1 Die theologische Sichtweise der Selbsttötung
2.1.1 Kirchengeschichtlich
,,Ein zentraler Denker für die Entwicklung der christlichen Theologie war Augustinus"
4
. Dieser
verwarf den Selbstmord als eindeutigen Verstoß gegen das fünfte Gebot: ,,Du sollst nicht töten!", ließ
aber Ausnahmen im Falle eines göttlichen Befehls gelten
5
. Nach Augustinus' Interpretation ist das
Gebot wortwörtlich zu befolgen: ,,Denn nicht umsonst kann man in den heiligen und kanonischen
Büchern nirgends ein göttliches Gebot noch auch die Erlaubnis ausgesprochen finden, sich selbst das
Leben zu nehmen, um das unsterbliche Leben zu erlangen oder irgend ein Übel zu meiden oder zu
beseitigen. Vielmehr ist das Verbot hierher zu beziehen: ,,Du sollst nicht töten"..."
6
. ,,Thomas von
Aquin ergänzte die klassische theol. Ablehnung mit dem Argument der natürlichen Selbsterhaltung
des Menschen und des Unrechts gegenüber der Gemeinschaft (Summa Theologiae, 2 q. 64 a.5)"
7
. Eine
dritte Position vertritt Luther, der den Suizid zwischen satanischer Verursachung und persönlicher,
auch selbst empfundener Not einordnet
8
. ,,Im 18. Jh. kündet die Verbreitung des Begriffs S. (statt
Selbstmord) von einem grundlegenden Auffassungswandel
9
.
2.1.2 Kirchliche Praxis und Stellungnahmen
Im Protestantismus ist der Umgang mit Suizidenten wesentlich von lokalen Traditionen geprägt und
unterliegt seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert einem steten Wandel
10
. Die Differenzierung von
zurechnungsfähigen und unzurechnungsfähigen Suizidenten bildete im 19. Jahrhundert ein
entscheidendes Kriterium bei Nachweis geistiger Unzurechnungsfähigkeit bestatteten die Kirchen
meist ,,still"
11
. Der willentliche Selbstmord hingegen galt als sündiger Eingriff in die göttlichen
Herrschaftsrechte über Leben und Tod eines Menschen
12
. Daher wurden die Leichen dieser
Suizidenten bis ins 20. Jahrhundert in manchen Landeskreisen entweder anatomischen Institutionen
zugeführt oder ohne kirchliche Beteiligung häufig an besonderen Orten, ,,außer der Reihe"
bestattet. Die staatliche Gesetzgebung des 19. Jahrhunderts übertrug den kirchlichen Behörden das
alleinige Recht über die Bestattung eines Suizidenten zu befinden
13
.
,,Die Ablehnung des S. in der röm.-kath. Kirche basiert wesentlich auf der Moraltheol. des Thomas
von Aquin sowie auf einem Verständnis der Bestattung als fürbittendem und absolvierendem Akt"
14
.
Der ,,Selbstmörder", der sein Leben selbst beendet hat, galt als ,,öffentlicher Sünder" ihm sollten
4
http://www.nek-cne.ch/de/pdf/br_suizid_f_internet_dt.pdf
S. 16
5
Betz, S. 1853
6
Augustinus: De Civitate Die I, 20; Dt.: Gottesstaat (Bibliothek der Kirchenväter). Kempten / München 1911. S.
57. In:
http://www.nek-cne.ch/de/pdf/br_suizid_f_internet_dt.pdf
7
Betz, S. 1851
8
Betz, S. 1851
9
Betz, S. 1851
10
Betz: S. 1852
11
Betz: S. 1852
12
Betz: S. 1852
13
Betz: S. 1852
14
Betz: S. 1853
5
Begräbnis sowie die Totenmesse versagt bleiben, erlaubt war lediglich eine Privatmesse
15
. Diejenigen,
die einen Selbstmordversuch begangen haben, werden von Empfang und Ausübung sakramentaler
Weihen ausgeschlossen
16
.
2.2 Die rechtliche Sichtweise der Selbsttötung
In christlichen Gesellschaften wird der Suizid seit dem Jahre 563 als gesetzliches Verbrechen
eingestuft: ,,Sobald die christlichen Gesellschaften sich gebildet hatten, taten sie den Selbstmord in
Acht und Bann...,563 auf dem Konzil von Prag, wurde die Achterklärung strafrechtlich
untermauert"
17
. Im Mittelalter wurde der versuchte Selbstmord unter Strafe gestellt. In Deutschland
versuchte man durch Vermögenskonfiskationen den Selbstmord zu sanktionieren oder die Testamente
von Selbstmördern für ungültig zu erklären
18
. Selbst die Leichname der Suizidenten konnten zunächst
keine Ruhe finden, denn sie wurden nicht nur geschändet, sondern mit Karren durch die Stadt gezogen
und zum Teil an schändlichen Orten verscharrt
19
. ,,Erst das Preußische ALR (Allgemeines Landrecht)
zeigt insoweit Liberalisierungstendenzen. Immerhin blieb auch dort dem erfolgreichen Selbstmörder
das unehrenhafte Begräbnis nicht erspart, ein letztes Nachwirken der Auffassung des Codex Juris
Canonici, der den Selbstmord dem Mord gleichgestellt hatte"
20
. Der Suizid wurde in den
Strafgesetzbüchern im 18. Jahrhundert nicht mehr geächtet
21
. ,,Eine juristische Verurteilung des
Selbstmörders wurde zwar von Friedrich dem Großen 1751 aufgehoben, gleichwohl änderte sich kaum
etwas an der Tabuisierung des Selbstmords und der moralischen Verurteilung des Selbstmörders, der
sich dem Gesetz Gottes widersetzte
22
.
3 Einordnung der Szene in den Kontext
Kurz nach seiner Ankunft in Wahlheim lernt Werther auf einem Ball in Volpertshausen Charlotte S.
(Lotte) kennen. Werther fühlt sich von ihrem Wesen und ihrer Gestalt sogleich angezogen und es
entwickelt sich eine innige Freundschaft. Charlotte ist jedoch mit einem jungen Mann namens Albert
verlobt. Nach dessen Ankunft kann Werther sich auch mit diesem anfreunden. Das Verhältnis zu Lotte
gestaltet sich für Werther hingegen zunehmend schwieriger, denn seine Gefühle zeugen von mehr als
nur bloßer Freundschaft. In seiner Verzweiflung entschließt sich Werther einige Tage ins Gebirge zu
verreisen um Abstand zu gewinnen. Nach dieser Entscheidung sucht Werther seinen Freund Albert auf
15
Betz: S. 1853
16
Betz: S. 1853
17
Durkheim: S. 382
18
http://66.249.93.104/search?q=cache:iU7MbhRqj-AJ:www.uni-
heidelberg.de/institute/fak2/krimi/Hermann/Sem%2520Kulturwandel/Suizid.pdf+geschichte+suizid:pdf&hl=de
19
Hein, Edgar: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther: Interpretation von Edgar Hein. - 2.
überarb. und korrigierte Aufl. München: Oldenbourg. 1997. (Oldenbourg Interpretationen; Bd. 52). S. 72
20
http://jung.jura.uni-sb.de/ab%202003/StrafR%201.WS0203.pdf
21
Belz: S. 1851
22
http://www.uke.uni-hamburg.de/extern/tzs/suizidalität/information/theorie.html
6
um sich von ihm zu verabschieden. Bei diesem Anlass entdeckt Werther zwei Pistolen, die er sich
borgen möchte und dies ist der Ausgangspunkt des Geschehens.
3.1 Alberts Position in Bezug auf den Selbstmord
Albert nimmt deutlich Abstand vom Gebrauch von Waffen. Dies wird durch die Tatsache ersichtlich,
dass er Werther auffordert die Pistolen selbst zu laden und erklärt: ,,...bey mir hängen sie nur pro
forma"
23
. Die Waffen sind ihm demnach nicht dienlich, um sie tatsächlich zu verwenden. Albert deutet
jedoch an, dass seine Abneigung gegen die Verwendung von Waffen mit einem bedeutungsträchtigen
Erlebnis zusammenhängt. Alberts Bediensteter, der den Auftrag erhielt, die Pistolen zu putzen und zu
laden begeht einen folgenschweren Fehler: als er ein Mädchen erschrecken will, löst sich ein Schuss
und der Daumen des Mädchens wird zerschlagen
24
. Albert wird zur Verantwortung gezogen, denn er
muss sich einerseits des Lamentierens annehmen andererseits für die Kosten der Kur des Mädchens
aufkommen. Seit diesem Zeitpunkt lässt er alles Gewehr ungeladen. Albert hat aufgrund dieser
Erfahrung für sich entschieden, zwar Waffen zu besitzen, sie jedoch weder zu laden, noch zu
gebrauchen. Er zeigt sich gelehrsam und stiehlt sich nicht aus seiner Verantwortung. Zudem zeigt
diese Entscheidung seine Vernunft, denn er möchte weder sich noch einen anderen nochmals durch
seine Unachtsamkeit verletzen. Dass Alberts Geld, das ihn diese Angelegenheit gekostet hat,
Erwähnung findet, wirkt beinah grotesk. Es scheint als sei nicht der Verlust des Daumens, sondern
vielmehr der Verlust des Geldes das Tragische an dieser Geschichte.
Albert führt seine Erzählung weiter aus und beginnt über die Vorsicht zu sprechen: ,,Lieber Schatz,
was ist Vorsicht? die Gefahr lässt sich nicht auslernen!"
25
. Albert ist sich bewusst, dass zwar immer
Vorsicht geboten ist, er jedoch nicht immer die Möglichkeit haben wird, dieser entgegen zu wirken
und der Gefahr Einhalt zu gebieten. Es wird immer eine Gefahrenquelle geben, die ihn überrascht und
Schaden anrichten kann, egal wie vernünftig der Mensch auch sein mag. Keine Vorsicht kann jegliche
Gefahr verhindern. Albert wirkt weise, vernünftig, bodenständig, bedacht und erkenntnisreich.
Albert kann Werthers Handlung, sich die Pistole an die Schläfe zu halten nichts Positives abgewinnen:
,,Pfuy! Sagte Albert, indem er mir die Pistole herabzog, was soll das?"
26
. Er nimmt eine abwertende
Haltung ein und sein Verhalten zeugt von Empörung, Bestürzung und Unverständnis. Indem er die
Pistole herunterzieht, zeigt er Verantwortungsbewusstsein gegenüber Werther und eine gewisse
Bemühung beschwichtigend einzugreifen. Albert erinnert an einen besorgten Vater, der seinen Sohn
vor einer beispiellosen und unsäglichen Tat bewahren will. Er kann mit der gesamten Aktion nicht das
23
Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Studienausgabe: Reclam 9762. Stuttgart, 2003. S.
93, Z. 9/10. Im Folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe.
24
Goethe: S. 93, Z. 18-24
25
Goethe: S. 93, Z. 26-28
26
Goethe: S. 95, Z. 2/3
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